32-33/1999 | |
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Das Thema, das sich die frühere Leiterin des Hauses St. Josef in
Lungern, Waltraut Ausserleitner, zum Forschungsgegenstand erwählt hat,
ist eines der wohl wichtigsten, das die Theologie beschäftigen muss:
das Verhältnis zwischen griechischem und biblischem Gottes- und Weltbild.
Oder besser gesagt: Was haben wir wirklich verstanden von diesem einzigartigen
Gottesglauben, der sich im Alten und Neuen Testament bezeugt? Sind wir nicht
in einem Masse dem griechischen Denken verpflichtet, dass die Sprengkraft
des biblischen Glaubens gar nicht voll zur Geltung kommen kann?
Diese Frage untersucht W. Ausserleitner<1>
anhand des dreistufigen Entwicklungsschemas, das die ganze abendländische
Tradition des Christentums bis heute prägt: Reinigung Erleuchtung
Einigung. Es dürfte wohl nicht übertrieben sein, wenn man
sagt, dass dieser gestufte «Aufstieg des Menschen zu Gott» den
Kern der christlichen Mystik und Spiritualität darstellt.
Der Gang der Untersuchung lässt sich wie folgt darstellen: Zunächst
skizziert W. Ausserleitner das biblische Gottes-, Menschen- und Weltbild
und bringt es auf die Formel: «Leben in ganzheitlichen Beziehungsstrukturen:
Ein Angebot Gottes» (I. Teil: S. 2545). Da gibt es keinerlei
Dualismus, sondern eine Wirklichkeitsschau, in der nichts aus dem Gottesverhältnis
ausgeklammert wird. Welt, Leib, Schöpfung, Sexualität, Raum und
Zeit, Geschichte und Werden und die damit eingebundenen Lebensvollzüge
stehen dem Gottesglauben nicht gegenüber, sondern sind ebenso in ihn
eingebunden wie die Höhenflüge des Geistes oder die Erhebungen
der Seele.
Der II. Teil (S. 4979) schildert dann den «Zerfall des Beziehungsgefüges»,
das durch die Bibel vorgegeben ist, und «die Konsequenzen der Übernahme
des platonistischen Reinigungs-Erleuchtungs-Einigungs-Stufenschemas auf
Gottesbeziehung, Menschenbild und Weltbezug im Christentum». Die Verfasserin
zeigt, wie sich beide Denkweisen grundsätzlich widersprechen: Das biblische
Denken ist durch die Zeitlichkeit, die Geschichte, das Werden, die griechische
Antike dagegen durch das Sein bestimmt, dem sich der Mensch durch «Ent-Werden»,
durch Zurücklassen der Welt annähern soll. Die Welt und die Leibhaftigkeit
des Menschen versinken in der Bedeutungslosigkeit, allein Gott und die Seele
zählen: Diese muss sich in den drei Stufen Reinigung, Erleuchtung,
Einigung zu Gott emporschwingen. Diese Lehre wird ausführlich dargestellt:
die Ursprünge bei Platon selbst, die Platonrezeption der Antike (Ammonios
Sakkas, Plotin, Porphyrios, Jamblichos, Proklos), der Kirchenväter
(Origines, Gregor von Nyssa, Ps. Dionysius Areopagita, Ambrosius von Mailand,
Augustinus, Gregor der Grosse), des Mittelalters und der Mystiker (Bernhard
von Clairvaux, Mechthild von Magdeburg, Teresa von Avila). Das Ergebnis
ist eindeutig: Es bleibt festzustellen, «dass mit dem Stufenschema
das platonistisch-dualistische Menschenbild, die Weltverneinung und eine
gewisse Distanz zu Gott einen grossen, fast unausrottbaren Einfluss auf
christliches Denken und mehr noch auf das christliche Lebensgefühl
ausgeübt haben» (S. 201). Die Besinnung auf die «Leib-Seele-Einheit»,
die in der Bibel grundgelegt ist, wurde verhindert, «ebenso das Bewusstwerden
der Subjekthaftigkeit des Menschen im kirchlichen Raum hintangehalten. Weder
Schöpfungslehre noch Inkarnationslehre, die dem Menschen in seiner
Kreatürlichkeit Wert verleihen, konnten der Faszination, die die hellenistische
Vergöttlichungslehre aussstrahlte, ein genügend starkes Korrektiv
bieten» (S. 201).
