17/1999 | |
INHALT | |
Berichte |
Ich glaube an Gott den Vater, den Allmächtigen. Unter diesem Motto
stand die Tagung für Theologie und Seelsorge im Franziskushaus in Dulliken
am 22. Februar. Der Bischof von Basel, Kurt Koch, legte dabei in einem ersten
Referat theologische Überlegungen zu einem nicht-patriarchalen, sondern
trinitarischen Gottesbild vor. Ein zweiter Beitrag am Nachmittag beschäftigte
sich mit dem Thema: «Der allmächtige Vater-Gott und das Leiden
der Schöpfung».
Zur fast schon traditionellen «Dulliker Frühjahrstagung»
waren etwa 90 Seelsorgerinnen und Seelsorger gekommen. Zu Beginn seines
Referates wies der Bischof darauf hin, dass sich die heutige Kritik am Vaterbild
Gottes vor allem gegen die gesellschaftlichen Konsequenzen richte, die aus
dem traditionellen Bild Gottes als eines männlich verstandenen Vaters
für die Minderbewertung der fraulichen Existenz gezogen worden seien
und teilweise heute noch werden. Er stellte in diesem Zusammenhang fest:
«Wenn und solange Gott als Mann und in diesem biologischen Sinne als
Vater vorgestellt wird, dann und solange droht die Gefahr, dass der Mann
als gottähnliches und adäquateres Ebenbild Gottes auf Erden erscheint
als die Frau, so dass dem Mann-ähnlichen Gott im Himmel der Gott-ähnliche
Mann auf Erden entspricht und die gesellschaftliche Hierarchie der Männer
über die Frauen sogar von Gottes Himmel her noch legitimiert wird.»
Das eigentliche Wurzelproblem in der heutigen theologischen Auseinandersetzung
um das Gottesbild liege offensichtlich in der im Menschen tief angelegten
Sehnsucht nach einer Sexualisierung Gottes, die sich historisch im patriarchalen
Gottesbild ausgewirkt habe. Diese habe aber ebenso verhängnisvolle
Auswirkungen in einem matriarchalen Gottesbild. Deshalb müsse die Entpatriarchalisierung
des Gottesbildes zu seiner Entsexusalisierung führen, zu einer übergeschlechtlichen
Theologie des mütterlichen Vaters und der väterlichen Mutter.
Um Gott im trinitarischen Sinn als Vater zu verstehen, müsse die christliche
Rede von Gott als Vater sich am trinitarischen Abba-Geheimnis Jesu ausrichten,
das zugleich den befreienden Kern seiner messianischen Botschaft vom Kommen
des Reiches Gottes enthalte. Wenn Jesus von seinem Vater im Himmel von «Abba»
spricht, also die kindliche Koseform gebraucht, liege der Akzent nicht auf
der Männlichkeit dieses Vatergottes, sondern auf der unerhörten
Nähe seiner Beziehung zu diesem göttlichen Geheimnis wie auch
umgekehrt der Beziehung Gottes zu ihm. Bischof Koch präzisierte: «Die
Nähe und Unmittelbarkeit zu Gott, die in der Anrede Gottes als ÐAbbað
zum Ausdruck kommt, ist somit gleichbedeutend mit der Nähe des Reiches
Gottes. Damit wird offensichtlich, dass der Vatername Gottes zum Inhalt
der Botschaft Jesu gehört, deren zentrales Thema das Reich Gottes ist.»
Darum bringe diese ursprüngliche und neutestamentlich bezeugte Vatervorstellung
Gottes nicht eine männliche Assoziation mit sich, sondern offenbare
sich «als ein auf mütterliche Weise väterlich naher und
in väterlicher Weise mütterlich barmherziger Gott».
Wenn Jesus in der dritten Person von Gott redet und ihn «meinen Vater»
nennt, gehe es um den Vater des Sohnes Jesu, der zugleich der Messias des
kommenden Reiches sei. Denn sowohl die Väterlichkeit als auch das Reich
dieses Vaters werden von niemand anderem als von seinem Sohn geoffenbart.
