36/1999

INHALT

Neue Bücher

Es wird erzählt...

Nico ter Linden, Es wird erzählt..., Bd. 1: Von der Schöpfung bis zum Gelobten Land, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998, 320 S. Vgl. ders., Es wird erzählt..., Bd. 2: Matthäus und Markus sehen die Geschichte Jesu, ebd. 1999, 319 S.

Jeder Prediger und jede Predigerin kennt das: Eine Geschichte prägt sich unvergleichlich besser ein als eine allgemeine oder gar abstrakte Aussage. Allerdings wer-den in Predigten Erzählungen oft als «Einstieg» oder «Aufhänger» benützt mit dem Erfolg, dass die Zuhörenden sich zwar noch an die Geschichte erinnern, nicht aber an das, was die Predigt sagen wollte. In der Bibel sind jedoch die meisten Geschichten selbst Botschaft; die Bibel will durch das, was sie erzählt, im Denken, in der seelischen Verfassung oder gar im Handeln der Zuhörenden etwas verändern.
Genau das sucht der niederländische Pfarrer und Schriftsteller Nico ter Linden in seinem Buch «Es wird erzählt..., Band 1: Von der Schöpfung bis zum Gelobten Land». Er erzählt die Geschichten als das, was sie sind, als Erzählungen aus dem alten Schatz des Volkes Israel. Er erzählt sie so, dass der Leser, die Leserin ­ oft überrascht ­ feststellt: In diesen Geschichten der Vorzeit geht es auch um mich, um mein Leben, um Fragen und Geschehnisse unserer Zeit. Die knappen Hinweise aus Exegese und Bibelwissenschaft unterbrechen den Erzählfluss kaum; sie helfen, das Erzählte in seiner Zeit zu situieren und gerade so für unsere Zeit aktuell erscheinen zu lassen.
Auch wer sich schon viel mit biblischen Texten befasst hat, wird dieses Buch, das in Holland zum Bestseller wurde, mit persönlichem Gewinn lesen. Seelsorgerinnen und Seelsorger werden darin Anregung finden, die zeitbedingten und zugleich zeitlosen Glaubenserfahrungen und Lebensweisheiten der biblischen Geschichten weiterzugeben in Bibelkreisen, in Katechese und Predigt. Zugleich ist das Buch eine Anleitung, wie Geschichten so erzählt werden können, dass sie das bewirken, was sie mitteilen.

Rudolf Albisser


Kirchliche Archive

Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche. Die pastorale Funktion der kirchlichen Archive. Schreiben vom 2. Februar 1997. Anhang: Dokumente zum kirchlichen Archivwesen für die Hand eines Praktikers. 31. Juli 1998. Arbeitshilfen 142. Hsrg. vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Kaiserstr. 163, D-53113 Bonn), 105 Seiten.

Die vorliegende Arbeitshilfe will, wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, im Vorwort darlegt, «eine praktische Handreichung» sein. Im Zentrum steht das Schreiben vom 2. Februar 1997 des Erzbischofs Francesco Marchisano, des Vorsitzenden der päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche. Darin wird die Rolle kirchlicher Archive in der pastoralen Funktion gesehen. Behandelt werden die kirchliche Bedeutung der Weitergabe des Urkundenerbes, die Grundzüge einer organischen Planung, die Aufbewahrung der Schriftstücke der Erinnerung und die Erschliessung des Urkundenerbes für die Geschichtskultur und für die Sendung der Kirche. Diese vier Bereiche werden auf Basis päpstlicher Schreiben und kirchenrechtlicher Verlautbarungen betreffend Archivistik mit deren Fächerkanon vorgestellt, ausgehend von Bestimmungen aus dem Jahre 1907 bis hin zu den Weisungen von Papst Johannes Paul II., welcher am 12. Oktober 1995 eine Ansprache über Kulturgüter als Ausdruck des Glaubens und Beitrags zum Dialog der Kirche mit der Menschheit gehalten hat. Der Anhang ist zwar ganz dem kirchlichen Archivwesen Deutschlands gewidmet, gibt aber dennoch auch für die Amtsträger in kirchlichen Archiven der Schweiz nützliche und anregende Hinweise, darunter einen Auszug über Bestimmungen des Codex Iuris Canonici (CIC) zum kirchlichen Archivwesen. Das Heft ist deshalb willkommen, weil bis anhin keine offiziellen schriftlichen Empfehlungen seitens der Schweizer Bischofskonferenz betreffend kirchliche Archive vorliegen. Ein Sachregister hilft dem Benutzer, möglichst schnell die ihn ansprechenden Details ausfindig zu machen.

Christian Schweizer


«Heiliges Jahr»

Desmond O'Grady, Alle Jubeljahre. Die «Heiligen Jahre» in Rom von 1300 bis 2000. Aus dem Englischen von Radbert Kohlhaas, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 1999, 256 S.

