32-33/1999

INHALT

Neue Bücher

Zu einer biblischen Spiritualität befreien

von Anton Rotzetter

 

Das Thema, das sich die frühere Leiterin des Hauses St. Josef in Lungern, Waltraut Ausserleitner, zum Forschungsgegenstand erwählt hat, ist eines der wohl wichtigsten, das die Theologie beschäftigen muss: das Verhältnis zwischen griechischem und biblischem Gottes- und Weltbild. Oder besser gesagt: Was haben wir wirklich verstanden von diesem einzigartigen Gottesglauben, der sich im Alten und Neuen Testament bezeugt? Sind wir nicht in einem Masse dem griechischen Denken verpflichtet, dass die Sprengkraft des biblischen Glaubens gar nicht voll zur Geltung kommen kann?
Diese Frage untersucht W. Ausserleitner<1> anhand des dreistufigen Entwicklungsschemas, das die ganze abendländische Tradition des Christentums bis heute prägt: Reinigung ­ Erleuchtung ­ Einigung. Es dürfte wohl nicht übertrieben sein, wenn man sagt, dass dieser gestufte «Aufstieg des Menschen zu Gott» den Kern der christlichen Mystik und Spiritualität darstellt.
Der Gang der Untersuchung lässt sich wie folgt darstellen: Zunächst skizziert W. Ausserleitner das biblische Gottes-, Menschen- und Weltbild und bringt es auf die Formel: «Leben in ganzheitlichen Beziehungsstrukturen: Ein Angebot Gottes» (I. Teil: S. 25­45). Da gibt es keinerlei Dualismus, sondern eine Wirklichkeitsschau, in der nichts aus dem Gottesverhältnis ausgeklammert wird. Welt, Leib, Schöpfung, Sexualität, Raum und Zeit, Geschichte und Werden und die damit eingebundenen Lebensvollzüge stehen dem Gottesglauben nicht gegenüber, sondern sind ebenso in ihn eingebunden wie die Höhenflüge des Geistes oder die Erhebungen der Seele.
Der II. Teil (S. 49­79) schildert dann den «Zerfall des Beziehungsgefüges», das durch die Bibel vorgegeben ist, und «die Konsequenzen der Übernahme des platonistischen Reinigungs-Erleuchtungs-Einigungs-Stufenschemas auf Gottesbeziehung, Menschenbild und Weltbezug im Christentum». Die Verfasserin zeigt, wie sich beide Denkweisen grundsätzlich widersprechen: Das biblische Denken ist durch die Zeitlichkeit, die Geschichte, das Werden, die griechische Antike dagegen durch das Sein bestimmt, dem sich der Mensch durch «Ent-Werden», durch Zurücklassen der Welt annähern soll. Die Welt und die Leibhaftigkeit des Menschen versinken in der Bedeutungslosigkeit, allein Gott und die Seele zählen: Diese muss sich in den drei Stufen Reinigung, Erleuchtung, Einigung zu Gott emporschwingen. Diese Lehre wird ausführlich dargestellt: die Ursprünge bei Platon selbst, die Platonrezeption der Antike (Ammonios Sakkas, Plotin, Porphyrios, Jamblichos, Proklos), der Kirchenväter (Origines, Gregor von Nyssa, Ps. Dionysius Areopagita, Ambrosius von Mailand, Augustinus, Gregor der Grosse), des Mittelalters und der Mystiker (Bernhard von Clairvaux, Mechthild von Magdeburg, Teresa von Avila). Das Ergebnis ist eindeutig: Es bleibt festzustellen, «dass mit dem Stufenschema das platonistisch-dualistische Menschenbild, die Weltverneinung und eine gewisse Distanz zu Gott einen grossen, fast unausrottbaren Einfluss auf christliches Denken und mehr noch auf das christliche Lebensgefühl ausgeübt haben» (S. 201). Die Besinnung auf die «Leib-Seele-Einheit», die in der Bibel grundgelegt ist, wurde verhindert, «ebenso das Bewusstwerden der Subjekthaftigkeit des Menschen im kirchlichen Raum hintangehalten. Weder Schöpfungslehre noch Inkarnationslehre, die dem Menschen in seiner Kreatürlichkeit Wert verleihen, konnten der Faszination, die die hellenistische Vergöttlichungslehre aussstrahlte, ein genügend starkes Korrektiv bieten» (S. 201).

