15/1999 | |
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In den Jahren 19111938 erschien eine deutsche Übersetzung von
Schriften der Kirchenväter in den 83 Bänden der «Bibliothek
der Kirchenväter» (BKV). Seither ist diesbezüglich im deutschen
Sprachraum wenig bis nichts gelaufen; die 10-bändige Reihe «Schriften
der Kirchenväter», die Norbert Brox im Kösel-Verlag vor
einigen Jahren herausgab, übernahm den Text und die Anmerkungen der
«BKV» und ergänzte sie durch eine neue Einleitung. Viel
mehr passierte im gleichen Zeitraum etwa im französischen Sprachraum
mit den «Sources chrétiennes», die, 1942 begonnen, inzwischen
auf ungefähr 400 Bände angewachsen sind, oder im spanischen Sprachraum
mit der «Biblioteca de Autores Cristianos» (BAC).
Man freut sich darum, wenn vereinzelt Übersetzungen von Werken von
Kirchenvätern erscheinen. Seit 1971 gibt der Verlag Anton Hiersemann,
Stuttgart, die «Bibliothek der griechischen Literatur» (BGL)
heraus.<1> Grundsatz dieser Übersetzungen
ist es, dass sie «auf wissenschaftlicher Basis erarbeitet (sind) und
allen modernen Anforderungen genügen (müssen)». Sie sind
verbunden mit einem ausführlichen wissenschaftlichen Kommentar und
einer gründlichen Einführung in Leben und Werk des Autors. Der
Verlag betont, der Schwerpunkt der Auswahl der übersetzten Werke liege
«auf solchen Texten, die bisher noch nicht in deutscher Sprache übertragen
worden sind».
Die Serie besteht aus drei Abteilungen: Patristik (geleitet vom Augsburger
Professor Wilhelm Gessel), Byzantinistik und Klassische Philologie. Die
Reihe verdient es, hier vorgestellt zu werden; dabei lassen wir die Bände
der Abteilung «Klassische Philologie» beiseite und werden auf
die Übersetzungen der Abteilung «Byzantinistik» nur insoweit
zu sprechen kommen, als sie kirchengeschichtlich von Bedeutung sind.
Es liegt auf der Hand, dass in dieser Reihe besonders Werke von Kirchenschriftstellern
der «Schulen» von Alexandria und Antiochia zum Zug kommen. Von
Origenes (um 185ca. 253) sind drei Bände erschienen: Ein erster
enthält die «Disputation mit Herakleides und dessen Bischofskollegen
über Vater, Sohn und Seele» sowie die «Ermunterung zum
Martyrium». Die «Disputation» wurde zwischen 244 und 249
gehalten und wie viele Werke von Origenes nur stenographisch
aufgezeichnet. Gesprächsthema ist das Verhältnis von Vater und
Sohn wie es im eucharistischen Gebet zum Ausdruck kommen muss, sowie die
Frage, ob die Seele als unsterblich bezeichnet werden kann. Die «Ermunterung
zum Martyrium» ist an zwei Freunde zu Beginn der Verfolgung von Kaiser
Maximinus Thrax (235) gerichtet. Von den etwa 540 Homilien, die Origenes
gehalten haben soll, liegen noch 21 im griechischen Original vor: 20 über
den Propheten Jeremia und eine über das Buch Samuel. Die griechisch
erhaltenen Jeremiahomilien hat Erwin Schadel in einem weiteren Origenes-Band
übersetzt. Hermann-Josef Vogt (Tübingen) gibt die Übersetzung
des «Kommentars zum Evangelium nach Matthäus» heraus, von
dem bisher vier Bände erschienen sind. Von den ursprünglich 24
Büchern dieses Kommentars sind nur mehr acht erhalten geblieben. Das
Denken von Origenes kommt in seinen Evangelien-Kommentaren ausgezeichnet
zum Ausdruck.
