36/1999 | |
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Berichte |
Die Zahl der Kirchenaustritte steigt. Ebenso die Nachfrage nach esoterischer
Literatur. Vor einem solchen Hintergrund unternahmen die Salzburger Hochschulwochen<1> eine Bestandsaufnahme der Religiosität
am Ende der Moderne.
Die aus den Bereichen Theologie, Psychologie, Philosophie, Politikwissenschaft
und Sprachwissenschaft gekommenen 22 Wissenschafter waren sich durchaus
einig darüber, dass der gegenwärtig stattfindende massive Verfall
der kirchlichen Milieus teilweise wohl auch hausgemacht ist. So beklagte
der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl im Rahmen einer Podiumsdiskussion,
dass die katholische Kirche den Kurs des Konzilspapstes Johannes XXIII.
nicht konsequent weitergegangen sei. Stattdessen würden, so Krätzl,
vor lauter Selbstbemitleidung die «Zeichen der Zeit» nicht mehr
gesehen. Ähnlich hart ging der Budapester Religionssoziologe Miklos
Tomka mit der katholischen Kirche ins Gericht. Sie sei eine Gefangene ihrer
eigenen Strukturen, meinte er. Durch sie wäre die Kirche nicht schnell
genug in der Lage, auf neue Anforderungen zu reagieren.
Unüberhörbar war bei diesen Hochschulwochen daher auch die Forderung nach mehr «Kundenorientiertheit» der traditionellen Kirchen. Am vehementesten artikulierte dies der Luzerner Kirchenrechtler Univ.-Prof. Dr. Adrian Loretan-Saladin. Früher sei, so seine Auffassung, die Kirchenmitgliedschaft geradezu selbstverständlich gewesen, aber heute müsse man die Beziehungen intensiv pflegen, sonst würden die Menschen die Kirche verlassen. Er warnte davor, die Beziehungspflege nur auf jene zu beschränken, die am Sonntag noch regelmässig zur Kirche kommen. Vielmehr sollte auch jenen Menschen ein Angebot gemacht werden, die am Rande bzw. ausserhalb der Kirche stehen würden. «Kundenorientiertheit» bedeute aber nicht, so Loretan-Saladin weiter, seine eigenen Positionen völlig aufzugeben sich quasi auf dem Sinngebungsmarkt zu prostituieren. Folglich bedeute das auch nicht, auf das Verkünden des Evangeliums zu verzichten. Aber vielleicht müsste, regte Loretan-Saladin an, das Evangelium «in einer nicht mehr so religiös geprägten Sprache» vermittelt werden, um auch Menschen am Rande der Kirche oder sogar Aussenstehende anzusprechen. Einen Mitstreiter hatte der Schweizer Kirchenrechtler übrigens im Wiener Religionswissenschafter Univ.-Prof. DDr. Johann Figl. Laut dessen Aussage müssten die Religionen strikt darauf achten, nicht Antworten auf Fragen zu geben, die gar nicht gestellt würden. Vielmehr müssten sie überzeugende Antworten auf Fragen zu Leid, Tod, Beziehung und zum richtigen Gelingen des Lebens anbieten. Obwohl Figl zu grosse «Kundenorientiertheit» für problematisch hält, weil Kirchen nicht nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten verwaltet werden sollten, sieht er die Notwendigkeit, auf den Fragehorizont der Menschen einzugehen. Figl warnte in diesem Zusammenhang davor, «über die Köpfe hinweg zu predigen».
Ein Bereich, in dem die Gefahr besteht, genau das zu tun, scheint die
Frage der Rolle der Frau in der Kirche zu sein. So kritisierte Loretan-Saladin
denn auch, dass in der Glaubensverkündigung der Kirchen die veränderte
Stellung der Frau in der Gesellschaft noch zu wenig berücksichtigt
werde. Viele Frauen würden daher den Kirchen keine Kompetenz mehr für
die Lebenswirklichkeit von Frauen zutrauen. Es könne, führte der
Luzerner Kirchenrechtler aus, ein Bruch zwischen gesellschaftlicher Realität
und kirchlicher Wahrnehmung festgestellt werden, der sich ohne Frauen in
entscheidenden kirchlichen Ämtern vergrössern werde. Für
Loretan-Saladin ist klar, dass sich die Frauen, wenn sie weiterhin aus dem
kirchlichen Amt ausgeklammert bleiben, über kurz oder lang aus der
Institution Kirche davonmachen werden. Noch drastischer formulierte es der
bereits genannte Budapester Religionssoziologe Tomka, wenn er meinte: «Nach
der Arbeiterklasse hat die Kirche in vielen Ländern die Mittelschicht
verloren und ist jetzt gerade dabei auch die Frauen zu verlieren.»
