32-33/1999

INHALT

Berichte

Familienkatechese in Europa

von Wolfgang Broedel

 

Vom 12.­15. April 1999 trafen sich in Rom die zuständigen Bischöfe und Nationalverantwortlichen für Katechese in Europa zu einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch über Familienkatechese in Europa.1 Träger der Veranstaltung war die Sektion «Katechese» der Europäischen Bischofskonferenz. 60 Personen aus 29 europäischen Nationen nahmen am Treffen teil. Die Bischöfe aus Serbien und Albanien konnten wegen des Krieges nicht kommen; mit Verspätung und zur Freude aller traf der Erzbischof von Montenegro, Zef Gashi, zur Tagung ein.

Familienverständnis im Umbruch

Von der Eröffnung bis zum Schluss war das Treffen in Rom von einem Klima der Offenheit und einer realistischen Sichtweise der pastoralen Situation in Europa geprägt. Bischof Nosiglia, der Präsident der Tagung, verwies gleich zu Beginn auf die Umbruchsituation im heutigen Familienverständnis. Er erinnerte daran, dass das Thema «Familie und Katechese» in vielfacher Hinsicht neu und mit ungeklärten Fragen verbunden sei (z.B. Abgrenzung zur Gemeinde- und Schulkatechese). Schon bei der Tagungseröffnung klang ein positiver, hoffnungsvoller Grundton an, der während des Treffens immer wieder hör- und spürbar wurde: die Überzeugung, dass aus christlicher Sicht die Familie, so wie sie ist, auch mit all ihren Problemen und Brüchen, ein hervorragendes Erfahrungsfeld der Nähe Gottes ist, also nicht nur als Instrument der religiösen Erziehung oder als blosses Problemfeld gesehen werden darf.
Der Sekretär der Europäischen Bischofskonferenz, Don Aldo Giordano, skizzierte den europäischen Kontext der Thematik: das Ringen um die Verbindung von Einheit und Verschiedenheit zwischen den Nationen und in der Kirche, die allgemeine Suche nach Sinn und Transzendenz. Er nannte die sich daraus ergebenden Aufgaben: Evangelisierung im Geist der Communio und der Kollegialität, Ökumenismus und intensive Auseinandersetzung mit dem Islam und dem Buddhismus, auch von offiziell-kirchlicher Seite her.

