23/1999 | |
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Kirchliche Berufe |
Das Amt in der Kirche ist vielen Anfragen ausgesetzt. Das Priesteramt
wird von vielen als veraltet und überholt betrachtet.<1>
Die Kritik am Amt kennt eine Vielzahl von Gründen, die einerseits im
ausserkirchlichen Bereich anzusiedeln sind: Glaubensschwund, soziologische,
psychologische wie humanwissenschaftliche Kritik ergehen über Funktion
und Träger des kirchlichen Amtes. Andererseits gibt es ebenfalls innerkirchliche
wie theologische Aspekte, die bestimmte geschichtliche Prägungen des
Amtes in Frage stellen. Die Infragestellung des Pflichtzölibates, dem
die Amtsträger des Priesteramtes unterworfen sind, kann als Symptom
dieser Krise gewertet werden.
In den nachfolgenden Überlegungen handelt es sich keineswegs um eine
umfassende systematische Behandlung des Priesteramtes. Gemäss dem Diktum,
dass die Zukunft sich aus der Vergangenheit speist, scheint es notwendig
geworden zu sein, in der heutigen Diskussion die Frage nach der Zukunftsfähigkeit
des Priesteramtes zu stellen. Nach dem Konzil haben sich in der Kirche mehrere
neue Dienste entwickelt, die ebenfalls nach einer theologischen Inbeziehungsetzung
zum Priesteramt verlangen.
Die biblische Bestimmung des kirchlichen Amtes liess die theologische Figur des Priesters als (einzigen) Mittler zwischen Gott und Mensch obsolet werden. Die «Entsakralisierung» verdankt sich zwei Ausgangspunkten. Die neutestamentliche Betrachtung des kirchlichen Amtes verstand sich keineswegs kultisch-sazerdotal. Mit dem Hebräerbrief, der das Scheitern der theologischen Figur des Mittlers bilanziert, muss eher von dem Ende des religionsgeschichtlichen Kultes gesprochen werden. Jesus Christus, der keiner Priesterkaste angehört, ist der einzig wahre Priester der Welt. Seinen Tod am Kreuz, der sich nur uneigentlich unter kultischen Aspekten verstehen lässt, nennt der Hebräerbrief die einzig wirkliche Liturgie der Welt. Von diesem Bruch mit der Religions- und Kulturgeschichte zeugen alle neutestamentlichen Schriften, wenn sie die Leitungsfunktionen in den sich formierenden Gemeinden beschreiben. Die grossen thematischen Begriffe für die Leitung der christlichen Gemeinden gehören nicht dem religiösen Bereich an, sondern entstammen der Profansprache. Der neue Anfang versteht sich christologisch. Nach dem Befund des NT gibt es in der ekklesia keine «sacerdotes» mehr. In der Nachfolge Christi gibt es Apostel, Presbyter, Diakone und Episkopen. Die Alte Kirche bildete sehr bald eine Trias des Amtes heraus: Episkop, Presbyter und Diakon. Das Verständnis der neuen Ämter in der Alten Kirche ist als Alternative zwischen zwei Extremen, die in der Theologiegeschichte immer wieder auftauchen, anzusiedeln. Nach der einen Auffassung handelte es sich um «neuen Wein in alten Schläuchen», das heisst das kirchliche Amt wird in der Figur des Mittlers, des Sazerdoten gedacht. Eine weitere Auffassung versteht das Amt als notwendige Dienstleistung, die getan werden muss, um das Funktionieren einer Gemeinschaft garantieren zu können. Mit andern Worten: eine theologische Bestimmung des Presbyterats muss, um Verzerrungen und Missverständnisse zu umgehen, von einer christologischen Bestimmung ausgehen. Der neutestamentliche Apostelbegriff in seiner nachapostolischen petrinisch-paulinischen Ausprägung kann dafür die Folie abgeben. Das gemäss dem NT verstandene Amt resultiert aus der Antwort seitens des Menschen, der sich wiederum in Dienst nehmen lässt. Die Wirkmächtigkeit des Volkes Gottes impliziert den Ruf in die Nachfolge, dem ein besonderer Sendungsauftrag entspringt.