Das biblische Verständnis befreien

Wir stehen also heutzutage vor der Aufgabe, das biblische Wirklichkeitsverständnis aus seiner Verschüttung zu befreien und mit Hilfe geeigneter philosophischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Sinnsysteme zu stabilisieren. Dieser Aufgabe wendet sich die Verfasserin im III. Teil zu. Er trägt den Titel: «Religiöse Entwicklung in der Interdependenz von gesellschaftswirksamen Sinnsystemen und psychosozialer Entwicklung» (S. 207­354). Sozusagen alle grossen Entwürfe der Neuzeit werden auf ihre Eignung bzw. Nichteignung für ein ganzheitliches Entwicklungsmodell untersucht: S. Freud, K. Jaspers, Th. W. Adorno, E. Fromm, L. von Bertalanffy, A. G. Allport, E. H. Erikson, J. Piaget, L. Kohlberg, B. und H. Bertram, R. Oerter, F. Oser, P. Gmünder, J. W. Fowler, M. Klessmann, C. R. Rogers...
Überraschend ist nun, wie vielgestaltig die Ergebnisse aufgrund der Einsicht in die Entwicklungsbedingungen des Menschen sind: 1. ist es direkt gefährlich, auf dem platonistischen Stufenschema aufzubauen; da es verschiedene grundlegende Bedingungen (z.B. die menschlichen Beziehungen) ausklammert, muss es zu folgenschweren Schädigungen der Person kommen. 2. wird aus demselben Grund ein selbstverantwortetes, offenes Sinnsystem, das neue Erfahrungen integrieren kann, verunmöglicht. 3. weist gerade eine voraussehbare, geradlinige und unbeirrbare Zielgerichtetheit auf «pathologisierende Bedingungen» («starre religiöse Konstrukte», «Zwangshandlungen») hin; eine nichtbestimmte, offene und irritierbare Zielgerichtetheit jedoch ist geradezu Hinweis auf eine gesunde Entwicklung. 4. muss auf allgemeingültige Stufenfolgen der religiösen Entwicklung verzichtet werden. 5. bleiben aber auch moderne psychologische Systeme hinter dem biblischen Gottes- und Menschenbild zurück (Ist Gott der Ausgangspunkt der Entwicklung oder bloss mögliches «Endprodukt» nach gelungener Sozialisation?). 6. erweist sich die Ich-Identität als Voraussetzung, den Dekalog bzw. den Bund Gottes anzunehmen. 7. ermöglicht erst der gelungene Individuationsprozess «die autonome Selbstbestimmung und die allmähliche Ausweitung der Beziehungsfähigkeit... Nur der Mensch mit einer universalen uneigennützigen Beziehungsfähigkeit könnte auch die Bedürfnisse der Schöpfung wahrnehmen und für sie tatkräftig eintreten. Der grosse Anspruch des biblisch-christlichen religiösen Beziehungsmodells an die Reife der personalen Entwicklung wird hier überdeutlich» (S. 351). 8. «filtert» der Mensch je nach Entwicklungsstand die biblische «Verkündigung»: Sie fällt auf einen durch den Individuationsprozess bereits bereiteten Boden. Ist dieser negativ verlaufen, entstehen Neurosen oder es entstehen solche gerade durch die Verkündigung; bei positivem Verlauf des Prozesses wird jemand gefördert. «Soweit die psychotherapeutischen Konzepte gegenüber dem biblischen Beziehungsmodell aber selbst enger und hinsichtlich ihres Menschenbildes unterlegen sind, kann die kompetente, personbezogene und bezeugende Vermittlung der biblischen Botschaft therapeutische Wirkung erzielen. In dieser Therapie müssten verengende, unfreimachende psychogene Götzenbilder bewusst gemacht und dagegen die Frohe Botschaft des offenen biblischen Beziehungsmodells aufgewiesen und durch ein entsprechendes Verhalten des Therapeuten, sodann durch die Sozialisation in kleinere überzeugende christliche Gemeinschaften erfahrbar gemacht werden» (S. 352). 