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Kirche in der Welt |
Ohne grosse Illusionen werden die Menschen von Bethlehem Weihnachten
1997 feiern. Vor drei Jahren glaubte man an eine wiedergefundene eigene
Autonomie; das wurde in der Hl. Nacht gefeiert, selbst Präsident Yassir
Arafat war dabei mit seiner christlichen Frau. Inzwischen ist die grosse
Ernüchterung eingetreten. Der stockende Friedensprozess hat nicht zuletzt
in Bethlehem gravierende wirtschaftliche Auswirkungen. Verbitterung und
wachsendes Misstrauen nehmen bei der dauernden Arbeitslosigkeit zu. Bethlehem
wurde über einen Monat lang zum «Sündenbock» für
ein irrsinniges Attentat in Jerusalem. Was nützt die Selbstverwaltung
der Stadt, wenn sie ringsum abgeriegelt ist? Wozu das alles, wenn die immer
neu entstehenden Settlements wie eine Zange die Stadt langsam zuschliessen?
Bethlehem 2000. Die Stadtverwaltung hat grosse Pläne. Auch der neue
Bürgermeister Hanna J Nasser, ein mit dem Caritas Baby Hospital eng
verbundener Christ, spricht von Plänen, deren Verwirklichung mindestens
teilweise realistisch wäre. Auf die Frage nach der Möglichkeit
deren Verwirklichung zuckt er die Schultern. Es fehlen die Mittel, das meiste
wird ein schöner Traum bleiben.
Das ist der Hintergrund des Lebens in Bethlehem. Alle, Christen und Muslime,
sind davon betroffen. Wer kann, wandert aus, vor allem auch Christen. Es
ist ja keine Hoffnung im Land.
Das Caritas Baby Hospital (CBH) erfüllt allen politischen und ökonomischen Schwierigkeiten zum Trotz seine Sendung und Aufgabe weiter. Das ist möglich, weil ein engagiertes Personal auf allen Ebenen für den guten Ruf des CBH im Lande garantiert. Das ist zudem möglich, weil der Besitzer des CBH, die Kinderhilfe Bethlehem (KHB), ein von den politischen Mächten im Lande unabhängiger Verein ist. Unabhängig vor allem finanziell; denn der Spenderkreis in Deutschland, der Schweiz, Liechtenstein und Italien ist nicht nur gross, sondern hat Ausdauer über Jahrzehnte.
Die Spitalbettchen sind, nach europäischen Normen, überbelegt. Leere Bettchen gibt es bei günstiger Witterung nicht zu heiss und nicht zu kalt oder verständlicherweise, wenn aus «Sicherheitsgründen» die Grenzen zwischen den Dörfern wieder einmal blockiert sind. Dann können kranke Kinder entweder gar nicht oder nur auf Schleichwegen ins Spital gebracht werden. Dennoch: an die 3000 Babys und Kleinkinder wurden im CBH 1997 wieder aufgenommen und betreut. Über 15000 Patienten erhielten bei der Ambulanz medizinische Pflege und oft zusätzlich soziale Hilfe. Für Bethlehem ist das keine Nebensache. Zu bedauern ist, dass seit Jahrzehnten die gleichen Krankheitssymptome festzustellen sind: Krankheiten in den Atmungsorganen, infektiöse Erkrankungen und Ernährungsprobleme sind die Hauptursachen. Es gibt kaum eine Entwicklung im Gesundheitsstandard der Region. Menschen ohne Hoffnung für die Zukunft, arbeitslos, haben nach Erfahrung wenig Energie zur Selbsthilfe und Verbesserung der eigenen Lebenssituation. Die Mütter vor allem sind dann gefordert, und oft gehetzt, damit die Familie überleben kann. Oft ist es ein trauriger Anblick, was man in den Dörfern an Resignation antrifft.
Darum ist es das Bestreben der Ärzte und des ganzen Spitalpersonals, den Eltern mit ihren kranken Babys freundlich zu begegnen; sie sollen sich wohl fühlen und ernst genommen wissen. Die medizinische Pflege und Behandlung steht auf hohem Stand und wird von einem christlichen Ethos getragen. Das spüren die Leute. Man kann das beobachten, wenn die Mütter dann mit ihren Kleinen erleichtert und froh das Spital verlassen. Eine zuwinkende Hand sagt da viel aus.
Wichtig ist in der momentanen ökonomischen Misere die soziale Hilfe, die vielen gegeben wird. Der Hunger ist in Bethlehem oft bittere Erfahrung. Davon spüren die Pilger und Touristen auf der Hauptstrasse zur Geburtskirche nichts. Dass die Sozialarbeiterinnen der KHB dabei die echten Armen finden, dazu ist der oft mühsame Weg in die Dörfer notwendig; mühsam nicht zuletzt deswegen, weil plötzlich eine «Grenze» die Strasse blockiert. Die Arbeit ist manchmal nicht ungefährlich; Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, können aggressiv werden. Im Moment, wo diese Zeilen geschrieben werden, ist die Lage in der Bethlehemer Region etwas ruhiger; doch das kann schon morgen ganz anders sein.
