11/1999 | |
INHALT | |
Neue Bücher |
Lange Zeit galt Joseph Höffners «Christliche Gesellschaftslehre» (1. Aufl. Kevelaer 1962), die 1997 eine von L. Roos bearbeitete und ergänzte neunte (posthume) Neuauflage erlebte, als das klassische Standardlehrbuch für Generationen von Studierenden und Interessierte im katholischen Bereich. Dieses Werk war primär der Entfaltung der vom scholastischen Naturrecht geprägten sozialphilosophischen und sozialtheologischen Grundsätze und des hierauf aufbauenden Ordnungsgefüges der Gesellschaft im Sinne einer relativ geschlossenen Doktrin unter starker Berücksichtigung der Sozialenzykliken verpflichtet. Demgegenüber steht das neue Lehrbuch von A. Anzenbacher von seinem Titel und Aufbau her für die Weiterentwicklung und Neuorientierung christlicher Sozialethik.<1> Es wird deutlich, dass christliche Sozialethik heute stärker in Auseinandersetzung mit aktuellen philosophischen Positionen und in interdisziplinärer Kooperation mit empirischen Theorien (z.B. Soziologie, Wirtschafts- und Politikwissenschaft) entfaltet und konkretisiert werden muss und von daher ihre Ortsbestimmung erfährt. Diesem erweiterten Horizont entspricht, dass sie nicht mehr in einem umfassenden Lehrbuch dargestellt werden kann, das zugleich die zahlreichen und vielschichtigen Anwendungs- und Konkretisierungsbereiche (z.B. Arbeit, Wirtschaft, Familie, Rechtsordnung) relativ umfassend behandelt, wie dies im Lehrbuch Joseph Höffners noch der Fall war. Sie bedarf vielmehr zunächst der umfassenden Grundlegung im genannten Kontext, die zugleich die seit den 80er Jahren vermehrt in Gang gekommene Grundlagendiskussion innerhalb der christlichen Sozialethik berücksichtigt.
Nach einer begrifflichen Ausgangsverständigung (Soziales, Ethik,
Sozialethik) skizziert Anzenbacher (in Kap. 1: Christliche Sozialethik als
theologische Disziplin) in einem konzisen Überblick die sozialethischen
Dimensionen der biblischen Botschaft. Hinsichtlich ihrer Grundaussagen und
Kerngehalte erlauben die biblischen Aussagen und Motive (auch des angebrochenen
Reiches Gottes) keine Umsetzung in konkrete Beurteilungskriterien und Gestaltungsanweisungen
für die moderne Gesellschaft (29). Ihr Beitrag liegt vielmehr
im Sinne einer unverzichtbaren Orientierung und Zielbestimmung auf
der Ebene von Basisoptionen (Option für die Anerkennung der Würde
aller Menschen, für Freiheit und Befreiung, die Option für die
Armen, für den Frieden und die je grössere Gerechtigkeit sowie
die Option für die Bewahrung der Schöpfung). Sie bedürfen
jedoch der systematischen Differenzierung der relevanten Grundbegriffe im
sozialphilosophischen Diskurs und der Konkretisierung im Medium empirischer
Theorien der sozialen Interaktionsbereiche bzw. relativ autonomen Teilsysteme
in Auseinandersetzung mit den entsprechenden wissenschaftlichen Fachdisziplinen,
um zu hinlänglichen sozialethischen Konkretisierungen zu gelangen.
Neben der inter- und transdisziplinären Vermittlung auf der Basis einer
Achtung der Autonomie der Sachbereiche und Wissenschaften (vgl. GS 36) bedarf
es aber auch der kritischen Sichtung der methodischen Abstraktionen und
(insbesondere normativen und anthropologischen) Voraussetzungen der jeweiligen
Wissenschaften durch die christliche Sozialethik.
