7/1999 | |
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In eigener Sache |
Kein in der Schweizerischen Kirchenzeitung im letzten Vierteljahrhundert
veröffentlichter Text hat so viele Reaktionen ausgelöst wie die
in der Reihe «Lesejahr A» vorgelegte Interpretation der David-Jonatan-Geschichte
(SKZ 51/1998). Dabei wurde zum einen die Interpretation und zum andern die
Beschränkung der Reihe auf die alttestamentliche Lesung kritisiert.
Was diese Beschränkung betrifft, möchten wir bloss daran erinnern,
dass wir über Jahre in die Evangelien und die neutestamentlichen Lesungen
einführen liessen, so dass es an sich für den Einbezug der ersten
Lesung in die Reihe «Lesejahr» höchste Zeit war.
Begonnen hatten wir die Reihe der wöchentlichen exegetisch-homiletischen
Impulse 1990 nämlich mit den Evangelien: Lesejahr B 1990/91 von Prof.
Walter Kirchschläger, Lesejahr C 1991/92 von Prof. Walter Kirchschläger,
Lesejahr A 1992/93 von Prof. Walter Kirchschläger, Lesejahr B 1993/94
von Dr. Karl Schuler, Lesejahr C 1994/95 von Dr. Karl Schuler, Lesejahr
A 1995/96 von Dr. Karl Schuler. Anschliessend wählten wir die 2. (die
neutestamentliche) Lesung: Lesejahr B 1996/97 von Dr. Karl Schuler; während
dieses Lesejahres verschlimmerte sich der Gesundheitszustand von Karl Schuler
derart, dass er diese Arbeit aufgeben musste. Wir entschlossen uns dann,
die von ihm begonnene Reihe erst später fortzusetzen und die 1. (die
alttestamentliche) Lesung einzufügen, das heisst: Lesejahr C 1997/98
von Dr. Thomas Staubli, Lesejahr A 1998/99 von Dr. Thomas Staubli. Dass
wir für das Erste (Alte) Testament Thomas Staubli gewinnen konnten,
betrachten wir als einen Gewinn, denn er hat sich nicht nur durch zahlreiche
Publikationen dafür wissenschaftlich qualifiziert, sondern bietet mit
seinen ikonographischen Exkursen eine für die meisten Leser und Leserinnen
auch neue Lesehilfe. Die Stetigkeit seiner Mitarbeit verdient unseren Dank,
auch wenn naturgemäss nicht jeder seiner Beiträge gleich ansprechen
kann.
Seine Darstellung des Verhältnisses des Alten Orients und des Alten
Testaments zur Homosexualität hat leider nicht erkennen lassen, dass
sie nicht einen Konsens der Forschung widerspiegelt. Dass von sehr kompetenter
Seite auch andere Interpretationen vertreten werden, zeigt die folgende
Schlussfolgerung einer Studie zum Thema, auf die wir aufmerksam gemacht
wurden und die von einem der besten Kenner des altorientalischen und alttestamentlichen
Rechts und Ethos', Professor Eckard Otto von der Universität München
stammt:<1>
«Der gleichgeschlechtliche Umgang verletzt die von Gott mit der
Schöpfung gesetzte Ordnung, die dem Menschen zum Leben dient. Dem Verfassser
[von Gen 1,27] ist aber bewusst, dass diese Ordnung nur innerhalb der Grenzen
des Gottesvolkes anerkannt wird. Er gibt nicht zu erkennen, dass er auf
eine allgemeine Durchsetzung der Anerkennung abzielt, sondern ist von dem
Bewusstsein beseelt, dass deren Missachtung das Leben scheitern lässt.
Nur darin bringt er die Allgemeingültigkeit des Verbots zum Ausdruck.
Eine heutige Diskussion der biblischen Grundlagen in der ethischen Debatte
um gleichgeschlechtlichen Umgang hat vor allem diesen, von gängiger
Praxis in der Gesellschaft abgrenzenden Bekenntnisaspekt zur Geltung zu
bringen. Man wird aber auch zu der Frage Stellung nehmen müssen, ob
die Implikation, dass Leben ausserhalb dieser Normen scheitern müsse,
unter gesellschaftlich pluralen Bedingungen vertreten werden kann.
Auch für das Alte Testament gilt zeitbezogen, was bereits für
den Alten Orient festzustellen war: Die rechtliche und theologische Bewertung
gleichgeschlechtlicher Beziehungen reduziert sich auf den sexuellen Akt
in Analogie zu dem heterosexueller Paare. So wird auch im Alten Testament
wie im Alten Orient nicht der gleichgeschlechtliche Umgang unter Frauen,
wohl aber die Sodomie von Frauen mit Tieren thematisiert und verboten (Lev
18,23; 20,16). Diese für den gesamten Alten Orient und das Alte Testament
kennzeichnende Engführung schliesst es aus, dass das Motiv der Liebe
Davids zu Jonathan eine Billigung, ja Verherrlichung des gleichgeschlechtlichen
sexuellen Umgangs von Männern eingeschlossen habe und dieses gar die
Alltagspraxis im Gegensatz zu gelehrter Theorie in Lev 28,20 widerspiegeln
soll.<2> Vielmehr wird in 2 Sam 1,26 die
Liebe Davids zu Jonathan gerade unterschieden von der Liebe zu Frauen. Das
Alte Testament verurteilt also keineswegs gleichgeschlechtliche Beziehungen,
warnt aber vor deren sexueller Ausgestaltung, auf denen kein Segen Gottes
liege, sondern die das Leben zerstören. Gerade darin wird die in den
hermeneutischen Vorüberlegungen reflektierte kulturhistorische Eigenwelt
des Alten Testaments besonders deutlich, die eine ungebrochene Applikation
ethischer Normen des Alten Testaments auf moderne ethische Konfliktfelder
ausschliesst.<3>»
Die Kritik an Thomas Staublis Interpretation zielte naturgemäss vor allem auf diese Applikation ab, weshalb der weitere Diskurs darum gehen muss. Wir werden deshalb das Thema umfassender angehen und dabei auch Verbindung mit den Kommissionen der Schweizer Bischofskonferenz halten, die mit dieser Thematik befasst sind. So hoffen wir, in diesen Spalten schon bald einen weiterführenden Beitrag veröffentlichen zu können.
1 Eckart Otto, Homosexualität im Alten Orient und im Alten Testament, in: ders., Kontinuum und Proprium. Studien zur Sozial- und Rechtsgeschichte des Alten Orients und des Alten Testaments, (Orientalia Biblica et Christiana, Band 8), Wiesbaden 1996, 322330, 329f.
2 Gegen E.S. Gerstenberger, Das 3. Buch Mose. Leviticus, (ATD, 6), Göttingen 1993, 271.
3 J. Milgrom (Does the Bible Prohibit Homosexuality?, in: BRev 9/6, 1993, 11; ders., How not to Read the Bible, in: BRev 10/2, 1994, 48) schränkt die hermeneutische Applikation von Lev 18,22 mit dem Argument ein, dieser Rechtssatz sei nur für Juden der damaligen Zeit im Kulturland und Nichtjuden, die dort wohnten, verbindlich gewesen.