45/1999

INHALT

Kirchliche Berufe

Sorge um die Identität des Priesters oder "Fürchte dich nicht!"

von Felix Terrier

 

Im Jahre 1994 musste der damalige Pfarrer von Baden seinen Dienst aufgeben, weil er heiraten wollte. Anlässlich dieser Demission verfasste ich, bewegt von Wut und Trauer, einen längeren Brief an meine Priesterkollegen im Kanton Aargau. Grund meiner Trauer und meiner Empörung war die Lieblosigkeit der Kirchenleitung, der es wichtiger zu sein schien, dass das System des zölibatären Priestertums erhalten bleibe, als dass die Menschen die Liebe Gottes in den sakramentalen Zeichen feiern könnten. Aus dieser tiefen Betroffenheit heraus lud ich damals die Priester des Kantons Aargau ein, als Ausdruck unserer Trauer über diese Situation an einem Sonntag im Sommer 1994 auf die Feier der Eucharistie zu verzichten. Ich hatte bewusst dieses Zeichen der Trauer gewählt, weil es in der Kirche schon wohl bekannt ist und regelmässig praktiziert wird. Jeweils am Karfreitag begegnet die Kirche der beispiellosen Lieblosigkeit der Menschen, für die das Kreuz ja auch Symbol ist, mit eben einem solchen Verzicht auf die Feier der Eucharistie. Meine Einladung wurde damals nicht verstanden, als untauglich, von einigen sogar als unerhört eingestuft. Einige meiner Brüder im Priesteramt reagierten hilflos, andere eher ungehalten, lieblos und beleidigend.<1> Aus einigen Reaktionen war auch mehr oder weniger deutlich die ängstliche Frage nach der eigenen Identität herauszulesen, die sich etwa in folgende Worte fassen lässt: «Priestersein heisst Eucharistie feiern ­ was bleibt also von meiner Identität als Priester, wenn ich auf die Feier der Eucharistie verzichte?»
Damals schon wühlten mich diese Reaktionen sehr auf, denn mein Priestersein hat eine ganz andere Seinsgrundlage, der diese Angst fremd ist. Priesterlich leben heisst für mich, etwas von dem zu leben versuchen, was Jesus gelebt hatte. Ich verstand und verstehe meine Weihe daher zum einen als Ausdruck von Gottes verbindlichem Ja zu mir und von meinem verbindlichen Ja gegenüber Gott, seiner Botschaft und auch seiner Kirche. Zum andern ist sie auch Auftrag, diese wechselseitige Verbindlichkeit in der Welt zu bezeugen und zu leben. Für beides aber ist nicht die Vorsteherschaft in der Eucharistie die vornehmliche oder gar ausschliessliche Ausdrucksform. Ich möchte damit natürlich in keiner Weise sagen, dass diese Verbindlichkeit Gott und seiner Botschaft gegenüber und das Zeugnis dafür nicht auch ganz anders gelebt werden kann als im Dienst als Priester in dieser Kirche, aber es ist ein Weg, und es war und ist nun einmal mein Weg!

Änderung der Zulassungsbedingungen ­ eine Sorge?

