37/1999 | |
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Berichte |
Die Ministrantinnen und Ministranten sind vor allem in den Pfarreien
aktiv. Zur Ausbildung und zu Ministrantentreffen kommen sie auch auf regionaler
Ebene zusammen. Alle fünf Jahre pilgern Tausende von Ministranten aus
ganz Europa nach Rom, so auch 1995. In Rom entstanden intensive Kontakte
zwischen deutschen und ungarischen Ministranten, die bei den jährlichen
Treffen der Länderverantwortlichen im CIM (Coetus Internationalis Ministrantium)
vertieft werden.
Für den 2.7. August 1999 luden ungarische Ministranten erstmals
ihre europäischen Kollegen und Kolleginnen zu einem Lager nach Ungarn
ein. Über 60 Messdiener/Messdierinnen aus Deutschland, kleinere Gruppen
aus Luxemburg, Liechtenstein und der Schweiz, aber auch aus der Ukraine
und Rumänien kamen in einem hügeligen Lagergelände in Balinka
(zwischen Budapest und Györ) zusammen. Die Ungaren waren herzliche
Gastgeber. Gegen 200 ältere Ministranten und Ministrantinnen aus Ost-
und West-Europa konnten sich da besser kennen lernen, miteinander spielen,
Gottesdienste feiern und über das christliche Leben nachdenken.
Leitfigur war ihnen der hl. Martin, ein europäischer Heiliger, der
in Ungarn geboren wurde, in Italien, Frankreich und Deutschland lebte und
den christlichen Glauben bis nach Ungarn verbreitete. Das Leben des hl.
Martin, der nacheinander Soldat, Offizier, Glaubensschüler, Mönch,
Priester und Bischof war, lud die jungen Menschen ein, über ihre eigene
Berufung und Lebensaufgabe nachzudenken. Nicht nur seine bekannte Liebe
zu den Armen, auch sein grosser Einsatz für den wahren Glauben beeindruckte.
So besuchten die jungen Leute auch das über 1000-jährige Benediktinerkloster
Pannonhalma, wo der hl. Martin besonders verehrt wird. Auch der frühere
päpstliche Nuntius in der Schweiz, Mgr. Karl-Josef Rauber, der jetzt
in Ungarn wirkt, besuchte das Ministrantenlager und gab freundlich Auskunft
über sein Wirken und seinen persönlichen Glauben.
Besonders eindrücklich waren auch die Glaubensgespräche, bei denen
jeder Ministrant auf einem Plakat darlegen konnte, was für seinen persönlichen
Glauben zentral, was für ihn wichtig und was weniger wichtig ist. Ein
Vergleich zwischen den verschiedenen Ländern gab Anlass zu anregenden
Glaubensgesprächen. Während für ungarische Jugendliche die
hl. Messe, die Beichte, die Taufe, die Bibel, das Gebet und der Papst ganz
zentral zum Glauben gehören, wurde all dies von Jugendlichen aus der
Schweiz und Deutschland als weniger zentral bewertet. Für die Deutschen
und Schweizer stehen vor allem die Nächstenliebe und die Gemeinschaft
im Zentrum, auch der Glaube an Gott, während für sie der Gottesdienst
und der Papst nicht im Mittelpunkt stehen. Sie waren beeindruckt vom tiefen
Glauben der ungarischen Jugendlichen, die jeden Tag freiwillig an einer
hl. Messe teilnahmen, während die Deutschsprachigen eher Wortgottesdienste
feierten. Solche Unterschiede zeigen, wie wir uns in der katholischen Kirche
über die Landesgrenzen hinaus viel zu sagen haben und uns gegenseitig
zum vollen katholischen Glauben helfen können.
Die kleine Schweizer-Delegation konnte sich der gut organisierten deutschen
Reisegruppe anschliessen, die auf der Busreise auch die schönen Donau-Städte
Passau, Wien und Budapest unter kundiger Führung besuchte. In der Nähe
von München konnte die Reisegruppe auch die totale Sonnenfinsternis
miterleben. Unvergessen bleiben die schönen Lagerfeuer mit frohen Liedern
und viele Freundschaften über alle Länder hinweg.
Ermutigung, in der Kirche aufzutreten und nicht aus ihr auszutreten:
Das ist das Ziel des internationalen Gemeindeforums, zu dem sich basiskirchlich
engagierte Gläubige alle zwei Jahre treffen. Am 12. Forum in Wien-Schwechat
waren nicht nur Mitglieder von Basisgruppen aus Deutschland und Österreich
(leider nicht aus der Schweiz) anwesend, sondern auch Christen und Christinnen,
die in lebendigen Pfarreien jenseits einer Konsum-Mentalität leben.
