34/1999

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Berichte

Nordkorea nicht vergessen

von Rolf Weibel

 

Das jüngste Ausland-Engagement der Caritas Schweiz ist ihre Beteiligung an der Finanzierung der Not- und Wiederaufbauhilfe im Nordwesten der Türkei, der von einer Erdbebenkatastrophe heimgesucht worden ist; diese Hilfe, für die Caritas dringend auf Spenden angewiesen ist, leistet das Hilfswerk über seine langjährige örtliche Partnerorganisation Anatolian Development Foundation.
Seit längerem schon engagiert sich Caritas Schweiz an der Finanzierung der Hungerhilfe für Nordkorea, das seit 1995 unter einer katastrophalen Hungersnot leidet. Mit dem Welternährungsprogramm gehört das Caritas-Netzwerk zu den ersten internationalen Organisationen, die in Nordkorea tätig werden konnten. Koordiniert wird die gesamte Caritas-Hungerhilfe von der Auslandhilfe der Caritas Hongkong. Begleitet von deren Direktorin, der Schweizerin Käthi Zellweger, konnte Jürg Krummenacher, der Direktor der Caritas Schweiz, kürzlich den Süden Nordkoreas besuchen.
Seine auf dieser Reise eingeholten Informationen und Eindrücke und die dabei gewonnenen Einschätzungen referierte er im Rahmen eines Pressegesprächs unter dem Titel «Die Bevölkerung Nordkoreas befindet sich in einer verzweifelten Lage». Geleitet von der «Juche»-Ideologie des «ewigen Staatspräsidenten» Kim Il Sung ­ «Juche» bedeutet Autarkie ­, waren nach der Unabhängigkeit 1948 zunächst auch wirtschaftliche Erfolge zu verzeichnen. Erkauft wurden diese mit der Unterwerfung des Volkes unter eine extrem zentralistische Planungsbehörde und eine Überwachung der ganzen Gesellschaft. Spätestens seit Beginn der 1990er Jahre machte die Wirtschaft Nordkoreas aus verschiedenen Gründen jedoch grosse Rückschritte. Die grossen Überschwemmungen und Dürren, die Nordkorea seit 1994 alljährlich ­ und auch dieses Jahr wieder ­ heimgesucht haben, sind aber nur eine Ursache für die Hungersnot. «Nur weil die wirtschaftliche Lage Nordkoreas völlig desolat ist, konnten die Naturkatastrophen eine solche verheerende Wirkung zeitigen. Letztlich ist es ein Zusammenspiel von historischen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Faktoren», fasste Jürg Krummenacher zusammen.
Die nordkoreanische Wirtschaft ist namentlich von der jüngsten Geschichte des Landes geprägt. Die nach der Befreiung Koreas von der japanischen Herrschaft von den USA und der Sowjetunion beschlossene Teilung des Landes, die der Norden mit Gewalt, dem Koreakrieg, rückgängig machen wollte, hinterliess beiden Teilen Koreas ein schwieriges wirtschaftliches Erbe. Um seine Unabhängigkeit abzusichern, rüstete Nordkorea nach dem Koreakrieg militärisch gewaltig auf. Wegen den von den USA verhängten Wirtschaftssanktionen suchte und fand die nordkoreanische Wirtschaft ihren Markt in der Sowjetunion und im kommunistischen Osteuropa; diesen verlor es im Gefolge des Zusammenbruch des Ostblocks 1989.
Unter den heutigen politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten und obwohl sich die Nahrungsmittelversorgung leicht gebessert hat, wird Nordkorea trotz eigener Anstrengungen ­ Jürg Krummenacher bezeichnete sie als «Anbauschlacht» ­ weiterhin auf internationale Hilfe angewiesen sein. Ohne diese Hilfe würde die Hungersnot, der bereits Hunderttausende zum Opfer gefallen sind, noch grössere Opfer fordern. Besonders betroffen sind Kinder, Schwangere und Spitalpatienten und -patientinnen; ihnen kommt die zum Welternährungsprogramm komplementär konzipierte Caritas-Hilfe denn auch hauptsächlich zugute, was mit einem sehr strengen Monitoringprogramm auch überprüft wird, wie Jürg Krummenacher versicherte.
Die internationale Hilfe ist im Übrigen nicht nur Hungerhilfe; sie kann auch einen Beitrag «zu einem sanften Anpassungsprozess (Ðsoft landingð) der nordkoreanischen Transformationsgesellschaft leisten», weil sie in einem Land, das so lange hermetisch abgeschlossen war, einen Lernprozess in Gang gesetzt hat. Ein Hinweis darauf, dass sich das Land allmählich öffnet, ist der Umstand, dass heute bereits rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter internationaler Organisationen in Nordkorea tätig sein können.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999