15/1999

INHALT

Die Glosse

Heilsame Orte ­ Im esoterischen Spannungsfeld

Wie seltsam: Da laufen den etablierten Kirchen die Mitglieder davon, da wird geklagt, sie sprächen die Menschen in einer fremden und unverständlichen Weise an. Zugleich aber boomen alle möglichen Heilslehren und Gurus, auch wenn sie häufig die noch fremdere und absurdere Sprache als die der Seelsorger/-innen sprechen. Welches tiefmenschliche und von der Seelsorge ernst zu nehmende Bedürfnis ist hier vorhanden, und wo liegen die Defizite unserer Arbeit?
Zu diesem Thema gibt es gelehrte Bücher und Tagungen und doch wenig gute Antworten. Vielleicht täte es den Seelsorgern/Seelsorgerinnen einmal gut, sich selber in die Vielfalt der esoterischen Angebote hinein zu stürzen, einmal bewusst zu machen und so zu spüren, worum es wirklich geht. Ganz zufällig wurde mir diese Chance zuteil: Aufgrund eines seriösen Artikels vor Jahren in der «Weltwoche» stiess ich auf das «Sass da Grüm» oberhalb Vairano-S. Nazzaro im Gambarogno. Es «verkauft» sich und seine Angebote als «Ort der Kraft». Eine regelmässige geführte Mittagsmeditation von einer guten Stunde, keine Autozugänglichkeit (es muss eine halbe Stunde gewandert werden!), ökologische Sorgfalt und eine tolle vegetarische Küche gehören zum vom Sankt Galler Padrone sehr bewusst gepflegten Ambiente.
Und wem begegnete ich in meinen bis heute schon 6 Wochen Aufenthalt am «Ort der Kraft»? Aus der Kirche Ausgetretenen, Menschen in Erholung nach grossen physischen oder psychischen Problemen, Gestressten, Einsamen, aber auch Vielen, die wieder einmal auftanken wollten. Das Suchen nach Hilfe, vor allem nach einfachen Methoden, zu sich selber zu finden, ist gross. Nicht gefragt scheinen mir grosse (und vor allem lange) Reden und Alleinigkeitsansprüche. Sehr wohl gefragt aber sind fixe Rituale, spirituelle Impulse und Stil und Niveau beim Inhalt wie bei der Form der Angebote. Sogar als Pfarrer und Theologe fühlte ich mich oft wohler als in der Weiterbildung und den Exerzitien...
Vielleicht wäre weniger wirklich mehr, vielleicht wäre es einfach gar nicht kompliziert?

Heinz Angehrn


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999