Der Bischof von Alexandria Dionysios von Alexandria (Ende des 2. Jhs.264/65)
wurde oft verächtlich als der «ein wenig gescheiterte Schüler
von Origenes» bezeichnet. Schuld an dieser Beurteilung, die zu verantworten
hat, dass wir nur Fragmente seiner Werke besitzen, war seine Lehre der Unterordnung
des Sohnes unter den Vater, die ihm den Ruf beibrachte, ein Vorgänger
des Arius gewesen zu sein, und dazu führte, dass sein Bischofskollege
von Rom, der sinnigerweise ebenfalls den Namen Dionysius trug, ihm heftig
widersprach man sprach darum vom «Streit der beiden Dionysius'».
Wolfgang A. Bienert hat mit der Übersetzung des erhaltenen Werkes des
alexandrinischen Bischofs Einblick gegeben in eine «alexandrinisch-bischöfliche
Tradition», die kurz später in Athanasios einen ersten Höhepunkt
erreichte.
Einen bedeutenden Platz in der griechischen Patristik behaupten die drei
Kappadokier. Von Basilius von Caesarea (ca. 329379) hat der Münsteraner
Professor Wolf-Dieter Hauschild drei Bände von Briefen übersetzt.
Sie bieten nicht nur eine Fülle von sozial- und verwaltungsgeschichtlichen
Nachrichten, sondern eröffnen auch einen instruktiven Einblick in die
kirchenpolitisch bewegte Zeit zwischen den Konzilien von Nikaea (325) und
Konstantinopel (381). Von seinem jüngeren Bruder Gregor von Nyssa (um
335 bis um 394), einem mystisch und spekulativen Typ, dem die Führungsqualitäten
seines Bruders total fehlten, hat Josef Barbel die «Grosse katechetische
Rede» übersetzt, «keine Katechese, sondern eine spekulative
Gesamtdarstellung des Glaubens für Katecheten». Von Wilhelm Blum
stammt die Übersetzung von «drei asketischen Schriften»
Gregors: «Über das Wesen des christlichen Bekenntnisses»,
«Über die Vollkommenheit» und «Über die Jungfräulichkeit»,
in dem besonders die «Brautschaft Christi mit der Seele» dargestellt
wird. Vom dritten im Bunde der Kappadokier, dem Freunde von Basilius, Gregor
von Nazianz (um 329/30389/90) hat Michael Wittig die Briefe übersetzt
und kommentiert. Sie stammen mehrteils aus der Zeit, als sich Gregor, enttäuscht
über sein Scheitern als Bischof von Konstantinopel, auf sein Landgut
in Arianz zurückgezogen hatte und mit literarischen Arbeiten beschäftigt
war. Die 245 Briefe sind sehr stark persönlich gefärbt und erweisen
Gregor als einen «empfindsamen, lauteren Charakter».
Es ist bezeichnend für das Schrifttum der «Schule» von
Antiochia, das in die Mühlen der theologischen Auseinandersetzungen
der trinitarischen und christologischen Auseinandersetzungen des vierten
und fünften Jahrhunderts geriet und vielfach als häretisch abgestempelt
wurde, dass im Moment nur ein Vertreter Aufnahme gefunden hat, nämlich
Johannes Chrysostomus (344/45407). Der Basler Professor Rudolf Brändle
hat die von Verena Jegher-Bucher übersetzten «Acht Reden gegen
Juden» eingeleitet und erläutert. Mit Interesse liest man diese
Reden, die den sonst so sympathischen grossen Prediger zum Paradebeispiel
eines «antisemitischen Hetzers» gemacht haben.
Wie Johannes Chrysostomus stammt auch Markus Eremita (gest. nach 430) aus
dem Mönchtum. Der Abt von Ankyra, der als Eremit vermutlich in der
jüdischen Wüste starb, gilt als einer der stärksten Gegner
der Messalianer, einer aus dem Syrischen stammenden Bewegung des Mönchtums,
in der sowohl die Bindungslosigkeit der asketischen Wanderbewegung wie auch
der Enthusiasmus altkirchlicher Erweckungsbewegung zum Problem geworden
war.
