13-14/1999 | |
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«Abba, Vater!»
Liebe Brüder im Priesteramt, meine Begegnung mit euch am Gründonnerstag
in diesem dem Grossen Jubiläumsjahr 2000 unmittelbar vorausgehenden
Jahr steht unter dem Zeichen dieser Anrufung, in der nach Meinung der Exegeten
die ipsissima vox Iesu, die ureigene Stimme Jesu, durchklingt. Diese Anrede
birgt das unergründliche Geheimnis des Mensch gewordenen Wortes, das
vom Vater in die Welt gesandt wurde zum Heil der Menschheit.
Die Sendung des Sohnes Gottes gelangte zur Vollendung, als er durch seine
Selbsthingabe unsere Annahme an Kindes statt verwirklichte und durch das
Geschenk des Heiligen Geistes jedem Menschen die Möglichkeit eröffnete,
an der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott teilzuhaben. Im Ostergeheimnis
hat sich Gott der Vater durch den Sohn im Heiligen Geist der Armseligkeit
jedes einzelnen Menschen angenommen, indem er ihm die Erlösung von
der Sünde und die Befreiung vom Tod ermöglicht hat.
1. Bei der Feier der Eucharistie beenden wir das Tagesgebet mit
den Worten: «Durch Jesus Christus, deinen Sohn, unseren Herrn und
Gott, der in der Einheit des Heiligen Geistes mit dir lebt und herrscht
in alle Ewigkeit». Jesus Christus lebt und herrscht mit dir, Vater!
Diese Schlussformel führt sozusagen von unten nach oben: durch Christus
im Heiligen Geist zum Vater. Das ist auch die theologische Vorlage, die
dem Programm für das Triennium 19971999 zugrunde liegt: zuerst
das Jahr des Sohnes, dann das Jahr des Heiligen Geistes und jetzt das Jahr
des Vaters.
Diese aufsteigende Bewegung geht sozusagen von der absteigenden aus, die
vom Apostel Paulus im Brief an die Galater beschrieben ist, einem Abschnitt,
über den wir in der Liturgie von Weihnachten besonders intensiv nachgedacht
haben: «Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn,
geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe,
die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen»
(Gal 4,45).
Hier finden wir die Bewegung nach unten ausgedrückt: Gott der Vater
sandte seinen Sohn, um uns in ihm an Kindes statt anzunehmen. Im Paschamysterium
erfüllte Jesus den Plan des Vaters, indem er sein Leben für uns
hingab. Der Vater sandte dann den Geist des Sohnes, um uns über dieses
ausserordentliche Privileg aufzuklären: «Weil ihr aber Söhne
seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der
ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du
aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott» (Gal 4,67).
Ist das, was der Apostel schreibt, nicht einzigartig? Er bekräftigt,
dass es der Geist ist, der ruft: Abba, Vater! Derjenige, der in der Geschichte
von der Vaterschaft Gottes Zeugnis ablegte, war in Wirklichkeit der Sohn
Gottes im Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung. Er hat uns
gelehrt, Gott in unserem Gebet als «Vater» anzurufen. Er selbst
rief zu ihm: «Mein Vater», und lehrte uns die liebevolle Bitte:
«Vater unser». Der Apostel Paulus sagt uns aber, dass das, was
der Sohn gelehrt hat, gewissermassen im Herzen dessen, der ihn durch die
innere Unterweisung des Heiligen Geistes hört, konkrete Gestalt annehmen
soll. Denn nur durch sein Wirken werden wir fähig, Gott in Wahrheit
anzubeten und ihn «Abba, Vater» zu nennen.
2. Liebe Brüder im Priesteramt, ich schreibe euch diese Zeilen
im Hinblick auf den Gründonnerstag, an dem ich euch bei der Chrisammesse
um eure Bischöfe versammelt sehe. Ich wünsche mir von Herzen,
dass ihr euch gemeinsam mir euren Mitbrüdern des Presbyteriums in Einheit
mit der ganzen Kirche fühlt, die das Jahr Gottes des Vaters begeht,
ein Jahr, das das Ende des 20. Jahrhunderts und des 2. christlichen Jahrtausends
ankündigt.
