48/1999

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Berichte

Renovierte Gardekapelle eingeweiht

von Nestor Werlen

 

Man sollte einmal die Probe aufs Exempel machen und die vielen Schweizer Touristen, die jährlich durch die Kolonnaden von Sankt Peter schlendern, fragen, ob sie wissen, dass sich in nächster Nähe eine Kapelle befindet, die für Schweizer errichtet, von einem Schweizer Priester betreut und von Schweizern als ihre «Pfarrkirche» angesehen wird. Kaum einer würde die Frage positiv beantworten können.
Und doch stimmt es! Wenn man auf die Vatikan-Post eilt, etwa um Spezial-Vaticano-Marken zu kaufen, steht man in ihrer unmittelbaren Nähe, nicht einmal einen Steinwurf entfernt ­ freilich getrennt durch die Mauern des Vatikans. Einzig das Türmchen und der Giebel der Fassade der Kapelle schauen über die Mauer herüber auf den Petersplatz, die Kapelle duckt sich fast schüchtern in eine Ecke zwischen der Mauer und den mächtigen Fundamenten des Papstpalastes. Es mag ein Privileg sein, dass sie direkt unter den Fenstern der päpstlichen Wohnung steht.
1568, während des Pontifikates des Dominikanerpapstes Pius V. (1566­1572), wurde die Kapelle für die Schweizer, die im Dienste des Papstes standen, und ihre Familien erbaut; seither ist sie Kapelle der Schweizergarde. Die Kunsthistoriker sind sich nicht einig, wer der Architekt war, Nanni di Baci Bigio oder Jacobo Bartozzi genannt Il Vignola. Sicher ist nur, dass das Innere dieser ersten Kapelle von Giulio Mazzoni ausgeschmückt wurde. Zweimal im 20. Jahrhundert wurde die Kapelle umgebaut und ­ besonders wichtig ­ vergrössert: unter Pius XI. (1922­1939) und 1967. Die Kunsthistorikerin Angela Guarino nennt diese letzte Renovation «la trasformazione più radicale»; so wurden etwa die Ausmalungen der Renovation unter Pius XI. ganz entfernt und eine Wand ausgebrochen, um mehr Platz zu erhalten.
Das Projekt für die dritte Renovation, die mit der Altarweihe durch Staatsekretär Kardinal Angelo Sodano am 11. November 1999 beendet wurde, stammt vom Schweizer Architekten Gabriel Wey (Sursee); mitgearbeitet hat auch die Generaldirektion der technischen Dienste «della Governatorato della Città del Vaticano». Erneut war es ein Anliegen, Platz zu gewinnen, denn besonders an Sonn- und Festtagen, wenn ein grosser Teil der Gardisten und ihre Familien anwesend sind, ist die Kapelle zu klein. Deshalb wurde eine Art Balkon eingebaut, den man über eine im Innern eingebaute Stiege erreicht. Die Achse der Kapelle musste deshalb umgestellt werden, was auch eine neue Anordnung von Altar und Orgel zur Folge hatte. Die künstlerische Ausschmückung der Kapelle durch die Renovation von 1967 blieb weitgehend erhalten. Dazu kamen neu Werke von Gino Gianetti (Rom), die bei der Einweihung allgemeine Anerkennung fanden: einmal die Gestaltung der Balustrade zum Andenken an die 147 anlässlich des «Sacco di Roma» (1527) gefallenen Schweizer, dann, besonders eindrücklich, der monumentale Tabernakel und die «Porta del Battista», die an Werke von Giacomo Manzù erinnern. Von Benedetto Pietrogrande (Mailand) stammen die innere Tür, Altar und Ambo. Wie Alois Jehle, der heutige Gardekaplan, erklärte, wurde die Renovation finanziell unterstützt durch den Vatikan und «von unzähligen Gläubigen in der Schweiz und in Liechtenstein». Soweit ich es beurteilen konnte, waren Gäste ­ vielfach «Sponsoren» aus der Schweiz ­ und Gardisten mit der neuen «Pfarrkirche» der Schweizer sehr zufrieden.

