INHALT |
Kirche in der Welt |
Für unsere Wirtschaft sind die nationalen Grenzen zu eng geworden. Auf die zentripedale Bewegung, dass man Gastarbeiter einstellte, folgte die zentrifugale Verlegung von Produktionsstätten in Billig-Lohn-Länder, zunächst am Rande Europas, jetzt am «Rande der Welt», natürlich auch in der Hoffnung, dort neue Absatzmärkte zu gewinnen. Grosse Firmen überbieten sich mit dieser, wie man es nennt, Globalisierung.
Unabhängig von diesem Faktum und ihm vorausgehend hat die Kirche schon immer und in der gegenwärtigen Zeit sehr eindrücklich einen Globalisierungsprozess durchgemacht. Vor der Jahreswende und der nahen Jahrtausendwende legt es sich nahe, diesem Ereignis etwas nachzuspüren.
«Globalisierung» bezeichnet im Wirtschaftssektor das gleiche wie «katholisch» im kirchlichen Bereich: sich über die ganze Erde ausbreitend, für die ganze Erde geltend. Einen solchen Anspruch erhob die Kirche von ihrem Anfang an und hat der Völkerapostel Paulus mit einem unbändigen Eifer zu verwirklichen gesucht. Er plante damals, von Troas aus sich nach dem Osten zu wenden. Aber der Geist «verwehrte es ihm», «erlaubte es ihm nicht» (Apg 16,6f.). Dann erhielt er im Traum einen Aufruf, nach Mazedonien zu kommen. Nach seinem Plan wäre er vielleicht bis nach Afghanistan und Indien gelangt, und die ganze Kirchengeschichte wäre anders verlaufen. Nun aber führte ihn der Geist nach Griechenland, später nach Rom, vielleicht bis nach Spanien. Auf diese Weise erhielt die Kirche ihr Schwergewicht im Westen und behielt es bis in die neueste Zeit hinein.
Zu Beginn unseres Jahrhunderts lebten 85% der Christen, 77% der Katholiken, in der westlichen Welt, in Europa und Nordamerika (der Unterschied kommt vom katholischen Lateinamerika). Seit einigen Jahrzehnten hat sich diese historische Lage radikal verändert. Infolge der Geburtenexplosion und neuer Bekehrungen in Lateinamerika, Afrika und Asien/Ozeanien kam es dazu, dass 1970 plötzlich mit 51,86% das Schwergewicht der katholischen Kirche in die südliche Welt verschoben war. Aufgrund dieser Trends habe ich damals in einer Grobrechnung vorausgesagt, dass im Jahr 2000 rund 70% der Katholiken in der südlichen Hemisphäre leben werden. <1>
Nachdem das neueste Statistische Handbuch des Vatikans mit den Statistiken von Ende 1995 erschienen ist, <2> kann man nun folgendes Entwicklungsbild für die katholische Kirche ablesen:
| Katholiken (in Tausend) | 1970 | 1995 |
| In der westlichen Welt | 314577 | 358568 |
| (48,14%) | (36,24%) | |
| In der südlichen Welt | 338955 | 630799 |
| (51,86%) | (63,76%) |
Man kann nun annehmen, dass bis zum Jahr 2000 die Proportion zugunsten der südlichen Welt zwar nicht 70% erreichen wird, wohl aber an die 66%, also zwei Drittel. <3> Dabei muss man sich natürlich der Relativität solcher Angaben bewusst bleiben, wie es das Vatikanische Handbuch im Vorwort sehr betont.
Nach diesem Übergang von der Westkirche zur Südkirche sind wir also nicht mehr «die» Kirche, sondern, mit einem Bild ausgedrückt, nur noch ein Seitenschiff im grossen Dom der Weltkirche. Ob man es, wegen der historischen Bedeutung, die «Gnadenkapelle» nennen könnte? Jedenfalls ist der theologische Anspruch auf Katholizität inzwischen statistische Wirklichkeit geworden. Die Kirche ist heute in allen sechs Kontinenten die beiden Amerika als zwei Kontinente gezählt mehr oder weniger dicht, wenigstens in ihren Strukturen, gegenwärtig. Der Globalisierungsprozess ist weit fortgeschritten.
