4/1999 | |
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Berichte |
Unter dem Thema «Spirituelle Orte und Wege der Gotteserfahrung» trafen sich Ende Oktober 1998 rund 70 Verantwortliche für kirchliche Berufe aus den Bistümern, Orden und Gemeinschaften zur Jahrestagung des Vereins Information kirchliche Berufe IKB in Einsiedeln. Unter dem Leitmotiv «Leben ist mehr» wurden die in den Vorjahren entwickelten Positionen und Postulate einer kirchlichen Berufspastoral als Pastoral für und mit der Gemeinde diskutiert und weiterentwickelt. Der Hauptreferent der Tagung, der Benediktinerpater Meinrad Dufner aus Münsterschwarzach, forderte die Anwesenden auf, sich für eine Kirche einzusetzen, in deren Wirken der Mensch und nicht Formen und Formeln im Zentrum stehe. In einer immer wieder neu stattfindenden Hinwendung zu den Anliegen der Menschen sieht Pater Dufner auch die Zukunft der Berufspastoral: Nur in einer Kirche, die den Menschen ernst nimmt, könnten sich Männer und Frauen auch vorstellen, selber im Auftrag dieser Kirche tätig zu werden.
Die Kirche müsse sich viel entschiedener dem Menschen zuwenden,
forderte Pater Meinrad Dufner vehement. Und mit Kirche meinte der Benediktiner
hier zuerst einmal die Verantwortlichen für die Seelsorge in den Gemeinden
und Gemeinschaften. Es gelte, dass diese «die Augen schärfen»,
sich wirklich darum interessierten, welche Menschen aus ihrer Gemeinde welche
Form der Religiosität lebten oder allenfalls zu leben suchten. Denn
Meinrad Dufner ist überzeugt, «dass sich an jedem Ort Menschen
befinden, die sich um Religiosität, um Spiritualität, um Gotteserfahrung
und christliche Werte interessieren». Um auf diese aufmerksam zu werden
und mit ihnen in Kontakt treten zu können, bedürfe es aber, so
der Referent, eines unvoreingenommenen Aufeinanderzugehens.
Dazu nannte Meinrad Dufner etwa die vielfältigen Formen spirituellen
Erlebens. Er warnte davor, die Liturgie als einzige Form intensivster Gotteserfahrung
darzustellen. Dass sich zahlreiche Menschen in den Gemeindegottesdiensten
nicht mehr beheimatet fühlten und andere Formen spirituellen Erlebens
und Ausdrucks suchten und finden! , erklärte Meinrad Dufner
nicht zuletzt auch mit einer Krise der Liturgie. Gerade die Liturgievorsteher
forderte der Benediktiner auf, ihr Auftreten und ihre Handlungen immer wieder
auf Echtheit und Aufrichtigkeit zu prüfen.
Der Liturgie fehle es aber auch an meditativen Elementen und Erlebnismöglichkeiten.
Es brauche in unseren Gottesdiensten wieder die «Wilden», forderte
Meinrad Dufner und meinte damit Liturgiegestalterinnen und -gestalter, die
neue Formen ausprobierten und auch nicht davor zurückschreckten, nach
neuen Ritualen Ausschau zu halten. Wo eine Formel um der Formel willen angewandt
werde, sei die Gefahr gross, dass sie statt den Zugang zum Göttlichen
zu bereiten, diesen eher erschwere. Pater Meinrad Dufner ermutigte die Anwesenden,
sich bei der Suche nach neuen liturgischen und spirituellen Formen auch
ausserhalb der Kirche umzusehen, warnte aber davor, Rituale einfach zu kopieren.
Vielmehr gelte es, für und mit der jeweiligen Gemeinschaft nach Formen
zu suchen, die gemeinsame religiöse Erlebnisse förderten.