Der Gott, der Jesus als «meinen Vater» verkündet, ist zunächst
allein der Gott und Vater Jesu. Sein Gott wird erst aufgrund von Jesu Verkündigung
und seiner Zuwendung zu uns Menschen auch unser Gott und unser Vater.
Auch im Glauben der ersten Christinnen und Christen ist Gott ausschliesslich der Vater Jesu Christi. Gemeinschaft mit diesem Vater Jesu Christi erhalten wir nur dadurch, «dass wir Christus als unseren Herrn erkennen und anerkennen», betonte der Bischof. Auch im Vaterunser werde deutlich, dass die Anrede Gottes als Vater gleichbedeutend ist mit der Ansage der Nähe des Reiches Gottes. Folglich gehöre der Vatername Gottes zum Kern der messianischen Botschaft Jesu, deren zentrales Thema das Kommen des Gottesreiches ist. Daraus, dass der Vatername Gottes vor allem die rettende Nähe Gottes verkündet, ergeben sich Konsequenzen für unsere heutige Glaubensrede von Gott. Dabei geht es darum, dass zum «christlichen Abba-Geheimnis und der mit ihm verbundenen Nähe des Kommens des Gottesreiches zurückgefunden wird». Eine konsequent entfaltete Trintitätslehre sei die beste theologische Gegenwehr gegen das patriarchalische Mißverständnis Gottes als Vater und gegen seine heutigen feministisch-theologischen Ersatzstücke. Der christliche Glaube bezeuge das Wirken des dreipersönlichen Gottes, «der als lebendige Liebesgemeinschaft von drei zutiefst miteinander verbundenen Personen in sich die Fülle des Lebens hat und diese Fülle selbst ist und der aus diesem Geheimnis seines inneren Lebens heraustritt, um die Menschen und die ganze Welt zur Teilhabe an dieser Liebesfülle einzuladen». Da der göttliche Vater als der Urgrund der Liebe erscheine, trete er dem Menschen als derjenige entgegen, der die ewige Liebesgemeinschaft der drei göttlichen Personen für den Menschen öffnet zu dessen Teilhabe am ewigen Glück der drei göttlichen Personen. Diesem trinitarischen Gott kann nur die schwesterlich-brüderliche Gemeinschaft der Menschen entsprechen. Deshalb stehe der christliche Dreifaltigkeitsglaube eindeutig im Dienste der Befreiung der Menschen und ihrer Gemeinschaft.
In seinem zweiten Referat erläuterte Bischof Kurt Koch zunächst
den Begriff «allmächtiger Gott» und sprach von Gott als
Macht der Zukunft. Er wiederholte seine Aussage, dass die Abba-Erfahrung
Jesus und die von ihm erwartete Nähe des Kommens des Reiches Gottes
unlösbar zusammengehören: «Dieses Gottesreich, das von Gottes
Wesen nicht zu trennen ist, hat Jesus verkündet als Ðnoch nichtð
vorhandene, sondern zukünftige und gerade deshalb als Ðdoch schonð
die Gegenwart der Menschen bestimmende Macht. Die Wirklichkeit der Zukunft
und die Wirklichkeit der Freiheit gehören insofern unlösbar zusammen,
als beide zwar noch nicht vorhanden sind, aber das Vorhandene massgeblich
bestimmen. Darum äussert sich die Wirklichkeit der Zukunft in der Freiheit,
deren Reich gerade die noch nicht verwirklichten und deshalb zukünftigen
Möglichkeiten sind. Die Glaubensaussage von der Allmacht Gottes gehört
deshalb bleibend zur christlichen Gottesverkündigung und kann nicht
aus der Theologie und schon gar nicht aus der Doxologie gestrichen werden.
Gerade in der Liturgie der Kirche haben die Anrede Gottes als des Allmächtigen
und vor allem der Lobpreis der eschatologischen Allmacht Gottes des Vaters
ihren bevorzugten Ort.»
