6/1999

INHALT

Berichte

Wallfahrtskultur - Kultur am Wallfahrtsort

von Othmar Lustenberger

 

Eingeladen von der «Päpstlichen Kommission für die Seelsorge an den Emigranten und den Menschen unterwegs» und vom «Heiligtum U.L. Frau vom Rosenkranz in Pompei» nahmen an die 100 Wallfahrtsrektoren und Pilgerleiter aus 18 europäischen Ländern am «Zweiten Europäischen Kongress über Wallfahrt und Wallfahrtsorte» teil, der vom 17. bis 21. November 1998 in Pompei stattgefunden hat. Zentrales Thema des Kongresses war: «Wallfahrtsorte ­ Erben und Vorkämpfer einer europäischen Kultur». In einem Kurzreferat informierte P. Othmar Lustenberger die Kongressteilnehmerinnen und Kongressteilnehmer über die verschiedenen kulturellen Aktivitäten im Umfeld der Wallfahrt zu U.L. Frau von Einsiedeln.
Insgesamt standen 16 Referate und Informationsbeiträge auf dem Programm. Sie alle befassten sich, mehr oder weniger konkret, mit der Frage, welchen Beitrag die Wallfahrtsorte leisten können (oder sollten) für die von Papst Johannes Paul II. so nachdrücklich gewünschte (Neu-)Evangelisierung oder (Re-)Christianisierung des Abendlandes.
Ausgangspunkt und Grundlage der verschiedenen Beiträge bildete der Vortrag von Professor Bruno Forte von der theologischen Fakultät in Neapel: «der Wallfahrtsort ­ Ort der Erinnerung [an das Göttliche] und der Begegnung [mit dem Göttlichen]». Nachdrücklich betonte Bruno Forte, am Wallfahrtsort werde die Kirche neu geboren, am Wallfahrtsort lerne man seine eigene (christliche) Berufung neu kennen, der Wallfahrtsort befähige den Pilger, seine Berufung im geschwisterlichen Dienst gegenseitiger Liebe zu leben. Am Wallfahrtsort lerne das Volk Gottes aber auch, Kirche der Hoffnung und der Freude zu werden und zu bleiben.

Volksfrömmigkeit ­ Wallfahrtskultur

Verkündigung des Wortes Gottes, Pflege des liturgischen Lebens, Pflege der (örtlich bewährten und) gutgeheissenen Formen der Volksfrömmigkeit, sie sind die drei herausragenden Merkmale, die einen Wallfahrtsort charakterisieren. Die Wallfahrt ist ein Geschehen, so betonte Dr. Rainer Killich, Kevelaer, in seinen Ausführungen über den «Beitrag der Kunst zu den katechetischen Aktivitäten der Wallfahrtsorte», das ganz wesentlich über die Sinnwahrnehmung der Pilger funktioniert. Ein Wallfahrtsort muss deshalb die Sinne der Menschen, die ihn besuchen, ansprechen. In diesem Sinne entwickelt jeder Wallfahrtsort eine ihm gemässe Wallfahrtskultur, sichtbar und erlebbar, zum Beispiel am vorangehenden Kreuz, an den Fahnen, an den Gebeten und Gesängen, am festlichen und geschlossenen Einzug ins Heiligtum. «Wenn der festliche Einzug einer Prozession in die Stadt», so Dr. Rainer Killich, «eines Tages nicht mehr zum Alltagsbild eines Wallfahrtsortes gehört, wird uns ein wichtiges Stück Wallfahrtskultur für immer abhanden gekommen sein.»
Zur Wallfahrtskultur eines Ortes gehören auch die festliche Gestaltung der Gottesdienste, die Erfahrung einer grossen Pilgergemeinschaft in einer voll besetzten Kirche, das Orgelspiel. Zur Wallfahrtskultur gehören die Sehenswürdigkeiten des Ortes, die Kunst und die Kunstschätze der Wallfahrtskirche in den vielfältigen Erscheinungsformen.

Kulturelles Leben an Wallfahrtsorten

Jeder Ort soll seine ihm gemässe Wallfahrtskultur entfalten und pflegen. Wie vielgesichtig die Wallfahrtskultur tatsächlich ist, davon bekamen die Kongressteilnehmer eine kleine Ahnung über Konferenzbeiträge zu Wallfahrtsorten in Frankreich (Montmartre in Paris), in Süditalien (St. Nikolaus in Bari), in Polen (Fatima-Heiligtum in Zakopane) wie auch über die Referate zum weit gefassten Thema «Volksfrömmigkeit».
Jeder Wallfahrtsort soll nicht nur die ihm gemässe Wallfahrtskultur pflegen. Jeder Wallfahrtsort soll, entsprechend seiner Möglichkeiten, das kulturelle Leben am Ort bewusst in den Dienst der Wallfahrt, und das heisst in den Dienst der Katechese und der Verkündigung, in den Dienst der (Re-)Christianisierung Europas, des Abendlandes stellen. Man soll nicht der Versuchung erliegen, regionale Besonderheiten gerade auch im Bereich von Kunst und Kultur aus dem Wallfahrtsgeschehen zu verdrängen, nur weil das eine oder andere zu gewissen Zeiten nun einmal etwas antiquiert erscheinen mag.
Welch reiches kulturelles Leben, wie viele kulturelle Aktivitäten Einsiedeln kennt, versuchte P. Othmar Lustenberger in seinem Kurzreferat «Kulturelle Aktivitäten im Umfeld des Heiligtums U.L. Frau von Einsiedeln» aufzuzeigen. Die knapp zugeteilte Redezeit von 15 Minuten erlaubt kaum mehr als nur kurze, stichwortartige Hinweise auf unser vielfältiges kulturelles Leben, sei es im Bereich der Gottesdienste, der Musikpflege, der Schulen, der Ortsvereine usw. Drei Bereiche wurden etwas ausführlicher dargelegt: die Pflege der «Musik in der Klosterkirche» mit den Orgelkonzerten, die Bedeutung der Führungen und Besichtigungen im Bereich des Klosters und der Klosterkirche sowie die kommende Aufführung des «Welttheater 2000».<1>


Anmerkung

1 Der «Europäische Kongress über Wallfahrt und Wallfahrtsorte» soll im Jahre 2001 oder 2002 seine Fortsetzung finden, voraussichtlich in Fatima.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1999