39/1999

INHALT

Kirchliche Berufe

Priester sein ist Pfarrer sein

von Reinhold Bärenz

 

Die Pfarrei als vertrautes Gebilde und Instrument unserer Seelsorge ist in einem langen geschichtlichen Prozess entstanden und war immer wieder verschiedenen Wandlungen unterworfen. Das Gleiche gilt für die Leitung dieser Pfarreien,<1> die von einem bestimmten Zeitpunkt an zur selbstverständlichen Funktion der Priester<2> wurde. Und es trifft ebenso für die sonntägliche Eucharistiefeier zu, die sich von Anfang an mit der Bildung von Gemeinden und späteren Pfarreien wie ein roter Faden durch die bisherige geschichtliche Entwicklung hindurchzieht. Gemeinde, sonntägliche Eucharistie, Priester waren nachweislich bei allen Verdunkelungen durch die jeweilige geschichtliche, konkrete Praxis eine Einheit.

I. Eine «Dreiecksbeziehung» in der Krise

Durch den anhaltenden Priestermangel der vergangenen Jahre in Europa und Nordamerika, aber auch in Afrika und Lateinamerika ist diese Einheit ins Wanken geraten. Je nach Interessenlage versucht man an der bisher mehr oder weniger gut gehaltenen «Dreiecksbeziehung» Gemeinde, Eucharistie, Priester herumzubasteln. Dabei muss man den Eindruck haben, dass erstrangige «gut-katholische» dogmatische Grundpositionen ­ insbesondere in Bezug auf das Verhältnis von Sakrament und Leben ­ pragmatisch ausser Kraft gesetzt wurden. In der Redeweise, Jesus habe die Sakramente «eingesetzt», kann man einen Hinweis auf die Notwendigkeit ihrer «Verortung» im Boden des konkreten Lebens sehen. Dagegen lässt man sich auf skurrile, theologische Kompromisse ein, weil man nicht den Mut hat, die Amtszulassungen und Amtsprofile neu mit dem Leben variabel in Verbindung zu setzen, die von Johannes XXIII. bei seiner Eröffnungsrede des Zweiten Vatikanischen Konzils ausgesprochene Ermutigung ernst zu nehmen, «... dem verschiedenen Verlauf der Lebensumstände zu folgen mit dem Zweck, anzupassen, zu korrigieren, zu verbessern, anzuspornen».<3>

II. Wozu noch die Ordination?

Wegleitend für die folgenden Überlegungen soll die Amtstheologie Karl Rahners sein. Bei Rahner sind alle Christinnen und Christen aufgrund der Taufe Trägerinnen und Träger des kirchlichen Heilsdienstes. Er stellt fest, dass jedes Glied der Kirche in seinem ganzen Tun auch für das Heil aller anderen Glieder der Kirche wichtig und wirksam ist. Jedes Glied, so Rahner, sei nicht nur Mitträgerin und Mitträger der Kirche als Heilsfrucht, sondern genauso Mitträgerin und Mitträger ihrer Heilsvermittlung.<4> Diese Berufung aller Getauften, innerhalb, und nicht ausserhalb und schon gar nicht daneben, in der Kirche ist für Rahner der Ort des Amtes in der Kirche. Wenn alle Gläubigen aufgrund des allgemeinen Priestertums, das ihnen mit der Taufe gegeben ist, Trägerinnen und Träger des kirchlichen Heilsdienstes sind, besitzen sie dann nicht potentiell auch die Fähigkeit zum Vorsitz der Eucharistie und zur Gemeindeleitung? Wozu dann noch die Ordination?
Nach Rahner drängt die Selbstmitteilung Gottes auf Objektivation in der Geschichte und in der Welt. Weil Gott seine Gegenwart nicht nur augenblicklich, sondern dauernd an die Welt, die Selbstereignis seiner Selbstmitteilung ist, in der Welt zugesagt hat, liegt es nahe, dass seine Gegenwart nicht abstrakt, sondern konkret verstanden werden will.<5> Kirche ist demnach die gesellschaftliche Objektivation der bleibenden Präsenz Gottes in der Welt. Als Mitte und Höhepunkt dieser Objektivation darf in der Heilsgeschichte die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus angesehen werden. Insofern die Kirche Christus nachfolgt, indem sie seine Botschaft weiterträgt (Tat der Kirche), bleibt der sich selbst mitteilende Gott in ihr präsent (Wesen der Kirche).<6> Das Amt in der Kirche ergibt sich also aus dem theologischen Selbstverständnis der Kirche selbst. Was als kirchliche Wirklichkeit gegeben ist, darf und sollte sakramental greifbar sein in der Dimension des kirchlichen Amtes. Dessen Sinn ist folglich Konkretisierung und Kontextualisierung der Gegenwart Gottes in der Welt.

III. Priester sein ist Pfarrer sein

Für Rahner geschieht in der einzelnen Ortsgemeinde als Teil der Ortskirche in der Feier der Eucharistie der intensivste Wesensvollzug der Kirche. Weil die Kirche in ihrem tiefsten Wesen das geschichtliche Anwesendbleiben des fleischgewordenen Wortes Gottes in der Welt ist, ist sie als Ereignis am greifbarsten und intensivsten dort gegeben, wo Christus durch das in Vollmacht verkündete Wort der Konsekration Christus in seiner Gemeinde selbst als der Gekreuzigte und Auferstandene heilspendend gegenwärtig ist.<7>
Diese Funktionsbeschreibung der Ortsgemeinde hat zur Folge, dass Kirche durch Konzentration in ihre eigene Ereignishaftigkeit hinein entsteht und nicht durch Aufteilung der Gesamtkirche.<8> Eine solche Aufwertung der Ortskirche, die am konkretesten die Pfarrei sein dürfte<9>, bedeutet eo ipso auch eine Beförderung des Vorstehers einer solchen Gemeinde, des Priesters, weil sich für Rahner die erwähnte Konzentration von Kirche unter seiner Leitung und kraft seiner sakramentalen Bevollmächtigung ereignet. Rahner definiert also das priesterliche Amt vom sakramental verliehenen Amt in der konkreten Ortsgemeinde her.<10> Die Bestimmung des Priesteramtes erschöpft sich jedoch nicht in diesem sakramentalen Aspekt, zumal man «sakramental» hier nicht als sazerdotal oder kultisch missverstehen darf. Eine sazerdotale Herleitung des Amtes wird von Rahner ausdrücklich abgelehnt.
Dieses bei der Sakramentalität ansetzende Amtsverständnis bedarf nach Rahner noch der Ergänzung durch den Aspekt der Funktionalität. Die Befähigung des Priesters zur Leitung der Eucharistiefeier in der Priesterweihe ist nach ihm stets bezogen auf eine konkrete Gemeinde. Vor dem Hintergrund des neutestamentlichen Befundes argumentiert er, dass man nicht von der Vollmacht zur Leitung der Eucharistiefeier ausgehen darf, auch wenn diese seit der apostolischen Zeit, mindestens im Normalfall, dem Priestertum vorbehalten ist. «Der neutestamentlich legitime Ausgangspunkt für die Wesensbestimmung des Amtspriestertums liegt vielmehr in der Funktion der amtlichen Leitung einer christlichen Gemeinde.»<11> Dabei ist festzuhalten, dass dieser Ansatz keineswegs die Ersetzung einer «Wesenstheologie» durch eine «Funktionstheologie» bedeuten soll. Von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus her ist diese Alternative ohnehin überholt, denn die Funktion Jesu, sein «Dasein für andere» macht ja gerade sein Wesen aus und umgekehrt.
Die Entwicklung von Gemeinde und Eucharistie im Lauf der Kirchengeschichte zeigt deutlich, dass erst, als der Presbyter dem Episkopos beigeordnet wurde und als Ortskirche (Bistum) und Ortsgemeinde nicht mehr identisch waren, der Presbyter zum Vorsteher der Eucharistie in einer Ortsgemeinde als Teilhaber am bischöflichen Amt wurde.<12> Die Akzentuierung der Gemeindeleitung beinhaltet nicht Abwertung der Leitung der Eucharistiefeier durch den Priester. Das Gegenteil ist der Fall: Die Leitung der Eucharistiefeier ist die konsequente Ausgestaltung der Gemeindeleitung, so wie die Leitung der Gemeinde die konsequente Ausgestaltung in der Leitung der Eucharistiefeier ist. Wenn man die Eucharistiefeier als intensivsten Wesensvollzug der Kirche begreift, so schliesst diese Gemeindeleitung schlechthin ein. Die tiefere theologische Begründung sieht Rahner in der Einheit von Wort und Sakrament. Diese Sicht Rahners deckt sich mit dem