Heute sind in vielen Pfarreien die Auswirkungen des Priestermangels unübersehbar und oft schmerzlich spürbar geworden. Auseinandersetzungen über die Gottesdienstformen und über die ordentliche Feier der Sakramente beschäftigen die Pfarreien an vielen Orten. Besonders häufig werden dabei die sonntägliche Wortgottes- oder Eucharistiefeier wertend einander gegenübergestellt. Angesichts solcher für Priester und Nicht-Priester (Diakone und Laien) spür- und erlebbaren Auswirkungen des Priestermangels, wird gerade die Frage nach der eigentlichen Identität der Priester immer wieder aufgeworfen. Sie diente und dient dabei oftmals auch als scheinbar unumstössliches Argument gegen alle Änderungen in der Ausgestaltung der kirchlichen Weihen und Ämter. So hatte zum Beispiel Bischof Kurt Koch den Dekanen des Bistums Basel im September 1997 mitgeteilt, «dass im Vatikan die Änderungen der Zulassungsbedingungen für das priesterliche Amt nicht als Möglichkeiten gesehen werden, da dort die grosse Sorge bestehe, dass die Identität des Priesters ausgehöhlt werden könnte»<2>. Durch diese Sorge der Kirchenleitung wurde ich damals erneut aufgerüttelt, meine Identität als Priester vertieft zu reflektieren. Ich stellte dabei sehr bald fest, dass ich für meine Person diese oben genannte Sorge überhaupt nicht teilen kann. Gerade deshalb lässt es mich nicht unberührt, dass «die Identität des Priesters» als Begründung hinhalten muss, wenn die Bischöfe sich scheuen, endlich notwendige Schritte zur Änderung der Zulassungsbedingungen zum kirchlichen Amt zu tun! Es ist nämlich gerade für mich als Priester nur schwer zu verstehen, in welcher Art eine Änderung dieser Zulassungsbedingungen meine Identität bedrohen oder gar aushöhlen sollte. Man darf wohl davon ausgehen, dass mit den in Frage stehenden Zulassungsbedingungen in erster Linie das Geschlecht und der Zölibat gemeint sind, und nicht die Versprechen zum Gehorsam oder zum regelmässigen Gebetsleben. Was das Geschlecht betrifft, so ist sich die heutige Theologie weitgehend einig, dass es keine theologisch relevanten Gründe gibt, anzunehmen, dass die Priesterweihe eine exklusiv männliche Identität verlange, und Gott nicht auch Frauen dazu berufen würde und könnte. Die in diesem Zusammenhang bisweilen anzutreffende Engführung, dass Jesus als Mann nur durch einen Mann repräsentiert werden könne, kann heute tatsächlich nur noch belächelt werden<3>. Aber selbst wenn diese Frage endgültig aus der Diskussion ausgeschlossen werden sollte, wie Johannes Paul II. in Ordinatio sacerdotalis verlangt, so müsste doch zumindest eine Änderung jener Zulassungsbedingung möglich sein, die nicht das Geschlecht betrifft. Wenn nun auch dies aus Sorge um eine Aushöhlung der Identität des Priesters trotzdem nicht möglich sein soll, so kann das nur dann verstanden werden, wenn die Ehelosigkeit sozusagen den Kern und den wesentlichen Inhalt der Identität des Priesters ausmachen sollte. Oder aber, wenn sie recht eigentlich als Last oder Opfer verstanden wird, das mit einem kirchlichen Amt und der damit verbundenen Stellung in der Hierarchie quasi «entschädigt» werden soll. Wer so empfindet, der muss tatsächlich sein Selbstverständnis als Priester arg in Frage gestellt sehen, wenn jemand, der diese «Last» nicht tragen soll, dennoch zum gleichen Dienst beauftragt wird. So oder so wird die Kirchenleitung ihre Sorge um den Verlust der Identität der Priester bei einer Änderung der Zulassungsbedingungen zur Ordination wohl dringend erklären müssen, zumindest in der Frage des Zölibats. Dies vor allem deshalb, weil der Zölibat in der gesamten katholischen Ostkirche keine Voraussetzung zum Priesteramt darstellt, und sogar in der katholischen Westkirche nach geltendem Kirchenrecht von der Ehelosigkeit durchaus dispensiert werden kann<4>. Damit macht ja die Kirche selbst deutlich, dass der Zölibat keinesfalls zum Kern der priesterlichen Identität gehören kann. Die Frage also drängt sich auf, was sich wirklich hinter dieser Sorge der Kirchenleitung versteckt?

Beauftragung von Laien ­ eine Sorge?

