12/1999 | |
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Berichte |
In den frühen 1970er Jahren begannen auch in der Schweiz religiöse Randgruppen Jugendlicher die Kirchen herauszufordern.<1> Nachdem die nichtchristlichen Gruppen unter ihnen an Bedeutung gewannen, begann sich vor 20 Jahren die Arbeitsgruppe «Jugendreligionen in der Schweiz» als Subkommission der Theologischen Kommission der Bischofskonferenz mit ihnen zu befassen. Die katholische Arbeitsgruppe zog schon bald Fachleute aus evangelisch-reformierten Kirchen bei, so dass sie 1984 zur Ökumenischen Arbeitsgruppe «Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz» erweitert werden konnte. 1996 begannen sich die von der Bischofskonferenz ernannten Mitglieder als Katholische Arbeitsgruppe und die vom Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund ernannten Mitglieder als Evangelische Arbeitsgruppe auch noch gesondert zu treffen, um konfessionsspezifische Aufgaben wahrnehmen zu können. Ein Ergebnis dieser Entflechtung ist die Umgestaltung der von Joachim Müller geleiteten Arbeitsstelle zur Schweizerischen Katholischen Arbeitsstelle «Neue religiöse Bewegungen» der Schweizer Bischofskonferenz; was Joachim Müller in den ersten Jahren weitgehend ehrenamtlich leistete, kann er nun teilamtlich wahrnehmen. Ein anderes Ergebnis dieser Entflechtung ist die Möglichkeit, dieses Jahr 20 Jahre Katholische Arbeitsgruppe «Neue religiöse Bewegungen in der Schweiz» begehen zu können.<2> Dieser 20 Jahre wurde vor kurzem in Zürich mit einer Tagung gedacht, an der auch die Tischgemeinschaft nicht zu kurz kam. Das Tagungsprogramm erlaubte einen Rückblick auf die Informations- und Beratungsarbeit im Bereich neue religiöse Bewegungen und alte religiöse Sondergruppen und eine Betrachtung der gegenwärtigen Aufgaben.<3>
In seinem Rückblick auf die Anfänge der «Sektenarbeit»
in der (deutschsprachigen) Schweiz erklärte Eduard Gerber, er habe
diese Arbeit seinerzeit aus persönlichem Interesse aufgenommen: als
Angehöriger einer religiösen Minderheit, als Täufer aus dem
Emmental, und als erster in der evangelisch-reformierten Landeskirche des
Kantons Bern ordinierter Pfarrer mennonitischer Herkunft und also als Seelsorger.
So habe er die «Sekten» immer als ein Problem der Seelsorge
gesehen und ihre Angehörigen als Menschen behandelt. Zudem teile er
die positive paulinische Sicht der «Sektiererei» (1 Kor 11,19).
Auch für Richard Friedli, Professor für vergleichende Religionswissenschaft
an der Universität Freiburg, sind die «Sekten» wie vor
allem die neuen religiösen Bewegungen nicht ein theologisches, sondern
ein gesellschaftspolitisches Problem. Die sektenhafte Religiosität
ist für ihn eine Reaktion auf den verunsichernden Wertewandel und also
ein «Ausweichmodell» neben anderen. Ferner ist für ihn
der Begriff «Sekte» in bestimmter Hinsicht überholt. Für
die klassische Kategorie «Kirche-Sekte-Bewegung» war die Beziehung
der religiösen Institution bzw. Organisation zum Staat zentral, während
heute ihr Ort in der Zivilgesellschaft bestimmend ist; zudem ist diese Kategorie
auf alle religiösen Phänomene und also auch auf Kirchgemeinden
bzw. Pfarreien anwendbar. Als eine andere und zudem operationale Kategorie
zur Unterscheidung von «gut» und «nicht gut» im
Bereich von «Religion» schlägt Richard Friedli «gesundmachend/krankmachend»
vor, eine Kategorie, die sich an die Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) anschliessen kann, in der auch die spirituelle Dimension der Gesundheit
genannt ist. Im Blick auf die Zukunft schliesslich bezeichnete Richard Friedli
die grenzüberschreitenden neuen religiösen Bewegungen als Chance
für die Konstruktion Europas: Die religiösen Institutionen und
Bewegungen müssten sich zusammentun, um im Sinne eines politischen
Synkretismus zur Sicherung des Lebensraumes Europa beizutragen.
Von krankmachender Religiosität wusste Erika Uebele, Psychologin in
eigener Praxis und Mitglied der Ökumenischen Arbeitsgruppe zu berichten.
In den überaus zahlreichen Reaktionen, mit denen sie nach der Fernsehsendung
(«Ziischtigsclub») mit «Uriella»<4>
konfrontiert wurde, ist sie häufig der Angst begegnet: der Angst angesichts
quälender Fragen, der Angst vor dem Untergang der eigenen inneren Welt,
allerdings auch der Euphorie von Menschen, die sich bedingungslos und besinnungslos
einer Führung überantwortet hatten; Zweifel in der neuen Gruppe
deuten die Betroffenen häufig als persönliche Schwäche. Der
grösste Mangel im kirchlichen Angebot, den Erika Uebele in ihrer Beratungsarbeit
feststellt, ist denn auch das Fehlen einer persönlichen Begleitung.
