7/1999

INHALT

Neue Bücher

Konziliengeschichte

von Nestor Werlen

 

Die «Konziliengeschichte», die der spätere Bischof von Rottenburg, Karl Joseph (von) Hefele, in den Jahren 1855 bis 1874 in sieben Bänden herausgab (die Bände VIII und IX bearbeitete Joseph Hergenröther), blieb in der vom französischen Benediktiner Henri Leclercq erweiterten französischen Ausgabe (1905­1952) bis heute «Zitiergrundlage» jeder Konzilienforschung. Die Kirchengeschichte beschränkte sich seither auf die Darstellung der grossen Ökumenischen Konzilien (etwa Nizäa, Chalzedon, Trient, I. Vatikanum) oder bot ­ vor allem anlässlich der Ankündigung des II. Vatikanums ­ eine «Geschichte der Ökumenischen Konzilien» (z.B. Reihe von Gervais Dumeige-Heinrich Bacht). Die vielen Partikularkonzilien (-synoden) fielen damit unter den Tisch.
Diesem Defizit versucht Walter Brandmüller mit der Reihe «Konziliengeschichte» und der sie begleitenden Zeitschrift «Annuarium Historiae Conciliorum» (1996 erschien Jahrgang 28) entgegenzuwirken. Die Reihe hat zwei «Abteilungen»: eine erste, «Darstellungen» genannt, will Ökumenische und Partikularkonzilien (-synoden) darstellen. In dieser Abteilung (bis 1997 14 Bände) erschien unter anderem die dreibändige Darstellung des I. Vatikanischen Konzils aus der Feder des Frankfurter Jesuiten Klaus Schatz (Paderborn 1992­1994), wichtig vor allem deswegen, weil Schatz auf einige leidenschaftlich umstrittene Probleme dieses Konzils eingeht. Daneben sind aber auch wichtige Bände über Partikularkonzilien (z.B. von José Orlandis und Domingo Ramos-Lisson über die Synoden im westgotischen Spanien, von Odette Pontal über die Synoden im Merowingerreich oder über Synoden in verschiedenen Missionskirchen der Neuzeit) erschienen. Eine zweite «Abteilung» ­ «Untersuchungen» genannt ­ möchte das «Konzil als Ganzes thematisieren». Hier sind vor allem die vier Bände von Hermann Josef Sieben SJ über die «Konzilsidee» hervorzuheben.
Auf zwei Neuerscheinungen der «Konziliengeschichte» sei hier eigens hingewiesen. Einmal ist der zweite, abschliessende Band der Geschichte des Konzils von Konstanz von Walter Brandmüller erschienen.<1> Hatte sich der erste Band der dem Konzil vorausgehenden Verhandlungen zwischen König Sigismund und den drei «amtierenden» Päpsten, der Eröffnung und den ersten Sitzungen des Konzils sowie der auch für die Schweizer Geschichte (Thurgau) wichtigen Flucht von Johannes XXIII. gewidmet, um mit dem Prozess, der Verurteilung und Verbrennung von Jan Hus zu enden, so stehen im Mittelpunkt des zweiten Bandes die vergeblichen Bemühungen, den in Spanien auf einer Burg in seiner Verbitterung vereinsamten Benedikt XIII. zum Rücktritt zu bewegen, die Wahl des neuen Papstes Martin V. und damit die Heilung der «verfluchten Dreiheit» der Päpste sowie die Reformverhandlungen. «Dass die Kirchenspaltung überwunden, die hussitische Glaubensspaltung hingegen vertieft und verschärft, und der theologisch unbewältigte Konziliarismus der Kirche als belastendes Erbe hinterlassen wurde, kennzeichnen Grösse und Grenzen der bis dahin bestbesuchten und längsten Kirchenversammlung der Geschichte.»
Als Beispiel der Darstellung der Geschichte von Partikularkonzilien (-synoden) soll auf den Band von Joseph Anton Fischer und Adolf Lumpe über «Die Synoden von den Anfängen bis zum Vorabend des Nicaenums» hingewiesen werden.<2> Das Buch beginnt mit der Frage, warum eigentlich Kaiser Konstantin ­ oder wer immer in seiner Umgebung die Idee als erster vorschlug ­ die Institution eines «Konzils» in die Diskussion brachte, um die Auseinandersetzung mit dem alexandrinischen Presbyter Arius, die vor allem im Osten des Imperiums hohe Wellen schlug, endlich zu beruhigen. Man hatte schon einige gute Erfahrungen mit diesem «Instrument» des Friedens in der Alten Kirche gemacht, etwa bei der theologischen Diskussion mit den Montanisten, bei den Gegensätzen um Origenes oder Paulus von Samosata, den Vertrauten der Königin von Palmyra. Der Band hat eine verwickelte Entstehungsgeschichte: Joseph Anton Fischer, vor allem durch seine Übersetzung und Erklärung der Schriften der «Apostolischen Väter» bekannt, hatte schon früh mit den Arbeiten an diesem Band begonnen. Bereits bald aber musste Fischer, befallen von einer schweren Krankheit, erkennen, dass er das Werk nicht zu Ende führen könne. Er veröffentlichte darum die bereits erarbeiteten Kapitel als Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften. Nach dem Tod Fischers (1988) übernahm Adolf Lumpe die Aufgabe, «aus diesen Bausteinen ein in sich geschlossenes Werk zusammenzufügen», was bedeutete, dass er einige Teile selbst erarbeiten musste. Daraus entstand jetzt dieses für die alte Kirchengeschichte wichtige Werk.
Es gibt das bösartige Wort: wissenschaftliche Beiträge in Festschriften seien eine «Beerdigung erster Klasse». Sicher sind Festschriften in erster Linie die Ehrung eines verdienten Forschers. In der «Festschrift Walter Brandmüller» mit dem Titel «Synodus. Beiträge zur Konzilien- und allgemeinen Kirchengeschichte»<3> haben sich 40 Forscher aus dem Freundeskreis des Geehrten und den Autoren der Reihe «Konziliengeschichte» zusammengefunden. Es kann hier nicht darum gehen, auf alle Beiträge, die «epochal umfassend» sind, einzugehen. Auf zwei sei eigens hingewiesen.
Odette Pontal hat in ihrem Beitrag «Survivances Païennes. Superstitions et Sorcellerie au Moyen Age d'après les Décrets des Conciles et Synodes» ein Thema aufgegriffen, das für die Beurteilung der Volksfrömmigkeit von Bedeutung ist, denn «beaucoup de ces survivances se sont maintenues jusqu'à nos jours». Die Beiträge zeichnen sich durch seriöse und emotionslose Darlegung der Themen aus.
Man wäre dankbar, wenn man das auch vom Beitrag von Wilhelm Imkamp über den «Modernismus in Bayern» sagen könnte. Imkamp situiert die heutige Forschung über den Modernismus irgendwo zwischen «unkritischer Lehramtsapologetik» und «simpler Rehabilitationshistoriographie». Man darf Imkamp bescheinigen, dass er keineswegs der Versuchung erlegen ist, die Modernisten in Bayern zu «rehabilitieren». Man hat den Eindruck, er empfinde besondere Lust daran, diesen Theologen vor allem nachzuweisen, dass sie irgendwann einmal geheiratet hätten. Es wäre aber ebenso aussagekräftig, wenn Imkamp sich der Frage gestellt hätte, warum diese von der Kirche nicht immer sehr sanft behandelten Theologen diesen Weg gegangen sind. Der Beitrag ist zudem leseunfreundlich, denn er gleicht einem ausgeleerten Zettelkasten. Nochmals: Es wäre falsch, die reichhaltige Festschrift einzig aufgrund dieses weniger gelungenen Beitrages negativ beurteilen zu wollen.