Vor etwa zwei Jahren rückte vermehrt auch wieder die Beauftragung von Laien und vor allem ihre Beauftragung zur Feier der Sakramente ins Zentrum der Diskussion.<5> In diesem Zusammenhang könnte eine Sorge um eine Bedrohung oder Aushöhlung der Identität des Priesters allenfalls eher verstanden werden, geht es doch ­ anders als beim oben Gesagten ­ nicht um eine einfache Änderung der Zulassungsbedingungen zur Ordination als vielmehr um ein echtes Nebeneinander verschiedener Berufungen im gleichen kirchlichen Dienst.<6> Jedoch auch in diesem Falle ist eine wirkliche Bedrohung oder Aushöhlung der Identität der Priester nur schwer auszumachen. Gewiss würde meine Identität davon in Frage gestellt, wenn ich mich als Priester primär von meiner Funktion, nicht aber von meinem Sein her verstehen würde. Wenn ich meine Identität also durch das definieren würde, was ich kann, darf und soll und nicht durch das, was ich bin und lebe. Das aber darf nun wirklich nicht sein! Als Priester verstehe ich mich doch nicht zuerst und wesentlich als Funktionär. Vielmehr finde ich meine Identität in meiner Berufung, in meiner Gottesbeziehung und in meiner Verbundenheit mit dem Evangelium. Von der Kirche ­ so denke ich ­ bin ich als Priester beauftragt, einzustehen für das Reich des kommenden Herrn. Ich bin beauftragt und geweiht dazu, herauszustehen zugunsten eines Ganzen, fernab jeglicher Machtansprüche und Selbstgefälligkeiten, im ständigen Bewusstsein darum, dass «die Herren der Welt kommen und gehen, unser Herr kommt»<7>.
Nun mag eine Beauftragung von Laien für die Feier von Sakramenten ohne eine geeignete Form der Ordination zwar theologisch zweifelhaft sein, aber sie stellt deshalb noch keinen wirklichen Grund zur Sorge um die Identität der Priester dar.<8> Eine solche Beauftragung hätte ja nicht zur Folge, dass die Priester von der Vorsteherschaft beim Feiern der Sakramente ausgeschlossen wären, aber sie würden sich diesen Dienst fortan mit beauftragten Laien teilen können. Was, wie ich meine, durchaus zum Wohl der Menschen und zum Wohl unserer Kirche, und damit wohl im Sinne Gottes wäre. Wenn also die Sorge um die Identität des Priesters dadurch zunehmen soll, dass auch Frauen und Männer mit einer vom Priester verschiedenen Berufung zu gleichen Diensten in der Kirche beauftragt würden, dann könnte sich durchaus die Frage aufdrängen, ob diese Sorge nicht eher auf die Wahrung von Machtverhältnissen und auf eine Art von «Besitzstandwahrung» der Priester hinzielt. Dies mag vielleicht menschlich durchaus verständlich sein, hat aber wenig mehr mit einer echten Identität des Dienens zu tun, die nach meiner Meinung Grundmotiv jedes kirchlichen Amtes sein sollte.

Keine Veränderung ­ eine Sorge!

Nun ist es aber nicht so, dass ich mir um die Identität des Priesters überhaupt keine Sorgen machen würde. Echte Sorge bereiten mir aber nicht die Forderung nach Änderung der Zulassungsbedingungen zur Ordination und die Beauftragung von Laien, sondern die Antworten, die die Kirchenleitung auf diese Fragestellungen hat. Es bereitet mir grosse Sorge, dass durch die Verweigerung jeglicher Wandlung ein bestimmtes Priesterbild aufgebaut und gefördert wird, das viele Menschen, auch kirchlich engagierte, mehr mit Gesetzlichkeit als mit Liebe in Zusammenhang bringen, mehr mit Abstand zu ihren Lebenssituationen als mit Nähe zu ihren Freuden und Nöten, mehr mit Macht und persönlicher Stellung als mit Dienst am Heil, jedenfalls mit allem mehr als mit Wandlung. Und das ist meiner Meinung nach das wirklich Tragische in dieser Angelegenheit und eine echte Katastrophe für meine Identität als Priester! Dass diese Sorge nicht aus der Luft gegriffen ist, bestätigen mir immer wieder Gespräche mit engagierten Christinnen und Christen, mit Menschen innerhalb und ausserhalb der Kirche. Es ist nicht zuletzt auch dieses Bild des Priesters, das sie von der Kirchenleitung gezeichnet bekommen, das immer wieder gläubige Menschen aus der Kirche treibt und kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbittert und sie resignieren lässt.
Mein Priestersein hat sehr viel mit Begeisterung zu tun, mit Freude an der Frohen Botschaft, mit Hoffnung auf Befreiung zum Heil und es hat viel zu tun mit Wandlung. Meine Identität als Priester gründet auf den Glauben an die durch den Heiligen Geist geschenkte Wandlung, auf Wandlungsfähigkeit und auf der Bereitschaft, Wandlung zuzulassen an mir selbst und an der Kirche. Meine Identität als Priester lebt von diesem Vertrauen und von dieser Hoffnung. Wo aber Vertrauen fehlt, da greift Angst um sich. Mir scheint, es ist diese Angst, die unter anderem aus den Weisungen der deutschschweizer Bischöfe zu den sonntäglichen Wortgottesfeiern und ganz deutlich auch aus der genannten Instruktion des Vatikans «zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester» herauszuhören ist. Angst blockiert statt zu befreien. Sie ist ein schlechter Wegweiser für die, die sich nach umfassender Wandlung sehnen und echte Wandlung feiern wollen. Sie ist kein theologisches Argument, und sie hat schon gar nichts mit der frohen Botschaft zu tun. «Fürchte dich nicht», sprach der Engel, und das erlösende Heil fand einen Platz im Menschen.<9> Angst spaltet von dieser Heilshoffnung ab, verschliesst die Herberge für Menschen guter Hoffnung und führt die von Misstrauen Geleiteten aus der Gemeinschaft der Hoffenden und Vertrauenden heraus. Diese Spaltung spüren heute viele Menschen so, dass für sie ­ wie für mich ­ die Bitte um den Heiligen Geist, dass Wandlung geschehe in unserer Mitte, und «dass alle Glieder der Kirche die Zeichen der Zeit verstehen und wachsen in der Treue zum Evangelium»<10>, zur wirklichen Kirchen- und Lebenshoffnung wird.