Von beruflichen Erfahrungen geprägt waren auch die beiden anschliessenden
Referate. Jean-François Mayer, freiberuflicher Religionswissenschaftler,
der nach der Tragödie des Sonnentempelordens<5>
von den Strafverfolgungsbehörden als Sachverständiger beigezogen
worden war und der wesentlich an der Erarbeitung des schweizerischen Scientology-Berichtes<6> beteiligt war, machte auf die Vervielfachung
der Beteiligten («multiplication des acteurs») aufmerksam. Beim
Sonnentempel verschränkte sich die charismatische Autorität mit
der kriminellen Aktivität. Einerseits waren die künftigen Opfer
«bekannt», anderseits wissen wir erst nach der Tat, dass etwas
geschehen kann. Künftig müsse es deshalb darum gehen, einerseits
die Risikogruppen zu identifizieren und dabei anderseits Unterscheidungsfähigkeit
zu entwickeln.
Hans Gasper, Theologischer Referent der Zentralstelle Pastoral der Deutschen
Bischofskonferenz und Kommissionsmitglied der Enquete-Kommission «sogenannte
Sekten und Psychogruppen» des Deutschen Bundestages, stellte einige
Ergebnisse der Kommissionsarbeit heraus. Grossen Raum nehme die Konfliktthematik
ein, die Konfliktkonstellationen, -kontexte und -konnotationen. Bemerkenswert
sei sodann der Gestaltwandel von «Religion» in einer modernisierten
Gesellschaft, die Bedeutung des Psychomarktes wie überhaupt die marktförmige
Gestalt von Religion. Der Vielfalt der Lebensstile und der religiösen
Optionen auf der lebensweltlichen Ebene entspreche die Bedeutung intermediärer
Institutionen.
Von grosser Bedeutung für eine Mitgliedschaft in einer bestimmten Gruppe
sei die Biographie; es gebe eine «Passung» zwischen eigenen
Problemlagen und dem, was eine Gruppe beizutragen hat, und deshalb im guten
Fall auch einen «Zugewinn». (Die Frage einer gesetzlichen Observation
von «Scientology» durch den Verfassungsschutz habe die Kommission
im Sinne eines verantwortbaren Grenzfalles negativ entschieden.)
Wie Hans Gasper die neuen religiösen Bewegungen in den Zusammenhang
des gesellschaftlichen und kulturellen Modernisierungsprozesses stellte,
so bringen sie für Michael Fuss die Globalisierung der Religion zum
Ausdruck. Michael Fuss pflegt als Professor für Religionswissenschaft
an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom den Buddhismus
als Forschungsgebiet; mit den neuen religiösen Bewegungen beschäftigt
er sich vor allem im Rahmen der Föderation der katholischen Universitäten
(FIUC) und als Berater der europäischen Bischofskonferenzen (CCEE).
Diese Globalisierung führe zu einer neuen Weltreligion im Sinne einer
Netzwerkreligiosität und in der Gestalt eines «Mosaikes von Subkulturen».
Kennzeichen seien ein «Praetheismus» in Form von Gottessurrogaten,
der Vorrang (arche) der subjektiven Erfahrung und die Intimisierung im Sinne
von «wellness», von Glauben als Therapie.
Diese neognostische Tendenz, die geheime Seite der Aufklärung, führe
zu einer theosophischen Einheitsreligion, könne aber auch durch «konfliktträchtige
Orientierungen» instrumentalisiert werden. «Orientierungen»
nennt Michael Fuss diese Bewegungen, weil es sich bei einer solchen Institution
um eine religiöse, weltanschauliche oder therapeutische «Orientierung»
handeln kann. Diese könne sinnstiftend sein, aber auch ein auffälliges
Konfliktpotential aufweisen, das von verschiedenen Disziplinen untersucht
werden könne. Von kirchlicher Seite sei indes nicht nur Konfliktforschung
gefragt, sondern auch Diakonie der Wahrheit: religionswissenschaftliche
und theologische Forschung wie seelsorgliche Beratung. Nicht zuletzt bei
der Forschung, bei der akademischen Auseinandersetzung sei die ökumenische
und internationale Zusammenarbeit fortzuführen.
Die schweizerische katholische Arbeitsgruppe «Neue religiöse
Bewegungen» pflegt eine vielfältige internationale Zusammenarbeit,
was an der Tagung von Teilnehmern aus verschiedenen Ländern mit Dankesworten
an Joachim Müller, den spiritus rector dieser Arbeitsgruppe, gebührend
und auch verdientermassen zum Ausdruck gebracht wurde.
1 Religion im Untergrund. Die religiösen Randgruppen Jugendlicher in der Schweiz Eine Herausforderung. Herausgegeben vom Schweizerischen Beratungsdienst Jugend + Gesellschaft, Luzern, Zürich 1975.
2 Ein Tätigkeitsbericht über die 20 Jahre «Katholische Arbeitsgruppe ÐNeue religiöse Bewegungenð» ist kostenlos erhältlich bei der Schweizerischen Katholischen Arbeitsstelle «Neue religiöse Bewegungen» der Schweizer Bischofskonferenz (KANRB), Postfach 143, 9436 Balgach, Telefon/ Telefax 071-7223317.
3 Die Beiträge dieser Tagung werden als Civitas-Sonderdruck unter dem Titel «20 Jahre Katholische Arbeitsgruppe ÐNeue religiöse Bewegungenð. Festakademie» erscheinen und zu einem Unkostenbeitrag von Fr. 10. bei der KANRB (Anm. 2) erhältlich sein.
4 Vgl. Erwin Tanner, Gottes Glocken läuten Sturm in Uriellas Fiat Lux, in: SKZ 167 (1999) Nr. 6, S. 7985.
5 Vgl. Erwin Tanner, Sonnentempelorden: Leben und Sterben, in: SKZ 165 (1997) Nr. 25, S. 390ff.
6 Scientology in der Schweiz. Bericht zuhanden der Konsultativen Staatsschutzkommission. Juli 1998. Herausgegeben vom Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement.