42/1999 | |
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In der Fundamentalismusdebatte wird häufig darauf hingewiesen, dass
der christliche Fundamentalismus ursprünglich ein amerikanisches protestantisches
Phänomen ist und erst noch ein religiöses Phänomen mit politischen
Implikationen. Diesem komplexen hybriden Phänomen wäre
demnach nur interdisziplinär beizukommen. Dass ein solcher Zugang tatsächlich
erhellend ist, zeigt die theologisch und politikwissenschaftlich angelegte
Studie von Eleonore Pieh über den protestantischen Fundamentalismus
in den Vereinigten Staaten von Amerika, in der eine Fülle von formalen
wie inhaltlichen Momenten des fundamentalistischen Denkens erhoben wird.<1> Weil es sich um eine aussergewöhnliche
Heidelberger Dissertation handelt, ist ihrer Veröffentlichung ein Geleitwort
von Klaus von Beyme vorangestellt.
Nach einer geschichtlichen Einführung, in der auch die einschlägigen
Begriffe geklärt werden, wird die Ideologie des Fundamentalismus anhand
von drei zentralen Feldern untersucht: die Haltung des Fundamentalismus
zum Staat Israel und zum Judentum vor dem Hintergrund seiner prämillenaristischen
Überzeugungen, sein Verhältnis zur Trennung von Kirche und Staat
und zum Nationalstaat an sich und schliesslich seine Selbstdarstellung im
«Televangelism», in den über das Fernsehen ausgestrahlten
religiösen (missionierenden) Sendungen. Dieser Untersuchung vorangestellt
ist eine Verhältnisbestimmung von Fundamentalismus und Moderne bzw.
Postmoderne. Der Untersuchung der drei konkreten Felder nachgestellt ist
die Erörterung der Frage, ob der Fundamentalismus zu Recht als konservative
Bewegung bezeichnet werden kann; hier erscheint der Fundamentalismus nicht
als konservativ im üblichen Sinn, weil in ihm progressive und konservative
Züge verbunden sind. Zum Schluss werden die erhobenen ideologischen
und organisatorischen Charakteristika des Fundamentalismus kritisch zusammengefasst.
Kritisch geht die Verfasserin aber auch mit dem Gegensatz des Fundamentalismus
bzw. der New Christian Right, den liberalen Christen, um. Denn sie hält
dafür, dass jede Vereinfachung des Phänomens Fundamentalismus
dessen Ausbreitung fördert, weil eine vereinfachte Antwort auf den
Fundamentalismus die von ihm gestellten Fragen nicht hört.
1 Eleonore Pieh, «Fight like David Run like Lincoln». Die politischen Einwirkungen des protestantischen Fundamentalismus in den USA, Studien zur systematischen Theologie und Ethik, Band 18, Lit Verlag, Münster 1998, 241 Seiten.
Paul Wess, Einmütig. Gemeinsam entscheiden in Gemeinde und Kirche, Druck- und Verlagshaus Thaur 1998, 549 Seiten.
Paul Wess, bis 1996 in der berühmten, basiskirchlich orientierten Pfarrei an der Wiener Machstrasse tätig, befasst sich in seinem gewichtigen Werk nicht nur mit der Entscheidungsfindung in der Kirche. Er greift ebenso grundlegende Fragen auf wie evangeliumsgemässe kirchliche Strukturen. Sein besonderes Interesse gilt dem Zusammenhang von allgemeinem und amtlichen Priestertum. Wess stützt sich auf fast alle Disziplinen der Theologie und bezieht auch andere Wissenschaften mit ihren neuesten Erkenntnissen ein. Darum gelingt es ihm, in häufig diskutierten Streitpunkten Antworten zu geben, die fundiert und fern von oberflächlicher Polemik sind. Statt Kompromisse zu suchen, die für ihn in Glaubensfragen nicht angehen, bemüht er sich um den «Versuch einer Synthese der gegensätzlichen Positionen in der Kirche auf einer höheren Ebene». Seine Überlegungen sind für den ökumenischen Dialog sehr hilfreich. Wem das Buch zu umfangreich ist, ist dankbar für die informativen Zusammenfassungen, die am Ende der Kapitel stehen.
Johannes Bauer (Hrsg.), Die heissen Eisen in der Kirche, Styria Verlag, Graz 1997, 310 Seiten.
Johannes B. Bauer ist durch sein «Bibeltheologisches Wörterbuch» bekannt und geschätzt. Der heute emeritierte Professor für ökume-nische Theologie hat hier mit einer Gruppe anerkannter Mitarbeiter ein sehr aktuelles pastorelles Informationswerk über strittige Positionen und kirchliche Probleme von heute zusammengestellt. Unter diesen «heissen Eisen» sind Titel wie: Frauen in der Kirche, Bewertung der Sexualität, Esoterik und Astrologie, Organspende und Sterbehilfe usw. Die Darstellung ist umfassend und ausgewogen, ohne jeglichen Drang zur Apologetik. Anhand der Bibliographie ist auch der Weg zur Vertiefung des Problems gewiesen. Das Buch bietet dem Seelsorger, aber auch dem problembewussten Laien wertvolle Orientierungsgrundlagen.