Beachtenswert ist auch die Aufgliederung der Katholiken 1995 nach Kontinenten:
| Afrika | 107077 | 10,82% |
| Nordamerika | 69615 | 7,04% |
| Lateinamerika | 414752 | 41,93% |
| Asien | 101210 | 10,23% |
| Europa | 288953 | 29,20% |
| Ozeanien | 7760 | 0,78% |
| 989366 | 100,00% |
Die 989366000 Katholiken machen auf die Weltbevölkerung von 5687374000 17,39% aus. Die Christen gesamthaft kommen auf 32%. Gegenwärtig ist nun der Islam daran, die bisher stärkste kompakte Religionsgemeinschaft, die katholische Kirche, zahlenmässig zu überflügeln, vor allem dank des Geburtenüberschusses. Ferner wird man erstaunt sein zu vernehmen, dass die Katholiken Europas nur noch 29,20% ausmachen, jene von Lateinamerika hingegen 41,93%. Da stellt sich natürlich sofort die Frage, ob es nach 1900 Jahren europäischer Päpste nicht höchst fällig wäre, den nächsten Papst aus Lateinamerika zu beziehen es sei denn, dass der Bischof von Rom sich wieder mehr auf seine eigene Diözese beschränken, und nicht den Oberbischof aller Diözesen spielen sollte.
Die Globalisierung der Wirtschaft zeigt nicht nur Sonnenseiten. Die Verlagerung der Produktionsstätten in arme Länder geschieht nicht aus purer Nächstenliebe, um dort Entwicklungshilfe zu leisten, auch wenn dort Arbeitsplätze zu dortigen Löhnen geschaffen werden. Die laufende Fusionierung und die zunehmende Automatisierung stellen Tausende von Menschen auf die Strasse und bezwecken, natürlich neben der Begründung durch die Konkurrenzfähigkeit, die Maximierung der Rendite. Da bleibt der Papst mit seiner Betonung, der Mensch sei die höchste Norm der Wirtschaft, Stimme des Rufers in der Wüste. Nachdem sich der reale Sozialismus in Form des Kommunismus als untauglich erwiesen hat und auch der afrikanische Sozialismus eines Julius Nyerere von Tansania, ein Modell zwischen Kommunismus und Kapitalismus, begründet auf Spiritualität, sein Ziel nicht erreichte, weil selbst die Christen zuwenig heilig, zu egoistisch waren und die verstaatlichten Genossenschaften ausnützten, hält sich der Kapitalismus als das einzig effiziente System. Aber er müsste sehr reformiert werden, um wirklich menschenwürdig zu sein und nicht bloss den Starken und Schlauen zugute zu kommen. Das neoliberale System verheisst Wohlstand für alle, aber verursacht neue Armut für die Mehrheit.
G. Guntern, der jährlich das ISO-Symposium in Zermatt über Kreativität in der Wirtschaft organisiert, spricht im Blick auf die gegenwärtigen Trends in der Wirtschaft von Dominanz-Wahn, von Gigantomanie, und er hofft, dass diese «mentalen Dinosaurier», die sich selber und der Menschheit durch die ökologische Katastrophe den Untergang bereiten, noch rechtzeitig von «Schmetterlings-Typen» abgelöst werden. Denn wie die Schmetterlinge mit einem Minimum an Aufwand von Volumen und Gewicht und einem Maximum an Kreativität und Metamorphose vom Ei zur Raupe, zum Kokon, zum Schmetterling, bei aller Bewahrung der Identität, phantastische Überlebenskünstler geworden sind und durch Jahrmillionen alle ökologischen Veränderungen auf unserem Erdball überstanden haben, während die schwerfälligen Dinosaurier mit ihrem kolossalen Gewicht, aber unterentwickelten Gehirn bei den Eiszeiten untergegangen sind, so müssten heute Schmetterlingstypen mit dem Prinzip der Sparsamkeit und Bescheidenheit, der Intuition und Kreativität die Leadership übernehmen und die Menschheit in menschlichere Zeiten führen. <4>
Ob dieser Wunsch je Wirklichkeit wird? Oder ob die Struktur der Megalomanie (Grössenwahn) und des brutalen Egoismus, welcher der Mensch von Anfang an verfallen war (die Bibel sagt mit Adam und Eva und dem Turmbau von Babel mythologisch aus, dass der Mensch, fast von Natur aus, über sich selber hinauswachsen will), bis zum Ende der Welt weiterdauern wird und ob das «die Sünde der Welt» ausmacht? Da können, Gott sei Dank, Gruppen von Jesusjüngerinnen und -jüngern in kleinen Kreisen selbstlos wirken, aber «die Sünde der Welt» wird vielleicht erst einmal behoben werden durch «das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt,» wenn die Endmetamorphose erfolgen wird.
