35/1999

INHALT

Berichte

Junge Erwachsene

von Roberto Suter-Jäger

 

Von der Kirche wünsche ich mir Möglichkeiten zur Weiterbildung, Selbsterfahrung und Persönlichkeitsentwicklung» (Judith, 25).
«Die Kirche muss mir keine Angebote machen. Sie hat uns gehätschelt bis zur Firmung» (Claudio, 25).
Diese und andere Meinungen junger Erwachsenen waren der Auftakt der zweiten Juseso-Konferenz der Jugendseelsorger/Jugendseelsorgerinnen der Deutschschweiz. Diese fand am letzten 15. Juni in Zürich statt. Jugendarbeitende von kantonalen und regionalen Stellen und auch von Pfarreien kamen zusammen, um sich über die Zielgruppe der jungen (rund 20- bis 35-jährigen) Erwachsenen Gedanken zu machen.

Übergang oder Abgrenzung

Schon am Anfang hat sich gezeigt, dass das Thema viel Diskussionsstoff liefert. Für die einen ist es klar, dass Jugendarbeit und Jungen-Erwachsenen-Arbeit eine kontinuierliche Entwicklung bilden sollten. Jugendliche, die sich in der Jugendarbeit engagieren, werden älter. Manche wollen sich als junge Erwachsene weiterhin engagieren. So macht es Sinn, zwischen Jugendarbeit und Jungen-Erwachsenen-Arbeit einen fliessenden Übergang zu gestalten.
Doch nicht alle sind gleicher Meinung. Andere plädieren für eine klare Abgrenzung der beiden Zielgruppen. Jugendarbeit ist schon ein schwieriges Feld der Pastoral. Es ist nicht sinnvoll, die Zielgruppe der jungen Erwachsenen auch noch als Aufgabe der Jugendarbeitenden zu begreifen. Das erhöht die Erwartungen an die Jugendarbeiter/Jugendarbeiterinnen und vermindert vor allem die Chance, diese bei jungen Erwachsenen zu erfüllen. Jungen-Erwachsenen-Arbeit braucht einen spezifschen Auftrag und darf nicht stillschweigend an die Jugendarbeit delegiert werden.

Auf die Einstellung kommt es an

Ferner wurde festgestellt, dass einseitige Angebote von Jugendarbeitern/Jugendarbeiterinnen bei dieser Zielgruppe auf wenig Resonanz stossen. Die Erfahrung zeigt, dass diejenigen Ideen eher ankommen, die von jungen Erwachsenen selber stammen. Die Aufgabe des Jugendarbeiters und der Jugendarbeiterin liegt vor allem in der Wahrnehmung und Unterstützung solcher Initiativen. Dabei ist die Einstellung des Jugendarbeiters und der Jugendarbeiterin entscheidend. «Wir sind alle Lernende», wurde festgestellt, «und nur wenn wir genau hinhören, können wir mit jungen Erwachsenen mitgehen.» So, wie wir jungen Erwachsenen begegnen, so begegnen sie uns. Wenn wir ihre Ideen und Bedürfnisse boykottieren, dann gehen sie. «Wir erziehen junge Menschen zur Mündigkeit. Wenn sie sich gegen unsere Vorstellung von Glaube und Kirche entscheiden, meinen wir, wir haben sie verloren», stellte Christoph Rottler aus der Pfarrei St. Theresia in Zürich fest.

Jetzige Situation als Chance

Als Fazit wurde festgestellt:

Die «AG Junge Erwachsenen», die die Konferenz vorbereitet hat, wurde beauftragt, Kriterien und Empfehlungen für die Arbeit mit jungen Erwachsenen zu erarbeiten.

 

Roberto Suter-Jäger ist Mitarbeiter der Fachstelle für kirchliche Kinder- und Jugendarbeit.


