35/1999

INHALT

Neue Bücher

Handbuch für die bischöfliche Liturgie

Zeremoniale für die Bischöfe in den katholischen Bistümern des deutschen Sprachgebietes. Hrsg. im Auftrag der Bischofskonferenzen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz sowie der (Erz-)Bischöfe von Bozen-Brixen, Lüttich, Luxemburg und Strassburg, Solothurn u.a. 1998, 375 Seiten.

Der Gottesdienst der Kirche, nach Auffassung des Zweiten Vatikanischen Konzils Quelle und Höhepunkt des ganzen kirchlichen Lebens und ebenso des individuellen Christseins, befindet sich in unserem Umfeld unübersehbar in einer Krise. Der Konsens über das, was kirchliche Liturgie von ihrem Wesen her ist und ­ mehr noch ­ wie sie konkret gefeiert wird, ist vielerorts zerbrochen. Direkt oder indirekt wirken gesellschaftliche und bestimmte kirchliche Entwicklungen und Probleme auf die Liturgie ein (z.B. Individualisierung, Konsumorientierung, Freizeitgesellschaft; innerkirchliche Konflikte, schleichender Verlust christlicher Glaubenspraxis, ekklesiologische Fragen, Kontroversen um das kirchliche Amt); teilweise ist das eine Folge unzureichender liturgischer Bildung sowie eines defizitären Sensoriums für das, was Romano Guardini als den «Geist der Liturgie» bezeichnete. In der Deutschschweiz wird vielfach erhofft, dass das neue «Katholische Gesangbuch» ein wesentliches Instrument zu einem Neuaufbruch, zu einer theologisch-spirituellen Vertiefung der Liturgie und zu einer neuen «Gottesdienstkultur» wird.
Auf ganz andere Weise kann das Ende 1998 erschienene «Zeremoniale für die Bischöfe» zu diesem Anliegen beitragen. Worum handelt es sich bei diesem Werk (das leider einen wenig glücklichen Titel trägt)? Nach weitgehendem Abschluss der ersten Revision der liturgischen Bücher im Geist des Konzils erschien 1984 das lateinische «Caeremoniale Episcoporum», das nach seiner Übertragung jetzt auch als offizielles liturgisches Buch für das deutsche Sprachgebiet herausgegeben wurde. (Eine entsprechende französische Ausgabe ist ebenfalls kürzlich erschienen.) Von seinem Anspruch her ist es zunächst ein Handbuch der bischöflichen Liturgie zur vorgängigen Information der Bischöfe selber, für die Hand ihrer Zeremoniare und anderen Verantwortlichen für den Bischofsgottesdienst in seinen unterschiedlichsten Formen. Ausgehend von der konziliaren Sicht des bischöflichen Dienstes wird die theologische Bedeutung der bischöflichen Liturgie skizziert, ehe die einzelnen Feierformen näher beschrieben werden: Eucharistiefeier, Stundengebet und Wortgottesdienste, besondere Feiern im Laufe des Kirchenjahres, andere Sakramentenfeiern und Sakramentalien (Segnungen von Personen und Sachen) sowie Gottesdienste zu weiteren besonderen Anlässen. Dabei bleibt das Buch, mit Ausnahme weniger Änderungen, auf der Linie der übrigen seit 1968 schrittweise veröffentlichten liturgischen Bücher, beschreibt die Feiern aber jeweils unter dem Aspekt des Bischofs als Vorsteher. In der Tradition des Buchtyps Caeremoniale regelt es auch zahlreiche «zeremonielle» Details, die für die Vorbereitung und Feier der bischöflichen Liturgie als grundlegendes Rüstzeug zu beachten sind, soll die Liturgie die für rituelles Handeln unverzichtbare Form wahren und auf der Wort- und Zeichenebene niveauvoll gestaltet sein; gleichwohl möchte das Buch nicht zu einem neuen Rubrizismus führen. Die deutsche Ausgabe ist keine getreue Übersetzung der lateinischen Vorlage, sondern passt sie an die Gegebenheiten des deutschen Sprachgebietes an und nimmt einzelne Fortschreibungen vor.
Als eine Art Kompendium der Liturgie in der katholischen Kirche interessiert das «Zeremoniale» jedoch über den primären Verwendungszweck und Adressatenkreis hinaus. Denn die bischöfliche Liturgie soll in der Diözese Modellcharakter haben; viele Inhalte des «Zeremoniale» lassen sich leicht auf andere Kontexte, speziell den Gottesdienst in Klöstern und Pfarreien, übertragen. Nützlich für den gottesdienstlichen Vollzug allgemein sind vor allem die vielen Hinweise im 1. Kapitel. Beispielsweise wird das konziliare Konzept der liturgischen Dienste, hinter dem viele Pfarreien immer noch hinterherhinken (etwa die Notwendigkeit mehrerer Lektoren und Sprecher in einer Feier, bei den kirchenmusikalischen Diensten z.B. der Kantor als regelmässiger Dienst, der Chor im Dienst der Liturgie und nicht die Liturgie als Kulisse des Chores...), selbstverständlich vorausgesetzt; ebenso eine primär von den Anforderungen der Liturgie ausgehende Gestaltung des Kirchenraumes; die Bedeutung und der Umgang mit liturgischen Gewändern, die nicht nur Schmuck sind, sondern differenziert Kirche darstellen; die Begründung, die Arten und die Ausführung liturgischer Haltungen und Gesten, deren Wert man am meisten dort bemerkt, wo nicht mehr auf sie geachtet wird oder sie gar völlig verkommen; ebenso Details wie die Beräucherung, der Friedensgruss, der Gebrauch des Weihwassers und der liturgischen Bücher. Zweifellos gehören viele der genannten Punkte nicht zu den Kernfragen, wenn wir heute nach dem Gottesdienst der Kirche fragen; aber die faktische Hilflosigkeit vieler Liturgieverantwortlicher auf diesem Feld zeigt, wie nötig eine neue Formung auch in diesem Bereich ist. Und all die vielen Bücher über Ritus und Ritual, die in den letzten Jahren erschienen sind, die, auch wenn sie teilweise aus der Feder von Theologen stammen, interessanterweise kaum bemerken, dass in der Liturgie ein tragfähiges, durch Generationen hindurch gewachsenes, menschengerechtes «Ritual» vorliegt, belegen auf ihre Weise eindrücklich, welch grosse Bedeutung rituelle Details haben.
Auch die anderen Kapitel können auf liturgische Defizite aufmerksam machen und Hilfe zur mancherorts wünschenswerten Neuorientierung sein, zum Beispiel in der Eucharistiefeier beim Sonntäglichen Taufgedächtnis, bei der Ausführung von Lesungen, Antwortpsalm und Halleluja, der Form der Gabenbereitung, sodann hinsichtlich des Stundengebetes als Gemeindeliturgie (mit der expliziten Aufgabe des Bischofs, das Stundengebet in den Pfarreien zu fördern; vgl. Nr. 190), der angemessenen Feier der besonderen Feste und Zeiten des Kirchenjahres, vor allem des Österlichen Triduums, um nur einige Punkte zu nennen. Ein umfangreiches Sachregister (S. 339­375) erleichtert die Benutzung.
Für die Vorbereitung der bischöflichen wie auch der klösterlichen Gottesdienstfeiern stellt das «Zeremoniale» fortan ein unverzichtbares Hilfsmittel dar; es ist zu wünschen, dass, trotz der Grenzen die dieser Buchtyp notwendigerweise hat, ebenso das theologische und gestalterische Niveau des Pfarreigottesdienstes hieraus neue Impulse erhält.