Wir stehen also heutzutage vor der Aufgabe, das biblische Wirklichkeitsverständnis
aus seiner Verschüttung zu befreien und mit Hilfe geeigneter philosophischer,
psychologischer und sozialwissenschaftlicher Sinnsysteme zu stabilisieren.
Dieser Aufgabe wendet sich die Verfasserin im III. Teil zu. Er trägt
den Titel: «Religiöse Entwicklung in der Interdependenz von gesellschaftswirksamen
Sinnsystemen und psychosozialer Entwicklung» (S. 207354). Sozusagen
alle grossen Entwürfe der Neuzeit werden auf ihre Eignung bzw. Nichteignung
für ein ganzheitliches Entwicklungsmodell untersucht: S. Freud, K.
Jaspers, Th. W. Adorno, E. Fromm, L. von Bertalanffy, A. G. Allport, E.
H. Erikson, J. Piaget, L. Kohlberg, B. und H. Bertram, R. Oerter, F. Oser,
P. Gmünder, J. W. Fowler, M. Klessmann, C. R. Rogers...
Überraschend ist nun, wie vielgestaltig die Ergebnisse aufgrund der
Einsicht in die Entwicklungsbedingungen des Menschen sind: 1. ist es direkt
gefährlich, auf dem platonistischen Stufenschema aufzubauen; da es
verschiedene grundlegende Bedingungen (z.B. die menschlichen Beziehungen)
ausklammert, muss es zu folgenschweren Schädigungen der Person kommen.
2. wird aus demselben Grund ein selbstverantwortetes, offenes Sinnsystem,
das neue Erfahrungen integrieren kann, verunmöglicht. 3. weist gerade
eine voraussehbare, geradlinige und unbeirrbare Zielgerichtetheit auf «pathologisierende
Bedingungen» («starre religiöse Konstrukte», «Zwangshandlungen»)
hin; eine nichtbestimmte, offene und irritierbare Zielgerichtetheit jedoch
ist geradezu Hinweis auf eine gesunde Entwicklung. 4. muss auf allgemeingültige
Stufenfolgen der religiösen Entwicklung verzichtet werden. 5. bleiben
aber auch moderne psychologische Systeme hinter dem biblischen Gottes- und
Menschenbild zurück (Ist Gott der Ausgangspunkt der Entwicklung oder
bloss mögliches «Endprodukt» nach gelungener Sozialisation?).
6. erweist sich die Ich-Identität als Voraussetzung, den Dekalog bzw.
den Bund Gottes anzunehmen. 7. ermöglicht erst der gelungene Individuationsprozess
«die autonome Selbstbestimmung und die allmähliche Ausweitung
der Beziehungsfähigkeit... Nur der Mensch mit einer universalen uneigennützigen
Beziehungsfähigkeit könnte auch die Bedürfnisse der Schöpfung
wahrnehmen und für sie tatkräftig eintreten. Der grosse Anspruch
des biblisch-christlichen religiösen Beziehungsmodells an die Reife
der personalen Entwicklung wird hier überdeutlich» (S. 351).