«Wisst ihr jetzt trotzdem, was eine Basisgemeinschaft ist?»,
fragte eine Frau nach einem angeregten Erfahrungsaustausch des Gemeindeforums.
Das «Trotzdem» bezog sich auf die verwirrende Vielfalt, die
das basiskirchliche Leben auszeichnet. Eines aber war klar, nämlich
die drei Elemente, die sich auf irgendeine Weise in jeder Basisgruppierung
finden:
Der Wiener Raum ist offensichtlich ein guter Ort für Basisgemeinschaften.
Es gibt hier mehrere Pfarreien, die sozusagen auf dem Nährboden ihrer
Basisgruppen gedeihen. Dazu gehört die Pfarrei Wien-Schwechat. Es gibt
in ihrer Mitte drei sehr aktive Basisgruppierungen. Am eingangs erwähnten
Gruppengespräch des Forums erzählte ein Mitglied: «Wir streiten
viel, lachen viel, diskutieren viel. Fixpunkt unserer Zusammenkünfte
ist immer das Bibellesen. Zwischen den Gemeindeabenden besuchen wir uns
spontan, was wir uns nicht getrauen würden, wenn wir nicht in der Gemeinschaft
wären. Wenn jemand krank wird oder in eine schwierige Situation gerät,
überlegen wir uns, was wir tun können.»
Wohl erstmals auf einem Gemeindeforum wurde man sich bewusst, dass auch
die Basisgemeinschaften unter mangelndem Nachwuchs leiden: «Schrumpf,
schrumpf!», sagte eine Wienerin, als sie darauf angesprochen wurde.
In Schwechat beispielsweise ist die Gründungsgeneration inzwischen
30 Jahre älter geworden. Auch wenn in der Zwischenzeit viele neu dazugekommen
sind, ist der Altersdurchschnitt mit rund 60 Jahren hoch.
Die Tatsache, dass auch die Basiskirche zahlenmässig nicht gerade
boomt, sicherte die Aufmerksamkeit für das einzige Referat des Forums.
Der Würzburger Pastoraltheologe Rolf Zerfass vertrat die These von
der gottgewollten Exil-Situation der Kirche. Er ging davon aus, dass die
seit dem Konzil florierende Vorstellung der Kirche als «Volk Gottes»
die Tatsache ausgeblendet hat, dass Gott dieses Volk nicht bloss in das
Gelobte Land, sondern später auch in die Verbannung geführt hat.
Wenn die Kirche allmählich eine kleine, unbedeutende Minderheit in
einer nicht mehr christlich geprägten Gesellschaft werde, sie dies
nicht die Schuld von schlechten Amsträgern. Es sei eine «Zumutung
Gottes».
Zerfass erinnerte an das Wort Gottes, wonach er sein Volk in Bedrängnis
gebracht habe, «damit sie ihn finden». Tatsächlich habe
die Forschung der letzten Jahrzehnte nachgewiesen, dass das Volk Israel
erst im Exil richtig erkannt habe, welches seine Aufgabe als Gottesvolk
sei. Israel habe gespürt, dass sein Gott es überall hin begleitete.
Es habe entdeckt, dass Jahwe nicht bloss im Gelobten Land und im Tempel
anwesend sei.
Zerfass verwies auf die Verheissung, dem Volk werde «Zukunft und Hoffnung»
(Jer 29,11) geschenkt. Das Versprechen sei aber erst in der dritten Generation
eingelöst worden. In der Zwischenzeit sollte Israel den Auftrag erfüllen:
«Suchet das Wohl des Landes, in das ich euch verbannt habe, und betet
für es. Denn sein Wohl ist auch euer Wohl» (Jer 29, 47).
Der Referent führte weiter aus, im Exil seien alte, archaische Riten
zerstört worden, die an das Land gebunden waren. Statt sich an Äusserlichkeiten
zu klammern, habe das Volk sich auf das Wort Gottes konzentriert. Das Alte
Testament, wie es uns vorliegt, habe in dieser Zeit Gestalt angenommen.
Da kein Tempel da war, habe man sich in Synagogen versammelt. In kleinen
Gruppen statt in grossartigen Ansammlungen habe man Gottesdienst gefeiert:
«Damals entstanden die ersten Basisgemeinschaften.»
Die provozierende und ebenso tröstliche These von Zerfass lautet
zusammengefasst: «Auch im Übergang in das dritte Jahrtausend
befindet sich das wandernde Volk Gottes auf dem Weg in die Minderheit unter
den Völkern. Dieser sozio-historisch unbestreitbare Sachverhalt ist
eine im Glaubensgehorsam anzunehmende Zumutung Gottes. Sie erweist sich,
wo sie aufgegriffen wird, als eine Zumutung voller Verheissungen.»