Martin Klöckener


Liturgie für heute

Anselm Bilgri und Bernhard Kirchgessner (Hrsg.), Liturgia semper reformanda. Festschrift für Karl Schlemmer, Verlag Herder, Freiburg i.Br. 1997, 303 Seiten.

Karl Schlemmer, der Geehrte, ist Ordinarius für Liturgik und Homiletik an der Katholischen-Theologischen Fakultät der Universität Passau. Zu seinem 60. Geburtstag haben seine ehemaligen Schüler P. Anselm Bilgri OSB, Prior im Kloster Andechs, und Bernhard Kirchgessner, Schlemmers wissenschaftlicher Assistent in Passau, diese umfangreiche Festschrift organisiert. Dabei ist zu bemerken, dass Karl Schlemmer nicht nur als akademischer Lehrer Verdienste gesammelt hat. Er redigiert umsichtig und mutig den «Anzeiger für die Seelsorge», der unter seiner Schriftleitung ein hohes Niveau erreicht hat und dabei doch dem eigentlichen Ziel, Orientierung und Anregung für die seelsorgerliche Praxis zu bieten, immer im Auge behält. Schlemmer hat in seinem Anzeiger das berühmt gewordene Interview mit dem Churer Weihbischof Paul Vollmar durchgeführt und veröffentlicht.
Der Titel der Festschrift «Liturgia semper reformanda» könnte als Wahlspruch des Professors gedeutet werden; doch einen Wahlspruch zu führen, ist bischöfliches Reservat. Schlemmers akademisches Anliegen ist die Förderung und Umsetzung der Liturgiekonstitution des Vaticanums II in die Praxis. Dieser Devise wird auch die Festschrift voll und ganz gerecht. Sie bietet Impulse für eine zeitgenössische Liturgie aus Geschichte, Gesellschaft, heutiger Gottesdienstpraxis und Glaubenssituation. Auch der Seelsorger an der Front kann ohne Scheu zu diesem liturgiewissenschaftlichen Buch greifen. Unter den Mitarbeitern für diese Festschrift finden sich unter anderen der Erzbischof von Bamberg Karl Braun, Wolfgang Beinert, Eugen Bieser, Walbert Bühlmann, Heinrich Fries, Bernhard Kirchgessner, Odilo Lechner, der Abt von St. Bonifaz, München und Andechs, Klemens Richter, Arno Schilson.

Leo Ettlin


Versöhnung

Adolf Karlinger, 77u vergeben. Wege der Versöhnung, Tyrolia Verlag, Innsbruck 1997, 95 Seiten.

Dieses in der Gemeindepraxis (Predigten, Katechesen, Braut-, Tauf- und Erstkommuniongespräche) entstandene Büchlein behandelt Wege der Versöhnung. Der Autor beschäftigt sich eingehend mit der Misere der heutigen Beichtpraxis, aber nicht jammernd, lamentierend und schon gar nicht die Adaptierung des Konzils anklagend. Es geht darum, das Evangelium, das nicht mehr als Frohbotschaft, sondern eher als Drohbotschaft wahrgenommen wird, von diesen schmutzigen Hüllen zu befreien, damit es neu sein menschenfreundliches Ziel erreiche. Dabei ist der Autor aber kein Laxist. Er verschiebt die Akzente mit seriösem Ernst.
Das Buch ist aus der Praxis entstanden. Der Autor tritt als väterlicher Erzähler auf, episch breit, aber für alle zugänglich und verständlich. So führt das kleine Büchlein überzeugend auf den Weg einer befreienden Versöhnungskultur im Alltag und auch zu einer zeitgemäss gestalteten Bussliturgie.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999