Rom ­ das vatikanische und das urbane ­ rüstet sich auf das Heilige Jahr 2000. Der zu erwartende Pilgerstrom kommt mit einer vielschichtigen und wenig reflektierten Erwartungshaltung in die Heilige Stadt. Die Vorbereitung der Pilger auf das Erlebnis Roms und die Einstellung zum «Schuldenerlass», wie Papst Johannes Paul II. sich in vielschichtiger Deutung ausspricht, ist dazu eine grundlegende Voraussetzung.
Der Autor behandelt in diesem Band alle Jubeljahre seit 1300. Das ist ein umfassender Kirchengeschichtsunterricht, auf das Thema «Heiliges Jahr» adaptiert. Der Autor verfügt über ein gründliches historisches Wissen. Und weil er zugleich ein unterhaltsamer Erzähler ist, wird die Lektüre, abgesehen vom Anlass des Heiligen Jahres, ein epischer Genuss.
Das Abschlusskapitel «Das Jubiläumsjahr 2000» ist eine gute Einführung in die Thematik dieses Gnadenjahres und der Intentionen des Papstes. Der Seelsorger findet sorgfältig zusammengetragenes und aufgearbeitetes Material. Damit kann er in plausibler Art und Weise für das Verständnis dieses nicht so leicht einsichtigen «Jubeljahres» wecken.

Leo Ettlin


Silja Walter

Silja Walter, Die Fähre legt sich hin am Strand. Ein Lesebuch. Herausgegeben von Klara Obermüller, Arche Verlag, Zürich 1999, 229 S.

Silja Walter (Schwester Hedwig im Kloster Fahr) hat im Frühling den achtzigsten Geburtstag gefeiert und im November folgt das goldene Professjubiläum. Die Benediktinerin hat im Kloster im geregelten Umgang mit Gott und in der Askese mit den Elementen der Sprache eine dichterische Reife erreicht, die im formalen Einklang von Wort und Empfindung für sie charakteristisch geworden ist. Im Verlauf der Jahre und Jahrzehnte hat sich ein reiches Werk von Lyrik, Prosa und Mysterienspielen angesammelt. Die Nonne im Uferkloster nimmt in ihrer Dichtung auch die Welt von draussen wahr ­ Schwester Hedwig ist keine weltfremde Dichternonne mit althergebrachten Clichés gekünstelter Erbauung. Ihr Erleben und die Reflexion ihrer Erfahrungen sind ungezwungen. Aber die Schwester gibt sie verinnerlicht wieder. Charakteristisch scheinen mir dafür ihre zahlreichen Fest- und Mysterienspiele. Das sind keine Hurradarbietungen und bombastisches Feuerwerk, sondern meditierte Gedenkszenen, die, dem historischen Anlass entzogen, allgemein gültig werden. Klara Obermüller hat für das «Jubeljahr der Nonne» ein Florilegium zusammengestellt, das Kostbarkeiten aus verschiedenen Schaffensperioden enthält und auch die Biographie der Dichterin besonders im Dialog mit ihrem kongenialen Bruder Otto F. Walter behutsam miteinbezieht.

Leo Ettlin


Priesterliche Existenz

Heinz Schürmann, Im Knechtsdienst Christi. Zur weltpriesterlichen Existenz, herausgegeben von Klaus Scholtissek, Bonifatius Verlag, Paderborn 1998, 419 Seiten.

Der aus Bochum stammende Neutestamentler, ein Altmeister der Exegese, hat seine akademische Lehrtätigkeit der Diözese Erfurt und ihrem theologischen Studium im Regionalpriesterseminar geschenkt. Auf diesem exponierten, der akademischen Welt aber wenig bekannten Posten hat er ausgeharrt, weil er darin so etwas wie seine spezielle Berufung sah. Viele Anfragen und Angebote aus dem Westen Deutschlands hat er ausgeschlagen. Sein exegetisch-wissenschaftliches Werk ist umfangreich. Das meiste davon ist in sechs umfangreichen Sammelbänden untergebracht. Die jahrzehntelange theologische Dozenten- und Forschertätigkeit in der ostdeutschen Diaspora haben Professor Heinz Schürmann auch spirituell geprägt Er weist auf Bezüge des Neuen Testamentes in die spirituelle Tradition hinein, wie sie etwa bei dem von Schürmann hoch geschätzten Johann Michael Sailer aufscheinen. Der vorliegende Band enthält exegetische Studien, aber auch Kasualien (Primizpredigt usw.) zur weltpriesterlichen Existenz. Der Grundtenor dieser Arbeiten ist Seelsorge am Seelsorger. Die Überlegungen dieses im Dienst des Wortes Bewährten sind ein wertvolles und in jeder Hinsicht aktuelles Vermächtnis. Heinz Schürmann macht sich darin auch Gedanken über die Stellung des Priesters von morgen ­ aufgeschlossen und doch der Würde priesterlicher Berufung bewusst.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999