22/1999 | |
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Vom 14.16. April 1999 fand an der Universität Freiburg ein Internationales Kolloquium statt. Dabei wurde der «Vater» der Befreiungstheologie, Gustavo Gutiérrez, geehrt.
Gott vor uns Dieu devant nous. So titelte das vom 14.16. April an der Universität Freiburg zu Ehren von Gustavo Gutiérrez durchgeführte internationale Kolloquium. Unmittelbarer Anlass dazu war die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Freiburger Theologischen Fakultät am Dies Academicus im vergangenen November an den «Vater» der Theologie der Befreiung, wie Gutiérrez in Anbetracht seiner Bedeutung für diesen «für viele innovativsten theologischen Ansatz des 20. Jahrhunderts» (Programmheft des Kolloquiums) oftmals genannt wird. Ziel der unter anderem von der Caritas Schweiz und dem Schweizerischen Fastenopfer getragenen Tagung war nicht allein die Ehrung Gutiérrez' mittels Reflexion über Vergangenheit, Entwicklung und Hauptanliegen dieser theologischen Strömung, sondern auch das kritische Nachdenken über den Stand und die weiteren Aufgaben der Theologie(en) der Befreiung angesichts der zahlreichen und immer komplexer werdenden Herausforderungen unserer sich in einem fortschreitenden Globalisierungsprozess befindenden Welt. Die persönliche Anwesenheit des Geehrten verlieh der Veranstaltung den Charakter einer offenen und lebendigen Auseinandersetzung, und nicht zuletzt durch aktives Eingreifen des stets engagiert und lebhaft wirkenden Gutiérrez in den Diskurs, bestand nie die Gefahr einer rein musealen und konservierenden Beschäftigung mit dem Thema. Sollte aber dieser Umstand allein reichen, um die in letzter Zeit des Öftern laut gewordene Diagnose über den Tod der Befreiungstheologie als falsch zu entkräften? Um diese Frage zu klären, sollen im Folgenden die Hauptlinien des Kolloquiums anhand einiger ausgewählter Referate in kurzen Zügen nachgezeichnet werden.
Der vor allem als Konzilshistoriker bekannte Giuseppe Alberigo, Bologna, thematisierte bereits im Eröffnungsreferat einen zentralen Punkt der Theologie Gutiérrez', nämlich die Kirche als Kirche der Armen. Auf der Suche nach dem Einfluss dieser Rede auf die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanums setzte Alberigo an bei Papst Johannes XXIII., für den Armut in seiner Jugend konkret erlebte Wirklichkeit und später ein entscheidendes und lebenslängliches Moment seiner Spiritualität war. So wurde für Roncalli Biographie schon bald zur Theologie, indem er in seinen frühen Schriften die Armut bewusst zum Thema machte: Ihn störte die Diskrepanz zwischen dem Reichtum der Kirche und dem Auftrag Jesu, besonders den Armen das Evangelium zu verkünden. Als Papst forderte Johannes XXIII. die Armut der Kirche und er betonte die Verantwortlichkeit der Christen, die Bedürfnisse aller Menschen zu beachten. Die Gleichheit der Völker war für ihn angesichts der unterentwickelten Völker der Welt noch lange nicht erreicht. Wie Alberigo aufzeigte, wurde die vom Papst stets in ihrer spirituellen und sozialen Dimension wahrgenommene Armut trotz seiner starken spirituellen und armutstheologischen Ausrichtung, nicht zum grossen Thema des Konzils. Zwar nahmen einige Konzilsväter den Gedanken der Armut auf (allen voran Kardinal Lercaro, Erzbischof von Bologna), so dass sich in etlichen Konzilstexten Wendungen finden, die von der Armut der Kirche sprechen (vor allem Lumen Gentium 8, wo von der «Kirche in Armut und Verfolgung» die Rede ist), man konnte sich aber nicht dazu durchringen, explizit von einer «Kirche der Armen» zu sprechen. Es blieb bei einigen «ängstlichen, unverbindlichen Formulierungen», wie Giuseppe Alberigo bedauerte, ohne aber, wie er selber zugab, eine «zufriedenstellende Erklärung» dafür zu kennen. Auf alle Fälle aber habe das Zweite Vatikanum als Konzil des Aufbruchs den Samen für die künftige Armutsdebatte gestreut, ohne den wohl auch die Theologie der Befreiung kaum denkbar gewesen wäre.