Verständnis von Gemeinde, sonntäglicher Eucharistie und Priester in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Im Dekret «Presbyterorum ordinis» wird der Dienst des Priesters eben nicht in erster Linie vom Opfer her verstanden, sondern von der Versammlung des Gottesvolkes, die sich zunächst durch den Dienst am Wort vollzieht. Es heisst wörtlich: «An erster Stelle wird das Volk Gottes durch das Wort des lebendigen Gottes zur Einheit versammelt ... Das erste Amt des Priesters ... ist es daher, allen das Evangelium Gottes zu verkündigen» (Vat II PO, Nr. 4). Damit ist der liturgische Gesichtspunkt nicht ausgeschlossen, vielmehr erhält er von diesem Ausgangspunkt her seine ganze christliche Weite und Tiefe.<13>
Dies alles zeigt: Gemeindeleitung und Leitung der Eucharistiefeier sind theologisch grundsätzlich im Priesteramt vereinigt. Beide zusammen ermöglichen volle Verkündigung als Dienst am Wort. Das Priesteramt nur von der «Wandlung» her zu sehen, mündet in eine kultisch-sazerdotale Engführung. Es nur von seiner sozialen Funktion in der Gemeinde zu betrachten, endet in einer soziologischen Verflachung. Nur in der Einheit von Gemeindeleitung und Leitung der Eucharistiefeier ist das Wesen des Priesteramtes ganzheitlich ausgedrückt. Das Wesen des priesterlichen Amtes lässt sich so am umfassendsten von der Gemeindeleitung her verstehen. Und so kann Rahner pointiert formulieren: «Die Aufgabe (und darum das Wesen) des Priesters ist: Pfarrer sein.»<14>
Das priesterliche Amt bezieht sich somit auf die Leitung einer Ortsgemeinde, wobei diese Leitung konstitutiv die Leitung der Eucharistiefeier in dieser Gemeinde einschliesst. Mit Rahner heisst dies zusammengefasst: Der Priester «ist der Vorsteher einer Ortskirche, ... der amtliche im Namen der Gesamtkirche redende Verkünder der christlichen Botschaft, und er ist in einem der Vorsteher der eucharistischen Feier; er hat eine leitende Funktion der Einheit gegenüber all den übrigen Funktionen und deren Trägern, die eine christliche Gemeinde als Kirche konstituieren und tragen und deren Wirklichkeit natürlich nicht in einem Einzelnen allein gegeben sein kann».<15>
Für den Zusammenhalt von Leitung der Eucharistiefeier und Gemeindeleitung spricht für Rahner die Gefahr, dass der mit sakramentalen Vollmachten ausgestattete Priester zu einem «untergeordneten Funktionär für liturgische Vorgänge in der Gemeinde» werden kann.<16> So würde der Amtspriester «zum blossen Kultfunktionär degradiert ... wenn es so aussieht, als ob alle übrigen Funktionen, die er bisher innehatte, also Gemeindeleitung und die amtliche Verkündigung des Evangeliums, eigentlich mit seinem Amt zentral gar nichts zu tun hätten».<17> Der Priester hätte danach «nur noch die für sich allein unattraktive und menschlich frustrierende Funktion des Vollziehers eines Ðopus operatumð als einzige für ihn allein Geltende in Anspruch» zu nehmen.<18> Es legt sich nahe, sich die Stellungnahme Rahners auch umgekehrt vorzustellen: Wenn ein Gemeindeleiter nicht auch beauftragt und bestätigt ist für die sakramentale Dimension seines Dienstes, so ist auch für ihn die Gefahr gegeben, dass man ihn zu einem profan-soziologischen Moderator degradiert, und dass auch er nicht Gemeindeleitung theologisch im vollen Sinn erfüllen kann.

IV. Optionen

Im Folgenden sollen nun die von der Amtstheologie Karl Rahners vorgezeichneten Linien noch weiter ins Heute ausgezogen werden.