Der zweite Teil behandelt die Moderne im Sinne des umfassenden Kontextes,
in dem sich christliche Sozialethik heute zu differenzieren hat. Anzenbacher
skizziert zunächst idealtypisch das mittelalterliche System von Wirtschaft
und Gesellschaft und anschliessend die neuzeitliche Ausdifferenzierung der
Teilsysteme Politik (Recht und Staat), Wissenschaft und Technik, Wirtschaft,
Familie und Weltanschauung. Die Darstellung reflektiert knapp und zugleich
recht umfassend die geistes- und wissenschaftsgeschichtlichen Entwicklungen,
die Anzenbacher in enger Verknüpfung mit der christlichen Tradition
sieht (41.53.93.124 u.a.). Im Anschluss daran führt Anzenbacher die
Leserin/den Leser in die Auseinandersetzung mit zentralen aktuellen sozialphilosophischen
bzw. politisch-philosophischen Ansätzen ein (Kap. 2.3). Neben J. Rawls,
J. Buchanan, J. Habermas und N. Luhmann werden auch Kommunitarismus und
Ansätze der Postmoderne (bes. J. F. Lyotard) in Grundzügen dargestellt
und aus christlich-sozialethischer Perspektive reflektiert. Das Projekt
der Moderne scheint insgesamt unumkehrbar und zugleich alternativlos: «Weder
können wir zur einer vormodernen Formation zurück noch ist eine
neue Formation jenseits der Moderne in Sicht. Menschenrechte, Demokratie,
Rechtsstaatlichkeit und marktwirtschaftliche Koordination gehören zu
den Grundelementen dieses modernen Ensembles» (123). Die christliche
Sozialethik kann hierzu keine Alternative anbieten, sondern «muss
ihr Humanitätsziel unter modernen Bedingungen und mit modernen Instrumentarien
präzisieren» (124). Daneben birgt die Moderne (neben anderen
Gefahren, z.B. im Bereich moderner Technologien, der Ökologie oder
der Benachteiligung der Familie) auch das Risiko der Marginalisierung des
kulturell-weltanschaulichen Bereichs, die letztlich das Projekt der Moderne
von ihren Voraussetzungen her in Frage stellt. Theologie und Kirchen (in
Verkündigung, Erwachsenenbildung, Diakonie u.a.) kommt hier eine wichtige
Korrektivfunktion zu (92ff.), die der Förderung durch den Staat bedarf.
Christliche Sozialethik näherhin hat angesichts der Tendenz der Moderne,
weltanschauliche Fragen aus dem Wissenschaftsbetrieb zu eliminieren, die
Aufgabe, gerade diese Fragen in ihrem unverzichtbaren Stellenwert im wissenschaftlichen
und gesellschaftlichen Diskurs zu thematisieren und auf die (philosophisch
oder religiös vermittelten) weltanschaulichen Grundgewissheiten über
Wesen und Bestimmung des Menschen hinzuweisen, die an der Basis der Moderne
stehen (179).
Im dritten Teil zeichnet Anzenbacher Genese und Profil der katholischen
Soziallehre (als spezifische Ausprägung christlicher Sozialethik) von
der Vorgeschichte im 19. Jahrhundert bis zu Rerum novarum und im weiteren
Verlauf bis heute nach. Neben der kirchlichen Sozialverkündigung (bes.
die Sozialenzykliken und das Vatikanum II) werden die Positionen christlicher
Sozialethik der jeweiligen Epoche und die entsprechenden gesellschaftlich-politischen
Entwicklungen dargestellt. Es entsteht ein fundierter Gesamtüberblick,
der auch gescheiterte Ansätze und Modelle (z.B. Konzeptionen berufsständischer
Ordnung) oder die mitunter heftigen Auseinandersetzungen und Richtungskämpfe
zwischen Vertretern katholischer Soziallehre in der Vergangenheit (besonders
vor dem Zweiten Weltkrieg) nicht verschweigt. Im letzten Abschnitt (Kap.