Im Anschluss daran näherte sich Mariano Delgado, Professor für mittlere und neuere Kirchengeschichte an der Universität Freiburg (Schweiz), in betont kritischer Weise der Theologie von Gustavo Gutiérrez. Delgado brachte den Vorwurf eines «Utopieüberschusses» an die Adresse von Gutiérrez in Erinnerung, rief aber gleichzeitig dazu auf, ob diesem Vorwurf die Haupterrungenschaften der von ihm formulierten Theologie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Diese liegen nach Delgados Dafürhalten einerseits in der «Überwindung des akademisch-theologischen Aristokratismus durch die Verteidigung des elementaren Rechtes der Armen, nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in Kirche und Theologie als Subjekte wahrgenommen zu werden», andererseits aber auch in der «Pflege einer prophetisch-mystischen Gottes-Rede», die gerade den Armen und Entrechteten zugestanden werden müsse. Bezüglich des an die Befreiungstheologie gerichteten Vorwurfes eines «Utopieüberschusses» stellte der Referent fest, dass diesem aufgrund einer allzu diesseitsorientierten Sicht des befreienden Geschehens zwar eine gewisse Berechtigung zukomme, man aber auch dagegen halten müsse, dass die Theologie von Gutiérrez dadurch eine apologetische Dimension gegenüber dem Marxismus gewinne: Religion, gesehen als «messianische Praxis der Freiheit in dieser Welt und eine begründete Hoffnung der Opfer der Geschichte auf einen Anwalt auch über den Tod hinaus: Gott». Schliesslich habe Gutiérrez in seinem 1971 in Lima erschienen Buch «Theologie der Befreiung» (dt. 1973) betont, dass Theologie der Befreiung gleichbedeutend sei mit Theologie der Erlösung, auch wenn er die soteriologische Befreiung von der Sünde und dem Bösen hinter die politische und kulturelle Erlösung zurücksetzte.
Den ersten Abendvortrag bestritt der Dominikaner Christian Duquoc, notabene der Doktorvater von Gustavo Gutiérrez. Ausgehend von der Differenz zwischen der klassisch-theologischen (anselmianischen) Erlösungslehre und den Soteriologien der «Theologien» der Befreiung, machte Duquoc auf einen generellen Unterschied zwischen Erlösung und Befreiung aufmerksam. An erster Stelle verwies er auf einen Unterschied in der Bibel, wo sich zum einen die Israeliten mit Gottes Segen und geführt von ihrem «Mittler» Moses auf die Flucht aus Ägypten (Exodus) machen. Dem stellte er das Geschehen um Jesus gegenüber, dem sich mit den Armen identifizierenden Heilsmittler, an dem Gott handelt, nachdem er ihn der Verdammung durch die Menschen nicht entzogen hat. Gott identifiziere sich in beiden Schriftparadigmen mit den Unterdrückten und nehme in beiden Fällen Teil am Akt der Befreiung. Unterschiedlich, so Duquoc, seien aber die sozialen Folgen des befreienden Geschehens, welche die klassische Soteriologie (Erlösungslehre) in keiner Weise bedenke. Die Befreiungstheologie hingegen nehme das eigene Schicksal in die Hände, um Gerechtigkeit und Friedfertigkeit bereits in dieser Welt zu verwirklichen. In dieser Interpretation der Heilstat Gottes liege dann auch ihre theologische Originalität. Daraus folgerte Duquoc, dass es in den Theologien der Befreiung zu einer gewissen Verdeckung des klassischen Konzepts von «Volk» und «Kirche» gekommen sei, das arme und unterdrückte Volk selber schicke sich an, die ungerechte Gesellschaft gerecht zu machen, das Volk werde somit zum messianischen Subjekt, in dessen Händen die befreiende Praxis liege. Aus der Sicht der Unterdrückten werde bei eingehender Betrachtung der Geschichte ihrer Unterdrückung dann auch deren Un-Sinn offenbar, was konsequenterweise zu einer potentiell befreienden Interpretation derselben führen müsse. Die Theologie der Befreiung, so Duquoc, schenke dem einzelnen Wesen eine grosse Chance: Hier und jetzt gäbe es Kranke, Leidende und Sterbende, Befreiung von all diesen Leiden sei keine Utopie, sondern könne noch in dieser Welt handfeste Realität werden.