Familienkatechese heute

Drei Erfahrungsberichte zur Familienkatechese brachten die Tagung in Schwung. Rolf Deen aus Holland berichtete, dass aufgrund von soziologischen Untersuchungen das religiöse Interesse vieler Eltern in den Niederlanden recht gross sei, diese Eltern aber unsicher seien, was und wie sie religiös erziehen sollten. Ausserdem seien die meisten Eltern in Holland in ihren Glaubensauffassungen vom säkulären Zeitgeist beeinflusst, das heisst man lebe einen offenen Glauben mit stark persönlicher Note und synkretistischer Struktur. Die Antwort der Katechese dürfe hier nicht Reevangelisierung heissen, sondern Ernstnehmen der Eltern in ihrer konkreten Situation. ­ Nach Pascal Bovet kennzeichnen Flexibilität und individuelles Vorgehen auch die Familienkatechese in der französisch sprechenden Schweiz. Der Schwerpunkt liegt auf den Elterntreffen, die von ausgebildeten Animatoren geleitet werden. Familienkatechese ist dabei keine systematische Katechese, sondern eher einführende Katechese, die von den bestehenden Fähigkeiten und Interessen der Eltern und Kinder ausgeht und die Erfahrung von Glaubensfreiheit vermittelt. ­ Marian Bublinec aus der Slowakei machte mit seinem Dokumentar-Videofilm über Familienkatechese deutlich, dass die Familie durch die Art ihres Zusammenlebens bei der Weitergabe des Glaubens einen unverwechselbaren Beitrag leistet und immer dann besonders klare Formen entwickelt, wenn das Umfeld anders- oder nichtgläubig ist. Am Beispiel aus der Slowakei wurde deutlich, dass die Unterschiede zwischen dem sozio-kulturellen und kirchlichen Milieu des östlichen und des westlichen Europa das Verständnis und die Formen von Familienkatechese wesentlich beeinflussen.
In vier Hauptreferaten wurde das Tagungsthema systematisch behandelt. Prof. Pierpaolo Donati, Bologna, sprach zum Thema «Die Familie in Europa: Zum Verständnis ihrer Morphogenese und ihrer Möglichkeiten». Prof. Donati bot ein Plädoyer für die Familie und vertrat die These, dass die Rede vom Zerfall der Familie wissenschaftlich nicht zu untermauern sei, die auftauchenden Probleme vielmehr Reaktionen auf Veränderungen in der Gesellschaft seien. Der Wunsch, das Leben in einem überschaubaren und zuverlässigen Netz von geschlechts- und generationenübergreifenden Beziehungen zu führen, sei nach wie vor gross und archetypisch bedingt. Gerade aus dieser tiefenpsychologischen Sicht heraus sei die Familie für das Wachsen des Menschen in seiner Persönlichkeit und in seinem Glauben von grosser Bedeutung. In der Familienkatechese müsse es daher wesentlich auch um eine Kultur der Gefühle des Menschen gehen.
Nicht zuletzt seien familienübergreifende Strukturen wichtig, vor allem solche, die generationenübergreifend sind, und solche, die zwischen Familien unterschiedlicher Art Netzwerke der Solidarität aufbauen. Hier zeige sich die gesellschaftliche Bedeutsamkeit von Familie. Die Familie habe eine beziehungsvermittelnde Funktion. Familienförderung müsse vor allem darin bestehen, den Familien zu helfen, die in ihnen lebende Kraft zu entdecken und zu entfalten. Hilfe zur Selbsthilfe sei gefragt, Förderung des Subjekts «Familie», verbunden mit der Unterstützung von Netzwerken zwischen Familien und Generationen. ­ Prof. Donati schloss mit einigen interessanten Fragen zum Verhältnis von Ehe und Familie aus christlicher Sicht. Theologisch und anthropologisch gesehen sei die Familie Grundlage der Ehe ­ und nicht umgekehrt.
Das eher wertkonservative Referat von Prof. Donati wurde kontrastiert durch den kritisch-herausfordernden Beitrag von Prof. Karl Heinz Schmitt, dem Vorsitzenden des Deutschen Katecheten Verbandes. Sein Thema: «Christen sind Glaubensverwandte ­ nicht Blutsverwandte. Ein Beitrag zur Theologie der Familie». Karl Heinz Schmitt unterstrich die aus engen Familienbanden befreiende Botschaft des Evangeliums. Das Christentum sei ­ im Gegensatz zum Judentum ­ keine Familienreligion; das erst nach der Aufklärung aufkommende bürgerliche Bild der Familie dürfe nicht zum Idealbild einer christlichen Familie erhoben werden. «Hauskirche» bezeichne nicht die Kleinfamilie, sondern ein offenes Beziehungsgefüge, in dem die Beziehungsqualität und nicht der Verwandtschaftsgrad entscheidend sei. Bei der Erschliessung von christlichen Lebensräumen komme der Familie eine grosse Bedeutung zu, weil hier konkret die drei Beziehungsthemen gelebt würden, die für christliche Gemeinschafts- und Gemeindebildung wesentlich seien: Geschwisterlichkeit, Partnerschaftlichkeit und Treue, Väterlichkeit/Mütterlichkeit. Katechese in der Familie müsse in erster Linie die religiöse Dimension im konkreten Leben der Familie aufzeigen. «Familie ist Katechese», meinte Prof. Schmitt.
Er schloss mit einem engagierten Plädoyer für die Entwicklung einer Sonntagskultur, gerade im Zusammenhang mit Familienpastoral und Familienkatechese. In der anschliessenden Diskussion erhielt das Referat von Karl Heinz Schmitt breite Zustimmung und interessante theologische Ausweitungen. Ein Bogen wurde gespannt zwischen Theologie der Familie, Communio-Theologie, Trinitätstheologie bis hin zum franziskanischen Familienverständnis.
Erzbischof Gérard Defois von Lille behandelte in seinem Referat das Verhältnis von Katechese und Familie nach dem katechetischen Direktorium. Danach ist die Familie ein Ort gegenseitiger Evangelisation, getragen und inspiriert vom Bild der Mutterschaft der Kirche («Hauskirche»). Die Arten der Katechese in der Familie sind reichhaltig. Sie betreffen nicht nur die Glaubenslehre, sondern auch die Lesung der Bibel, das Gespräch über den Sinn der aktuellen Ereignisse aus christlicher Sicht, die Einführung in das liturgische Leben der Kirche, die Katechese anlässlich besonderer Lebenssituationen, schliesslich Anregungen zur spirituellen Bildung. All diese Formen der Weitergabe des Glaubens in der Familie sind, so betont das Direktorium, nicht nur Anliegen der einzelnen Familie, sondern der ganzen Gemeinde. Dabei müssen sich Kinder-, Jugend- und Erwachsenenkatechese gegenseitig ergänzen. Schliesslich betont das Direktorium die wichtige Rolle der schulischen Katechese, weil das Kind hier den Glauben in der Art konkreten und vernunftbezogenen Wissens kennen lernt. Die christliche Familie ­ ein Beispiel für die Liebe Gottvaters und der Mütterlichkeit der Kirche, in enger Verbindung mit zwischenmenschlichen Beziehungen: diese christliche Sichtweise der Familie übersteigt soziologische oder pädagogische Betrachtungsweisen.