1. Nähe zu den Menschen

Was das Zweite Vatikanische Konzil zu überwinden suchte, das Auseinanderbrechen von Leitungs- und Weihegewalt im priesterlichen Amt, ist inzwischen weithin pastorale Alltagswirklichkeit geworden. Der CIC 1983 reagierte in can. 517 bereits auf die neue Situation. Im Normalzustand stellt nach can. 515 die Pfarrei eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen dar, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist «und deren Seelsorge unter der Autorität des Diözesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten anvertraut wird».
Der Begriff «pastor proprius» beinhaltet in jedem Fall die Nähe zu den Menschen in der betreffenden Gemeinde. Wenn der Priester nicht als Mensch und als Seelsorger wirklich in einer Gemeinde verwurzelt ist, wenn er nicht mit den Sorgen der Menschen vertraut ist, wenn sich seine konkrete Tätigkeit faktisch nur auf das ihm allein «Vorbehaltene» beschränkt, ist keine wirkliche Gemeindeleitung möglich. Dies sieht im Übrigen can. 529 § 1 des CIC 1983 nicht anders: «Um die Hirtenaufgabe sorgfältig wahrzunehmen, hat der Pfarrer darum bemüht zu sein, die seiner Sorge anvertrauten Gläubigen zu kennen; deshalb soll er die Familien besuchen, an den Sorgen, den Ängsten und vor allem an der Trauer der Gläubigen Anteil nehmen und sie im Herrn stärken...; er soll sich mit besonderer Aufmerksamkeit den Armen, den Bedrängten, Einsamen, den aus ihrer Heimat Verbannten und ebenso denen zuwenden, die in besondere Schwierigkeiten geraten sind...»<19>.
Die im Frühmittelalter sich abzeichnende territoriale Pfarrstruktur hat sich im Hoch- bzw. Spätmittelalter verfestigt. Man spricht seitdem von einer Pfarrei im Vollsinn, wenn ein Seelsorgebezirk genau abgegrenzt und keine Unterordnung als Filiale unter eine andere Pfarrei gegeben ist. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass der Codex 1983 vom Territorialprinzip «regula generali» spricht und zugleich für die Errichtung von «Personalpfarreien» stimmt. In can. 518 heisst es: «...; wo es jedoch angezeigt ist, sind Personalpfarreien zu errichten, die nach Ritus, Sprache oder Nationalität der Gläubigen eines Gebietes oder auch unter einem anderen Gesichtspunkt bestimmt werden.» Diese Ergänzung öffnet pastoraltheologisch den Blick für neue kleinere Gemeindeformen, bis hin zu Sozialgestalten auf nationaler Ebene und auf internationalem Niveau, im regionalen oder auch überregionalem Bereich, bis hin zu diakonischen Kirchenbildungen und Institutionen. Es darf gefragt werden, ob es in Zukunft neben dem Territorial- und Personalprinzip nicht noch andere Prinzipien im Interesse menschennaher Seelsorge geben muss. Man kann zum Beispiel an die neuen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften denken. Je mehr jedenfalls in solchen Gemeindegebilden ordinierte Personen zur Verfügung stehen, desto volks- bzw. gottesvolknäher kann das Weiheamt werden.