Die Bautätigkeit im CBH erschwert für alle Angestellten die Arbeit. Die Erweiterungsarbeiten sind weitgehend abgeschlossen, aber die Renovationsarbeiten dauern länger als geplant. Der entscheidende Grund ist die Tatsache, dass das 20 Jahre alte Spitalgebäude einen grossen Nachholbedarf hat. Aus notwendigen Spargründen baute man damals möglichst kostengünstig. Das hat nun seine Folgen. Am Ende der Bauzeit werden alle glücklich sein über den zeitgerechten und angemessenen Ausbaustandard des Spitals.
Es ist auch nicht so leicht, einerseits eine grosse Renovation durchzuführen, anderseits den Spitalbetrieb mit allen notwendigen Einschränkungen trotzdem weiterzuführen. Die Hälfte des Spitals ist immer in Funktion, und da «staffeln» sich oft die kleinen Kranken. Es war der eindringliche Wunsch und die Bitte von Bethlehem, das CBH nie ganz zu schliessen. Denn es ist nach wie vor die einzige Vertrauen erweckende Kinderklinik in der Westbank, was kürzlich selbst Präsident Arafat bestätigte.
Ein Gruss aus Bethlehem machte im September besondere Freude. «Bethlehem ist immer noch ein grosses Gefängnis. Wir haben trotzdem die 25ste Diplomfeier unserer Pflegerinnenschule abgehalten. 12 Frischdiplomierte haben ihren Berufsausweis als Practical Nurses überreicht bekommen.» Hanni Kawwas, seit Beginnn die Leiterin der Pflegerinnenschule im CBH, machte diese frohe Mitteilung. Das ist eine Leistung, die beachtet werden muss. Das ist Prävention im besten Sinne des Wortes, eine Zielsetzung der KHB von Anfang an. Die mehr als 300 Frauen, die in den vielen Jahren diese Ausbildung erhielten, sind heute zum grossen Teil Mütter in Bethlehem und in den Dörfern, und können so das Erlernte in ihrem Kreis, meistens eine Grossfamilie, weitergeben.
Hanni Kawwas gibt nun die Leitung der Schule auf; sie hat selber die Weichen neu gestellt, bleibt aber weiterhin mit der Arbeit des CBH verbunden. Das gleiche gilt auch von Irmgard Schmid wer kennt sie nicht! , die nach 20jähriger äusserst intensiver Tätigkeit die Leitung des Labors in andere Hände übergeben hat, aber weiterhin in der KHB engagiert bleibt. Beiden Damen ist die KHB zu grossem Dank verpflichtet, der Einsatz beider grenzt an Einmaligkeit.
Die Projektarbeit im grossen Heiligen Land (Jerusalem, Galiläa, Jordanien, Libanon) darf nicht vergessen bleiben; sie ist eine grosse Hilfe an viele akute Notsituationen, an Kinderheime und Schulen. Christen erhalten dabei eine besondere Aufmerksamkeit; denn als kleine Minderheit stehen sie oft in einem Überlebenskampf. Die Projektarbeit wird allerdings inskünftig reduziert werden müssen. Denn das CBH mit dem unmittelbaren Umfeld bleibt die Hauptverpflichtung der KHB. Die Aufwendungen für das Spital mit allen Aktivitäten steigen der Dollar ist teurer! , und die Einnahmen für die KHB gingen letztes Jahr noch merklich zurück.
Damit ist unmittelbar das Weihnachtsopfer 1997 angesprochen. Es ist eine der bedeutendsten Einnahmequellen für den Betrieb des CBH in Bethlehem. Die KHB vertraut auf die Verantwortlichen in den Pfarreien, dass mit wohlwollendem Einsatz und persönlicher Empfehlung das Opfer mindestens stabil bleibt. Die Konkurrenz mit anderen Notsituationen, für die in der Weihnachtszeit ebenfalls gesammelt wird, ist begreiflich. Als Christen dürfen wir nie vergessen, dass es nur ein Bethlehem gibt, wo Jesus Christus geboren wurde. Das verpflichtet in besonderer Weise. Den Kindern von Bethlehem heute und ihren Familien soll auch weiterhin die Chance zu einem menschenwürdigen Leben gegeben werden. Die KHB dankt herzlich für jede Hilfe. Robert Füglister
Pfarrer Dr.Robert Füglister ist Präsident des Vereins Kinderhilfe Bethlehem