Bedeutung der Familie

Zusammenfassende Voten aus der Ukraine, aus Norwegen und Belgien eröffneten die Schlussrunde der Tagung. Dabei wurde aus östlicher Perspektive die grosse Bedeutung der Familie für das Wachsen eines tragfähigen Staatsbürgerbewusstseins genannt, zugleich aber ­ gerade im Hinblick auf nationalistische Tendenzen ­ ein zu enges Familienverständnis abgelehnt. Der Beitrag aus Norwegen erinnerte daran, dass sich die Überzeugung, Familie sei Kirche im Kleinen, auch im konkreten Umgang der Kirche mit Familien zeigen müsse, vor allem im gottesdienstlichen Bereich. Noch selbstkritischer fiel das Votum aus Belgien aus. Wir müssten uns fragen, warum bei vielen Menschen die frohe Botschaft vor allem Abwehr und Ärger auslöse. Auch dürften wir nicht übersehen, dass heutige Eltern oft Analphabeten im Glauben seien, also für sich selbst eine Art Vorkatechese bräuchten. Schliesslich wurde gefragt, wie es um unsere eigene Glaubenskraft stehe. Diese Frage ging vor allem an die professionellen Verkündiger und Verkündigerinnen des Evangeliums.
Im anschliessenden Plenum betonten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus den östlichen Ländern, wie wichtig für sie solche Treffen auf europäischer Ebene seien. Mit grosser Dankbarkeit wurde festgestellt, dass die Tagung in Rom in einem Klima der Geschwisterlichkeit verlaufen sei und gerade so dem inneren Anspruch des Tagungsthemas gerecht geworden sei.
Die Tagung klang mit zwei gewichtigen Referaten aus. Kardinal Dario Castrillon Hoyos, Präfekt der Kleruskongregation, sprach zum Thema: «Etwas Apologie, auch in der Familienkatechese». Die Frage nach der Wahrheit des christlichen Glaubens müsse wieder deutlicher gestellt werden, subjektivistische, sozialkritische und anthropologische Engführungen der Glaubensweitergabe seien zu überwinden und die Vernunftgemässheit des christlichen Glaubens wieder deutlicher und systematischer aufzuzeigen.
Diese ganz im Sinne der Enzyklika «Fides et ratio» vorgetragenen Thesen fanden in der anschliessenden Diskussion weder Bestätigung noch Widerspruch. In einem guten Dialog mit dem Referenten versuchte man zu verdeutlichen, dass die praktische Pastoral sich nicht darauf beschränken dürfe, Zeitgeistirrtümer abzuwehren, gesucht seien vielmehr konkrete Möglichkeiten, an den wirklichen Fragen des heutigen Menschen konstruktiv-kritisch anzuknüpfen, Glaubenstiefe aus der Kraft persönlichen Glaubenszeugnisses in einer Atmosphäre von Glaubensfreiheit aufzubauen.