2. Eine überzeugende Ordo-Konzeption

Was heute nottun würde, wäre eine Verständigung über das Grundanliegen des kirchlichen Amtes. Es ist die Frage: Worum geht es primär im Kontext der Amtsdiskussion und was sind die sekundär durchaus einen Dissens zulassenden Fragen? Und es geht in der Folge um die Frage: Unter welchen Bedingungen zerstören die sekundären Fragen das Grundanliegen? So wäre es wichtig, sich zuerst über das Unverzichtbare und Wesentliche am kirchlichen Amt zu verständigen. Eine realistische Wahrnehmung der gegenwärtig verfolgten Strategien im Hinblick ihrer Wirkung auf die Frage nach dem Amt zeigt, dass die von vielen als alternativ eingeschätzten Strategien, die eine de facto Entwicklung in unseren Pfarreien vorwärts treiben, zunehmend den dogmatischen Wert des sakramentalen Ordo zerstören. Es wäre zunächst eine Verständigung über das Grundanliegen und über die theologische Legitimation der in vielen Diözesen bereits wirkenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu erzielen, und sich nicht nur in terminologischen Fixierungen zu ergehen. Eine solche prinzipielle Entscheidung im Blick auf das Grundanliegen des kirchlichen Amtes darf nicht länger hinausgeschoben werden. Sie könnte die Grundlage für die notwendige Arbeit an einer überzeugenden sakramentalen Ordokonzeption und Ordotheologie sein.
Es wäre ferner wichtig, sich ehrlich Rechenschaft zu geben über die Verschleierung der nachkonziliaren Epoche im Blick auf die Tätigkeiten von hauptamtlichen Laien in der Seelsorge. Die frühere Betonung des Konzils, dass die in der Seelsorge arbeitenden Theologinnen und Theologen keine Lückenbüsser sind, wie dies das Laiendekret eigentlich gesehen hat, sondern einen echten Neubeginn und Aufbruch darstellen, wird zwar immer wieder behauptet, aber in der Theologie und Praxis nicht ernst genug genommen. So ist der gegenwärtige Zustand in dieser Frage mehr gekennzeichnet durch Verwirrung und Vermischung als durch eine klare theologisch verantwortete pastorale Strategie. Die Anstellungen von Laienmitarbeiterinnen und Laienmitarbeitern in der Seelsorge in verantwortlichen Positionen sind nur zu verantworten, wenn man in ihnen eine defiziente Form des ordinierten Amtes sieht, die darauf drängt, dieses auch irgendwann zu erreichen. Gewiss, ein Blick in die Dogmengeschichte zeigt, dass die Reform sakramentaler Strukturen zu keiner Zeit an Schreibtischen konzipiert wurde, sondern stets in konfliktuellen, auch menschliche Schicksale tangierenden, Prozessen vor sich ging. Voraussetzung freilich, dass das konfliktuelle Potential zum Kapital für die Zukunft werden kann, ist, dass es wenigstens wahrgenommen wird. Diese Wahrnehmung ist so etwas wie der erste Tropfen auf den heissen Stein. Er ist das Entscheidende, der Vorbote des Regens, wie ein afrikanisches Sprichwort sagt.

3. Leben teilen, nicht spalten

Für Rahner hört das eigentliche Laie-Sein dort auf, «wo man im eigentlichen Sinn an der Hierarchie eigentümlichen Gewalten in habitueller Weise partizipiert, so dass die Ausübung dieser Gewalten für das Leben des Trägers charakteristisch, das heisst stand-(ort-)bestimmend ist. Dabei ist es theologisch unerheblich, ob in der faktischen Übung der Kirche diese Gewalten durch die Weihe oder ohne eine solche übertragen werden.»<20> Faktisch hat ein Pastoralassistent, der in einer priesterlosen Gemeinde die Gemeinde leitet, also ein Amt inne, denn er übt eine bedeutende Funktion in der Kirche auf Dauer aus, für die es bereits eine Form der Grundamtlichkeit der Kirche gibt, das Priesteramt nämlich. Rahner selbst legt nahe, hier sogar von «anonymen» Amtsträgern zu sprechen: «... es ist eine schwierige und gewiss noch nicht völlig gelöste Frage, was von all dem, das unter solchen Begriffen als Funktionen des Lebens der Kirche genannt ist, in die uns heute gegebenen, hierarchisch gestuften Ämter des Bischofs, des Priesters, des Diakons eingegangen ist und was sich davon ausserhalb dieser Ämter real in der heutigen Kirche, wenn auch vielleicht ganz anonym oder unter anderen Bezeichnungen, noch findet».<21>
Wenn in der Kirche ein Amt faktisch ausgeübt wird, darf die Kirche die dafür vorgesehene sakramentale Weihe nicht vorenthalten. Im Rückgriff auf die Sakramententheologie erinnert Rahner daran, dass ein kirchliches Amt auch nichtsakramental übertragen werden kann, obwohl es möglicherweise ein sakramentales Amt ist, und daher auch ein eigentlich nicht sakramental verstandener Amtsübertragungsritus implizit schon Sakrament sein kann.<22> Von daher wäre zu fragen, «ob nicht zum Beispiel die Dauerbestellung eines Pastoralassistenten durch den Bischof als sakramentaler Vorgang interpretiert werden könnte».<23> Rahner fordert deshalb, dass ein Laie, dem ein Amt übertragen wird, das Bedeutung und Qualität für das Leben der Kirche hat, auch explizit am Weihesakrament teilhaben sollte.<24>
Die These Rahners, Priester sein sei identisch mit Pfarrer sein, bedeutet für die heutige pastorale Situation, dass alle, die nicht im Vollamt eine Gemeinde leiten, sondern dies nur im Nebenamt tun bzw. da oder dort eine Gemeinde mit Gottesdienst «versorgen», dies nur als «halbe» Priester tun. Demgegenüber gibt es heute viele Laien, die de facto im Vollamt eine Gemeinde leiten und dies somit als «halbe» Priester tun. Diese Überlegungen sind in erster Linie im Blick auf die Leitungsperson der Gemeinde, die von der Amtstheologie Karl Rahners her auch geweiht sein soll, angestellt. Dies muss jedoch nicht eine neue Priesterzentrierung bedeuten. Den Auftakt dieser Überlegungen bildete die Aussage Rahners, dass alle Christinnen und Christen aufgrund der Taufe Trägerinnen und Träger des kirchlichen Heilsdienstes sind, nicht nur als Mitträgerinnen und Mitträger der Kirche als Heilsfrucht, sondern genauso als Mitträgerinnen und Mitträger der Heilsvermittlung. Es geht folglich um die Gestalt eines Weiheamtes, dessen Wesen in der sakramentalen Kristallisation besteht, und das jedoch gleichzeitig vom gesamten sakramentalen Handeln der Gemeinde unterfangen und getragen ist. Wenn man die Leitung der feiernden Gemeinde von der Leitung des alltäglichen Lebens wegamputiert, so hat dies auch eine «halbierte» Gemeinde zur Folge. Sakrament und Leben wollen «geteilt», nicht gespalten werden.