Das katholische Verständnis des Priesteramtes wurzelt in neutestamentlichen
Aussagen, wonach der zum Dienst Beauftragte «für Christus»
steht (z.B. 2 Kor 5,19ff.; Lk 10,16). Diese «repraesentatio»
meint weder eine Fortsetzung noch eine Ergänzung des historischen,
ursprünglichen Amtes, das keine Fortsetzung mehr haben kann. In einer
christologischen Perspektive lässt sich jedoch sagen, dass das ursprüngliche
Apostelamt wie das nachapostolisch-kirchliche Amt in einer Kontinuität
zum erhöhten Herrn zu sehen ist. Das qualifizierte Amt besteht eigentlich
in der Rückbindung an Jesus und seine Reich-Gottes-Botschaft. Das Amt
in der Kirche meint demnach eine symbolisch-sakramentale Vergegenwärtigung,
die um die Differenz zwischen Symbolisierendem und Symbolisierten weiss
(vgl. die Bestimmung der Kirche in LG 1). Jesus Christus ist Hirte, Lehrer
und Priester seiner Kirche. Das kirchliche Amt ist «Vikariat»
für Jesus Christus selbst. Die personale Sicht des Amtes, das nicht
nur strukturell und unpersönlich gedacht wird, manifestiert sich in
der kirchlichen Tradition in der Ordination, deren Kennzeichen von alters
her Handauflegung und Gebet als Zeichen der Geistmitteilung bilden. Die
Ordination will das Objektive des Amtes ausdrücken: Jesus Christus
selbst ist Herr und Quelle seiner Kirche. Das Amt verweist symbolisch-sakramental
auf das «Aussenherkommende» jeglichen kirchlichen Stiftungscharakters.
Das Presbyterat partizipiert an der charismatischen Struktur der Kirche
und steht nochmals unter dem eschatologischen Vorbehalt, denn Jesus Christus
selbst ruft die ekklesia immer wieder neu aus Gnade zusammen. In der Perspektive
dieser Traditionslinie kann vom Handeln des Presbyters «in persona
Christi» gesprochen werden. Diese Rede muss jedoch mit dem anderen
Pol des kirchlichen Amtes unbedingt zusammen gesehen werden, der Presbyter
handelt nämlich gleichfalls «in persona ecclesiae». Insofern
das Presbyteramt Vorsteheramt ist, das sich als «Vertretung/Vikariat»
der Gemeinde vor Gott und der Welt versteht.
Das Priesteramt bedarf insofern nicht nur einer Ermächtigung durch
Christus, sondern auch der Zustimmung der Kirche.
Mit andern Worten: eine theologische Bestimmung des Presbyterats kann weder
einseitig christologisch, noch exklusiv ekklesiologisch erfolgen, sondern
bedarf einer trinitarischen Begründung, die die Einheit in Vielheit
bedenkt. Von der objektiven Begründung des Presbyterats her erklärt
die Tradition, dass wichtige kirchliche Vollzüge (Verkündigung,
Leitung, Feier der Sakramente) an das Weiheamt gebunden sind. Durch den
Dienst am Wort, wobei das Sakrament als Aufgipfelung des Wortes zu verstehen
ist, bestimmt das II. Vatikanische Konzil die Aufgabe des Presbyters. Mit
dieser Sichtweise sprengt das Konzil eine überpointiere kultisch-sazerdotale
Sichtweise des Amtes, das aus einer apologetisch bedingten Engführung
herrührte. Der Verkündigungdienst des Presbyterats öffnet
somit auch eine ökumenische Perspektive für das Amt.<2>
Die Neubesinnung des Konzils auf die christologische Mitte des kirchlichen
Amtes erlaubt eine Neubestimmung des alten (Gegensatz-)Paares Kleriker/Laie:
Das Konzil spricht von der Taufe als symbolisch-sakramentales Zeichen aller
Christgläubigen und unterscheidet das allgemeine und ministerielle
Priestertum. (Auf eine genauere Analyse dieser Konzilsaussage muss hier
nicht eingegangen werden.) Gründet das ministerielle Priestertum auf
dem Allgemeinen, dann lässt sich nochmals betonen, inwieweit das Presbyterat
als kirchliches Amt eine relationale Grösse bildet.<3>
Die trinitarische Bestimmung lässt die Proexistenz des Amtes hervortreten,
das auf dem personalen Sein des Beauftragten gründet. Jede Vorsteherschaft
ist ein Dienst in und für die Gemeinde. Die Sakramente spendet sich
nicht der Einzelne, sondern werden in der ekklesialen communio gefeiert,
die nach katholischem Verständnis hierarchisch aufgebaut ist. (Kein
Individuum ist in diesem Sinne «Priester für sich». In
einer solchen Perspektive teilt das Presbyterat mit allen Christgläubigen
die Grundstruktur christlicher Existenz ganz allgemein in den theologalen
Tugenden von Glaube, Hoffnung und Liebe.) Das kirchliche Amt lebt von einer
kollegialen Ausgestaltung, die sich synodal strukturieren kann. Presbyterat
wie Diakonat manifestieren in ihrem kirchlichen Dienst die Einheit des Amtes,
das im Bischofsamt seine Fülle besitzt.
Die relationale Bestimmung des Priesteramtes umschliesst die dogmatische
wie spirituelle Ausgestaltung des kirchlichen Amtes. Die spirituelle Ausrichtung
muss ebenso von der relationalen Dimension geprägt sein. Somit versteht
sich die Zölibatsverpflichtung nicht (mehr) kultisch-sazerdotal, sondern
erhält eine biblisch spirituelle Begründung: Der Verzicht auf
Ehe und Familie soll «um des Himmelreiches willen» gelebt werden.<4>
Mit der relationalen Grösse des Priesteramtes sind mehrere Momente
einer theologischen Bestimmung angesprochen, die die Symptome für die
Krise des Presbyterats sichtbar werden lassen.