Andreas Uwe Müller, Maria Amata Neyer: Edith Stein. Das Leben einer ungewöhnlichen Frau. Biographie, Benziger Verlag, Zürich und Düsseldorf 1998, 279 Seiten.
Die zur Heiligsprechung von Edith Stein erschienene Biographie erfüllt alle Ansprüche an eine umfassende und kritische Lebensbeschreibung. Sie stellt die Schicksale und Tätigkeiten dieser ungewöhnlichen Frau in die zeitgenössische, spirituelle und kulturelle Umwelt hinein. Edith Stein wird nicht als eine aussergewöhnliche Frau isoliert, sondern in die akademische und religiöse engagierte Elite der Zwischenkriegsjahre integriert. Die beiden Autoren sind von je anderen Gesichtspunkten aus mit der Philosophin Edith Stein und der Karmelitin Benedicta a Sancta Cruce bestens vertraut. Andreas Uwe Müller ist promovierter Philosoph und Theologe. Er ist spezialisiert auf die religionsphilosophischen Arbeiten der Edith Stein. Schwester Maria Amata Neyer ist Priorin im Karmel von Köln und leitet das Edith-Stein-Archiv des Klosters. Mit der Vertrautheit von Eingweihten deuten die beiden die Eigenart phänomenologischer Philosophie und die Kreuzesmystik des Karmel. Beide Autoren bleiben in ihren Ausführungen nüchtern und sachlich ohne jede panegyrische Aufdringlichkeit die Versuchung von Heiligsprechungsliteratur!
Claude B. Levenson, Ein Dalai Lama wird geboren. Wiedergeburt und Berufung des 14. Dalai Lama. Aus dem Französischen von Stefanie Windfelder. Herder/Spektrum 4710, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 1999, 190 Seiten.
Die Autorin Claude B. Levenson ist eine anerkannte Tibetkennerin. Sie stellt die faszinierende Berufungs- und Jugendgeschichte des 14. Dalai Lama glaubwürdig in die kargen Hochebenen von Tibet. Vor dieser Kulisse beginnt der schwere Lebensweg des Bauernjungen mit der geheimnisvollen Bestimmung als Reinkarnation des 13. Dalai Lama, dem es beschieden war, vor der chinesischen Invasion zu fliehen, und der im Exil zum Führer eines Volkes von Emigranten wird. Der politisch-religiöse Führer des tibetischen Volkes stellt aufgrund seiner charismatischen Ausstrahlung eine ethische Kraft der Gegenwart dar, die durch die Verleihung des Friedensnobelpreises weltweite Anerkennung fand.
Johann Adam Möhler (17961838), Kirchenvater der Moderne. Im Auftrag des Johann-Adam-Möhler-Instituts herausgegeben von Harald Wagner, (Konfessionskundliche Schriften des Johann-Adam-Möhler-Instituts, Nr. 20), Bonifatius Verlag, Paderborn 1996, 208 Seiten.
Johann Adam Möhler zählt zu den bedeutendsten Theologen der Neuzeit. Er ist ein wichtiger Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils. Anlässlich seines 200. Geburtstags (*6. Mai 1796) haben zwei wissenschaftliche Symposien (Paderborn und Stuttgart) sich mit dem grossen Tübinger Professor auseinandergesetzt. Die vorliegende Publikation enthält die Beiträge dieser Symposien. Der emeritierte Tübinger Kirchenhistoriker Rudolf Reinhard setzt sich mit der theologischen Bedeutung des Begründers der Tübinger Schule auseinander. Victor Conzemius berichtet über die Beziehungen Möhlers zu Döllinger. Günter Biemer vergleicht Möhlers Ekklesiologie mit der von John Henry Newman. Weitere Beiträge stammen von den Dogmatikern Harald Wagner, Gerhard Ludwig Müller, Bischof Paul-Werner Scheele, Aloys Klein und Bischof Walter Kasper.
Leo Maria Giani, Die Welt des Heiligen. Die Wurzeln unserer Kultur, Kösel Verlag, München 1997, 247 Seiten.
Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit den Bausteinen, die jeder Kultur und Religion der Welt innewohnen, ja ihre Grundlage bilden. Die hier behandelten Phänomene stellen sowohl die Grundelemente der Religion dar als auch ganz allgemein der Kultur überhaupt. Über alle Jahrtausende hindurch deutet der Mensch seine Welt, die Grundkonflikte und Zielvorstellungen des Lebens. Das Buch befasst sich mit der Welt des Heiligen, mit Sprache und Bildern und Riten. Es bietet einen Überblick über die wesentlichen Elemente und Erscheinungsformen des Religiösen. Mythen und Riten, Bräuche und Verhaltensformen werden da gedeutet. Es ist ein faszinierendes Buch, das vielen Phänomenen, Begriffen und Redewendungen, die wir im Alltag verwenden, auf den Grund geht.