Dieser Artikel ist im Herbst 1997 entstanden, als die so genannte «Instructio» an vielen Orten zum Teil sehr heftige Diskussionen ausgelöst hatte. Er konnte damals in der SKZ nicht veröffentlicht werden. Auf Anfrage der Redaktion der SKZ wurde er vom Verfasser für die Artikelreihe «Kirchliche Berufe» in der SKZ neu überarbeitet.

 

Felix Terrier ist Priester im Pfarreienverband Zurzach-Studenland.


Mitarbeit im Pfarreirat

Einen ehrenamtlichen kirchlichen Dienst leisten landauf, landab unsere Pfarreiräte. Viele Pfarreiratsmitglieder, aber auch Seelsorger und Seelsorgerinnen ringen um die Identität und die sinnvolle Aufgabengestaltung dieses verhältnismässig neuen Gremiums. Für sie hat Claudia Mennen, einen Leitfaden geschrieben. Schon der Untertitel «Heute gestalten wir die Kirche von Morgen» lässt erkennen, dass dieser «Leitfaden für die Arbeit im Pfarreirat» theologisch und pastoral ansetzt ­ bei den Grundaufgaben einer christlichen Gemeinde und den Zukunftsaussichten unserer Pfarreien; dann erst ist von den Zuständigkeiten, Kompetenzen und Aufgaben des Pfarreirats die Rede; beschlossen wird der Leitfaden mit Tipps für eine Neugründung.<11>

Redaktion


Anmerkungen

1 Etliche Reaktionen von Gläubigen machten damals deutlich, wie sehr Laien oft anders empfinden als Ordinierte. Die überwältigende Mehrheit jener Frauen und Männer nicht nur aus der Schweiz, die mir gegenüber reagiert hatten, verstanden das Zeichen offenbar sehr wohl und waren dankbar dafür.

2 KIPA-Dienst, Nr. 267, Mittwoch, 24. September 1997. (Leider ist aus dieser Meldung nicht ersichtlich, ob Bischof Kurt Koch diese Sorge teilt oder nicht.)

3 Vgl. dazu unter anderem auch Hermann Häring, Von Jesus nicht ermächtigt?, in: Concilium Nr. 3, 35. Jahrgang vom Juni 1999.

4 Vgl. CIC Can. 1047 § 2 Ziff. 3

5 Vgl. unter anderem Dietrich Wiederkehr, Grenzbereinigung in der katholischen Kirche, in: Neue Luzerner Zeitung vom 31.7.1997; vgl. auch Helmut Hoping, Gemeindeleitung, Eucharistie und Priesteramt (1+2), in: SKZ 46/1997 und SKZ 47/1997.

6 Interessant ist die Tatsache, dass die theologisch schwierigere Beauftragung von Laien erst in grösserem Masse in die Diskussion eingebracht worden ist, als eine Bewegungslosigkeit der Kirchenleitung in der einfacheren Frage der Zulassungsbedingungen festgestellt werden musste.

7 Dieser Ausspruch des ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Gustav Heinemann diente Kurt Marti als Grundlage für den Liedtext des Liedes mit der Nr. 507 im neuen KG.

8 Persönlich bin ich der Meinung, dass für diese verschiedenen Berufungen, die durchaus auch den selben Dienst ausüben könnten, eine geeignete Form der Ordination gefunden werden müsste, wozu die Kirche zwar befähigt, die Kirchenleitung aber nicht gewillt ist. Vgl. dazu auch die Artikel von Adrian Loretan und Helmut Hoping, in: Denise Buser und Adrian Loretan (Hrsg.), Gleichstellung der Geschlechter und die Kirche, Freiburg 1999 (= Band 3 der Freiburger Veröffentlichungen zum Religionsrecht).

9 Vgl. Lk 1,30ff.

10 Hochgebet für die Kirche in der Schweiz: Jesus führt die Kirche.

11 Bestelladresse: Regionaldekanat, Klosterstrasse 12, 5400 Baden, Telefon 056-426 08 71, Fax 056-426 09 37, E-Mail regionaldekanat@active.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999