Wie immer, jedenfalls sollte die Kirche, der Jesus die Warnung mitgab: «Bei euch aber soll es nicht so sein» (Mk 10,43), nicht in ihrem eigenen Bereich Dinosaurier-Strukturen aufrichten. Die Gefahr liegt näher als man meinen könnte. Mit der Globalisierung der Kirche hat das Zentrum, Rom, geradezu unheimlich an Macht gewonnen und hat, trotz des Zweiten Vatikanischen Konzils, das die relative Eigenständigkeit und Eigenart der Ortskirchen betonte, einen Zentralismus und Uniformismus ausgebaut und will in 10000 und 20000 km Distanz alle Dinge für alle Kirchen selber entscheiden. Das erregt an der Peripherie mit Recht Unbehagen und Unmut und führt viele zur Resignation und Emigration. Der Papst ist uns noch «eine neue Form der Primatausübung» schuldig, die «offen ist für die heutige Situation» (vgl. Ut unum sint, 1995, N. 95).
Die neue Form seines Einheitsdienstes müsste darin bestehen, dass er die vertikale Koinonia (Gemeinschaft) mit dem Bischof von Rom als letztem Zeichen der Einheit auf neue Weise als Dienst, nicht mehr als Last darstelle, und auch sehr die horizontale Koinonia fördere, die verschiedenen Diözesan-, National-, Kontinentalkirchen zum dynamischen Austausch ermutige. Globalisierung der Kirche hat nämlich nicht nur zu tun mit Gegenwart christlicher Gemeinschaften und Strukturen in allen Kontinenten, sondern auch mit globalem Denken aller Christen wo immer, mit gegenseitigem Interesse und gegenseitiger Verantwortung. Und die verschiedenen Ortskirchen, von Pfarreien bis zu den Kontinentalkirchen, müssten nicht gehindert, sondern ermuntert werden, ihre Eigenart zu entfalten und dann mit ihren eigenen theologischen Akzenten, eigenen pastoralen Erfahrungen, eigenen Heiligen die Universalkirche zu bereichern.
Wenn in der Wirtschaft die Schmetterlings-Typen vielleicht nie die Oberhand gewinnen werden, so müsste das wenigstens in der Kirche möglich werden und müssten die Kirchen, Hierarchie wie Kirchenvolk, einen fröhlichen, hoffnungsvollen Ton in die eher düstere Welt hineinbringen.
Der Kapuzinertheologe Walbert Bühlmann hat sich als Dozent und als Buchautor sein Leben lang mit den Herausforderungen der Zeit an die weltweite Kirche beschäftigt
1
Vgl. W. Bühlmann, Wo der Glaube lebt. Einblicke in die Lage der Weltkirche,
Freiburg i.Br. 1974, 2833. Weitergeführt in: Weltkirche. Neue
Dimensionen Modell für das Jahr 2001, Graz 1984, und: Wer Augen
hat zu sehen. Was Gott heute mit uns Christen vorhat, Graz 1989, 2142.
2
Annuarium Statisticum Ecclesiae 1995, Città del Vaticano 1997.
3
Die entsprechenden Zahlen für die andern christlichen Kirchen könnte
man nachsehen in: D. Barrett, World Christian Encyclopedia, Nairobi-Oxford
1982; die neueren Nachträge je in: International Review of Mission,
herausgegeben vom World Christian Council in Genf.
4
G. Guntern, Im Zeichen des Schmetterlings. Leadership in der Metamorphose,
Bern 1992.