Einweihungsfeierlichkeiten

Es war nicht der schönste Tag des Herbstes, den man ausgewählt hatte, um die Einweihung durchzuführen; so wurde etwa der Aperitif nach den kirchlichen Feierlichkeiten durch einen Nieselregen arg gestört; doch es war das Fest eines der Kirchenpatrone, des hl. Martin von Tours. Die kirchlichen Feierlichkeiten waren einfach, aber gerade deshalb eindrücklich, geprägt durch den familiären, fast intimen Charakter dieser Kapelle. Staatssekretär Angelo Sodano, als eigentlicher «Herr» der Schweizer Garde, vertrat die Weltkirche; der Abt von St-Maurice, Joseph Roduit, und der Sekretär der Schweizer Bischofskonferenz, P. Roland-Bernhard Trauffer, die Schweizer Bischöfe. War es nur Zufall: ein Dominikaner stand am Anfang der Kapelle, ein Dominikaner war in offizieller Funktion bei der Einweihung des neu renovierten Werkes anwesend? Der Sonderbotschafter der Schweiz beim Heiligen Stuhl, Claudio Caratsch, vertrat die Schweiz. Dazu kamen Vertreter von Organisationen und Pfarreien aus der Schweiz, die die Renovation durch finanzielle Hilfe unterstützt hatten. Nicht vergessen soll hier Sr. Martine Rosenberg werden, bis vor kurzem Frau Mutter der Schwesterngemeinschaft von Baldegg; seit vielen Jahren sorgen Schwestern von Baldegg mit viel Liebe und Aufmerksamkeit für das leibliche Wohl der Gardisten. Dazu kamen Alt-Gardisten und Gäste aktueller Gardisten.
In seiner Homilie kam Kardinal Sodano zuerst auf die beiden Patrone der Kapelle zu sprechen: Martin von Tours und Sebastian. Ich nehme an, dass diese beiden Heiligen zu Patronen der Kapelle gewählt wurden, weil beide nach der Legende etwas mit dem Soldaten-Handwerk zu tun hatten. Er begrüsste Offiziere und Soldaten des «antico e glorioso Corpo della Guardia Svizzera», überbrachte ihnen den «grato apprezzamento del Santo Padre» und schloss seinen persönlichen Dank «per il puntuale e generoso servizio reso con ammirevole dedizione» an. Ein wenig musste ich an diese Worte denken, als ich beim Heimgehen an der «Porta Sant'Anna» drei Gardisten beobachtete, die im strömenden Regen zum x-ten Mal an diesem Tag Touristen und Touristinnen aus Europa und besonders aus Übersee erklärten: «Nein, hier geht es nicht zur Sixtinischen Kapelle. Da müssen Sie der Mauer entlang nach vorne gehen und dann links hinauf». Da braucht es schon etwas von der «ammirevole dedizione», die ihr Dienstherr angesprochen hatte. Das geschah übrigens mit Geduld und welschem Charme und wurde von einigen Japanerinnen mit ebenso viel Liebeswürdigkeit aufgenommen.
Kardinal Sodano legte dann die Texte von Epistel und Evangelium in den drei Landessprachen aus; Rätoromanisch fehlte, aber nehmen wir einmal zu Gunsten des Kardinalstaatssekretärs an, dass es im Moment keinen Rätoromanen unter den Gardisten gibt. Er legte dar, die Kirche sei ein Haus der Gottesbegegnung und «Tor zum Himmel», wie es Jakob (Gen 28,17) formulierte; weiter ein Ort, an dem Eucharistie gefeiert wird, die «lebendige Vergegenwärtigung Jesu Christi, seiner Menschwerdung, seines Leidens und seiner Auferstehung»; endlich ein Ort des Gebetes. Kardinal Sodano wies darauf hin, dass «une synthese entre la prière et la vie» nötig sei. Wenn «la chiesa è il luogo dell'incontro con dio», dann müsse sie «nello stesso tempo la casa della fraternità» sein; sie sei dann sowohl «domus Dei» wie «domus hominis». Hier in dieser Kapelle «formt ihr eure Gemeinschaft» sagte Kardinal Sodano, um dann wörtlich weiterzufahren: «Qui ricevete luce e forza nei momenti di difficoltà. Qui attingete il supplemento di generosità necessario per superare possibili screzi e tensioni». Über «screzi e tensioni» in der Garde wurde in den vergangenen Monaten in der Weltpresse ausgiebig gesprochen. Nicht alles entsprach dabei ­ so berichten Kenner der Situation ­ der Wirklichkeit. Der neue Kommandant Pius Segmüller ­ der selber die Reliquien, die nachher in den Altar eingemauert wurden, zum Altar trug ­ und seine Offiziere und Unteroffiziere können diesen religiösen Aspekt einplanen beim Aufbau eines neuen Geistes in der Schweizer Garde. Im Gespräch mit einigen Gardisten wurde mir gesagt, an sich wären die zwei Jahre, zu denen sie sich verpflichtet hätten, bald vorbei, doch sie möchten noch bleiben, weil voraussichtlich im Jahr des Jubiläums viel Mehrarbeit auf die Garde zukommen werde. Das ist doch ein Zeichen von Solidarität!
Eigentlich hätte ich jetzt gerne berichtet über die Eröffnung des «Passettos», des teilweise unterirdisch, teilweise über die Mauern von der Engelsburg in den Vatikan, in die Nähe der Schweizer Garde, führenden Weges. Da ich aber nicht zu der auserwählten kleinen Gruppe gehörte, die den «Passetto» zum ersten Mal seit 1870 wieder gingen, kann ich davon nichts erzählen. Zugegeben, ich hätte es besonders deswegen gerne getan, weil sich mit diesem Gang viele historische Reminiszenzen verbinden, die man sich bei «guter Ortskenntnis» doch besser vorstellen kann.
Der Tag klang aus mit einem Orgelkonzert von Hilmar Gertschen (Brig) in der neuen Kapelle.

 

Der Kapuziner Nestor Werlen nimmt für uns regelmässig Berichterstattungen aus Rom wahr.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999