Jugendseelsorge im Bistum Basel

von Weihbischof Martin Gächter

 

Jugendseelsorge ist ein viel diskutiertes Thema. Daher wollte Bischof Kurt Koch im Rahmen seiner Pastoralbesuche den Jugendseelsorgerinnen und Jugendseelsorgern des Bistums begegnen. Aus allen 10 Kantonen des Bistums Basel trafen sich 20 Jugendseelsorger am 1. Juni 1999 in der neuen Villa Jugend in Aarburg zu einem aufschlussreichen Erfahrungs- und Meinungsaustausch mit Bischof Kurt Koch, Weihbischof Martin Gächter und Diakon Hansruedi Häusermann, dem Leiter des diözesanen Pastoralamtes. Manche Jugendseelsorger/-seelsorgerinnen lernten sich erst an diesem diözesanen Treffen kennen. Für die meisten wurde es auch zur ersten, höchst anregenden Begegnung mit den Jugendseelsorgern des französisch sprechenden Jura.
Die Erfahrungsberichte zeigten, wie stark sich die Jugendseelsorge wandelt. Ein neues Problem ist die Jugendarbeitslosigkeit, der sich die kirchliche Jugendarbeit zum Beispiel in Bern und Aarau besonders widmet. Viele engagieren sich in der Firmung ab 17 Jahren. Im Jura organisieren die Jugend-Animatoren zahlreiche Schulentlassungskurse, für die sie bei den Schulen drei schulfreie Tage beantragen können. Das bietet eine ausgezeichnete Gelegenheit, um Jugendliche auch auf die nachschulische Jugendarbeit einzustimmen ­ eine Gelegenheit, die auch in andern Kantonen möglich wäre, doch noch zu wenig genutzt wird.
Neben vielen positiven Erfahrungen wurden auch die Schwierigkeiten erwähnt. Die Jugendseelsorger/-seelsorgerinnen kommen sich oft zerrissen vor, wie zwischen zwei Stühlen. Sie erleben eine Zerreissprobe zwischen den Bedürfnissen der Jugendlichen und den Erwartungen der Seelsorger, Kirchenräte, Geldgeber und Eltern. Jugendarbeit ist heute nicht mehr so möglich wie früher: was sich eben noch bewährt hat, kommt unerwartet nicht mehr so gut an.
Die Kirche hat heute bei vielen ein schlechtes Image. Sie wird von manchen Jugendlichen als bedrohlich empfunden, nicht als Ort der Freiheit. Die 2000 Jahre Kirchengeschichte kommen manchen Jugendlichen nur noch wie eine Belastung vor: sie kennen mehr ihre Probleme als das viele Positive, das die Kirche in der Vergangenheit tat.
Eingehend wurde über den Sinn der Regionalen und Kantonalen Jugendseelsorge-Stellen gesprochen. Sie begleiten und inspirieren die vielen Engagierten, die sich freiwillig oder als Angestellte in der Jugendarbeit einsetzen. Sollte das nach einem gemeinsamen Konzept für Jugendarbeit geschehen, hinter dem möglichst alle Seelsorger, Laienräte und Verantwortlichen stehen können? Diese Frage ist stark umstritten. Die einen sehen in einem gemeinsamen Konzept mehr Kraft und Synergie, andere fühlen sich dadurch unfrei. Schadet eine solche Uneinigkeit über ein Konzept der Jugendseelsorge, vor allem den Jugendarbeitern/-arbeiterinnen, die bei der starken Verschiedenheit der Erwartungen leider allzu schnell «verheizt» werden können? Daher dürfte die Frage nach einem gemeinsamen Leitbild für die kirchliche Jugendseelsorge weiterhin von Bedeutung sein.
Während die Jugendseelsorger aus dem Jura begeistert über ihre dreijährige Ausbildung am Institut Romand de Formation aux Ministères (IMF) in Fribourg berichteten, musste festgestellt werden, dass in der deutschen Schweiz eine derart spezifische Ausbildung für kirchliche Jugendarbeit fehlt. Daher bat diese Versammlung die Fachstelle für kirchliche Jugendarbeit, das Anliegen einer guten Ausbildung erneut aufzunehmen.
Viele Jugendseelsorger sagten, dass in ihrer Jugendarbeit Religion kein Tabu-Thema ist. «Ich spreche explizit religiöse Themen an. Wir müssen uns für unseren Glauben nicht entschuldigen, sondern unseren religiösen Standpunkt zeigen, ohne zu missionieren.» Auch wurde die Erfahrung weitergegeben: «Illusion ist, dass kirchliche Jugendarbeit die Strukturen der Kirche ändern könnte. Illusion ist auch, dass die traditionelle kirchliche Sprache alle Jugendlichen ansprechen könnte.»
Die teilnehmenden Jugendseelsorger/-seelsorgerinnen bewerteten das offene Gespräch untereinander und mit dem Bischof als sehr wohltuend und befreiend. Einstimmig wurde beschlossen, dass ein nächstes Treffen am 30. Mai 2000 stattfinden soll. Die Jugendseelsorger/-seelsorgerinnen schlugen dazu das Thema Spiritualität vor, wobei auch der persönliche Glaube und die Eucharistie genannt wurden.
Diskutiert wurde auch die Frage, ob das Bistumsjugendtreffen vor dem Palmsonntag weiterhin in Solothurn stattfinden soll oder abwechslungsweise in den 10 Bistumskantonen. Es zeigt sich, dass viele Jugendliche gerne zum Bischof nach Solothurn kommen und dass Solothurn mit seiner Kathedrale, seinen vielen Klöstern und Versammlungsräumen ein besonderer Anziehungspunkt ist. Das nächste Jugendbistumstreffen ist bereits in Vorbereitung. Es findet am 2. April 2000 in Solothurn statt. Die anwesenden Jugendseelsorger/-seelsorgerinnen begrüssten jedoch die Idee, in späteren Jahren das Treffen in den verschiedenen Bistumskantonen durchzuführen. Dieses Anliegen wird der Vorbereitungsgruppe mitgeteilt.
Weitere für die Jugendseelsorge wichtige Daten: Diözesane Taizéfahrt vom 10. bis 17. Oktober 1999, Weltjugendtreffen in Rom vom 15. bis 20. August 2000.


