10/1999

INHALT

Kirchliche Berufe

Pfarreisozialarbeiterinnen - Probleme und Perspektiven

von Zeno Cavigelli

 

Ein knappes Drittel der hundert Zürcher Pfarreien, hauptsächlich die grösseren und urbaneren, haben zurzeit einen Sozialdienst. Meist ist er weiblich besetzt. Den Rücken vieler, aber bei weitem nicht aller dieser sozial Tätigen stärkt eine sozialarbeiterische Ausbildung. Der Aufgabenbereich variiert stark. Altersarbeit ist oft nebst der Sozialberatung von Einzelnen und Familien die eigentliche Domäne. Gemeinwesenarbeit kommt seltener vor, eher noch die Mitarbeit in pastoralen Nachbargebieten wie Katechese, Bildungsarbeit, Liturgie. Die Berufsbezeichnungen variieren ebenso wie die Anforderungsprofile. Stellenausschreibungen lesen sich bisweilen wie ein Steckbrief für die eierlegende Wollmilchsau.
Auf solche Ausschreibungen gehen weniger Bewerbungen ein, als von der Marktsituation in der Sozialarbeit zu erwarten wäre. Die Pfarrei scheint als Arbeitsort für viele Profis suspekt, obwohl vielseitiger und weniger bürokratisch als die Arbeit auf den Ämtern. Zurzeit werden da und dort sozialarbeiterische Stellen geschaffen, während sie in der Nachbarpfarrei gekürzt oder halbherzig besetzt werden. Das Klagen der Betroffenen ist nicht öffentlich. Nur wer sich um die Sozialtätigen kümmert, und das ist eine der Aufgaben der Caritas Zürich, bekommt es zu hören. Was ist eigentlich los mit der pfarreilichen Sozialarbeit? Ich versuche das Problemfeld abzustecken:

Muss die Kirche diakonisch sein?

Seit Rahners etwas nonchalanter Einführung von «Grundfunktionen» hat sich in der Pastoraltheologie eine Art Equilibristik entwickelt. «Leiturgia», «Martyria», «Diakonia» werden miteinander in Beziehung gesetzt. Die «Koinonia» stösst dazu und verwirrt die Betrachter. Klar, dass die drei, vier pastoraltheologischen Grazien miteinander streiten, wer von ihnen die Schönste sei. Klar, dass jede ihre Anwälte hat. Lange Zeit waren jene der Leiturgia am längsten Hebel. Die Pastoraltheologien hielten mit steinerner Miene an der Gleichwertigkeit der Grundfunktionen fest. Warum wird nicht einfach Jesus zum Paris gemacht? Das dienende, heilende Auftreten im Volk wäre ja offensichtlich. Die Notwendigkeit zur Explikation dieses Heils-Handelns in der Folge ebenso. Und die feierliche gemeinsame Rückkoppelung an den heilsspendenden Gott im Abendmahl liesse sich als logische Konsequenz begreifen. Meiner Meinung nach ergibt sich das Gerangel aber dadurch, dass die «Grundfunktionen» als kirchliche Handlungsfelder missverstanden werden.
Sie sind aber eine Kriteriologie. Ebenso wie in der Biologie die Kriterien des Lebendigen bestehen, sind sie in der Pastoraltheologie die Kriterien für eine lebendige Kirche. Und das Leben ist wohl der Kirche einzige Pflicht. Es erlischt mit jedem unerfüllten Kriterium. Wie die Kirche ihr Handeln organisiert und strukturiert, sollte man nicht theologisch, sondern funktional definieren ­ so wie es jede andere Organisation auch tut. Wesentlich bei der Kirche ist nicht, dass sie ihr Tun von Gott her strukturiert, sondern dass sie es von Gott her begründet. Diakonia, Martyria, Leiturgia sind dazu vermutlich hinreichende Kriterien. Die Koinonia ist ihre Resultante. Das heisst: der in der erinnerten und verdankten Kraft Gottes wurzelnde und auch so erklärte Menschendienst schafft Gemeinde, baut am Reich Gottes.

Ist die diakonische Pfarrei ein Phantom?

