41/1999

INHALT

Kirchliche Berufe

Priester unter erschwerten gesellschaftlichen Bedingungen

von Heinz Angehrn

 

Gelegentlich wird geklagt, dass es in den «guten alten Zeiten» unantastbare Autoritäten im Sozialgefüge von Dorf und Stadt gab, die gerade durch ihre Unantastbarkeit Sicherheit und Stabilität vermittelten. Der Bürgermeister und der Pfarrer in der Stadt (literarisch unvergesslich in der Emilia-Romagna verewigt von Giovannino Guareschi), der Dorfarzt und Dorflehrer (der aber schon gehörig entmythologisiert bei Jeremias Gotthelf) ­ sie alle gehörten zu einer nicht hinterfragbaren, geradezu «unfehlbaren» Spezies.

1. Die «Entmythologisierung» der gesellschaftlichen Autoritäten ­ eine Chance

Im Gespräch mit Medizinern und Politikern ist mir schon aufgefallen, wie traurig viele von ihnen auf die Entwicklung der letzten 30 Jahre reagieren, durch die sie zu Alltagsmenschen wurden, denen wie allen andern auch zugetraut wird, dass sie Schwächen haben und Fehler begehen können. Wie wohltuend diese Entwicklung aber gerade für die Betroffenen selber sein könnte, indem sie von einem unheimlich-unmenschlichen und zudem meist schon internalisierten Erwartungsdruck befreit werden oder zumindest befreit werden könnten, wird in diesem Klagen und Bedauern oft verdrängt ... Kurz gesagt: Gerade für Kleriker ist die «Normalisierung» der gesellschaftlichen Sicht ihrer Position und Tätigkeit eigentlich eine riesige Chance, zumal es dafür einen Gegentrend gibt, der neue und hohe Anforderungen stellt:

2. Steigender Erwartungsdruck als gegenläufige Tendenz

Vielen von uns Seelsorgern/Seelsorgerinnen ist wohl der Artikel «Suche Pfarrer, biete Weinberg» von Walter Brunner in der «Weltwoche» (99/19, S.71) sehr wohl aufgefallen, in dem dieser anhand von Stelleninseraten, in denen katholische und evangelische Gemeindeverantwortliche gesucht werden, aufzeigt, mit welchen monumentalen und meist überfordernden Erwartungen diese heute konfrontiert werden. In einer bereits hoch individualisierten Gesellschaft wird vom Seelsorger, von der Seelsorgerin ja erwartet, dass sie jedem Gemeindeglied in seiner besonderen persönlichen Situation immer und rechtzeitig exakt gerecht werden, dass sie immer zu 120% spontan, offen und persönlich sind, dass sie nie zu Floskeln Zuflucht nehmen, dass sie «tolerant, offen, ehrlich, kontaktfreudig, kommunikativ, volksnah, ausgesprochen team- und organisationsfähig, belastbar, konfliktfähig» (Inserat der Evangelischen Kirchgemeinde Schönenwerd gemäss W. Brunner) sind. Die Folgerung aus der Betrachtung der Inserate, der wohl zugestimmt werden kann, lautet denn auch: «Keiner lebt besser als die Seelsorger. Dies jedenfalls machen die Stelleninserate glauben. Zwischen den Zeilen kommen jedoch Anforderungen zum Vorschein, die oftmals übermenschlich sind.»

3. Der «Kleriker» als von beiden Trends zusätzlich herausgeforderte Spezies

Zum letzten Mal, um meine Mitbrüder nicht zu erzürnen, verwende ich nochmals den hässlichen Begriff «Spezies». Viele der unter 1. und 2. gemachten Beobachtungen und Äusserungen kulminieren nämlich beim katholischen Priester in einer Art und Weise, dass es überspitzt formuliert möglich ist, hier aus einem Amtsträger den in ihm schlummernden und hoffentlich auch lebenden Menschen so zu entfernen, dass der bewusste Amtsträger immer noch funktionieren würde und durchaus gesellschaftlich-kirchlich anerkannt wäre. Nun ist es zwar wohl so, dass im Gefolge der «Entmythologisierung» auch Priestern nicht mehr alles geglaubt wird, dass gerade auch ihre Predigten und Wortmeldungen hinterfragt und diskutiert werden, ja dass auch charakterliche Unarten durchaus öffentlich kritisiert werden. Doch gleichzeitig wird vor allem von den Priestern, die als kirchenrechtliche Gemeindeverantwortliche meist in grösseren Pfarrei- oder Seelsorgeverbandsgebilden arbeiten und meist damit verbunden ein grösseres Team von Laienmitarbeitern/Laienmitarbeiterinnen verschiedener Ausbildung und Couleur leiten, immer mehr verlangt, dass sie wenn immer möglich, «allen alles» sein sollen. Diese Erwartungen kommen nach meinen Beobachtungen ­ und das macht die Sache nicht besser ­ meist gleich von drei Seiten: von den Pfarreiangehörigen, den Mitarbeitern/Mitarbeiterinnen im Team und auch von Bischof und Bistumsleitung. Ein klassisches Zitat von Bischof Ivo Fürer dazu: «Für mich ist sehr wichtig, dass die grossen Pfarreien meines Bistums gut besetzt sind.» Wohl wahr und richtig, aber für die betroffenen 10 bis 15 Pfarrer ein hoher Anspruch!