8. «filtert» der Mensch je nach Entwicklungsstand die biblische
«Verkündigung»: Sie fällt auf einen durch den Individuationsprozess
bereits bereiteten Boden. Ist dieser negativ verlaufen, entstehen Neurosen
oder es entstehen solche gerade durch die Verkündigung; bei positivem
Verlauf des Prozesses wird jemand gefördert. «Soweit die psychotherapeutischen
Konzepte gegenüber dem biblischen Beziehungsmodell aber selbst enger
und hinsichtlich ihres Menschenbildes unterlegen sind, kann die kompetente,
personbezogene und bezeugende Vermittlung der biblischen Botschaft therapeutische
Wirkung erzielen. In dieser Therapie müssten verengende, unfreimachende
psychogene Götzenbilder bewusst gemacht und dagegen die Frohe Botschaft
des offenen biblischen Beziehungsmodells aufgewiesen und durch ein entsprechendes
Verhalten des Therapeuten, sodann durch die Sozialisation in kleinere überzeugende
christliche Gemeinschaften erfahrbar gemacht werden» (S. 352). 9.
erweisen sich «die heutigen systemorientierten Konzepte im Vergleich
mit dem biblischen Beziehungsmodell insgesamt als zu eng» (S. 353):
Gott wird nicht nur innerpsychisch begründet, sondern als «je
grössere ÐUmweltð» angeboten, in die hinein sich der
Mensch bergen kann; die Heilszusage bindet sich gerade nicht an gelungene
Entwicklungsverläufe und ist darum gerade auch im Versagen Hoffnung
und Neubeginn.
Im letzten IV. Teil begibt sich die Verfasserin dann auch noch auf das eigentlich
theologische Feld. Hier bietet sie «eine beziehungstheologische Skizze»
dar, die von faszinierender Tiefe ist (S. 357430). Ausgehend von der
«dialogischen Theologie» (M. Buber, E. Brunner) führt der
Weg der Autorin über die «trinitarische Anthropologie (G. Greshake,
J. Moltmann, L. Boff) zu einer umfassenden theologischen Beziehungslehre
(K. Rahner u.a.). In den «Schlussfolgerungen» (S. 409430)
zieht die Verfasserin in 12 Punkten eine eindrückliche Bilanz.
Der Rezensent steht staunend vor der immensen Leistung der Verfasserin und
neigt sich sowohl vor ihrer analytischen als auch vor ihrer vermittelnden
Fähigkeit. Ich wünschte mir, dass ihre Arbeit in allen Bereichen
der Theologie und der Kirche zur Kenntnis genommen wird. Denn nur durch
Erkenntnisse solcher Art kommen wir zu einer genuin biblischen Spiritualität
(des Alltags, der Ehe, der Weltgestaltung...). Eine Loslösung vom dualistischen
Weltbild, das uns jetzt zweitausend Jahre beherrscht, ist ein Gebot der
Stunde, wenn sich die christliche Tradition überhaupt noch eine Chance
für die Zukunft ausrechnen will.
Leider steht der Verbreitung des Werkes eine selbsgewählte Einschränkung
im Wege: Hebräische und griechische Worte sind oft weder übersetzt
noch in ein allgemein lesbares Alphabeth umgesetzt, einige fremdsprachliche
Zitate sind unübersetzt geblieben.
1 W. Ausserleitner, In Ihm leben wir. Eine beziehungstheologische und beziehungsdynamische Sicht religiöser Entwicklung, (Europäische Hochschulschriften), Bern 1994.
Carola Otterstedt, Leben gestalten bis zuletzt. Kreative und einfühlsame Begleitung sterbender Menschen, Herder/Spektrum 4716, Herder Verlag, Freiburg i.Br. 1999, 160 Seiten.
Carola Otterstedt hat in München einen Lehrauftrag am Aus- und Fortbildungsinstitut für Pflegeberufe; der spezielle Auftrag ihrer Dozentur heisst «Wahrnehmungssensibilisierung speziell in der Abschieds- und Sterbebegleitung». Die Autorin selber ist aber auch im aktiven Einsatz bei Schwerkranken und Sterbenden sowie in der Betreuung ihrer Angehörigen tätig. Das Buch lehrt, wie man Menschen in Würde sterben lässt, indem man ihnen gewährt, menschlich zu leben bis zuletzt. Die Darlegungen wecken für diese schöne, aber auch aufreibende Aufgabe bei den professionellen und freiwilligen Betreuern von Schwerkranken Einfühlungsvermögen, Kreativität und Phantasie.