Sobald durch diese Kriteriensetzung das Entgleisen erschwert ist, kommt die nächste, viel heiklere Frage: Welches sind zurzeit die strategischen Ziele für die Pfarrei? Diese können bei begrenzten Mitteln nicht überall sein. Der Entwurf für ein Zürcher Pastoralkonzept «Für eine lebendige und solidarische Kirche» setzt den Schwerpunkt in der Diakonie. Sollten diese «Anstösse für die Seelsorge» umgesetzt werden, müsste gerade auf gemeindlicher Ebene Diakonie wesentlich an Bedeutung gewinnen. Ist das überhaupt möglich? Und was können soziale Profis dazu beitragen?
Es sei an die Entwicklung der diakonischen «Branche» erinnert: Seit langer Zeit fand eine funktionale Differenzierung statt. Spezialisierte Bereiche lösten sich nach und nach aus dem Gesamt ortskirchlichen und gemeindlichen Handelns und wurden zu Spitälern, Heimen, Hilfswerken, Kindergärten. Diese oft sinnvolle Differenzierung bezeichnen wir als «Delegation der Diakonie». Ihr folgte hierzulande oft die Übernahme durch die öffentliche Hand. Obwohl zurzeit mit der Verschlankung des Staates eine Gegenbewegung im Gange ist, stellt sich die Frage pfarreilicher Diakonie kontextuell, im Sinne einer Nischenstrategie. Allerdings ist dieser Standpunkt nicht unbestritten. Der These, Diakonie gehöre «zum Kerngeschäft der Pfarrei» (Florian Flohr) widerspricht der Luzerner Soziologe Stefan Müller mit der Feststellung, die Pfarreien hätten keine Ressourcen für Diakonie mehr. Sie täten deshalb gut daran, im Sinne einer vernünftigen Begrenzung, sich auf ihre «Funktion als spirituell-religiöse Zentren» zu beschränken. Diakonie sei der Region bzw. dem Bistum zu überlassen.
Wenn wir sehen, wie die Pfarreien und ihre Aktiven überlastet sind und sich durch ihre unbegrenzten Pflichten quälen müssen, hat dieser Vorschlag einiges für sich. Uns Theologinnen und Theologen bricht es allerdings fast das Herz: Wir wollen ­ mit Paulus gesprochen ­ mehr als klingende Schellen und tönendes Erz sein und tun. Wenn wir von Ausdifferenzierung sprechen: Macht es Sinn, das Paket Diakonie en bloc auszulagern, oder gäbe es eine kluge innerdiakonische Aufteilung? Dazu gibt es eine normative und eine pragmatische Antwort. Die normative ergibt sich bereits aufgrund der besprochenen Kriteriologie. Für die pfarreiliche Praxis stellt sich nur die Frage, wie man durch den normativen Korridor kommt, ohne hängen zu bleiben. Was braucht es, um die Schellen aus dem Korintherbrief zu Gottesdiensten zu machen? Es braucht zum Beispiel die Sensibilität der Akteure für das Zwischenmenschliche in der Liturgie und die Notwendigkeit, gemeinsam zu feiern und nicht nur als Ansammlung von in sich gekehrten Einzelmasken. So könnte man mit dem diakonischen Kriterium die ganze Pfarreiagenda durchprüfen. Das «spirituell-religiöse Zentrum» ist dann eben diakonisch. Oder es ist hohl. Für liturgischen «Reinspiritus» auf hohem Niveau sorgen Orte wie das Kloster Einsiedeln ja recht gut. Die nötige Selbstprüfung kann der Pfarrei keine zentrale Instanz abnehmen. Es ergibt sich in der Pfarrei notwendig die Rolle des sozialen Seismografen, welcher menschliche Not als erster wahrnimmt und die nötigen Denkprozesse einleitet.

Statistin oder Bühnenarbeiterin?