Zur Eröffnung des zweiten Tages machte sich Gerhard Kruip, Odenthal,
auf die Suche nach den «Impulsen der Theologie der Befreiung für
die kirchliche Solidaritätsarbeit im Schatten der Globalisierung».
Er wies darauf hin, dass die Theologie der Befreiung trotz unterschiedlicher
Rezeption in den Industrieländern wertvolle Gedankenanstösse geliefert
habe, die zu einem markanten Bewusstseinsbildungsprozess unter den Christen
geführt hätten. So trug die Theologie der Befreiung gemäss
Kruip dazu bei, dass die Relevanz gesellschaftlicher Stukturen erkannt und
damit auch die Notwendigkeit von deren Veränderung gesehen worden sowie
das Bewusstsein der Mitverantwortung der Länder der «Ersten Welt»
für die Situation der Armen in der «Dritten Welt» gewachsen
sei. Des Weiteren sei die «Option für die Armen» mehr und
mehr allgemein akzeptiert worden, besonders in der Dimension der Anerkennung
des Subjekt-Seins der Armen als Urheber ihrer eigenen Befreiung. Dies habe
zu einer Sicht der Entwicklungshilfe und Solidaritätsarbeit als Glaubenspraxis
und evangelitorisches Zeugnis der Kirche geführt, einer Kirche, welche
die gute Nachricht vom menschenfreundlichen Gott nicht anders bezeugen könne
als dadurch, dass sie sich auf die Seite der Armen stelle. Diese Überlegungen
Kruips beanspruchen beispielsweise in Anbetracht der Entwicklung der Kampagnen
des Schweizerischen Fastenopfers in den vergangenen Jahren (Stichwort Solidarität)
durchaus auch für die hiesigen Hilfswerke Gültigkeit. Trotz dieser
günstigen Einflüsse auf die kirchliche Solidaritätsarbeit
konstatierte der Referent aber dennoch einen gewissen Attraktivitätsverlust
in Bezug auf die Theologie der Befreiung. Offenbar habe man in unseren Breitengraden
festgestellt, dass der aus Lateinamerika stammende theologische Ansatz den
Christen der «Ersten Welt» nur bedingt helfen könne. Die
neuen Herausforderungen, hervorgerufen durch eine zunehmende Pluralisierung
und Globalisierung, könnten laut Kruip auch nur gemeinsam von den Christen
der «Ersten» und der «Dritten» Welt angenommen werden.
Er spricht von einer Glaubenspraxis und Theologie, die die Herausforderungen
der notwendigen «Inkulturation in die Moderne» und «von
der Moderne her» konsequent annimmt. Damit meint er eine die neuen
Realitäten der modernen Welt kritisch bejahende Existenz, die von einem
christlichen Hintergrund her in dieser Welt das Leben verantwortet zu gestalten
sucht. So dürften beispielsweise Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht
länger als in sich schlecht verteufelt, sondern aufgrund ihrer Konsequenzen
für die von diesem System Benachteiligten beurteilt werden.