4. Auch auf Kompetenz achten

Wenn nach Karl Rahner die Priesterweihe nicht nur von der Sakramentalität her gesehen werden darf, sondern auch durch den Aspekt der Funktionalität der Gemeindeleitung zu ergänzen ist, dann hat dies auch Auswirkungen auf die theologische Ausbildung im Allgemeinen und auf die pastoraltheologische im Besonderen.<25> Nicht jeder, der geweiht ist, besitzt aufgrund der Weihe eine Fähigkeit zu leiten. Er wird durch die Weihe «zuständig für etwas», was jedoch nicht in jedem Fall identisch sein muss mit «fähig zu etwas». Wenn die Ordination auf das Leben einer konkreten Gemeinde und deren Leitung bezogen sein muss, dann braucht es vorausgehende Erfahrungsprozesse, in denen Menschen erleben, dass sie so etwas können und auch wollen. In dieser Linie kann ich die Berufseinführung (BE) im Bistum Basel, wo dies durch einen zweijährigen Kurs besser gewährleistet ist als in einem mehrwöchigen Pfarreipraktikum, sehr bejahen. Es ist durch die feste Anstellung in einer Gemeinde ein stärkeres Ego-Involvement sowie eine grössere Verantwortlickeit gegeben. Dass Spiritualität für die Ausübung eines kirchlichen Amtes unabdingbare Voraussetzung ist, darüber muss nicht gesprochen werden. Doch die Aussage Rahners, Priester sein sei identisch mit Pfarrer sein, bedeutet in der Konsequenz, dass sich zur Spiritualität auch Professionalität und fachliche Kompetenz gesellen muss. Nicht selten kann man von jungen Priestern nach einigen Jahren ihrer Berufstätigkeit hören: «Wenn ich das gewusst hätte, was da auf mich zukommt...!» Das Pfarramt, die Gemeindeleitung ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben, welche die Kirche zu vergeben hat. Während man in früheren Zeiten noch eine grössere «Manövriermasse» bei der Stellenbesetzung von Priestern besass, die es ermöglichte, Personen, die sich in der Praxis der Gemeindeleitung nicht gewachsen zeigten, in diverse kategoriale Tätigkeitsbereiche «abzuschieben», gibt es derartige «Nischen» heute nicht mehr. Mit anderen Worten: Der Bischof muss bei der Priesterweihe den Regens nicht nur nach der Würde der Kandidaten, sondern auch nach den erforderlichen menschlichen und beruflichen Voraussetzungen fragen.