Geht es nach Loretan-Saladin, könnte dieser Entwicklung unter anderem
damit entgegengesteuert werden, dass Frauen unter Bezugnahme auf Kanon
228 des Kirchenrechts verstärkt für das beauftragte Amt
herangezogen werden. Längerfristig sollte aber, nach Auffassung von
Loretan-Saladin, die Diakonatsweihe in der katholischen Kirche auch den
Frauen erteilt werden können.
Wie bereits eingangs durch die Aussagen des Wiener Weihbischofs Krätzl angedeutet, kam bei den heurigen Hochschulwochen die Rede unter anderem immer wieder auch auf das 2. Vatikanische Konzil. Eine nüchterne Bilanz lieferte der Freiburger Theologe Prof. Dr. Hansjürgen Verweyen, für den das Konzil grosse Erwartungen auf eine «Runderneuerung» der katholischen Kirche wachgerufen habe, die aber im Rückblick betrachtet nicht ganz realistisch gewesen seien. Als Folge habe, konstatierte Verweyen, bald nach dem Konzil «eine sich rasch zuspitzende Polarisierung zwischen ÐAvantgardistenð und ÐTraditionalistenð» eingesetzt. Weitaus positiver beurteilte der aus Münster kommende Theologe und Soziologe Univ.-Prof. Dr. Dr. Karl Gabriel das 2. Vatikanum. Er ermunterte dazu, auf dem Konzil aufzubauen, soll heissen, unbeirrt an der im Konzil zum Durchbruch gelangten Perspektive festzuhalten. Er fand, dass das Konzil verhindert habe, «dass die katholische Tradition auf das Schicksal eines insgesamt schrumpfenden Rest-Milieus als Widerlager der modernen Gesellschaftsentwicklung festgelegt wurde». Der Preis dafür sei, nach Auffassung von Gabriel, zwar der Verlust der seit dem 19. Jahrhundert gebildeten Sozialform und die Transformation hin zu einem sich seit Ende der 60er Jahre entwickelnden innerkirchlichen Pluralismus, aber es gebe heute «keinen legitimierbaren Weg zurück ins katholische Ghetto, zumindest nicht als kirchliche Glaubenstradition». Andernfalls würde der katholischen Kirche eine Sektenexistenz drohen. Gabriel forderte dazu auf, die voller Ambivalenzen, Widersprüche und Paradoxien steckende nachmoderne Modernität als den heute legitimen Ort des Glaubens zu entschlüsseln. Selbst wenn den traditionellen Kirchen von einem solchen Umfeld viel Kritik entgegenschwabbt.
Aber Sauerteig im öffentlichen Leben könne ja, so hatte sich
der Freiburger Theologe Univ.-Prof. Dr. Hansjürgen Verweyen geäussert,
eine Religion ohnehin nur dann werden, wenn sie «im Durchgang durch
eine öffentliche und kritische Diskussion Anerkennung erringt».
Dies dürfe allerdings, führte Verweyen aus, nicht auf der Grundlage
einer schon von vornherein, ohne näheres Hinsehen, zugebilligten Toleranz
geschehen. Eine Religion, die nicht der öffentlichen Kritik unterliege
etwa durch die Einbeziehung theologischer Fakultäten in den harten
Diskurs staatlicher Universitäten , verliere mit der Zeit die
Fähigkeit, das Wesen ihres eigenen Lebens, ihrer Symbole, Riten und
Feste zu erfassen, hatte Verweyen gemeint. Dies sei seiner Auffassung
nach umso mehr der Fall, als zu diesem Wesen die Bindung an eine lange
Tradition gehöre, «in der das religiöse Erbe nicht einfach
bewahrt, sondern in der kritischen Auseinandersetzung zwischen Glaube und
Vernunft immer wieder neu bewährt werden musste».