Von besonderer Bedeutung sind die drei Bände, die Werke von Pseudo-Dionysius
Areopagita enthalten. Der Verfasser, über dessen Identität sich
die Gelehrten trotz intensiven Untersuchungen nicht einig geworden sind,
der aber um 500 gelebt haben muss, ist für die Entwicklung der christlichen
Mystik und Frömmigkeit von ausserordentlicher Bedeutung. Es liegen
folgende Übersetzungen vor: «Über die himmlische Hierarchie»,
in der das Reich der himmlischen Geister, ihre Natur, Eigenschaften und
Gliederung in drei Triaden dargestellt wird ein Werk, das bis heute
etwa in der Engellehre seine Nachwirkungen hat; «Über die kirchliche
Hierarchie», in dem die Kirche als ein Abbild der Geisterwelt dargestellt
wird, in der ebenfalls drei Triaden vorhanden sind; «Die Namen Gottes»,
das die in der Bibel vorkommenden Gottesnamen behandelt und an ihnen Wesen
und Eigenschaften Gottes erläutert», «Über die mystische
Theologie» sowie «Briefe». In einer Zeit, in der das Verständnis
für die Mystik sei es der christlichen oder der aus anderen Religionen
immer mehr wächst, sind diese Werke eines der bedeutendsten Theoretiker
christlicher Mystik von grosser Bedeutung.
Vom letzten Vertreter der patristischen Theologie im Osten, dem um 650 geborenen
Johannes von Damaskus, sind in dieser Reihe «philosophische Kapitel»
veröffentlicht.
Aus der Abteilung «Byzantinistik» sei hier auf einige für
die Kirchengeschichte wichtige Werke hingewiesen. Da ist einmal Zosimos
mit seiner «Neueren Geschichte». Er stellt die römische
Geschichte von Augustinus bis zum Jahr 410 dar und ist das «einzige
ganz erhaltene heidnische Geschichtswerk der Spätantike». Als
ein typischer Vertreter der «letzten Heiden» (Peter Brown) stellt
er den Niedergang Roms als Strafe für den Abfall vom nationalrömischen
Glauben dar und kritisiert besonders scharf die beiden christlichen Kaiser
Konstantin den Grossen und Theodosius I. Für die Zeit von 378 bis 410,
wo er Selbsterlebtes berichtet, ist er besonders wichtig für die Darstellung
der Persönlichkeit Stilichos, den Einfall der Hunnen und die Züge
Alarichs.
Der nach 638 gestorbene byzantinische Historiker Theophylaktos Simokattes
ist für uns als Quelle des Einfalls der Slawen, Awaren, Türken
und Osmanen in das byzantinische Reich bedeutend; er zeigt auch auf, wie
die Ikonenfrömmigkeit und ein wuchernder Wunderglauben in Byzanz überhand
nahm.
Die «Chronik» von Georgios Akropolites (12171282) stellt
eine objektive und verlässliche Quelle der Ereignisse in Byzanz in
der Zeit von 12031261 dar, in der die Lateiner Byzanz eingenommen und
ein lateinisches Kaiserreich errichtet hatten, so dass Byzanz nur noch im
Reich von Nikaea weiterbestand. 1274 unterzeichnete Georgios Akropolites
im Auftrag von Kaiser Michael VIII. die Unionsdekrete von Lyon.
Aus der Zeit der Palaoiologen stammen drei wichtige Werke dieser Reihe:
einmal die «Rhomäische Geschichte» von Nikephoros Gregoras
(um 12951359/60), deren Übersetzung sechs Bände umfassen
soll (bereits erschienen sind fünf Bände). Sie umfasst die Jahre
12041359 und wird in den letzten Büchern zu einer ausführlichen
Darstellung der palamitischen Kontroverse. Nikephoros war ein rühriger
Gegner von Gregorios Palamas und wurde darum 1351 verbannt.