Im Weiteren rief der Benediktiner dazu auf, dass sich die Kirche und
damit sprach er wiederum die in den Pfarreien und Gemeinschaften Tätigen
an in der Öffentlichkeit vermehrt zu Wort meldeten. Ob dies nun
zu aktuellen ethischen oder politischen Fragen sei, ob dies im Zusammenhang
mit Diskussionen in der Gemeinde stehe, oder ob dies Kunst- und Kulturfragen
betreffe (die reichen Erfahrungen der Kirche als Kulturträgerin und
Kulturförderin gingen zusehends verloren, befürchtet der Referent).
In einer vielschichtigen kommunikativen Gesellschaft müsse sich die
Kirche auch zu Wort melden und ihre Haltung positiv vertreten. Nebst der
oben angesprochenen Kultur sieht Meinrad Dufner hier vor allem in der Sozialethik
Handlungsbedarf. Denn im öffentlichen Diskurs sei die Argumentation
aus christlicher Warte durchaus gefragt, ist Meinrad Dufner überzeugt.
Keine Frage, dass der Benediktinermönch und langjährige
Novizenmeister von Münsterschwarzach in Einsiedeln auch auf die
Berufspastoral zu reden kam. Bevor er allerdings von der Förderung
der kirchlichen Berufe sprach, wies Meinrad Dufner darauf hin, dass unter
den kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine grosse Unruhe bestehe.
Diese Unruhe werde aber wenn überhaupt viel zu wenig thematisiert,
da der Arbeitsdruck auf den Seelsorgerinnen und Seelsorgern zu schwer laste.
«Zum Nachdenken bleibt keine Zeit, da alle noch vorhandenen Seelsorgerinnen
und Seelsorger zuerst einmal funktionieren müssen», machte der
Referent deutlich. Hier sieht Meinrad Dufner auch einen Grund für das
frühzeitige Ausscheiden vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus
dem kirchlichen Dienst: «Diese Leute finden in ihrem Beruf nicht mehr
das, was sie sich unter einer Aufgabe in der Kirche vorgestellt haben.»
Um solche negativen Folgen möglichst zu vermeiden, schlug Meinrad Dufner
vor, dass innerhalb der Gemeinden vermehrt nach Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
gesucht werden soll, die sich in ihrem Leben einigermassen gefestigt fühlten.
Viele junge Menschen seien sich beim Eintritt in den kirchlichen Dienst
noch gar nicht der ganzen Tragweite weder ihrer Religiosität, noch
ihrer Aufgabe bewusst. Aufgrund des Personalmangels würden aber immer
jüngeren Seelsorgerinnen und Seelsorgern immer gewichtigere Funktionen
überantwortet. Nicht nur in Stressmomenten würde eine Verantwortungsposition
dann oft statt gemeindebildend gerade gegenteilig ausgenutzt. Ja, Meinrad
Dufner warnte geradezu vor einem wieder neu aufkommenden Klerikalismus bei
jungen Priesteramtskandidaten.
Die Tagung der IKB wurde ergänzt durch ein Referat des Bibelwissenschaftlers
Daniel Kosch, Zürich, der als Impuls für die Pastoral einen spirituellen
Umgang mit biblischen Texten von Gotteserfahrungen aufzeigte. IKB-Stellenleiter
Pfarrer Oswald Krienbühl hatte bereits eingangs der Tagung festgehalten,
dass sich die Berufspastoral gewaltigen Veränderungen ausgesetzt sehe.
Darum müsse das Anliegen der IKB noch mehr in die Grundfragen der Pastoral
hineinfliessen. Aufgrund der Rückmeldungen der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer wertete Pfarrer Krienbühl die Tagung in Einsiedeln als eine
«Arbeit mit Tiefgang», die bei allen Beteiligten wieder neue
Impulse für die Arbeit in der Pastoral ausgelöst habe.
Das Jahresthema der Arbeitsstelle IKB «Spirituelle Orte und Wege der
Gotteserfahrung heute» steht unter dem Leitmotiv «Leben ist
mehr», das gleichzeitig auch Leitgedanke für den Weltgebetstag
für kirchliche Berufe vom 24./25. April 1999 ist.
Martin Spilker ist journalistischer Mitarbeiter der IKB-Arbeitsstelle.