Bei den Hochschulwochen wurde, zusammengefasst gesagt, konkret vor der Privatisierung
des Glaubens und die Sakralisierung der eigenen Person gewarnt. Es wurde
festgestellt, dass dort, wo die Religiosität bloss zur Privatsache
wird, sie ihre gesellschaftliche Relevanz verliert. Einig war man sich auch,
dass die Religionsinstitutionen zwar mehr und mehr an Einfluss verlieren,
aber die Religiosität der Menschen deshalb nicht abnimmt, sondern sogar
boomt. Anstelle der registrierbaren Religionszugehörigkeit wird zunehmend
Spiritualität treten, wobei, grundsätzlich gesagt, die Zukunft
der traditionellen Religionen in grossem Masse davon abhängen wird,
wie gut es ihnen gelingt, die Menschen persönlich anzusprechen.<2>
1 Die Salzburger Hochschulwochen, sie fanden heuer zum 68. Mal statt, zählen zu den grössten akademischen Sommerveranstaltungen Mitteleuropas. Vor dem Hintergrund einer christlichen Weltsicht wird von Wissenschaftern unterschiedlichster Disziplinen jedes Jahr Ende Juli/Anfang August an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg zu einem Generalthema (heuer: «Religiosität am Ende der Moderne») referiert und diskutiert. Die Referate können in einem Sammelband nachgelesen werden, der Ende 1999 erscheinen wird. Die Hörer der diesjährigen Veranstaltung es waren an die 1400 aus allen Berufs- und Altersschichten kamen neben der Schweiz aus Österreich, Deutschland, Südtirol, Polen, Ungarn, Slowakei, Tschechien, Ukraine, Litauen, Lettland und erstmals aus Rumänien.
2 Das Thema der nächstjährigen Salzburger Hochschulwochen, sie finden vom 24. Juli bis 5. August 2000 statt, wird sich mit Gerechtigkeit beschäftigen. Fragestellungen, die dabei aufgeworfen werden sollen, sind unter anderem: «Kann es so etwas wie eine interkulturelle Gerechtigkeit geben?», «Welche Rechte besitzt ein Embryo?», «Gibt es überhaupt einen moralischen Grundkonsens in der Gesellschaft?». Solchen und ähnlichen Fragestellungen werden sich Wissenschafter aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen annehmen.
Am 1. bis 4. Juli 1999 fand in Ljubljana (Slowenien) ein europäischer
Kongress über kirchliche Berufungen statt. Aus 19 europäischen
Ländern kamen 50 Verantwortliche für Berufungspastoral zusammen:
Bischöfe, Priester, Ordensfrauen und -männer, Laien. Das Thema
war: «Gott lässt die Berufungen wachsen doch wir bereiten
den Boden.»
Slowenien hat als erste der früheren jugoslawischen Republiken 1991
die Selbständigkeit und den Frieden gefunden. Im 2-Millionen-Volk leben
1,4 Millionen Katholiken, für die sehr viele Kirchen 2850
im ganzen Land bereitstehen. Seit einem durch den 2. Weltkrieg und den Kommunismus
verursachten Tiefstand steigt seit 1985 die Zahl der kirchlichen Berufe
ständig. Eine besondere Freude war, dass wir in unserem Tagungszentrum,
dem Bischöflichen Gymnasium Stanislaus Kostka in Sentvid, den emeritierten
Laibacher Erzbischof Alois Sustar treffen konnten, der von seinem langen
Wirken als Professor und Bischofsvikar in Chur (bis 1978) vielen Schweizern
in bester Erinnerung bleibt.
Rainer Birkenmaier zeigte uns Wesentliches zur Berufungspastoral in Europa
an der Jahrtausendwende. Wir erleben heute, wie eine vertraute Gestalt der
Kirche untergeht und wir auf eine neue Gestalt von Kirche zugehen, die wir
aber noch nicht genau kennen. In dieser Situation des Übergangs brauchen
wir in der Kirche Visionäre, Propheten und Hoffnungsträger. Nicht
Beamte oder Manager, sondern wache Christen sind jetzt nötig, die spüren,
was Gott mit den Menschen vor hat und welche er heute beruft. Wir brauchen
Christen, die nicht einfach jammern und Löcher zu stopfen versuchen,
sondern solche, welche die Zukunft erspüren und vorbereiten.