Die real existierende Pfarreisozialarbeiterin nimmt diese Rolle nicht immer ein. Von ihr kann kein eindeutiges Bild gezeichnet werden. Gewisse Merkmale ziehen sich aber durch, Ausnahmen bestätigen nur die Regel. Die Sozialarbeiterin gehört oft nicht zum Kernteam, wie die Sozialarbeit auch nicht zu den Kernaufgaben gezählt wird. Sie hat einen eigenen Hauseingang, was nicht nur Nachteile hat. Sie wird nicht selten vergessen, rutscht in ein marginales Getto ab. Es kostet sie extrem viel Energie, ihre Beobachtungen und Fragen immer wieder einzubringen. Mit liturgischen Abläufen beschäftigt sich das Team stundenlang, schildert die Sozialarbeiterin aber einen «Fall», schaut der Pfarrer bald auf die Uhr. Vor der Kirchenpflege muss sie sich ­ wie der Jugendarbeiter ­ bisweilen ausführlich legitimieren. Die Theologen müssen das nicht. Dann kann sie wieder gehen. Die sparende Kirchenpflege macht sich mit Vorliebe über ihr Pensum her. Natürlich: die öffentliche Fürsorge leistet ähnliche Arbeit. Die Pfarreisozialarbeiterin ihrerseits krallt sich dort fest, wo sie Halt vermutet: Ihr Erfolg ist ein Saal voller Senioren beim Lottospielen. Und der neidische Pfarrer ist ihr zugleich Genugtuung und Bedrohung. Kurz und gut: das Leben der Pfarreisozialarbeiterin ist nicht selten eines am Rande.
Oft bleiben so im Team Rollen unbesetzt, für welche die Sozialarbeiterin besonders gut vorbereitet wäre. Sie bringt ausbildungsmässig die höchste Sozialkompetenz mit, die geschulteste Selbstreflexionsfähigkeit und nicht zuletzt: eine gewisse Übung im Setzen und Evaluieren von arbeitsbezogenen Zielen. Nicht nur ihr menschliches Werkzeug, sondern auch ihre Arbeitstechnik ist dank ihrer Ausbildung oft weiter entwickelt als die des Pfarrers.
Wäre man nicht so fixiert auf das Amt und gewisse Rollenkombinationen, könnte man sagen, dass es in jeder christlichen Gemeinde eine ganze Anzahl von notwendigen Rollen braucht, die in ihrer Betonung von den Notwendigkeiten der Umgebung abhängig sind, und in ihrer Besetzung von den vorhandenen Talenten. Ich kenne Pfarrer, die auf grossartige Weise einladend wirken, Menschen miteinander verbinden können und Gemeinschaft schaffen. Aber als Liturgen oder Prediger sind sie unmöglich. Das Gegenteil ist allerdings häufiger. Die Frage lautet für mich nicht «Pfarreisozialarbeiterin ja oder nein?», sondern: Welche Talente müssen für ein gutes Wirken der Pfarrei zusammenspielen?
Die Pfarreisozialarbeiterinnen sehen das selber natürlich etwas anders. Die Arbeitsgruppe 39 der Pastoralplanungskommission vertritt in ihrem Entwurf «Zur Rolle professioneller Sozialarbeit in den Pfarreien der Deutschschweiz» ­ übrigens nicht aus dem hohlen Bauch, sondern recht umsichtig theoretisch und empirisch abgestützt ­ ein die Professionalität betonendes Modell der Pfarreisozialarbeit. Nun, wer schon in der Berufsbildung tätig war, weiss, dass mit einer Diplomierung der Schritt vom Dilettanten zum Profi nicht garantiert werden kann. Die Spannungen, die ich unter Pfarreisozialarbeiterinnen mit und ohne Diplom etwa erlebe, treffen selten den Kern der Sache.
Die erste Frage ist immer, ob ein Rollenträger die von ihm gerechterweise erwartete Leistung, sei es nun eine theologische, eine sozialarbeiterische, eine administrative oder eine leitende, erbringt. Die zweite Frage stellt sich mit der Bezahlung dieser Leistung. Wie viel kann und will eine Kirchgemeinde in welche Leistungen investieren? Diese Frage muss sowohl absolut als auch relativ gestellt werden. Im ersten Fall geht es um bezahlte und unbezahlte Verrichtung, im zweiten um die Gewichtung innerhalb der Engagement. Muss es wirklich sein, dass in der Sparrunde die Sozialarbeiterstelle vor der Theologenstelle Federn lassen muss?

Bezahlt oder unbezahlt?

Wir sind eine reiche Kirche inmitten einer Dienstleistungsgesellschaft. Logisch, dass bei uns die nötigen Leistungen gegen Lohn und feste Anstellung erbracht werden. Andererseits sind in der Kirche nach wie vor die unbezahlten Tätigkeiten stark vertreten, und zwar sowohl bei den freiwilligen und ehrenamtlichen Laien, als auch bei den Profis, welche oft einen schönen Teil ihrer Freizeit in Räten, Vorständen, Initiativ- und Projektgruppen verbringen. In knappen Zeiten wächst die Versuchung, diese unbezahlten Anteile auszudehnen, und somit auch die bezahlte Sozialarbeit durch unbezahlte zu ersetzen.
Beobachtungen in allen kirchlichen, aber auch in ausserkirchlichen Tätigkeitsfeldern zeigen, dass der Bestand ausschliesslich unbezahlter und nichtprofessioneller Arbeit prekär ist. Laien, also Handelnde ohne einschlägiges Studium oder Berufsausbildung können auf hohem Niveau viel erreichen. Sie bedürfen aber der Unterstützung durch ausgebildete und verlässliche Kräfte, wie man sie nur von bezahlten Stellen aus bieten kann. Paradebeispiel ist der HGU, wo Freiwillige mit professioneller Unterstützung mit jeder Garantie mehr leisten als ein durchprofessionalisierter Religionsunterricht, wo das Ganze aber ohne kompetente Leitung undenkbar wäre. Gleiches gilt etwa für die Besuchsdienste in den Pfarreien oder für die in der Liturgie mitwirkenden Gruppen. Der Traum des Buchhalters, teure Angestellte durch billige Freiwillige zu ersetzen, ist ein Alptraum nicht nur für die Profis, sondern auch für jene, welche die Leistungen in Anspruch nehmen möchten und nicht zuletzt für die Freiwilligen, welche vor dem Abgrund des Ausgenütztwerdens stehen.