Müssen wir Gott nicht danken, wenn wir Rückschau halten und dabei
an die Scharen der Priester denken, die in dieser langen Zeitspanne ihr
Dasein dem Dienst am Evangelium gewidmet haben und dabei mitunter bis zur
Hingabe ihres Lebens gegangen sind? Während wir im Geiste des kommenden
Jubiläums die Grenzen und Unterlassungen der vergangenen christlichen
Generationen und ihrer Priester bekennen, anerkennen wir mit Freude, dass
ein beträchtlicher Teil des unschätzbaren Dienstes, den die Kirche
als Wegbegleiterin der Menschheit leistet, dem demütigen und treuen
Wirken so vieler Diener Jesu Christi zu verdanken ist. Diese haben sich
im Lauf des letzten Jahrtausends mit Hochherzigkeit als Baumeister einer
Zivilisation der Liebe eingesetzt.
Was sind das für Zeiträume! Wenn man es recht bedenkt, dann kehrt
die Zeit, obwohl sie sich vom Anfang immer weiter entfernt, zugleich immer
wieder zum Anfang zurück. Darin liegt das Wesentliche: Denn würde
die Zeit sich immer nur weiter vom Anfang entfernen, ohne eine klare Zielsetzung
zu haben, das heisst gerade die Wiedererlangung des Anfangs, dann wäre
unser ganzes Dasein in der Zeit ohne endgültige Ausrichtung. Es wäre
sinnlos.
Christus, «das Alpha und das Omega ... der ist und der war und der
kommt» (Offb 1,8), hat dem Gang des Menschen durch die Zeit Ausrichtung
und Sinn verliehen. Er hat von sich selbst gesagt: «Vom Vater bin
ich ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und
gehe zum Vater» (Joh 16,28). Und so ist unser «Durchgang»
vom Christusereignis durchwoben. Unser Weg ist ein «Durchgang»
mit Ihm; dabei gehen wir in dieselbe Richtung, die Er gegangen ist: zum
Vater.
Das wird während des Heiligen Triduums noch deutlicher, in den heiligen
Tagen, in denen wir durch das Geheimnis seines Leidens, Sterbens und seiner
Auferstehung an der Rückkehr Christi zum Vater teilhaben. Denn der
Glaube versichert uns, dass dieser Durchgang Christi zum Vater hin, das
heisst sein Ostern, kein Ereignis ist, das nur Ihn betrifft. Auch wir sind
gerufen, daran teilzuhaben. Sein Ostern ist unser Ostern.
So gehen wir mit Christus zum Vater. Wir tun es durch das Paschamysterium,
wenn wir die Stunde seines Leidens neu erleben, in der er am Kreuz sterbend
ausrief: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
(Mk 15,34), und dann fügte er hinzu: «Es ist vollbracht!»
(Joh 19,30), «Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist»
(Lk 23,46). Diese Worte aus dem Evangelium sind jedem Christen und besonders
jedem Priester vertraut. Sie geben Zeugnis von unserem Leben und unserem
Sterben. Am Ende eines jeden Tages wiederholen wir im Stundengebet: «In
manus tuas, Domine, commendo spiritum meum». Damit wollen wir uns
auf das grosse Geheimnis des Durchgangs vorbereiten: das existentielle Ostern,
wenn Christus durch seinen Tod und seine Auferstehung uns empfangen wird,
um uns dem himmlischen Vater zu übergeben.
3. «Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde,
weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber
offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. Mir ist von meinem Vater
alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und
niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren
will» (Mt 11,2527). Ja, nur der Sohn kennt den Vater. Er, der
«am Herzen des Vaters ruht», schreibt Johannes in seinem Evangelium
(1,18), er hat uns Kunde von ihm gebracht, sein Antlitz gezeigt und sein
Herz enthüllt. Auf die Bitte des Apostels Philippus beim letzten Abendmahl:
«Zeig uns den Vater» (Joh 14,8), antwortete Christus: Schon
so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt, Philippus?...
Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?»