Abbé Jean-Marie Launay (Nationaldirektor der französischen Berufungspastoral
in Paris) schilderte eine Kirche, die selber ruft und nicht nur passiv Berufungen
entgegennimmt. Er zeigt, wie wichtig es ist, dass sich in der Kirche heute
alle mit allen kirchlichen Berufen versöhnen. Verheerend ist es, wenn
einige meinen, es gehe heute ohne Priester. Aber eben so schlimm ist, wenn
die Laien zu wenig beachtet werden.
Seit dem grossen Kongress «Neue Berufungen für ein neues Europa»
von Mai 1997 in Rom sei eigentlich klar, dass sich alle in der Kirche für
alle Berufungen einsetzen sollten, für kirchliche Berufe für Laien
und Geweihte, für Frauen und Männer, für Berufe in der Welt,
im Kloster oder im Weiheamt. Wichtig sei heute die Versöhnung mit den
kirchlichen Berufen, die momentan nicht so populär sind, mit den ehelosen
Berufungen der Priester und Ordensleute.
Solche internationale Kongresse sind für uns Schweizer eine gute Gelegenheit,
um den bei uns so oft geäusserten Wunsch der Priesterweihe für
Viri probati (in Ehe und Seelsorge bewährte Männer) den Vertretern
der andern Länder vorzutragen und dabei zu spüren, wie offen sie
für unsere existentiellen Anliegen sind, aber auch welche Gründe
sie dagegen haben.
Kardinal Carlo Martini bildet in Mailand seit Jahren «Samuel-Gruppen»,
in denen er jungen Menschen an monatlichen Treffen hilft, beim Lesen der
Hl. Schrift, in der Meditation und im Gebet ihre eigene Berufung zu entdecken:
eine weltliche oder eine kirchliche Berufung. Viele Länder haben in
ihren «Samuel-Kursen» das Mailänder Modell in einfacherer
Form übernommen.
Die beiden Vertreter der welschen Schweiz berichteten über ihre 18
Berufungs-Lager, in denen jedes Jahr rund 500 junge Leute zwischen 9 und
30 Jahren ihre persönliche Berufung suchen, begleitet von 180 Animatoren:
Ehepaaren, Ordensleuten, Priestern und Laien.
P. Raffaelo Sacco vom Päpstlichen Werk für Berufungen schilderte
die neuen Entwicklungen in der Berufungspastoral Europas: Es muss von einer
soliden Theologie der Kirche, des Priestertums, des Ordenslebens, der Ehe
und der Laien ausgegangen werden. Genügend Leute müssen für
die Berufungspastoral geschult und eingesetzt werden. «Berufung»
ist nicht etwas Besonderes und Seltenes, sondern die Seele der ganzen christlichen
Verkündigung und Seelsorge, weil Gott jeden Menschen beruft. Das muss
besonders in der Jugendseelsorge und in der Familie gezeigt werden, damit
die jungen Menschen ihren Weg gut finden.
P. Eusebio Hernandez von der Päpstlichen Kongregation für das
gottgeweihte Leben berichtete, welch grosse Hilfe das Schlussdokument des
Römer Kongresses vom Mai 1997 «Neue Berufungen für eine
neues Europa» überall bietet.
Der Sekretär des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen CCEE
Aldo Giordano konnte melden, dass mit Bischof Alois Kothgasser von Innsbruck
ein europäischer Bischof gefunden wurde, der sich in besonderer Weise
für die kirchlichen Berufungen einsetzen möchte. So wird das nächste
Jahrestreffen 2000 in Österreich sein. Dabei sollte die heute so nötige
Versöhnung mit allen kirchlichen Berufen besprochen werden. Zur besseren
Vorbereitung und für die Koordination der verschiedenen Anliegen in
Europa wurde auch ein europäischer Dienst für kirchliche Berufe
eingerichtet, der von Rainer Birkenmaier (Freiburg i.Br.) betreut wird.