3.3) werden die neueren Entwicklungen und Ansätze (Politische Theologie,
Befreiungstheologie, Neuansätze der christlichen Sozialethik
bes. von H. Büchele und F. Hengsbach) und die neuesten kirchlichen
Verlautbarungen bis zum gemeinsamen Wort der beiden grossen Kirchen in Deutschland
von 1997 (Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit) skizziert
und reflektiert und durch einen Seitenblick auf die evangelische Sozialethik
ergänzt. In einem Ausblick (Kap. 3.5) plädiert Anzenbacher für
ein Verständnis und eine Orientierung katholischer Soziallehre, die
einerseits ihre binnenkirchliche (Ethosbildung und Paränese) und gesellschaftlich-prophetische
Dimension wahrnimmt, in einem Prozess dynamischer Kontinuität zu ihrer
bedeutenden Tradition weiterentwickelt und auf die aktuellen Herausforderungen
in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten bezogen wird. Andererseits
sollte sie stärker teilkirchlich und basisorientiert ausgerichtet werden,
ohne die gesamtkirchliche Verdichtung ihres sozialen Ethos im universellen
Lehramt aus dem Blick zu verlieren. Als zentrale Subjekte haben entsprechend
die Glaubenden, die christlich-sozialethischen Fachvertreterinnen und -vertreter,
sowie die Träger des kirchlichen Lehramtes zu gelten, die jeweils in
ihrem Kompetenzbereich zusammenwirken sollen. Ein Konsultationsprozess im
Vorfeld kirchlicher Verlautbarungen (wie er derzeit auch in der Schweiz
stattfindet) wird als Zeichen positiver dialogischer Öffnung begrüsst,
der zugleich die öffentliche Resonanz erheblich zu steigern vermag.
Im 4. Kapitel entfaltet Anzenbacher die Prinzipen christlicher Sozialethik
anhand des klassischen Schemas von Personalität, Solidarität und
Subsidiarität, in denen es letztlich «um die Systematisierung
jener Grundgewissheiten über Wesen und Bestimmung des Menschen geht,
welche die Basis der Disziplin bilden» (178). Gleichwohl ist der Prinzipientraktat
kritisch auf die Moderne in ihrer je aktuellen Ausprägung zu beziehen
und im Sinne einer Artikulation prinzipieller christlicher Identität
in sich verändernden Kontexten ständig fortzuschreiben. Diesen
Anspruch löst Anzenbacher ein, indem er zum Beispiel unter Personalität
auch einen Abschnitt über den menschenrechtlichen Status der Person
einbezieht und die globale und interkulturelle Dimension der Menschenrechte
oder die aus der ökologisch-ethischen Debatte stammende Diskussion
um Anthropozentrik und den Status der aussermenschlichen Natur integriert
(192ff.). Auch die Begriffe Gemeinwohl und Subsidiarität bezieht er
jeweils auf die einzelnen gesellschaftlichen Teilsysteme, nicht ohne
gegenüber soziologischen und ökonomischen Reduktionismen
der zentralen gemeinwohlorientierten Koordinierungsaufgabe des politisch-rechtlichen
Systems einen systematischen Stellenwert und Primat zuzuweisen sowie globale
Regelungsdefizite und Gestaltungsnotwendigkeiten zu benennen (208, 219f.).
Anzenbacher hat mit seiner Einführung eine fundierte und verdienstvolle
Grundlegungs- und Systematisierungsarbeit geleistet. Nicht nur dass die
Grundlinien, Möglichkeiten und Grenzen der Christlichen Sozialethik
im Kontext der Moderne und ihre aktuellen Herausforderungen deutlich hervortreten,
ist hervorzuheben. Durch die kenntnisreiche geistes- und philosophiegeschichtliche
Verortung und Analyse, die an zahlreichen Stellen durchscheint, schlägt
Anzenbacher der Leserin/dem Leser eine hilfreiche Brücke in einem hochkomplexen
Feld aktueller Positionen und Problemfelder. Seine eigene Position bleibt
stets ausgewogen zwischen Weiterentwicklung und Bewahrung der Tradition.
Der konzise und systematisierende Charakter erlaubt auch die Nutzung quasi
als Handbuch zur aktuellen sozialethischen Debatte.