V. Visionsarbeit und Glaubensmut

Um einmal Grundsätze heutiger Organisationsentwicklung in der kirchlichen Ämterfrage zu bemühen, wäre erstens von einer Vision auszugehen. Für die Kirche heisst diese Vision «Reich Gottes». Zweitens sind von dieser Vision her Ziele zu bestimmen. Für die Kirche ist dies das Zeugnis des Evangeliums Gottes in Martyria, Diakonia und Leiturgia. Drittens ist nach den sachlichen und personellen Ressourcen zu fragen. Sieht man sich daraufhin den Umgang der Kirche mit der gegenwärtigen Krise von Gemeinde, sonntäglicher Eucharistie, Priester an, dann erkennt man, hier läuft es gerade umgekehrt: Man geht von den personellen Ressourcen aus. Man fragt, wie viele noch zur Verfügung stehende zölibatär leben wollende Priester es noch gibt, und von hier aus wird das weitere Vorgehen, die Ziele und die Vision bestimmt. Es sei nicht in Abrede gestellt, dass es Übergangszeiten geben kann, wo solche gegenläufige Organisationsentwicklung angebracht erscheint. Aber eine solche Übergangszeit muss limitiert sein. Um es in einem Bild zu sagen: Auf Dauer soll man nicht gegen eine Einbahnstrasse fahren.
Nach dem Zeugnis des Neuen Testaments und der Kirchengeschichte hat Christus seine Kirche zu allen Zeiten ausreichend mit Menschen versorgt, die sich ganz in ein Leitungsamt der Kirche hineingeben. Allein der Epheserbrief (Eph 4,7­16) zeigt, dass gleichzeitig mit dem notwendigen Gespräch über eine heutige Ordo-Konzeption aller Grund zu Glaubensmut besteht. Die neutestamentliche Forschung sowie die der frühen Kirche konnten in den letzten Jahrzehnten zeigen, dass sich Strukturen und Ämter in der Kirche erst allmählich und dann je nach ihrem konkreten Kontext, zum Beispiel kulturelle (jüdische oder hellenistische) Bedingungen, geographische Gegebenheiten, die Bedürfnisse der immer grösser werdenden Gemeinden, unterschiedlich entwickelt und herausgebildet haben.
Erst im Lauf des zweiten Jahrhunderts ist eine Vereinheitlichung zu den drei Ämtern Bischof, Priester und Diakon hin erkennbar. Dieses geschichtliche Urteil erlaubt den theologischen Schluss und die theologische Option, dass die Kirche in jeder Zeit das Recht hat ihre gegenwärtige Ordnung weiterzuentwickeln. Das gelegentlich zu hörende Argument, die Kirche sei nicht berechtigt, an den ihr von Anfang an vom Herrn eingestifteten Strukturen zu rütteln, widerlegt sich von den Anfängen der kirchlichen Gestaltwerdung an. Das einzige, das ihr von Christus in ihre Strukturen eingestiftet ist, ist das Evangelium. Es ist das Prae, das der Gemeinde als Grund des kirchlichen Amts vorausgeht.<26> Man kann aus diesem frühen Stadium der Kirche auch lernen, dass kirchliche Strukturen verändert werden müssen, wenn sie der Sendung der Kirche und ihrem Auftrag entgegenstehen.

 

Reinhold Bärenz ist ordentlicher Professor für Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.


Anmerkungen

1 Diesen Beitrag ­ Überlegungen zu einer ganzheitlichen Leitungspraxis ­ widme ich in dankbarer Erinnerung den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des diözesanen Fortbildungskurses (Dienste und Ämter in der Kirche. gestern, heute, morgen) des Dekanates Zürich-Stadt vom 5.­9. Juli 1999 im Bildungshaus Kloster Fischingen.

2 Am Priesterbegriff wird in diesem Zusammenhang bewusst festgehalten. Gerade in pastoraltheologischer Sicht sollte der jahrhundertealte Sprachgebrauch in ökumenischer Rücksicht nicht einfach ignoriert werden. Er ist nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch gesellschaftlich zur Bezeichnung ihrer Amtsträger alltagssprachlich gefügt und gehört somit zum konfessionellen Profil der katholischen Kirche. Im ökumenischen Bemühen geht es ja gerade nicht um das Ausradieren und Verwischen von unterschiedlichen Sprachen und Symbolsystemen, sondern um die jeweilige Verbindung dieser Systeme mit christlichem Verständnis und um die gegenseitige Anerkennung unterschiedlicher konfessioneller Symbolsysteme. Vgl. dazu O. Fuchs, Ämter für eine Kirche der Zukunft. Ein Diskussionsanstoss, Luzern 1993, 81.