Dem Vortrag von Kruip folgten vergleichende Ausführungen über
Familienkatechese in Bolivien und im deutschsprachigen Raum von Albert Biesinger
aus Salzburg. Die Tübinger Theologin Margit Eckholt deckte am Nachmittag
Parallelen zwischen feministischer Theologie und der Theologie der Befreiung
auf, anschliessend hielt Norbert Brieskorn SJ, Rechtsphilosoph aus München,
ein Referat über Theologie der Befreiung und Menschenrechte.
Am Abend schliesslich äusserte sich der Geehrte selbst zum gegenwärtigen
Stand der Theologie der Befreiung und einigen ihrer zentralen Punkte. Gustavo
Gutiérrez, 1928 in Lima (Peru) geboren, wurde nach dem Studium der
Medizin, Philosophie, Psychologie und der Theologie in Lima, Löwen,
Rom und Paris 1959 zum Priester der Erzdiözese Lima geweiht. Er gilt
als «Vater» der Theologie der Befreiung, weil er durch seine
zahlreichen Publikationen (Theologie der Befreiung, 1971 u.v.m.) wesentlich
zu ihrer Formulierung und Verbreitung nicht nur in Südamerika beitrug.
Damit verhalf er einer der wichtigsten theologischen Strömungen unseres
Jahrhunderts zu ihrer gleichsam klassischen Ausformung und streute den Samen,
der bei zahlreichen Theologinnen und Theologen unserer Zeit aufging und
von ihnen weitergetragen wurde. Neben dem ihm im vergangenen Jahr in Freiburg
(Schweiz) verliehenen Ehrendoktortitel, ist Gutiérrez Träger
unzähliger weiterer Ehrendoktorate und als Professor an der Katholischen
Universität Lima und als Gastdozent verschiedener amerikanischer und
europäischer Hochschulen immer noch in der Lehre tätig.
In Anlehnung an die eingangs erwähnte Diagnose vom Tod der Theologie
der Befreiung begann Gutiérrez seinen Vortrag mit der Bemerkung,
dass jede Theologie dazu verurteilt sei, eines Tages zu sterben, was auch
für die Theologie der Befreiung gelte, sie erfreue sich jedoch noch
guter Gesundheit. Auf den Titel seines Referates anspielend («Die
Zukunft der Theologie der Befreiung an der Schwelle zum dritten Jahrtausend»)
meinte er, die Zukunft geschehe nicht einfach von selbst, der Mensch müsse
sie vielmehr in seine Hände nehmen und aus eigener Initiative gestalten.
Gleichwohl formulierte Gutiérrez drei wesentliche Aufgaben «seiner»
Theologie. An die erste Stelle setzte er die «Option für die
Armen» aus dem konkreten Kontext seiner peruanischen Heimat. Armut
sei, so betonte er, nicht nur der Mangel an Mitteln, Essen oder Respekt,
sondern eine Art, das Leben führen zu müssen, eine Art zu reden,
zu denken, zu leiden und zu beten. Gutiérrez betonte, dass Armut
Gründe habe, also nicht einfach als Schicksal aufgefasst werden dürfe.
So gelte es angesichts der von der Globalisierung hervorgerufenen
Veränderungen an die Armen, diesen grossen Teil der Menschheit,
zu denken, die von einem Markt ohne Grenzen schlicht ausgeklammert würden.
Deswegen fordert er eine theologische Ethik, die nicht abstrakt ist, eine
Ethik, die Partei ergreift für die oft vergessenenen Opfer der weltweiten
Prozesse. Die Theologie der Befreiung habe die Aufgabe, auf Differenzen,
auf das Andere und Andersartige aufmerksam zu machen. Sie müsse eine
Optik einfordern, die Dinge von einer anderen Seite betrachtet, welche die
Sicht «von der Rückseite der Geschichte» pflege, die gleichbedeutend
sei mit dem Blick der Armen und für die Armen. Drittens verwies Gutiérrez
auf die Wichtigkeit der hinter der Theologie der Befreiung stehenden Spiritualität.