9. erweisen sich «die heutigen systemorientierten Konzepte im Vergleich mit dem biblischen Beziehungsmodell insgesamt als zu eng» (S. 353): Gott wird nicht nur innerpsychisch begründet, sondern als «je grössere ÐUmweltð» angeboten, in die hinein sich der Mensch bergen kann; die Heilszusage bindet sich gerade nicht an gelungene Entwicklungsverläufe und ist darum gerade auch im Versagen Hoffnung und Neubeginn.
Im letzten IV. Teil begibt sich die Verfasserin dann auch noch auf das eigentlich theologische Feld. Hier bietet sie «eine beziehungstheologische Skizze» dar, die von faszinierender Tiefe ist (S. 357­430). Ausgehend von der «dialogischen Theologie» (M. Buber, E. Brunner) führt der Weg der Autorin über die «trinitarische Anthropologie (G. Greshake, J. Moltmann, L. Boff) zu einer umfassenden theologischen Beziehungslehre (K. Rahner u.a.). In den «Schlussfolgerungen» (S. 409­430) zieht die Verfasserin in 12 Punkten eine eindrückliche Bilanz.
Der Rezensent steht staunend vor der immensen Leistung der Verfasserin und neigt sich sowohl vor ihrer analytischen als auch vor ihrer vermittelnden Fähigkeit. Ich wünschte mir, dass ihre Arbeit in allen Bereichen der Theologie und der Kirche zur Kenntnis genommen wird. Denn nur durch Erkenntnisse solcher Art kommen wir zu einer genuin biblischen Spiritualität (des Alltags, der Ehe, der Weltgestaltung...). Eine Loslösung vom dualistischen Weltbild, das uns jetzt zweitausend Jahre beherrscht, ist ein Gebot der Stunde, wenn sich die christliche Tradition überhaupt noch eine Chance für die Zukunft ausrechnen will.
Leider steht der Verbreitung des Werkes eine selbsgewählte Einschränkung im Wege: Hebräische und griechische Worte sind oft weder übersetzt noch in ein allgemein lesbares Alphabeth umgesetzt, einige fremdsprachliche Zitate sind unübersetzt geblieben.


Anmerkung

1 W. Ausserleitner, In Ihm leben wir. Eine beziehungstheologische und beziehungsdynamische Sicht religiöser Entwicklung, (Europäische Hochschulschriften), Bern 1994.


Sterbebegleitung

Carola Otterstedt, Leben gestalten bis zuletzt. Kreative und einfühlsame Begleitung sterbender Menschen, Herder/Spektrum 4716, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 1999, 160 Seiten.

Carola Otterstedt hat in München einen Lehrauftrag am Aus- und Fortbildungsinstitut für Pflegeberufe; der spezielle Auftrag ihrer Dozentur heisst «Wahrnehmungssensibilisierung speziell in der Abschieds- und Sterbebegleitung». Die Autorin selber ist aber auch im aktiven Einsatz bei Schwerkranken und Sterbenden sowie in der Betreuung ihrer Angehörigen tätig. Das Buch lehrt, wie man Menschen in Würde sterben lässt, indem man ihnen gewährt, menschlich zu leben bis zuletzt. Die Darlegungen wecken für diese schöne, aber auch aufreibende Aufgabe bei den professionellen und freiwilligen Betreuern von Schwerkranken Einfühlungsvermögen, Kreativität und Phantasie.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999