Kaiser Johannes VI. Kantakuzenos (um 12921383) liess sich 1341 zum
byzantinischen Kaiser krönen und wurde 1354 zur Abdankung gezwungen,
worauf er erst in Konstantinopel, dann auf dem Athos als Mönch lebte.
Er hatte als Kaiser die Türken gegen seine inneren Gegner zu Hilfe
gerufen, die sich darauf 1354 in Gallipoli erstmals auf europäischem
Boden festsetzten. Kantakuzenos nahm Stellung für die Palamiten und
bat die Päpste Clemens VI. und Innozenz VI. um Hilfe gegen die Türken,
seine früheren Bundesgenossen. Seine «Memoiren», die die
byzantinische Geschichte von 13201362 umfassen, sind eine «Rechtfertigung
seiner Regierung».
Demetrios Kydones (um 13241397/98), dessen Briefe Franz Tinnefeld übersetzt
hat, mahnte zum Widerstand gegen die Türken und zur Vereinigung mit
den Lateinern. Er war einer der wenigen byzantinischen Theologen, die lateinische
Theologen übersetzten (z.B. Thomas von Aquin, Augustinus, Anselm von
Canterbury usw.); 1364 schloss er sich der lateinischen Kirche an. In den
palamitischen Streitigkeiten nahm er klar gegen Gregorios Palamas Stellung.
Ein Mann, der bereits den Übergang zur Moderne darstellt und für
die Renaissance in Italien von grösster Bedeutung ist, ist Georgios
Gemistos Plethon (um 13601452). Mit ihm erlangte der Platonismus in
den lezten Stunden des byzantinischen Reiches eine Wiederbelebung. Er versuchte
die Rettung des Staates durch wirtschaftliche und soziale Reformen und durch
die Ablösung der Orthodoxie durch einen platonisierenden Polytheismus.
Auf dem Konzil von Florenz lernte er Cosimo Medici kennen, der ihm die Gründung
einer platonischen Akademie in Florenz ermöglichte. Als einer der Sprecher
der Griechen war er auf dem Konzil von Ferrara-Florenz aufgetreten und hatte
die Unionsdekrete unterzeichnet, blieb der Union aber innerlich fremd. Wilhelm
Blum hat in der Abteilung Byzantinistik einige Werke unter dem Titel «Politik,
Philosophie und Rhetorik im spätbyzantinischen Reich (13551452)»
veröffentlicht.
Der Kapuziner Nestor Werlen ist Lehrbeauftragter für Kirchengeschichte am Kateche-tischen Institut der Theologischen Fakultät Luzern (KIL).
1 Bibliothek der griechischen Literatur (BGL). Herausgegeben von Peter Wirth und Wilhelm Gessel, Anton Hiersemann, Verlag Stuttgart 1971ff.; bis 1997 sind 45 Bände erschienen, jährlich sollen zwei weitere Bände erscheinen.
Sebastian Bock, Kleine Geschichte Israels. Von den Anfängen bis in die Zeit des Neuen Testamentes (Reihe Akzente), Herder Verlag, Freiburg i.Br., Neuauflage, 1998, 192 Seiten.
Sebastian Bock stellt den Bau seiner Geschichte Israels auf ein solides wissenschaftliches Fundament und nimmt auch die ganze breite Fülle orientalischer Frühgeschichte in sein Betrachtungsfeld hinein. Damit stellt er eine deutliche Antithese zu fundamentalistischer Engführung, wo nur der überlieferte Schrifttext Gegenstand der Betrachtung sein darf. Die Forschungsergebnisse profaner Altertumsstudien und besonders neuere Ausgrabungen mit ihrer Deutung bieten einen wesentlichen Bestandteil des Buches. Die Darstellung von Sebastian Bock arbeitet eindrucksvoll das Zusammenspiel von Sozialgeschichte und Glaubensgeschichte heraus. Der wissenschaftlich gediegene Band ist leicht lesbar, zumal der Autor mit vielen grafischen Darstellungen zusätzliche Hilfe bietet.