4. Die Krise als Spezifikum priesterlichen Lebens. Ansätze bei E. Drewermann und W. Müller

In diesem Abschnitt möchte ich nicht primär pastoraltheologisch argumentieren und die beiden genannten Ansätze im ganzen Ausmass würdigen, sondern von meiner Tätigkeit als Dekan, Mitglied der Kommission «Bischöfe ­ Priester», die sich seit geraumer Zeit ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt, und als ganz direkt betroffener Präsident der «Solidarität der Priester der Schweizer Diözesen» her werten und zusammenfassen.
Wenn ich richtig sehe, zeigen die beiden durchaus schon jetzt als Standardwerke zu bezeichnenden Arbeiten von Eugen Drewermann (Kleriker. Psychogramm eines Ideals, Walter-Verlag, Olten) und Wunibald Müller (Die Ehre Gottes ist der lebendige Mensch. Selbstverwirklichung als Menschwerdung, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz) zwei verschiedene Etappen der katholischen Kirchengeschichte dieses Jahrhunderts mit den jeweils in ihnen enthaltenen Fallen und Abgründen für die Kleriker auf. Drewermann kann vor dem Hintergrund der Priesterausbildung (und auch der klösterlichen Gehorsamsspiritualität) bis gegen 1970 hin vor allem die These darlegen, dass in der kirchlichen Sicht lange der Kleriker der Beste, Brauchbarste und Fördernswerteste war, der sich seine eigene Identität nehmen und dafür eine durch die Hierarchie definierte neue überstülpen liess (etwa im grausamen Satz: «Nur jemand, der diese Umstülpung des Daseins, diese Schwergewichtsverlagerung vom Persönlichen in das Institutionelle, aus eigenem Bedürfnis an sich vollziehen lässt, ja, der sie als eine gnädige Befreiung von sich selber und zugleich zu sich selber erlebt, entspricht in vollem Sinne dem Idealzustand der klerikalen Psyche.» S.84f.). Müller hingegen fängt das in der theologischen Ausbildung und spirituellen Förderung der wenigen Priesteramts- und Ordenskandidaten/Ordenskandidatinnen nach 1970 neu entstandene Ideal, als Kleriker mehr den Bedürfnissen und Erwartungen der anderen als den eigenen zu entsprechen, sich also zum Projektionsobjekt machen zu lassen, auf (auch hier ein grausamer Satz: «Ich möchte nicht wissen, wie viele Seelsorger und Ordensleute sich in diesen Käfig der Projektionen und Erwartungen der Menschen um sich herum haben sperren lassen oder immer noch einsperren lassen, um den Preis, zunächst einfach ihres Menschseins, dann ihrer persönlichen Entwicklung und Entfaltung oder um den Preis des Zulassens und Erlebens von dem, was ihnen Freude, Erfüllung und Spass bereitet.» S.42).
Wo sich die beiden Werke dann doch nahe kommen und wo auch die Lösung eines unglaublich harten Dilemmas der Kirche liegt, nämlich dafür zu sorgen, dass ihre Kleriker nicht zu leeren Automaten «verkommen», finden wir in beiden Werken die direkte Aufforderung an diese Kleriker, authentisch zu bleiben, ja danach zu suchen, noch authentischer zu werden, keine Masken anzuziehen, sondern das eigene und wahre Gesicht zeigen, zu Schwächen, Fehlern und Unfähigkeiten zu stehen, nicht länger die Allwissenden, Allmächtigen und Allgegenwärtigen (Müller, S.18), sondern auch die Unwissenden, Ohnmächtigen und Abwesenden (sei es auf einem Berggipfel oder im Opernhaus!) zu sein.