In Bezug auf die Situation in Peru sei dies eine Spiritualität des
Mit-Leidens mit den Armen und Entrechteten, eine Spiritualität, die
das Kreuz auf sich zu nehmen und den ersten Schritt in die Nachfolge Christi
zu tun bereit sei. Leiden bedeute aber auch hier wieder nicht untätiges
Er-Leiden, sondern Mit-Leiden mit den Armen, die im Vollsinn des Wortes
arm sind. Eine solche Spiritualität sei, so Gutiérrez, verwurzelt
im Volk und allein fähig, auch eine Theologie hervorzubringen, die
den Menschen nütze, denn Theologie werde schliesslich auf der Erde
gemacht, was gleichbedeutend ist mit einer Theologie in der Welt und für
die Welt, ja einer Theologie (Rede von Gott) der Menschen und für die
Menschen.
Den Abschluss des Kolloquiums bildete am Freitagmorgen eine Podiumsdiskussion, die allein durch die Zusammensetzung der Teilnehmer kontrovers zu verlaufen versprach, ging es doch um eine kritische Bestandesaufnahme des Christentums und seiner Aufgaben im Blick auf die Herausforderungen des kommenden Jahrtausends. Die Aufmerksamkeit wurde deswegen bewusst nicht mehr vorwiegend auf die Theologie der Befreiung gerichtet, der Rahmen wurde zum Schluss gleichsam für eine umfassendere Fragestellung geöffnet. So stellte der Moderator Mariano Delgado zwar Fragen nach der bleibenden Armut in der Welt, nach Säkularisierung und Moderne, nach einer Inkulturation des Christentums in die weltweit verschiedenen Kontexte sowie ein weiteres Mal nach der fortschreitenden Globalisierung der Wirtschaft. Die Diskussion fokussierte sich nach den einzelnen Stellungnahmen vor allem auf letztere Problematik, dies vielleicht gerade wegen der Anwesenheit von Wirtschaftsprofessor Guy Kirsch aus Freiburg (Schweiz). Kirsch, dezidierter Vertreter einer neoliberalen Ökonomie, hielt seinen theologischen Gesprächspartnern eine allzu leichtfertige Kritik des Globalisierungsprozesses vor. Die unaufhaltsame Globalisierung, so meinte er in betont optimistischer Sicht, sei nicht zuletzt auch eine Chance für jeden Einzelnen in einer grösser und flexibler gewordenen Welt zu leben. Als Wirtschafter sprach sich Kirsch zwar nicht für eine Gleichheit der Verteilung von Einkommen und Gütern aus, redete aber einer Gleichheit der Chance das Wort. Nur müsse der Mensch auch willens sein, für sein Tun die nötigen Kosten in Kauf zu nehmen, für einen möglichen Aufstieg, aber auch für einen möglichen Fall den geforderten Preis zu bezahlen. Demgegenüber rief der ebenfalls in Freiburg lehrende afrikanische Sozialethiker Bénézet Bujo die Perspektive der Drittweltländer in Erinnerung. Globalisierung sei für sie etwas, das vorab in den entwickelten Ländern der westlichen Welt über den Köpfen, wenn nicht gar auf den Buckeln und auf Kosten der Armen geschehe, Afrika werde eher passiv globalisiert, als dass es an der Globalisierung und den damit verbundenen Vorteilen aktiv teilhabe. Gleichzeitig brachte Bujo einen weltweit grassierenden Kulturverlust ins Spiel. Kultur verwirkliche sich immer in einem bestimmten Kontext, ohne den sie keine menschliche Kultur sei. Das Näherrücken der Kulturen der Welt bringe dennoch die Chance zu einer Allgemeingültigkeit etwa des Prinzips der Solidarität, gerade in wirtschaftlicher Hinsicht mit sich. In dieser Situation sei es Aufgabe der Kirche, den einzelnen Kulturen in ihren verschiedenen Kontexten Raum zu verschaffen zur Ausfaltung ihrer je eigenen Christlichkeit, sozusagen als Ausdruck der als