Und weiter: «Es ist wahr: Wir sind Ðim Sprung gehemmtð worden.
Aber auch in dieser Erfahrung steckt ÐZukunft und Hoffnungð.»
Zerfass rief dazu auf, sich «vom Götzenbild einer prosperierenden
Kirche und vom Baalsdienst erfolgsfixierter Pastoral abzuwenden».
Dafür solle sich die Kirche in den Horizont der Gottesherrschaft stellen
und «unbeirrbar damit rechnen», dass ihr alles andere dazu gegeben
werde. Statt auf die grosse Zahl zu vertrauen, solle sie ihren Auftrag als
Salz der Erde ernst nehmen, indem sie sich den Zeichen der Zeit stelle.
Rolf Zerfass schloss seinen Vortrag mit der Feststellung, der Kirche sei
«Zukunft und Hoffnung» geschenkt, «wenn wir lernen, das,
Ðwas unser Herze kränktð (Paul Gerhardt, 1653), dem Schweigen
Gottes anzuvertrauen. ÐDu aber bist in unserer Mitte, Herrð (Jer
14,19).»
«Ich führe euch, mein Volk, aus eueren Gräbern heraus.» Dieses Bibelwort aus Ezechiel (37,12) war das Motto des 12. Deutschsprachigen Gemeindeforums. Nach dem Vortrag von Zerfass schrieb jemand gross auf die aufgehängte Wandzeitung: «ICH führe euch heraus, nicht die falschen Propheten, nicht die ÐMacherð, nicht wir allein.» Weiter fanden sich hier unter dem Stichwort «Kirche/Gemeinde/Zukunft» die Worte:
Unter den vier Schweizer Gästen, die sich aus Interesse an basiskirchlichen Aufbrüchen in Wien-Schwechat eingefunden hatten, befand sich Bernadette Inauen-Wehrmüller, die Präsidentin des Katholischen Seelsorgerates des Kantons Luzern. Sie fasste ihre Eindrücke zusammen: «Sehr gestärkt kehrte ich nach Hause zurück überzeugter noch, dass meine Visionen von kleineren, engagierteren Gemeinschaften nun in meinem Lebensbereich konkretere Schritte fordern. Ich fand neuen Mut, meinen Träumen von einer Kirche der Zukunft zu vertrauen und meine Schritte danach auszurichten.»
Walter Ludin ist Redaktor der Missionszeitschrift ite der Schweizer Kapuziner und regelmässiger Mitarbeiter unserer Zeitschrift.
Mit der immer wieder aktuellen Frage nach dem Leid in der Welt angesichts
der Vatergüte und der Allmacht Gottes hat sich der Bischof Bischof
von Basel, Kurt Koch, während der «Quartener Tagung» am
Samstag, 21. August 1999, auseinander gesetzt.
Das Thema der Tagung, zu der auch in diesem Jahr wieder mehr als 400 Teilnehmerinnen
und Teilnehmer gekommen waren, hiess: «Wir glauben an Gott den Vater».
Damit schloss es an die letztjährige «Quartener Tagung»
zum Thema «Das Wunder der Geistesgegenwart» an.
Am Vormittag sprach der Bischof in einem ersten Vortrag von «Gott als Vater Jesu Christi und als Vater der Christinnen und Christen». Wenn Jesus Christus den Vatergott anrede, dann geschehe dies in der kindlichen Koseform «Abba». Dabei liege der Akzent nicht auf der Männlichkeit dieses Vatergottes, sondern auf der unerhörten Nähe seiner Beziehung zu diesem göttlichen Abba-Geheimnis wie auch umgekehrt. Der Gedanke der fürsorgenden Vatergüte Gottes, der sich jedem einzelnen Menschen zuwendet, stehe bei Jesus in der Mitte seines Gottesverständnisses. Wenn die Menschen heute Schwierigkeiten hätten, Gott als Vater anzureden, dann darum, weil das Vatersein Gottes biologisch gesehen werde. Diese gefährliche Verwechslung des Vatergottes des christlichen Glaubens mit einem Archetypen männlicher und patriarchaler Herrschaft hänge weitgehend mit dem Verblassen des biblisch-christlichen Gottesbildes zusammen. «In der neutestamentlichen Botschaft aber offenbart sich Gott als ein auf mütterliche Weise väterlicher und in väterlicher Weise mütterlich barmherziger Gott. Von daher versteht es sich, dass Gott in christlicher Sicht sowohl mit dem Symbol des Vaters wie auch mit dem Symbol der Mutter beschrieben werden kann», so der Bischof. «Gott ist die Liebe.» In diesem Spitzensatz liesse sich das Geheimnis des trinitarisch offenbaren Vatergottes am besten zusammenfassen.