Was lag für die «Vereinigung für Schweizer Kirchengeschichte»
näher, als die Ereignisse von 1848 zum Grundthema ihrer Generalversammlung
im Jubiläumsjahr 1998 zu machen? Neben dem üblichen geschäftlichen
Teil boten Luzerner Originalschauplätze und ein Referat über den
kirchlich liberal gesinnten päpstlichen Sondergesandten Jean-François
Onésime Luquet der Vereinigung sowie den eingeladenen Mitgliedern
der Kirchengeschichtlichen Sozietät der Theologischen Fakultäten
von Basel, Bern, Zürich und Luzern den geeigneten Rahmen, interessante
und weitgehend unbekannte Einblicke in die Umbruchszeit der Jahre 1847/48
zu gewinnen.
Louis Näf, der zusammen mit Edwin Beeler für die filmische Recherche
«Grenzgänge» verantwortlich zeichnet, die mit ausdrucksstarken
Bildern die Tage vor und während des Sonderbundskrieges des Jahres
1847 ausleuchtet, führte die Versammlung zu Stadtluzerner Schauplätzen,
die Zeugnischarakter für den Untergang des alten katholischen Vororts
haben: das Jesuitenkollegium (heute Regierungsgebäude), der eindrückliche
Friedhof des St. Leodegar-Stifts mit den Gräbern vieler damaligen Akteure,
der Park hinter der Hofkirche mit einem Denkmal damaliger Liberalen. Was
nun im Film «Grenzgänge» schön dargestellt und den
(hoffentlich zahlreichen) Zuschauern und Zuschauerinnen zwischenzeitlich
auch zugänglich gemacht ist, wurde durch den Rundgang und die Erläuterungen
Näfs ebenso lebendig und eindrücklich an Originalschauplätzen
selbst aufgezeigt. Die neblige Stimmung trug das Ihre dazu bei, Anklänge
der Kriegszeit atmosphärisch aufleben zu lassen.
Neben «Grenzgängen» wurde auch ein «Grenzgänger»
vorgestellt: Nur kurz nach der Niederlage der katholischen Sonderbundskantone
schickte der Heilige Stuhl anfangs 1848 den jungen französischen Bischof
Jean-François Onésime Luquet mit dem unausgesprochenen, aber
offensichtlichen Auftrag in die Schweiz, die bis anhin feindseligen Beziehungen
zwischen der Kirche und der herrschenden Partei im entstehenden Bundesstaat
auf eine neue Basis zu stellen. Der mit recht unklaren Vorgaben versehene
Luquet versuchte während seiner Aufenthalte in Luzern, Sitten und Freiburg,
sich genügend diplomatischen Spielraum zu erhalten, was ihm jedoch
Kritik von allen Seiten einbrachte. Nach einem kurzen Abstecher ins Heimatland
kämpfte Luquet im April 1848 gegen die in verschiedenen Kantonen diskutierten
Klosteraufhebungen und präsentierte den Behörden der Eidgenossenschaft
einen eigentlichen Befriedungsplan, um das gespannte Verhältnis zwischen
der römischen Kurie und den liberal-radikal regierten Kantonen zu entspannen
und die Frage der Bischofswahlen, der Bistumsgrenzen, der Feiertagsordnung,
des Klosterschutzes und weitere Probleme, die einer Lösung bedurften,
zu klären. Antonio Rosmini, der mit Msgr. Luquet seit Jahren in Kontakt
war, kommentierte diesen Plan Luquets mit Wohlwollen. So wie Rosmini in
Italien scheiterte seine Werke wurden kurze Zeit später in Rom
verurteilt blieb auch Luquet in der Schweiz beim Versuch, die Beziehungen
zwischen Staat und Kirche auf neue Grundlagen zu stellen, der Erfolg versagt.
Luquet wurde kurze Zeit später nach Italien zurückberufen, so
dass seine diplomatische Mission in der Schweiz nur Episode blieb und der
Heilige Stuhl bis zur am 12. Dezember 1873 erfolgten bundesrätlichen
Ausweisung nur noch mit einem Geschäftsträger im damals vom politischen
Zentrum Bern abseits liegenden Luzern vertreten war.