Anmerkungen

1 Walter Brandmüller, Das Konzil von Konstanz 1414­1418. Band II: Bis zum Konzilsende (Konziliengeschichte: Reihe A: Darstellungen).

2 Joseph Anton Fischer ­ Adolf Lumpe, Die Synoden von den Anfängen bis zum Vorabend des Nicaenums (Konziliengeschichte: Reihe A: Darstellungen).

3 Synodus. Beiträge zur Konzilien- und allgemeinen Kirchengeschichte. Festschrift Walter Brandmüller hrsg. von Remigius Bäumer, Evangelos Chrysos, Johannes Grohe, Erich Meuthen und Karl Schnith.

Alle drei Bücher sind im Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 1997, erschienen.


Kirche heute

Bischof Kurt Koch, Kirche ­ um Gottes willen! Unzeitgemässe Reden gegen den Trend, Paulusverlag, Freiburg Schweiz 1998, 272 Seiten.

Das Buch enthält Ansprachen und Predigten, die der Bischof von Basel Kurt Koch im ersten Jahr seines Wirkens als Bischof gehalten hat. Ihr Grundakkord ist die Kirche mit ihrer heutigen Problematik, die doch auf dem Weg in die Zukunft ist. Das soll nicht ein Kirchenbild mit überzogenen Träumen und triumphalistischen Ansprüchen sein ­ es ist die Kirche in ihrer aktuellen Krise, mit Karfreitagserfahrungen und österlicher Hoffnung. Bischof Kurt Koch wird nicht müde, die weit verbreitete Kirchenverdrossenheit und den grassierenden Kirchenfrust aufzuarbeiten. Er stellt dem Pessimismus von heute die Gemeinschaft mit Gott gegenüber, aus der die Kirche lebt, mit der sie steht oder fällt. So stellen sich die Auftritte des Bischofs als ein Programm dar, das aktueller und dringlicher nicht sein könnte.