Themen für eine zukünftige Familienkatechese

Beeindruckend für alle war schliesslich die souverän gestaltete Zusammenfassung der Tagung durch Bischof Cesare Nosiglia, Rom. Er konzentrierte die Gedankengänge und Ergebnisse der Referate und Gesprächsgruppen auf drei Themenkreise:

  1. Die Realität der heutigen Familie ist in Bezug auf ihre Möglichkeiten, den Glauben weiterzugeben, differenziert zu beurteilen. Es besteht die Gefahr, die Familien zu überfordern. Ebenso falsch ist es, Familien in ihrer spirituellen Kompetenz zu unterschätzen ­ vor allem dann, wenn sie äusserlich gesehen nichtgläubig oder indifferent wirken. (Diesen Aspekt betonte Bischof Nosiglia auch im Titel seiner Zusammenfassung: «So grossen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden.») Der Wandel in der Pastoral ­ weg von der Familie als Objekt, hin zur Familie als Subjekt, als verantwortlicher Träger der Evangelisation ­ darf nicht, wegen Überforderung, zum Ausschluss bestimmter Familien führen. Familienkatechese bedeutet, dass jede Familie ihren Weg, ihren Rhythmus und ihre Methode findet, um im Glauben zu wachsen, ihn zu leben und weiterzugeben. Individuelle Unterstützung ist angesagt, keine pastorale Schematisierung.
  2. Die Katechese ist immer ein Akt der Kirche und in der Kirche, denn wirkliche Gemeinschaft unter Menschen ist der erste theologische, spirituelle und pastorale Ort der Glaubensweitergabe. Neben Schul- und Gemeindekatechese kommt der Familie hier wegen ihrer besonderen gemeinschaftsbildenden Kraft eine unersetzbare Bedeutung für die Weitergabe des Glaubens zu. Gleichzeitig ist die Vernetzung der Familie mit anderen Lern- und Lebensorten des Glaubens anzustreben. Nur in dieser Offenheit wird die Familie ihrer Eigenschaft als kleine Kirche gerecht.
  3. Im Vergleich zu Schule und Gemeinde vermittelt die Familie den Glauben vor allem durch das Zusammenleben. Der Alltag einer Familie enthält zahlreiche Anlässe, Glaubensthemen mit aktuellen und konkreten Erfahrungen zu verbinden. Voraussetzung ist eine Atmosphäre der gegenseitigen Achtung und Offenheit, vor allem für Gefühle. Grundhaltungen wie z.B. das Bemühen, gut zu sein, Vergebung, Bescheidenheit und Frieden zu leben, wirken glaubensprägend, auch wenn man in der Familie nicht immer davon spricht. Katechese, die Glauben und familiären Alltag miteinander verbindet, geht naturgemäss unsystematisch vor. Wo Elemente systematischer Katechese, wie z.B. in Chile, in die Familienkatechese übernommen werden, braucht es sorgfältige Begleitung durch Fachpersonen.

«Differenzierte Familienpastoral» ­ das war das Grundanliegen der Zusammenfassung von Bischof Nosiglia. Zum Schluss zählte er daher eine ganze Kette von wichtigen Unterscheidungskriterien auf:

Schliesslich ist das konkrete soziale Gepräge einer Familie bei der Familienkatechese unbedingt mitzuberücksichtigen: es gibt interkonfessionelle Familien, Familien mit behinderten Kindern, christliche Immigranten- und Asylantenfamilien, Familien mit nicht getauften Kindern, Patchworkfamilien, die interessiert sind, dass ihre Kinder die Sakramente empfangen usw.
«Familienkatechese ­ ein weites Thema» mit diesem Bewusstsein begann und endete das Treffen in Rom. Dazwischen lagen zahlreiche Erfahrungen freundschaftlicher Begegnung und die gemeinsame Erkenntnis, dass das weite Feld der Familienkatechese wenigstens durch folgende Linien profiliert werden müsste:

Der Kern der Familienkatechese: offen für die Beziehungswirklichkeit und die Verbindung von Glaube und Alltag.
Die Form der Familienkatechese: vielgestaltig, familiennah und angemessen selbständig.
Der Ort der Familienkatechese: in einem Netzwerk verbunden mit anderen Lern- und Lebensorten des Glaubens.

 

Wolfgang Broedel-Zillig arbeitet als Theologischer Leiter der Arbeitsstelle für Religions- und Bibelunterricht bei der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern.


Anmerkung

1 Delegierte der Katechetischen Kommission der Schweizer Bischofskonferenz waren: Pascal Bovet, Lausanne; Wolfgang Broedel, Luzern, und Weihbischof Pierre Burcher, Lausanne.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999