5. Strukturelle Hilfen

Auf zwei Ebenen muss nun die bisher aufgezeigte Aufgabe, dass der Kleriker zu Beginn des nächsten Jahrhunderts kein Apparatschik und kein die eigene Persönlichkeit verleugnender geschlechts- und farbloser Mensch mehr sein soll und muss (im Interesse der Betroffenen und der Kirche willen!), angegangen werden. Bewusst soll zunächst die offizielle Kirche und erst dann die Betroffenen selbst angesprochen werden. Auf kirchlicher Ebene sehe ich folgenden Handlungsbedarf an verschiedenen Orten und in verschiedenen Phasen des Kleriker-Lebens:
Theologiestudium und Seminarleben: Gerade zu Beginn des Theologiestudiums und in den spirituellen Impulsen an den Fakultäten und in den Seminarien soll der Satz Jesu von der Selbstverleugnung nicht überstrapaziert und vielmehr das Heranwachsen äusserst individuell denkender und lebender Menschen zu Nachfolgern/Nachfolgerinnen Jesu im Geist des Evangeliums gefördert werden. Dazu braucht es unbedingt neben dem vorhandenen kirchlich-theologischen auch neu psychologisch-psychotherapeutisch geschultes Personal. Die Bemühungen der Regenten, dass jeder/jede Theologiestudierende im Verlauf des Studiums mit Fachpersonen beider Richtungen Standortgespräche führt und von ihnen schliesslich auch im Blick auf die Zulassung zu den Weihen bzw. zur Institutio beurteilt werden soll, sind zu unterstützen und zu verstärken. Wenn ein junger Mensch als Kleriker oder Ordensfrau total überfordert, ja vielleicht sogar arbeitsunfähig ist, liegt nicht persönliches, sondern strukturelles Versagen vor!
Begleitung der Priester: Jedes Bistum, bei uns zumindest die gesamte Deutsche Schweiz, braucht dringend genug Fachpersonal (einerseits Mitglieder der Personalämter der Diözesen, andererseits wieder psychologisch geschulte Fachkräfte), die mit allen im Amt stehenden Klerikern regelmässig Standortgespräche führen und ihnen eine nach aussen geschützte Beurteilung ihrer Tätigkeit und Identität ermöglichen. Ein Ort, an den sich Kleriker (aber auch weitere Seelsorgern/Seelsorgerinnen), die sich in Krisen oder auch nur in Zeiten des Umbruchs und der beruflichen Veränderung befinden, zurückziehen können und dort nicht allein gelassen, sondern gut begleitet werden (wie etwa das Recollectiohaus der Abtei Münsterschwarzach) muss geschaffen und finanziell ermöglicht werden.

6. Die Gewissenserforschung des Einzelnen als Notwendigkeit

Alle strukturellen Hilfen taugen natürlich nichts, wenn die Betroffenen nicht auf sie eingehen und sie beanspruchen. Noch mit grösstem Schrecken erinnere ich mich beispielsweise an die Intervention eines Theologiestudierenden vor unserm Priesterrat, in der die psychologischen Begleitungsgespräche während des Studiums als nicht notwendig und aufgezwungen bezeichnet wurden. Im Sinn des Zitats von Irenäus von Lyon, das Wunibald Müller über seine Arbeit stellt, muss es ein regelmässiges Ziel in Beratungsgesprächen, aber auch in Exerzitien und Besinnungstagen von Klerikern sein, zu reflektieren

7. Zum Schluss

Der Zustand der katholischen Kirche zumindest in Westeuropa ist nicht so, wie sehr viele von uns es sich wünschen würden. Daraus folgert theologisch und logisch korrekt, dass es der Zustand der Kleriker wohl auch nicht ist. Diese Feststellung ist aber keine Entschuldigung für Resignation und grosse Reden zur Rechtfertigung, sondern Aufforderung zum Handeln überall dort, wo es nur irgendwie strukturell und individuell möglich ist. Als Mitglied der Kommission Bischöfe-Priester möchte ich darum meine Mitbrüder auch ermuntern, mit uns über diese Fragen in einen lebendigen Dialog zu treten.

 

Unser Redaktionsmitglied Heinz Angehrn ist Präsident des Solidaritätsfonds der Priester der Schweizer Diözesen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999