Über Gottes Allmacht und die Ohnmacht seiner Liebe in der Welt sprach Bischof Kurt Koch in einem zweiten Referat. Im Glaubensbekenntnis werde das Vatersein Gottes seiner Allmacht vorgeordnet. In der biblischen Botschaft sei das Bekenntnis zur Allmacht Gottes durchgehend mit dem Bekenntnis zu seinem schöpferischen Handeln verknüpft. Die schöpferische Macht Gottes sei aber zu verstehen im Sinne eins freien Aktes Gottes, als «Ausdruck der Freiheit des Sohnes in seiner Selbstunterscheidung vom Vater und der Freiheit väterlicher Güte... sowie auch des Geistes, der beide in Übereinstimmung verbindet». Immer wieder würde die Allmacht Gottes verwechselt mit einer tyrannischen Herrschaft. «Allmächtig ist Gott vielmehr nur darin, dass er das ihm Gegenüberstehende gerade in seiner geschöpflichen Besonderheit und auch in seinen endlichen Grenzen bejaht, und zwar uneingeschränkt und unendlich bejaht, so dass dem Geschöpf auch die befreienden Chance eröffnet wird, in der Annahme seiner eigenen Grenzen der Unendlichkeit Gottes selbst teilhaftig zu werden.»
Was Gottes Allmacht angesichts des Leiden der Schöpfung angeht,
so habe es immer wieder Erklärungsversuche gegeben. Aber dennoch sei
die Liebe Gottes inmitten der noch unversöhnten Welt bereits gegenwärtig.
«Für diese Glaubensüberzeugung steht das Kreuz gut, an dem
Jesus mitten in seiner schmerzlichen Erfahrung der Abwesenheit Gottes zum
lebendigen Gott gerufen und gebetet hat.» Das Kreuz aber entspricht
dem «tiefsten Willen des Vaters und dem tiefsten Willen des Sohnes»,
fügte der Bischof in einer im Programm vorgesehenen Fragestunde ergänzend
hinzu. Die Frage nach dem Leid könne aber letztlich nicht beantwortet
werden. Ein Zugang dazu bestehe in der Frage, warum Gott das Kreuz seines
Sohnes gewollt hätte. Die Antwort darauf laute: «Das Kreuz Jesu
ist der Ausdruck seiner grenzenlosen Vaterliebe. Gott gibt seinen eigenen
Sohn den Menschen preis, weil er die Menschen so verrückt gern hat.»
Der Bischof führte aus, Gott könne das Leid nur verhindern, wenn
er die Freiheit abschaffe. Gott habe aber Menschen und Engeln die Freiheit
gegeben, selbst auf die Gefahr hin, diese missbrauchen zu können. Bischof
Kurt Koch betonte: «Je mehr ich die Macht der Liebe Gottes spüre,
desto mehr erfahre ich, wie frei ich bin.»
In der Fragestunde nahm Bischof Kurt Koch unter anderem auch Stellung
zum Diakonenamt. Wenn es die Hauptaufgabe des Bischofs sei, Gott als den
Vater zu repräsentieren, des Priesters den Sohn und des Diakons den
Heiligen Geist, liesse sich von dieser Dreifaltigkeitstheologie her auch
ein neuer Zugang zum Diakonenamt finden.
Da sich der Papst bisher nicht zum Diakonat der Frau geäussert habe,
sei dies eine weiterhin offene Frage, die diskutiert werden könne.
Darum schlage er vor, dass eine europäische Sondersynode sich mit der
Ämterfrage beschäftigen solle, um Wege in die Zukunft zu suchen.
Dazu gehöre neben dem Diakonat für die Frau auch die Frage nach
der Preisterweihe für verheiratete Männer (viri probati).
Was das Amt des Bischofs angehe, so habe das 2. Vatikanum dessen Aufgabe
neu definiert. Dabei habe es die altkirchliche Überzeugung übernommen,
dass sich die Sakramentalität der Kirche im Bischofsamt verdichtet.
Dies bedeutet aber, dass alle Elemente der Heiligung vom Bischofsamt ausgehen,
obwohl das Amt jahrhundertelang zu einseitig als Jurisdiktionsaufgabe gesehen
worden sei.
Brigitte Muth-Oelschner ist Informationsbeauftragte des Bistums Basel.