Freilich liessen sich auch Rückfragen an den Autor stellen hier
seien nur zwei kurz genannt. Wird der Anteil der christlichen Tradition
an der Moderne in einigen Aussagen nicht zu hoch gewichtet immerhin
waren hieran auch grundlegende neue Leitvorstellungen beteiligt, die nicht
aus der christlichen Tradition stammen oder völlig neue Bedeutungsgehalte
erhielten, zum Beispiel der Fortschrittsbegriff, das instrumentelle Naturverständnis
und anderes? Müsste nicht bei einer aktuellen Auslegung und Fortschreibung
der Sozialprinzipien die intergenerationelle Dimension und die Debatte um
ein eigenständiges Sozialprinzip für den ökologischen Bereich
(Nachhaltigkeit/Retinität) systematisch integriert werden? Damit soll
aber nicht der aufs Ganze gesehen positive Eindruck verwischt werden, den
das Werk hinterlässt.
Besonders hervorzuheben ist schliesslich ein Aspekt, der gerade im Bereich
theologisch-ethischer Einführungs- und Lehrbücher leider noch
keineswegs selbstverständlich ist: Das Buch vermag auch in didaktischer
Hinsicht zu überzeugen. In der komplexen Thematik bleibt der rote Faden
stets erhalten und immer wieder wird durch Querverweise die Verbindung zu
anderen Kapiteln hergestellt; ein Personen- und Sachregister bietet rasche
inhaltliche Orientierung. Auch Zusammenfassungen nach jedem Abschnitt, Definitionen
und Kernzitate, die klare, auch optisch differenzierte Untergliederung und
zahlreiche Graphiken helfen nachdrücklich bei der Bewältigung
der vielschichtigen Materie. Der für theologische Fachliteratur günstige
Preis von Fr. 32.50 rundet den positiven Gesamteindruck ab ein Buch,
das in keiner theologischen Handbibliothek fehlen sollte.
Der promovierte Theologe Wilfried Lochbühler ist Forschungsbeauftragter am Institut für Sozialethik der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
Eine Arbeitsgruppe «Bioethik» der Nationalkommission Justitia et Pax hat eine Studie zu einigen aktuellen Problemkreisen in der modernen Medizin erarbeitet; die Kommission hat eine erste Fassung der Studie diskutiert und die Veröffentlichung der überarbeiteten Fassung beschlossen. Unter dem Titel «Machbares Leben?» behandelt sie: 1. Moderne Medizin und christlicher Glaube, 2. Gentechnologie in der Humanmedizin, 3. Transplantationsmedizin, 4. Ethische Probleme am Lebensende.<2>
1 Arno Anzenbacher, Christliche Sozialethik. Einführung und Prinzipien, Paderborn u.a. (Schöningh/UTB für Wissenschaft) 1998.
2 Machbares Leben? Ethik in der Medizin, (Publikationsreihe der Schweizerischen Nationalkommission Justitia et Pax, Band 34), NZN Buchverlag, Zürich 1998, 113 S.
Kyrilla Spiecker, Meditationen zu Fresken in der Klosterkirche St. Johann Müstair, Calanda Verlag, Chur 1996, 88 Seiten.
Die bekannte Autorin Schwester Kyrilla Spiecker aus der Benediktinerinnenabtei Herstelle (Weser) wählt aus den zahlreichen romanischen Fresken der Klosterkirche von Müstair gut 30 biblische Darstellungen als Meditationsgrundlage aus. Kyrilla Spiecker will mit diesem Bändchen die kunsthistorische Produktion über Müstair nicht vermehren. Es ist ganz und gar der religiösen Meditation zuzuordnen. Doch mit den farbigen Reproduktionen der meditierten Bilder entsteht ein gepflegter Bildband. Kyrilla Spiecker geht an diese berühmten Bilder der Romanik mit scharfen klinischen Augen heran sie war einst praktizierende Ärztin. So haben wir einerseits doch eine gute Verständnishilfe zur Deutung romanischer Bildkunst und eine nüchterne Einführung in die religiöse Aussage der Bilder.