Perspektiven

Angesichts dieser Erwägungen stellt sich die Frage, was man noch besser machen und für die Zukunft entwickeln sollte. Wiederum gilt diese Frage für alle pastoralen Belange. Bezogen auf die Pfarreisozialarbeit seien im Folgenden einige Feststellungen und Anstösse gewagt:

  1. Pfarreiliche Diakonie kommt und geht nicht mit der Pfarreisozialarbeiterin. Diakonie gehört mitten in die Kirche<1> und ist Kriterium kirchlichen Lebens.
  2. Von den typischen Fähigkeiten einer Sozialarbeiterin ist auf Pfarreiebene vor allem die soziale Kompetenz gefragt. Diese kann nicht nur durch eine diplomierte Sozialarbeiterin abgedeckt werden.
  3. Spezifischere Berufsleistungen könnten auch anders organisiert werden. Für Sozialberatung ist die Zusammenarbeit mit der lokalen Sozialbehörde und mit der regionalen Caritasstelle angezeigt. Analyse und Gruppen- oder Projektaufbau kann auch eine Sozialarbeiterin auf Stör bzw. eine solide Unterstützung durch die regionale Caritasstelle leisten.
  4. Ehrenamt und Freiwilligkeit bedarf der professionellen Unterstützung. Umgekehrt: Zur professionellen Leistung in der Pfarrei gehört die Aktivierung ehrenamtlichen und freiwilligen Engagements.
  5. Ein Pfarreiteam braucht einen ausgewogenen Fähigkeiten-Mix. Der Schatten der Ämtertheologie muss übersprungen werden. Leiten soll, wer es kann. Soziale Kompetenz braucht jede Pfarrei. Sie kann nicht eingeflogen werden wie der «Köfferli-Pfarrer».
  6. Wo eine Sozialarbeiterin in der Pfarrei mitarbeitet, muss sie ernst genommen werden. Sie verdient an den Teamsitzungen oder in der Kirchgemeindeversammlung nicht weniger Gehör als der Pfarrer, und sie soll sich vor Stellenkürzungen nicht mehr fürchten müssen als die andern Angestellten der Pfarrei.
  7. Alle Berufe und Persönlichkeiten in einem Pfarreiteam brauchen gemeinsame Ziele sowie eine Führung und Begleitung, welche sie zu einem Team macht, den Einzelnen den nötigen Schutz gewährt und ihre Leistungsfähigkeit auf Dauer ermöglicht.

Ceterum censeo

Der Diakonie das nötige Gewicht verleihen, ist das eine. Dies auch auf eine Handlungsebene zu bringen, ist ein anderes, und die kirchliche Organisation scheitert immer wieder daran, dass zwischen dem eloquent formuliertem Sollen und dem Tun Welten klaffen. Zusehends kommt deshalb die Forderung einer bewussteren Führung in der Kirche auf. Wenn die Bischöfe an ein Diakonieleitbild gehen wollen, so ist das ein Fortschritt, der sich auch für die Pfarreisozialarbeit auswirken wird. Wird es gelingen, wirkliche Prioritäten zu setzen und die sinnlosen innerkirchlichen Energiefresserthemen endlich abzuschliessen ­ zugunsten einer überzeugend diakonischen Kirche?

 

Der promovierte Theologe Zeno Cavigelli-Enderlin leitet die Abteilung «Animation und Bildung» der Caritas Zürich.


Anmerkung

1 Vgl. Pompey/Ross, Kirche für andere, Mainz 1998, und Cavigelli, Mehr Kompetenz für weniger Armut, Caritas Zürich 1996.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999