Reichhaltigkeit verstandenen kirchlichen Katholizität. Diese Inkulturation versteht Bujo als Inkarnation Gottes in der Welt. Der Dominikaner Christian Duquoc glaubte, eine gewisse Ratlosigkeit der Theologie gegenüber der Globalisierung festzustellen, zu deren Signatur eine kompromisslos ausgebaute Infrastruktur von Wissenschaft und Technik, Verkehr und Kommunikation gehöre, verbunden mit einer Übertechnisierung, die zu einem eminenten Sinn- und Kulturverlust führe. Deshalb erweiterte Duquoc den Armutsbegriff um die kulturelle Dimension, Gewalt und Vandalismus in den Banlieus der europäischen Grossstädte seien die Folge, das Christentum drohe im Zuge dieses Kultur- und Sinnverlustes zum ästhetischen Element neben anderen zu verkommen. Nach getaner Analyse stellte Duqouc dann aber mehr oder weniger ratlos die Frage nach der Zukunft des Christentums und danach, wie es wieder Bedeutung in existenziell entscheidenden Fragen erlangen könne. Diese Bedeutung liegt für Gustavo Gutiérrez gerade in der befreienden Praxis des Christentums in Lateinamerika. Wenn man schon wie Kirsch von der Globalisierung als einer Chance spreche, müsse man bedenken, dass ein beträchtlicher Teil der Weltbevölkerung von dieser Chance ausgeschlossen sei. Es könne auch keine Rede davon sein, dass wir uns auf eine Welt zubewegten, denn immer werde es in diesem System Separation und Exklusion geben. Die Distanz zwischen armen und reichen Nationen werde immer grösser, so dass gewisse (gerade lateinamerikanische) Länder in der Weltwirtschaft überhaupt keine Rolle mehr spielen und vom globalen Markt nicht einmal mehr wahrgenommen würden. Gutiérrez aber ist davon überzeugt, dass wir die Möglichkeit hätten, diese ungerechte Situation zu verändern, eine Lösung aber nur zusammen mit den armen Ländern gefunden werden könne. Dazu aber müssten die Reichen bereit sein, sich die Sicht der Armen anzueignen. Und darin liege die Herausforderung, gleichzeitig aber auch die Chance der Kirche und des Christentums in der heutigen Situation.
Was bleibt? Eine solche Frage liegt nahe am Ende dieses Kolloquiums zu
Ehren von Gustavo Gutiérrez. Die Antwort soll gemeinsam mit der eingangs
gestellten Frage nach dem Ende der Theolgie der Befreiung gegeben werden,
insofern es überhaupt eine Antwort geben kann.
Die Veranstaltung vermittelte sicherlich weder wesentlich neue Inhalte über
die Befreiungstheologie noch vermochte sie unzweideutig ihre Zukunft im
Lichte der gegenwärtigen Herausforderungen zu bestimmen. Abgesehen
davon, dass die doppelte Zielsetzung der Ehrung von Gutiérrez sowie
der Standortbestimmung eine solche Leistung gar nicht zu erbringen beabsichtigte,
kann man ruhigen Gewissens von der bleibenden Aktualität der Befreiungstheologie
sprechen. Auch wenn das Bewusstsein für ihre Anliegen in den gut dreissig
Jahren ihres Bestehens ansehnliche Verbreitung und Akzeptanz gefunden hat,
sind wir doch noch weit entfernt von einer gerechten Welt mit gerechten
Strukturen. Noch immer gibt es Arme, Unterdrückte und Ausgegrenzte
aller Art, die ihr Anrecht auf Befreiung (nicht erst in ferner Jenseitigkeit)
zu Recht anmelden. Noch kann keineswegs davon gesprochen werden, dass die
«Option für die Armen» bereits vollständig eingelöst
ist, mehr noch, der Prozess einer vertieften Subjektwerdung derer, die noch
zu wenig Subjekt sind, muss vorangetrieben werden, solange Menschen ein
Leben führen, das nicht die Bezeichnung «Leben» verdient.