(Joh 14,910). Mit diesen Worten bezeugte Jesus das dreifaltige Geheimnis
seines ewigen Gezeugtseins als Sohn vom Vater, das Geheimnis, das den tiefsten
Wesenskern seiner göttlichen Person bildet.
Das Evangelium ist eine fortschreitende Offenbarung des Vaters. Als Josef
und Maria den zwölfjährigen Jesus im Tempel mitten unter den Lehrern
finden und die Mutter sagt: «Kind, wie konntest du uns das antun?»
(Lk 2,48), antwortet er unter Hinweis auf den Vater: «Wusstet ihr
nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?» (Lk
2,49). Kaum zwölf Jahre alt, hat er schon die Bedeutung des eigenen
Lebens, den Sinn seiner Sendung erkannt, die von der ersten bis zur letzten
Stunde «dem, was dem Vater gehört», gelten muss. Sie erreicht
ihren Höhepunkt auf Golgota durch den Opfertod am Kreuz, den Christus
im Geist des Gehorsams und kindlicher Hingabe annimmt: «Mein Vater,
wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht
wie ich will, sondern wie du willst ... (es) geschehe dein Wille»
(Mt 26,39.42). Der Vater nimmt das Opfer des Sohnes an, denn er hat die
Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder,
der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat (vgl.
Joh 3,16). Ja, nur der Sohn kennt den Vater, und deshalb kann nur Er ihn
offenbaren.
4. «Per ipsum, et cum ipso, et in ipso...». «Durch
ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott, allmächtiger Vater, in der
Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre jetzt und in Ewigkeit».
An diesem besonderen Tag geistig vereint und sichtbar in den Bischofskirchen
versammelt, danken wir Gott für das Geschenk des Priestertums. Wir
danken für das Geschenk der Eucharistie, die wir als Priester feiern.
Der Lobpreis zum Abschluss des Kanons ist für jede Eucharistiefeier
von grundlegender Bedeutung. Sie verdeutlicht in gewissem Sinn die Krönung
des Mysterium fidei, den Höhepunkt des eucharistischen Opfers, das
heisst den Augenblick, in dem wir durch die Kraft des Heiligen Geistes die
Wandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi vornehmen, wie
Er selbst es zum ersten Mal im Abendmahlssaal getan hat. Gerade in dem Augenblick,
in dem das Eucharistische Hochgebet den Höhepunkt erreicht, richtet
die Kirche in der Person des geweihten Amtsträgers an den Vater die
folgenden Worte: «Durch ihn und mit ihm und in ihm ist dir, Gott,
allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit
und Ehre jetzt und in Ewigkeit». Sacrificium laudis!
5. Nachdem die Versammlung feierlich mit «Amen» geantwortet
hat, stimmt der Zelebrant das Gebet des Herrn, das «Vaterunser»,
an. Die Abfolge dieser Elemente ist sehr wichtig. Das Evangelium berichtet
von den Aposteln, die über das andächtige Zwiegespräch mit
dem Vater so erstaunt waren, dass sie ihn baten: «Herr, lehre uns
beten» (Lk 11,1). Daraufhin sprach er zum ersten Mal die Worte, die
später das wichtigste und häufigste Gebet der Kirche und aller
Christen werden sollten: das «Vaterunser». Wenn wir im Verlauf
der Eucharistiefeier als liturgische Versammlung die gleichen Worte sprechen,
erhalten sie eine ganz besondere Ausdruckskraft. Es ist so, als würden
wir in diesem Moment bekennen, dass Christus uns sein an den Vater gerichtetes
Gebet endgültig und in seiner ganzen Fülle gelehrt hat, als er
es durch sein Kreuzesopfer einlöste.