Leo Ettlin


Toleranz

Bernhard Häring und Valentino Salvodi, Toleranz. Eine tägliche Herausforderung, Verlag Styria, Graz 1998, 128 Seiten.

Bernhard Häring, der hochbetagte Wegbereiter einer «neuen Moral», greift hier mit seinem Schüler Valentino Salvodi, der viele Jahre als Seelsorger in mehreren Ländern Asiens und Afrikas wirkte, im neuen Buch über die Toleranz eine Problematik auf, die heute in der Situation einer multikulturellen Gesellschaft von hoher ausschlaggebender Aktualität ist. Die beiden Autoren entlarven die Intoleranz als Angst um die eigene Identität und Furcht vor Einschränkungen in der Lebensqualität. Nüchtern und sachlich wird dargelegt, dass solche Ängste unbegründet sind. Die Herausforderung der multikulturellen Gesellschaft kann auch zur beglückenden Bereicherung werden. Geübte Toleranz ist Vorstufe zur Solidarität und führt zu universaler Brüderlichkeit. Natürlich kommt auch der Dialog mit den Religionen ­ die ökumenische Toleranz ­ zur Sprache.

Leo Ettlin


Sakramententheologie

Franz-Josef Nocke, Sakramententheologie. Ein Handbuch, Patmos Verlag, Düsseldorf 1998, 300 S.

Franz-Josef Nocke von der Universität-Gesamthochschule Essen hat ein zweibändiges Handbuch der Dogmatik herausgegeben, das allseits gut aufgenommen wurde. Die vorliegende Sakramententheologie ist ein Separatum des Dogmatikkompendiums. Er enthält jenen Teil der Dogmatik, mit dem die seelsorgerliche Praxis am meisten in Berührung kommt; und die Darstellung dieser Sakramententheologie ist bei aller wissenschaftlichen Seriosität durchaus praxisbezogen. Franz-Josef Nocke gibt sich alle Mühe, die heutige Problematik zu klären. Speziell ist die dogmengeschichtliche Entwicklung der einzelnen Sakramente eingehend behandelt. Es ist ein Buch, das in der Verkündigung gute Dienste leisten kann und auch zum privaten Nachholstudium geeignet ist.

Leo Ettlin


Heilige aus Mittelitalien

Walter Repges, Assisi ­ Siena ­ Montecassino. Unterwegs mit Franziskus und Clara, Katharina und Benedikt, Verlag Josef Knecht, Frankfurt a.M. 1997, 192 Seiten.

Der ehemalige Botschafter der Bundesrepublik Deutschland im Vatikan, Walter Repges, ist ein historisch und theologisch fein gebildeter Mann, versehen mit einem zarten Sensorium für historische Landschaften und ihre Ausstrahlung. Seine Reise durch Mittelitalien ­ Umbrien und Toscana ­ orientiert sich an vier Heiligen, die durch diese Landschaft geprägt wurden und die ihr selber wieder den Stempel ihrer geistlichen Eigenart einprägten: den aus Nursia (Norcia) stammenden Mönchsvater Benedikt, die beiden Armen von Assisi: Bruder Franz und Schwester Klara, und Katharina, die kühne Dominikanernonne aus Siena. Walter Repges will keinen Baedecker oder Dumont, die mit Zahlen aufwarten, ersetzen. Er zeigt aber eindrücklich, was hinter solchen Informationen an kulturellen und religiösen Erlebnissen zu finden ist.

Leo Ettlin


Ikonen

Kurt Weitzmann, Gaiané Alibegasvili, Aneli Volskaja, Gordana Babiç, Manolis Chazidakis, Mihail Alpatov, Theodora Voiunescu, Wilhelm Nyssen, Die Ikonen, Verlag Herder, Sonderausgabe 1998 (Reprint von 1982), Freiburg i.Br., 419 Seiten.

Wie so viele moderne Bildbände ist auch dieser opulente Ikonenband eine Augenweide, von der sich der aufmerksame Beobachter nicht gerne trennt und wohl noch öfter wieder darauf zurückkommt. Speziell zu erwähnen sind aber die hervorragenden, instruktiven Textbeiträge von acht international anerkannten Experten. Dieses Autorenkollektiv betrachtet das Thema Ikonen nach verschiedenen Aspekten: umfassend historisch, spirituell und liturgisch. Die Ikonenmalerei wird auch regional mit ihren spezifischen Merkmalen differenziert: Byzanz, Syrien, Sinai, Griechenland, Georgien, Russland, Serbien und über die Walachai bis zum Moldauraum.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999