Ein neues ökumenisches Engagement

von Rolf Weibel

 

Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz<1> ist als «Angeschlossener Rat (Associated Council)» in eine engere Beziehung zum Ökumenischen Rat der Kirchen getreten. Der Ökumenische Rat verpflichtet sich damit satzungsgemäss, die Arbeitsgemeinschaft über bedeutende ökumenische Entwicklungen zu informieren und sie bei geplanten Programmen zu konsultieren. Die Arbeitsgemeinschaft, von römisch-katholischer Seite ist die Bischofskonferenz Mitgliedskirche, versteht diese Assoziierung als Schritt auf ein vertieftes Engagement hin und als Zeichen verpflichteter Einigkeit der Kirchen, wie an einer Feier in Genf erklärt wurde. Als aktuelle Aufgabe der Arbeitsgemeinschaft wurde bei dieser Gelegenheit namentlich die Beschäftigung mit der «Charta Oecumenica» hervorgehoben:
Die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung hatte empfohlen, eine «Charta Oecumenica» auszuarbeiten, die Richtlinien für die Beziehungen zwischen europäischen Kirchen darlegen würde. Als ein Ergebnis ist jetzt der Entwurf eines Dokumentes mit dem Titel «Charta Oecumenica für die Zusammenarbeit der Kirchen in Europa» an alle Mitgliedskirchen der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und über den Rat der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) an die Römisch-Katholische Kirchen in ganz Europa versandt worden. KEK und CCEE erwarten, dass das endgültige Dokument auf einer Begegnung kurz nach dem Osterfest des Jahres 2001 unterzeichnet wird, dass dies indes nicht ein Ende, sondern vielmehr ein Anfang des nächsten Stadiums sein könnte, in dem die «Charta Oecumenica» von allen Kirchen rezipiert und angenommen werden könnte als eine Erklärung ihrer Verpflichtung zur Versöhnung miteinander, zum gemeinsamen Zeugnis und Dienst und zu Frieden und Gerechtigkeit für ganz Europa.
Durch die vollzogene Assoziierung haben die christlichen Kirchen in der Schweiz, unter ihnen auch die Römisch-Katholische Kirche, eine neue Chance, sich an der Arbeit des Ökumenischen Rates zu beteiligen, auch wenn sie nicht Mitglieder dieses Rates sind.


Anmerkung

1 Mitglieder sind: Bund der Baptistengemeinden, Christkatholische Kirche der Schweiz, Bund Evangelisch-Lutherischer Kirchen in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein (BELK), Evangelisch-methodistische Kirche, Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund, Die Heilsarmee, Griechisch-Orthodoxe Kirche, Serbisch-Orthodoxe Kirche, Römisch-Katholische Kirche.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999