41/1999

INHALT

Neue Bücher

Erbsünde

Bernd Ruhe, Dialektik der Erbsünde. Das Problem von Freiheit und Natur in der neueren Diskussion um die katholische Erbsündenlehre, Universitätsverlag, Freiburg/Schweiz 1997, 294 Seiten.

«Die traditionelle katholische Erbsünde wird auch von den Gläubigen unserer Zeit nur noch mühsam geglaubt», hatte 1970 Karl-Heinz Weger geschrieben (Theologie der Erbsünde, S. 9). Dass dieses Thema dennoch in den letzten 25 Jahren in der theologischen Forschung diskutiert wurde, zeigt die Dissertation von Bernd Ruhe an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg/Schweiz.
Dem Verfasser geht es darum, «die Berechtigung der Rede von der Erbsünde auf der Basis der Dialektik von Individual- und Gattungsgeschichte der Menschheit nachzuweisen» (S. 14). Zunächst zeigt er dies an den Arbeiten von Piet Schoonenberg und Urs Baumann auf, zwei «Klassikern der neueren Erbsündentheologie» (S. 19). Für Ruhe stellt sich die Frage, ob Schoonenberg «die Synthese von Person und Natur vollständig durchreflektiert und in der gegenseitigen Informiertheit beide Aspekte vollständig rekonstruiert hat» (S. 46). Baumann hat nach Ruhe unter anderem den Nachweis nicht erbracht, «ob das Anliegen der traditionellen Erbsündenlehre, ihre ursprüngliche Funktion, die Universalität der Sünde zu begründen, auch innerhalb eines existentialistischen Ansatzes zu leisten ist» (S. 64). Eugen Drewermanns Ansatz besteht darin, «die jahwistische Urgeschichte tiefenpsychologisch und existentialphilosophisch zu interpretieren», wofür Bernd Ruhe persönlich «keinen begründeten Anhaltspunkt» sieht (S. 93­96). «Vom Standpunkt eines transzendentalen Freiheitsbegriffs» (S. 100) gehen Peter Hünermann und Helmut Hoping aus. Ihnen gegenüber wendet Ruhe ein, dass sie «das dem erbsündlichen Menschheitszusammenhang zugrundeliegende Freiheitsgeschehen anhand eines Freiheitsbegriffs bestimmen, der einseitig am Dasein des Einzelnen orientiert und entwickelt ist» (S. 126).
Ausgiebig setzt sich Bernd Ruhe mit der Erbsündenlehre von Karl Rahner auseinander (S. 127­160): «Bei der Bestimmung von Freiheit, Sünde und Erbsünde greift Rahner darum nicht auf eine letzte voraussetzungslose Ursprünglichkeit menschlicher Freiheit zurück, sondern diese wird ebenso wie menschliche Schuld als eine immer schon geschichtlich und materiell vermittelte begriffen» (S. 160). Von diesem Ansatz Karl Rahners her sucht Ruhe «zumindest auf der Ebene des geschichtlich-gesellschaftlichen Phänomens, Erbsünde in ihrer Dialektik von konkret vermittelter Freiheit und Naturnotwendigkeit materialistisch zu rekonstruieren» (S. 160). Zu diesem Zweck setzt er sich mit den Schriften von Karl Marx und dessen Interpreten, etwa Louis Althusser, auseinander. Er kommt zu dem Ergebnis, dass «Produktionsweise und Produktionsverhältnisse bei Marx» jenen Rahmen bilden, in welchem «sich der Mensch als empirisches, geschichtliches Wesen immer schon vorfindet». In diesem Rahmen würde dann «der Mensch seine Umwelt als seinen universellen Leib stofflich sich aneignen». Zugleich stelle dieser Rahmen «die notwendige materiell vorgegebene Vermittlung und Konkretisierung menschlicher Freiheit in Raum und Zeit dar» (S. 262). Freilich sind «das materialistische Verständnis der Geschichte und eines aus diesem gewonnenen Subjektbegriffs nicht aus sich heraus in der Lage, die Bestimmung der Geschichte als eines radikalen Schuldzusammenhangs zu begründen» (S. 277).
Bernd Ruhe hat damit die bisherige Diskussion über «Erbsünde» mit Bezug auf den philosophischen Materialismus erweitert. Dabei stellt der philosophische Sprachduktus hohe Anforderungen. Einen Bezug seines Themas auf die Gegenwart sieht Ruhe in den «unverminderten Gewaltpotentialen und der Bereitschaft, diese einzusetzen» (S. 14).
Ruhes Arbeit widerspiegelt den heutigen Stand der Erbsündendiskussion. Das Thema an sich ist zu allen Zeiten diskutiert worden. Nicht immer wurde etwa zwischen «Erbsünde» und «Ursünde» unterschieden. Oft genug wurde auf Nebenplätzen gekämpft, angefangen von einem «paläontologischen Monogenismus» (so Otto Hermann Pesch, Frei sein aus Gnade, S. 132f.) bis zur Thematik von Eva bzw. der Frau. Diese sollte sich nach Tertullian in «Busskleidungen jeder Art» hüllen, damit «umso vollständiger gesühnt werde, was Eva verschuldet hat, ich meine den schmählichen Sündenfall und den trostlosen Untergang der Menschen» (BKV, Tertullian I, München 1912, S. 176f.). Nichts von all dem bei Bernd Ruhe. Seine Arbeit schliesst mit einer zusammenfassenden Begriffsbestimmung (als Beiblatt ins Buch eingelegt): «Dass aber Schuld und Verantwortung nicht nur vom isolierten Individuum her zu verstehen sind, sondern jeder Mensch mit seiner Schuld und der seiner Mitmenschen immer schon in einem gesamtmenschheitlichen Zusammenhang steht, welcher selbst wiederum die konkrete Freiheit grundlegend prägt, scheint mir der weiterhin gültige Beitrag der traditionellen Erbsündenlehre zu sein.»

Beat Bühler


Beten

Eleonore Beck (Hrsg.), Gebete meines Lebens, Schwabenverlag, Ostfildern 1999, 192 Seiten.

Die «Gebete meines Lebens» hat die bekannte Autorin von 34 engagierten Frauen und Männern erbeten. So entstand diese Sammlung mit Texten, die bezeugen, wie Menschen von heute, zweitausend Jahre nach Christi Geburt beten; wie sie in Situationen der Krise, jenseits aller Kompromisse und Ausflüchte, den Alltag des Lebens und den Ernstfall des Glaubens in eins bringen. Das Bändchen will mehr sein als eine Dokumentation modern empfundener Andacht. Es gibt auch Anregungen zum eigenen, zeitgemässen und ehrlichen Sprechen mit Gott.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999