Fragt man in diesem Zusammenhang nach dem Wert der akademischen Diskussion,
so kann auf die bleibende Notwendigkeit einer «Reflexion der Praxis
im Lichte des Glaubens» (wie Gutiérrez die Aufgabe Theologie
schlechthin definiert) verwiesen werden. Dies nicht nur, um einen windschiefen
Aktionismus vermeiden zu helfen, sondern auch um die hiesigen Christen noch
stärker für ihre eigene Verantwortung den Armen der Welt gegenüber
zu sensibilisieren und zum verantworteten, aus guter katholischer Tradition
erwachsenden Engagement aufzurufen. So wird zwar jede Theologie geboren
um einmal zu sterben, sie sollte dies meines Erachtens aber nicht tun, ohne
zuvor die Menschen den Glauben an die Auferstehung gelehrt zu haben.
Urban Schwegler ist Assistent am Seminar für mittlere und neuere Kirchengeschichte der Universität Freiburg.
Ich setzte den Fuss in die Luft und sie trug. Dieser Gedanke von Hilde
Domin stand über der diesjährigen Jahresversammlung des Schweizerischen
Katholischen Frauenbundes SKF. Wie jedes Jahr liessen sich die Delegierten
über die Arbeit des SKF-Zentralvorstandes, der Werke (Solidaritätsfonds
für Mutter und Kind, Erholungshaus Gersau, Bildungshaus Schwarzenberg),
die Arbeit der Fachkommissionen und die Finanzen informieren. Ein Traktandum
nahm dabei etwas mehr Zeit als üblich in Anspruch: die Wahlen. Der
Grund lag darin, dass Rösy Blöchliger-Scherer nach elf Jahren
als Zentralpräsidentin des SKF verabschiedet wurde.
«Vor elf Jahren habe ich vor der Jahresversammlung schlechter geschlafen
als jetzt, vor dieser letzten Versammlung», meinte Rösy Blöchliger-Scherer
zu Beginn der Delegiertenversammlung. 1988 wurde sie in Zug als Nachfolgerin
von Margrit Camenzind zur Zentralpräsidentin gewählt. Für
Rösy Blöchliger war der SKF kein Neuland. Sie war bereits mehrere
Jahre Co-Präsidentin des katholischen Frauenbundes des Kantons Luzern
und war engagiert in Fach- und Arbeitsgruppen des SKF. Bereits bei ihrer
Wahl hatte sie klare Vorstellungen, in welche Richtung der Verband gehen
soll, und diese Vorstellungen hat sie in ihrer Präsidialzeit zu verwirklichen
gesucht. Diese Zielstrebigkeit schafften ihr nicht nur Freundinnen oder
Freunde. Sie war aber davon überzeugt, in die richtige Richtung zu
gehen, und damit fand sie auf der anderen Seite sehr viele Frauen, die sie
überzeugen konnte und die den Verband mittrugen, allen voran die Vizepräsidentinnen
Hanna Furtwängler und Marlis Müller. Sie konnte auf kompetente
Mitarbeiterinnen im Sekretariat an der Burgerstrasse in Luzern zählen.
Rösy Blöchliger knüpfte Verbindungen zu politischen Gremien
und Kommissionen und zu den Verbandsleitungen von konfessionellen und neutralen
Frauenverbänden.
Ein Meilenstein in der Zeit des Präsidiums von Rösy Blöchliger war die Fusionierung des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes mit der Frauen- und Müttergemeinschaft (FMG), die 1994 definitiv wurde. Die Zusammenführung dieser unterschiedlichen Verbände war kein einfaches Unterfangen. Rösy Blöchliger kam ihr organisatorisches Talent im personellen und strukturellen Bereich sehr zugute. Sie packte an und trieb, gegen manche Unkenrufe, Reorganisationen vorwärts. Die FMG brachte schliesslich nicht nur rund 100000 Mitglieder in diesen gemeinsamen Verband ein, sondern auch das Bildungshaus Matt in Schwarzenberg. Damit kam zum SKF-eigenen Erholungshaus «Hof Gersau» nicht nur eine neue Liegenschaft hinzu, sondern auch ein Unternehmen, das einiges kostet. Die heutige Bildungsleiterin Ursula Port Beeler suchte, eine neue Zielgruppe anzusprechen und mit dem Angebot den Bedürfnissen heutiger Frauen gerecht zu werden.
Mit der Fusion FMG/SKF wurde auch die Mitverantwortung für die Zeitschrift «Ehe und Familie» übernommen, ein weiteres Sorgenkind, in das viel personelle und finanzielle Mittel gesteckt wurden. Mit dem neuen Konzept und der Namensänderung in «Frau und Familie», deren Redaktion heute von Bernadette Kurmann und Esther Hürlimann betreut werden, sucht der SKF neue Leserinnen zu gewinnen. Auf dem hart umkämpften Abonenntinnenmarkt ist das aber fast unmöglich. Der SKF hat schliesslich noch eine weitere Zeitschrift. Er ist mit dem evangelischen und christkatholischen Frauenbund an der Herausgabe von «Schritte ins Offene» beteiligt. An der Jahresversammlung 99 sprach die Vizepräsidentin, Carola Meier-Machen, über die grossen Finanzprobleme und die für das Jahr 2000 geplanten Änderungen.
Diskussionslos und ohne Gegenvorschlag gewann Verena Bürgi-Burri die Wahl als neue Zentralpräsidentin. Die 50-jährige Krankenschwester und Familienfrau fand den Einstieg in den SKF über den Club junger Frauen. Seit 1983 lebt sie mit ihrer Familie in Dallenwil (NW). Sie engagierte sich in verschiedenen Organisationen: in der Spielgruppe Dallenwil, im Asylforum des Kantons Nidwalden, in der Altersfürsorge der Gemeinde, in der CVP. Seit 1992 gehört sie dem Gemeinderat Dallenwil an, und seit 1996 ist sie deren Vizepräsidentin. Verena Bürgi wird als eigenständige Frau vorgestellt. Sie sei belastbar und, was sie besonders auszeichne, seien ihre Lust an Verantwortung und Führung. Zusammen mit der Vizepräsidentin Caroline Meier-Machen aus Schneisingen (AG) und der Zentralkassierin Trudy Odermatt-Spichtig aus Sachseln (OW) bildet Verena Bürgi-Burri die Zentralleitung des SKF. In den Zentralvorstand, der aus 15 Frauen besteht, wurden zudem neu gewählt: Maria Broedel-Zillig, Sarnen (OW), Hanny Huwiler-Wälchli, Biel, und Sr. Laetitia Kuhn, Cham (ZG).
... einer zurück und ein vierter darüber hinaus! Mit diesem Titel stellt die Referentin der Jahresversammlung, Ursula Port Beeler, die Geschichte der Frauenbewegung in der Auseinandersetzung mit der Männergesellschaft vor. Sie beginnt mit dem «Brotmarsch» der Pariser Frauen 1789, der zu den Auslösern der französischen Revolution gehörte. Die Frauen hatten damit zwar noch lange keine Gleichberechtigung. Die von Ursula Port dargestellte und von Elsbeth Feurer mit Text und Musik illustrierte Frauengeschichte ist voller Fort- und Rückschritten, das wurde sehr deutlich gezeigt. Leider kam in dieser Darstellung die Geschichte des SKF, der Schweizer Frauenbewegung, etwas zu kurz. Seit der Einführung des Frauenstimmrechts und der politischen Eigenständigkeit der Frauen hat sich auch im SKF einiges verändert, sowohl in der Politik wie auch in seiner Stellung innerhalb der Schweizer Kirche. Dazu hat die scheidende Präsidentin einiges beigetragen und dafür gebührt ihr Anerkennung.
Elisabeth Aeberli ist Redaktorin der Zeitschrift «Wendekreis».