Im Eucharistischen Hochgebet kommt der volle Gehalt des von der Kirche gesprochenen
«Vaterunser» zum Ausdruck. Jede der darin enthaltenen Bitten
erhält einen besonderen Glanz der Wahrheit. Am Kreuz wird der Name
des Vaters in höchstem Mass geheiligt, und das Kommen seines Reiches
ist unwiderruflich; im «consummatum est» geschieht sein Wille
endgültig. Und findet die Bitte «Vergib uns unsere Schuld, wie
auch wir sie vergeben...» nicht ihre volle Bestätigung in den
Worten des Gekreuzigten: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht,
was sie tun» (Lk 23,34)? Die Bitte um das tägliche Brot erhält
bei der eucharistischen Kommunion ihre besondere Eindringlichkeit, wenn
wir unter den Gestalten des «gebrochenen Brotes» den Leib Christi
empfangen. Und erreicht die Bitte «Führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen» nicht ihre höchste
Wirksamkeit in dem Augenblick, wenn die Kirche dem Vater den höchsten
Preis der Erlösung und Befreiung vom Bösen darbringt?
6. In der Eucharistie verbindet sich der Priester persönlich
mit dem unerschöpflichen Geheimnis Christi und seiner Bitte an den
Vater. Er darf täglich in dieses Geheimnis der Erlösung und Gnade
eintauchen, wenn er die heilige Messe feiert, die auch ihren Sinn und Wert
behält, wenn sie aus guten Gründen ohne die Teilnahme des Volkes,
aber immer für das Volk und für die ganze Welt dargebracht wird.
Gerade wegen seiner unlöslichen Bindung an das Priestertum Christi
ist der Priester Lehrer des Gebetes, und die Gläubigen können
zu Recht an ihn dieselbe Bitte richten, mit der sich die Jünger einmal
an Jesus gewandt hatten: «Lehre uns beten».
Die Eucharistiefeier ist für die Gemeinde die Schule des christlichen
Gebets schlechthin. Von der Messe leiten sich vielfältige Wege einer
gesunden geistlichen Pädagogik ab. Dazu gehört die Anbetung des
allerheiligsten Sakramentes, die eine natürliche Verlängerung
der Feier ist. Durch sie können die Gläubigen eine besondere Erfahrung
des «Bleibens» in der Liebe Christi (vgl. Joh 15,9) machen und
so immer tiefer in seine Beziehung als Sohn zum Vater eindringen.
Gerade in dieser Hinsicht ermutige ich jeden Priester, seine Aufgabe voll
Vertrauen und Zuversicht zu erfüllen und die Gemeinde zum wahrhaft
christlichen Gebet anzuleiten. Dieser Aufgabe darf er sich nicht entziehen,
auch wenn die aus der säkularisierten Mentalität erwachsenen Schwierigkeiten
sie ihm manchmal sehr erschweren mögen.
Der starke missionarische Auftrieb, den die göttliche Vorsehung der
Kirche unserer Zeit vor allem durch das II. Vatikanische Konzil gegeben
hat, ruft ganz besonders die geweihten Amtsträger auf den Plan und
fordert sie vor allem zur Umkehr auf: sich bekehren, um andere zur Umkehr
zu bewegen oder, anders gesagt, die Gotteskindschaft deutlich machen, damit
jeder Getaufte die Würde und Freude neu entdeckt, dem himmlischen Vater
anzugehören.
7. Am Gründonnerstag erneuern wir, liebe Brüder, das priesterliche Treueversprechen. Damit wollen wir sagen, dass Christus uns wieder durch sein heiliges Priestertum, sein Selbsthingabe und seine Todesangst in Getsemani, durch seinen Opfertod auf Golgota und seine glorreiche Auferstehung umfangen möge. Indem wir in allen diesen Heilsereignissen gleichsam in Christi Fussstapfen treten, entdecken wir seine tiefste Hinwendung zum Vater. Und deshalb findet in jeder Eucharistiefeier die Bitte des Apostels Philippus im Abendmahlssaal sozusagen ihren Widerhall: «Herr, zeige uns den Vater». Und jedesmal scheint Christus im Mysterium fidei zu antworten: «Schon so lange bin ich bei euch, und du hast mich nicht erkannt? ... Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?» (Joh 14,910).
An diesem Gründonnerstag, liebe Priester in aller Welt, werden wir uns an die am Weihetag empfangene Salbung mit Chrisam erinnern und voll Dankbarkeit einmütig bekennen:
Per ipsum, et cum ipso, et in ipso
est tibi Deo Patri omnipotenti,
in unitate Spiritus Sancti,
omnis honor et gloria
per omnia saecula saeculorum. Amen.