23/1999

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Berichte

Informationsarbeit gefährdet

von Rudolf Bohren

 

Glaube in der 2. Welt blickt mit grosser Sorge in die Zukunft. Dr. Peter Plattner, Präsident von G2W und der römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Thurgau, wies an der G2W-Jahresversammlung vom 8. Mai darauf hin, dass G2W kirchliche Wurzeln hat und dass bei einem weiteren Rückgang der Unterstützung durch die reformierten Landeskirchen die Zukunft von G2W gefährdet sei.
Franziska Rich berichtete in ihrem Vortrag «Jugendarbeit in Russland» über die Hilfe, die G2W an Strassenkinder und an ehemalige Drogenabhängige in St. Petersburg leistet. Dann wies Dr. Anne Herbst, Balkanexpertin bei G2W, darauf hin, dass die Friedensbemühungen der Serbisch-Orthodoxen Kirche zur Beilegung des Kosovo-Konflikts in einer kürzlich ausgestrahlten Kontext-Sendung von DRS 2 unerwähnt blieben, obwohl sie ausführlich dazu interviewt worden war.
Dr. Gerd Stricker, Russlandexperte bei G2W, sprach zum Tagungsthema «Judentum in Osteuropa» am Beispiel Russlands. Ein Hochschulstudium war im 19. Jahrhundert die einzige Möglichkeit für Juden, aus dem jüdischen Siedlungsrayon (Weissrussland, Ukraine) auszubrechen. Das daraufhin entstandene jüdische akademische Proletariat hat sich verschiedensten revolutionären Bewegungen angeschlossen; sechs der 21 ZK-Mitglieder der Lenin-Partei waren jüdischer Herkunft. Deshalb behaupten die heutigen Antisemiten, die Oktoberrevolution sei das Werk der Juden gewesen. Im postkommunistischen Russland erfolgt ein Wiederaufbau jüdischen kulturellen ­ und in viel geringerem Ausmass ­ religiösen Lebens. Gleichzeitig verbreitet sich aber der Antisemitismus wieder, der auch in Kreisen der Russischen Kirche in erschreckendem Masse zunimmt.
Der Gastreferent Prof. Dr. Stephan Schreiner, Tübingen, berichtete über jüdisches Leben in Ostmitteleuropa. In der Sowjetzeit sind Tausende Juden nach Estland, Lettland und Litauen eingewandert. Da sie meist russischsprachig sind, werden sie ­ wie die Russen ­ ausgegrenzt. Nur in Litauen ist eine Bereitschaft erkennbar, sich den eigenen antisemitischen Verfehlungen zu stellen. In der lettischen Hauptstadt Riga besteht eine jiddische und eine hebräische Schule mit insgesamt 850 Schülern.
In Polen zeigt sich das Phänomen eines «Antisemitismus ohne Juden». Lebten in Polen 1948 noch knapp 300000 Juden, so sind in den folgenden Jahrzehnten fast alle ­ meist als Folge eines staatlich gelenkten Antisemitismus ­ ausgewandert. Auch die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc hatte in den 80er Jahren den Antisemitismus politisch instrumentalisiert. In jüngster Zeit haben von den rund 50000 jüdischen Kleinkindern, die in Klöstern den Holocaust überlebten, viele ihre jüdische Identität wiederentdeckt. In Ungarn beanspruchen Rechtsextreme den Antisemitismus als Recht der Meinungsäusserungsfreiheit. Ungarn, das als einziges Land in Ostmitteleuropa das Jude-Sein über die Mitgliedschaft bei der jüdischen Gemeinde definiert, hat heute 14 jüdische Gemeinden in Budapest und 28 Gemeinden im restlichen Ungarn.
Nach den Worten von Pfr. Dr. Martin Cunz vom Lehrhaus in Zürich sind grosse Fragen der Gegenwart wie gesellschaftliche Umbrüche und Friedensarbeit Themen des christlich-jüdischen Dialogs.

 

Rudolf Bohren, lic. phil. I, ist Experte für den westslawischen Bereich und PR-Beauftragte am Institut Glaube in der 2. Welt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999