3 G. Alberigo, Art. «Aggiornamento», in: LThK, Bd. 1, 31993, 231.

4 Vgl. K. Rahner, in: Handbuch der Pastoraltheologie (HPTh) Bd. 1, Freiburg 1964, 151.

5 Vgl. U. Möbs, Das kirchliche Amt bei K. Rahner. Eine Untersuchung der Amtsstufen und ihrer Ausgestaltung, Münchener Universitätsschriften. Beiträge zur ökumenischen Theologie Bd. 24, Paderborn 1992, 68.

6 Ebd. 70f. Vgl. auch K. Rahner, HPTh Bd. 1, 118f.

7 Vgl. K. Rahner/J. Ratzinger, Episkopat und Primat, QD 11, Freiburg 1961, 26.

8 Vgl. ebd. 25.

9 Vgl. K. Rahner, Zur Theologie und Spiritualität der Pfarrseelsorge, in: Schriften zur Theologie 14, Einsiedeln 1980, 150f.

10 Vgl. K. Rahner, Der theologische Ansatzpunkt für die Bestimmung des Wesens des Amtspriestertums, in: Schriften zur Theologie 9, Einsiedeln 1970, 368. Vgl. K. Rahner, Zum Selbstverständnis des Amtspriesters, in: Schriften zur Theologie 10, Einsiedeln 1972, 452.

11 Vgl. K. Rahner, Zum Selbstverständnis des Amtspriesters, aaO. 454.

12 Vgl. E. L. Grasmück, Vom Presbyter zum Priester, in P. Hoffmann (Hrsg.), Priesterkirche, Düsseldorf 1987, 96­131.

13 Vgl. J. Ratzinger; Das neue Volk Gottes. Entwürfe zur Ekklesiologie, Düsseldorf 1969, 390f.

14 K. Rahner, Pastorale Dienste und Gemeindeleitung, in: Schriften zur Theologie 14, Einsiedeln 1980, 134.

15 Ebd.

16 Vgl. K. Rahner, Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance, 133.

17 K. Rahner, Weihe im Leben und in der Reflexion der Kirche, in: Schriften zur Theologie Bd. 14, Einsiedeln 1980, 129.

18 K. Rahner, Pastorale Dienste und Gemeindeleitung, aaO. 137.

19 Vgl. R. Bärenz, Frisches Brot. Seelsorge, die schmeckt, Freiburg i.Br. 21999, 49.

20 K. Rahner, Über das Laienapostolat, in: Schriften zur Theologie Bd. 2, Einsiedeln 1955, 351.

21 K. Rahner, Theologische Reflexionen zum Priesterbild von heute und morgen, in: Schriften zur Theologie Bd. 9, Einsiedeln 1970, 377.

22 Vgl. K. Rahner, Pastorale Dienste und Gemeindeleitung, in: Schriften zur Theologie Bd. 14, Einsiedeln 1980, 140.

23 P. M. Zulehner, «Denn Du kommst unserem Tun mit Deiner Gnade zuvor...». Zur Theologie der Seelsorge heute. P. M. Zulehner im Gespräch mit Karl Rahner, Düsseldorf 1984, 102.

24 Vgl. K. Rahner, Pastorale Dienste und Gemeindeleitung, aaO. 140; P. Hünermann unterscheidet sich in dieser Frage von Rahner, indem er statt der sakramentalen Anerkennung eine neue Aufteilung des Ordo als eine eigene sakramentale Weise der Amtsverleihung fordert. Vgl. P. Hünermann, Ordo in neuer Ordnung? Dogmatische Überlegungen zur Frage der Ämter und Dienste in der Kirche heute, in: F. Klostermann (Hrsg.), Der Priestermangel und seine Konsequenzen, Düsseldorf 1977, 58­94.

25 Vgl. O. Fuchs, Ämter für eine Kirche der Zukunft, aaO. 124.

26 Vgl. M. Theobald, Die Zukunft des kirchlichen Amtes. Neutestamentliche Perspektiven angesichts gegenwärtiger Blockaden, in: P. Hünermann (Hrsg.), Und dennoch... Die römische Instruktion über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester, Freiburg 1998, 29­49; hier auch weitere Literaturhinweise.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999