Prof. Fabrizio Panzeras (Bellinzona) spannende Ausführungen über
die Bemühungen des Heiligen Stuhls im Frühling 1848, mit einer
Sondermission den religiösen Frieden in der Schweiz wiederherzustellen,
sind zwischenzeitlich im soeben erschienenen Band 92 (1998) der «Zeitschrift
für Schweizerische Kirchengeschichte» nachlesbar. Dieser unter
der Redaktionsleitung von Prof. Dr. Urs Altermatt (Freiburg i.Ü.) sorgfältig
zusammengestellte Jahresband umfasst ausserdem ein umfangreiches Dossier
zum katholischen Antisemitismus in der Schweiz 19001945, womit die
«Vereinigung für Schweizerische Kirchengeschichte» mit
ihrem bewährten Präsidenten Prof. Dr. Markus Ries (Luzern) einen
wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der kirchlichen Zeitgeschichte in der
Schweiz leistet.
Unser Mitredaktor Urban Fink promovierte mit einer kirchengeschichtlichen Dissertation.
Die Nationalfonds-Studie «Konfessionelle Pluralität, diffuse
Religiosität und kulturelle Identität» wertete die erste
umfassende religionssoziologische Erhebung in der Schweiz aus; dementsprechend
gross war auch die Aufmerksamkeit, die ihrer Veröffentlichung unter
dem Titel «Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz»
geschenkt wurde. Im Blick auf eine Umsetzung der Ergebnisse wurden verschiedentlich
Überlegungen angestellt. So beauftragte die Pastoralplanungskommission
der Schweizer Bischofskonferenz ihre Arbeitsgruppe 2 «Prospektive»,
die Ergebnisse der Studie für die Praxis der Kirche umzusetzen.
Diese Umsetzung hatte zwei Gesichtspunkte zu verschränken, was zu nicht
immer einfachen Gesprächen zwischen der Arbeitsgruppe, der Pastoralplanungskommission
und der Bischofskonferenz führte. Zum einen musste die Frage aufgegriffen
werden, was die Individualisierung mit dem zunehmenden Freiheits- und Entscheidungsspielraum
für die religiöse Entwicklung und so für die kirchliche Praxis
bedeuten könnte; zum andern sollten dabei auch inhaltliche Programmpunkte
zur «Neu-Evangelisierung in der Schweiz» erarbeitet werden.
Der Grundlagentext der Arbeitsgruppe ging vom Freiheitsanspruch der Gegenwart
aus und zeigte dabei auf, wie Freiheit auf ihre christlichen Wurzeln und
ihre solidarischen Dimensionen hin zu öffnen wäre. Mit diesem
Text wurde in verschiedenen Gremien während einer «Praxisphase»
gearbeitet.
In der Veröffentlichung<1> ist neben
dem Text der Arbeitsgruppe denn auch diese «Praxisphase» dokumentiert;
ferner finden sich zum Text der Arbeitsgruppe Stellungnahmen verschiedener
Persönlichkeiten. Hier kritisiert Heinz Rüegger das Evangelisierungsverständnis
der Arbeitsgruppe. Diese Kritik wird in einem Begleitbrief der Bischofskonferenz
aufgenommen, weil sie ihr Anliegen «einer neuen Evangelisierung»
unzureichend berücksichtigt sieht. Deshalb lädt sie auch alle
an der Thematik Interessierten ein, «die hier begonnenen Reflexionen
und Darlegungen zu vertiefen und weiterzuführen».<2>
1 «Solidarische Freiheit in Kirche und Gesellschaft. Anregungen für eine Neue Evangelisierung der katholischen Kirche in der Schweiz». Zu beziehen beim SPI, Postfach 1926, 9001 St. Gallen, Telefon 071-223 23 89, Telefax 071-223 22 87, E-Mail spippk@kath.ch
2 Eine nächste Tagung dazu findet am 27. Februar 1999 im Romero-Haus in Luzern statt (nähere Angaben in: SKZ 3/1999, S. 41).