Gott ist aber auch Allmacht in Person. Gott ist allmächtig darin, «dass
er das ihm Gegenüberstehende gerade in seiner Besonderheit und auch
in seinen endlichen Grenzen bejaht, und zwar uneingeschränkt und unendlich
bejaht». Dadurch hat das Geschöpf auch die befreiende Chance,
in der Annahme seiner eigenen Grenzen der Unendlichkeit Gottes selbst teilhaftig
zu werden. «In diesem elementaren Sinne lässt sich Gottes Allmacht
nur denken als mütterlich-väterliche Macht der sich verschenkenden
göttlichen Liebe. Dies bedeutet die radikalste Umwertung und definitive
Neubestimmung von Macht und Herrschaft. Die Macht, die ihm eigen ist, ist
die Macht der sich verschenkenden Liebe.»
Allmächtig ist Gott auch in seiner Schöpfermacht. Gott der Vater
hat durch seinen Sohn, den Ursprung der unterscheidenden Gestalten der Schöpfung,
im Heiligen Geist, der schöpferischen Dynamik im Geschehen der Schöpfung,
die Welt geschaffen, so dass alles vom Vater durch den Sohn im Heiligen
Geist existiert. In der offen gehaltenen Spannung zwischen Allmacht und
Ohnmacht des Schöpfers nimmt der trinitarische Gott auch das Leiden
seiner Geschöpfe in der Welt auf sich.
Schwierig ist eine theologische Antwort auf die Frage nach dem Leiden
in der Schöpfung. Auf der einen Seite darf christliche Theologie den
Zusammenhang zwischen Gott und der Wirklichkeit des Leidens nicht so zu
erklären versuchen, als ob Gott das Leiden wolle und sein Ursprung
sei. Der Bischof erinnerte in diesem Zusammenhang an die Juden, die um die
Unerlöstheit der Welt wüssten. «Erst wenn Christen sich
dieser ökumenisch gemeinsamen Provokation stellen, können sie
auch den bleibenden Unterschied zwischen dem Christentum und dem Judentum
neu buchstabieren lernen. Während nämlich die jüdische Kritik
am christlichen Glauben an Gottes Allmacht darauf insistiert, dass die Welt
offensichtlich immer noch unversöhnt und dass das Reich Gottes in unserer
Welt noch nicht da ist, sind Christen überzeugt, dass in Jesus Christus
die Liebe Gottes dennoch inmitten der unversöhnten Welt bereits gegenwärtig
ist.»
Nach Auffassung von Bischof Koch lässt sich der Glaube an die Allmacht
Gottes und an die Gegenwart seiner Liebe in der Welt theologisch nicht beweisen,
sondern nur feiern. Deshalb sei die Liturgie der entscheidende Ort, «an
dem die Theodizeefrage immer wieder angemahnt und vor Gott ausgesprochen
werden muss». Er verwies auf die armen und leidenden Menschen, die
wüssten, dass Gebet und Gottesdienst immer auch Akte des Widerstandes
des Glaubens gegen die faktische Realtität sind. Deshalb könnten
sie nur in einer gläubigen Kontrasthaltung gegen die Leidenserfahrungen
im persönlichen Alltag und im gesellschaftlichen Getriebe vollzogen
werden. In dieser liturgischen Hinwendung zu Gott dem Vater komme zum Ausdruck,
dass das Bekenntnis zur Allmacht Gottes «eine Hoffnung enthält,
die nicht trügt, sondern wirklich trägt». Er schloss seine
Ausführungen: «Je mehr wir dabei auf das biblische Urgestein
der Abba-Erfahrung Jesu und der mit ihr unlösbar verbundenen Gewissheit
der Nähe des Kommens des Gottesreiches zurückkommen, desto eher
wird es uns möglich, auch und gerade in der geschichtlichen Situation
von heute, die den Menschen nicht nur seine eigene Ohnmacht, sondern auch
die Ohnmacht Gottes erfahren lässt, mit einem gläubigen Trotzdem
die Allmacht Gottes zu loben und zu preisen, und zwar die Allmacht jenes
Gottes, der in Jesus Christus als väterliche Macht der Liebe offenbar
ist.»
Brigitte Muth-Oelschner ist Informationsbeauftragte des Bistums Basel.