Das Priesteramt lebt von einer Verbindung mit den anderen Ämtern und
Diensten. Der Presbyter kann weder systematisch noch spirituell als Einzelkämpfer
verstanden werden.
Die Zukunftsfähigkeit des Priesteramtes besteht auch darin, dass es
für den Menschen da ist. Die Kirche bleibt wesentlich auch in
ihrer Amtsstruktur der symbolisch-sakramentale Weg der Menschen zu
Gott. Sie ist kein Selbstzweck, der für sich selbst stünde. Die
Option für die Armen, Sorge um Randständige, Kirchendistanzierte,
Kirchenentfernte wie Kirchenferne bleiben ein «Stachel im Fleisch
des Institutionellen», das die Gefahr kennt, nur um sich selbst zu
kreisen.
Der relationale Ansatz des Presbyterats umfasst dessen Beziehung zu Bischofsamt
und Diakonat. Die kollegiale Amtsstruktur versteht sich als institutionelle
Bremse einer möglichen Machtkonzentration.
Die relationale Begründung des kirchlichen Amtes bildet ein Grundmuster,
um das Zueinander (nicht Gegeneinander) der neuen kirchlichen Dienste, die
auf Taufe und Firmung basieren, und dem Weiheamt zu verstehen.<5>
Die Kirche im deutschsprachigen Raum erlebt heute eine Phase des Erprobens
neuer Dienste und Ämter.<6> Die relationale
Perspektive sollte alle Beteiligten daran erinnern, dass es sich im Ausloten
der Beziehungen nicht um ein Gegeneinander, sondern um ein Miteinander handelt,
das um die gemeinsame Verpflichtung des Amtes weiss. Diese Phase kirchlichen
Lebens wird dem Presbyterat neue Akzente hinzufügen; ein Prozess, den
die Theologie- und Frömmigkeitsgeschichte des kirchlichen Amtes immer
wieder kannte. (Man ist gewohnt in einer geschichtlichen Betrachtung von
einem altkirchlichen, scholastischen, tridentinischen oder saintsulpizianischen
Typus priesterlichen Lebens zu sprechen.)
Der relationale Ansatz verweist auf etwas Grundsätzliches für
Theologie und Spiritualität des Amtsträgers: Das Amt bedarf seiner
Akzeptanz im Volk Gottes (vgl. LG 37; PO 9). An diese Fragestellung knüpfen
die «heissen Eisen» der innerkirchlichen Diskussion um das Presbyterat
an. Die geschichtliche Entfaltung des Amtes wird auch unter diesem Aspekt
zu betrachten sein.
Die ökumenische Suche nach einem Konsens in der Amtsfrage kann katholischerseits
mit dem Gedanken des relationalen Amtsverständnisses verknüpft
werden. Die sakramentale Struktur des Priesteramtes verweist auf die christologische
Vor-Gabe des Amtes, sie enthebt das katholische Amtsverständnis einer
kultisch-sazerdotalen Engführung, die sich zur christologischen Vor-Gabe
in das Beziehungsgefüge zwischenschaltet.
Der Zeugnis- und Verkündigungscharakter des Priesteramtes in der säkularen
Umwelt kirchlichen Lebens wird sich ebenfalls aus der relationalen Perspektive
im Sinne einer positiven Selbstevidenz zu erweisen haben.
Der Dominikaner Wolfgang W. Müller ist Privatdozent an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität München und Lehrstuhlvertreter Liturgiewissenschaft an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern.
1 Im Folgenden wird in Anbetracht der Kürze nicht eine Wesensanalyse des kirchlichen Amtes geboten, sondern vom Amt in seiner Verbindung zum Priesteramt (= Presbyterat) ausgegangen.
2 Vgl. dazu etwa CA Art. 7 und das Limapapier zu seinen Aussagen über das Amt.
3 J. Ratzinger wendet die augustinische Aussage der relationalen Beziehung zwischen Christgläubigen und Bischof («Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ») ebenso auf das priesterliche Amt an, vgl. ders., Zur Frage nach dem Sinn des priesterlichen Dienstes, in GuL 41 (1968) 347376, 370f.
4 Dabei gilt Folgendes zu beachten: «Die Wesens-Gemässheit der priesterlichen Ehelosigkeit bedeutet folglich nicht ihre Wesens-Notwendigkeit.» (K. Koch, Priester-Zölibat am Scheideweg: veraltet oder zukunftsfähig?, Freiburg i.Ü. 1995, 19).
5 Zu dieser Thematik siehe den sehr instruktiven Artikel: B. Sesboué, Die Pastoralassistenten/Pastoralassistentinnen in theologischer Perspektive, SKZ 161 (1993) 213219.
6 Für den eidgenössischen Kontext siehe: L. Karrer, Die Laientheologen in der Schweiz, in: SKZ 149 (1981) 174245.