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Kirche in der Welt |
Vom 22. bis 25. September 1997 trafen sich im Kloster Mariastein ungefähr 15 Vertreter eines «Päpstlichen Werkes für die Ostkirchenhilfe» aus mehreren Ländern, um ihre jährliche Generalversammlung abzuhalten. Manche Leser werden die in vielen Ländern hochgeschätzte, informative und gut aufgemachte Zeitschrift «Der Christliche Osten» (Würzburg) kennen. Dass da und dort in der Schweiz Gottesdienste in byzantinischem Ritus regelmässig oder sporadisch gefeiert werden, ist auch bekannt. Und den Pfarrhäusern und kirchlichen Institutionen flattern gelegentlich Bettelbriefe ins Haus, die um Spenden bitten. In den Priesterseminarien und Fakultäten werden die Ostkirchen entweder an bestimmten Tagen oder das Semester über in Vorlesungen vorgestellt. In der Schweiz hat die Zahl der Orthodoxen im Lauf der letzten Jahrzehnte stark zugenommen. Was haben alle diese Erscheinungen gemeinsam, was muss man hinter ihnen genau verstehen?
Nach der russischen Revolution 1917 strömten viele Russen und vor
allem Ukrainer in den Westen; erste Auffangstelle war oft Wien. Dort nahm
man sich der Flüchtlinge an, zuerst der griechisch-katholischen Ukrainer,
Glaubensbrüder im engeren Sinn, dann auch der orthodoxen Russen. Zu
jener Zeit herrschte in der römisch-katholischen Kirche die Überzeugung,
die Orthodoxen müssten in den Schafstall Petri zurückgeführt
werden, ja man sah in der kommunistischen Revolution eine Chance, sich nach
Russland einzuschleusen und das Volk dem Katholizismus näher zu führen.
Treibende Kraft hinter diesem Hilfswerk in Wien war der aus dem Prager Emmauskloster
stammende Benediktinerpater Dr. Augustin Graf von Galen, Bruder des späteren
Bischofs von Münster und Kardinals Clemens August von Galen. 1924 wurde
das Werk mit dem Namen «Catholica Unio» päpstlich approbiert
und der Kongregation für Ostkirchen unterstellt. 1927 wurde das Sekretariat
nach Freiburg in der Schweiz verlegt und ihm der Bischof von Lausanne, Genf
und Freiburg, damals Mgr. Marius Besson, als Generalpräsident vorgesetzt.
In Freiburg wirkte Prinz Max von Sachsen als Professor für östliche
Kultur und betrieb unter diesem Namen vor allem Ostkirchenkunde. Er war
aber unpraktisch und hütete sich, allzusehr ans Rampenlicht zu treten,
hatte er sich doch 1910 mit einem Artikel über die wünschenswerte
Einheit der Christen in Rom die Finger verbrannt. P. Augustin von Galen
bezog ihn deshalb wohlweislich nicht in seine Pläne ein. Er tendierte
eindeutig nach einer Expansion des Werkes, das in der Förderung von
Priesterseminarien für exilierte «unierte» Priester, in
der Publikation von Büchern und Zeitschriften, in Studienbursen, in
der Übermittlung von Spenden in noch zugängliche ostkirchliche
Gebiete sein Ziel fand. Auf vielen Reisen knüpfte er Kontakte, so dass
Zweiggesellschaften in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Argentinien,
Chile, Brasilien, USA entstanden, die später entweder in verwandte
Werke übergeführt wurden, eingingen oder weiterlebten.
Der Krieg wirbelte alles durcheinander, die Kontakte wurden spärlicher
oder brachen ganz ab, nachher musste man mühsam mit dem Wiederaufbau
beginnen, vor allem in Deutschland und Österreich. Ganz unter der Hand
änderten sich auch die Ziele. Man hatte keine Bekehrungsabsichten mehr,
die direkte Wirksamkeit in den vom Kommunismus beherrschten Ländern
war unmöglich, das Schwergewicht verlagerte sich auf den Nahen Osten,
auf Ägypten, auf Indien. Auch die Organisation war schmiegsam, sie
war mehr oder weniger ausgeprägt, mehr vom Einsatz weniger einzelner
Personen abhängig als von effizienten Verwaltungsstellen.
Bis heute bestanden in Deutschland, Österreich und der Schweiz sogenannte
Landessekretariate, die unabhängig voneinander, aber doch im Kontakt
miteinander, ihre Hilfstätigkeit ausübten. Ihnen steht ein von
der betreffenden Bischofskonferenz zugeteilter Bischof als Präsident
vor, das Sekretariat wurde bisher immer von einem Priester oder Ordensmann
wahrgenommen. Das Generalsekretariat blieb in Freiburg, wo nacheinander
die Bischöfe M. Besson, F. Charrière, P. Mamie und jetzt Amédée
Grab das Generalpräsidium innehaben. Mgr. Pierre Mamie stellte bei
seinem Amtsantritt fest, dass die Statuten in keiner Weise mehr den ekklesiologischen
Vorstellungen der katholischen Kirche entsprachen und drängte auf eine
Statutenänderung, die am 24. März 1983 von Rom approbiert wurde.
Darin heisst es nun klar: «Ziel des Werkes ist a) Die Weckung des
Interesses für die orientalischen Kirchen, der katholischen wie auch
der nichtkatholischen; das Kennenlernen ihrer Eigenarten und Probleme; die
Schaffung eines Klimas der gegenseitigen Annäherung, b) die Unterstützung
der religiösen und karitativen Werke Orientalischer Kirchen, c) das
Anregen, Ermutigen und Beitragen zur Erweckung und Pflege von Priester-
und Ordensberufungen in den orientalischen Kirchen, und zwar durch die Förderung
der örtlichen Seminare und durch die Errichtung von Studienbursen.»
An der kürzlich abgehaltenen Generalversammlung stellte man nach Nachforschungen
in den Archiven fest, dass eine ähnliche Vereinigung in Holland (ursprünglich
«Apostolat der Wiedervereinigung», heute «Aktion und Begegnung
östlicher Kirchen») 1935 der Catholica Unio unterstellt wurde,
was ungefähr ab Beginn der fünfziger Jahre vergessen ging; die
Zusammengehörigkeit wurde mit Vergnügen festgestellt und bekräftigt.
In Slovenien und Polen sowie im Südtirol sind einige Personen in unserem
Sinne tätig, wobei sie sich meist auf den sprituellen Aspekt beschränken
müssen; finanzielle Hilfsaktionen sind ihnen einstweilen noch nicht
möglich, doch nehmen ihre Vertreter an unseren Generalversammlungen
teil.
In der Schweiz wirkten als Generalsekretäre nach P. von Galen Pfr.
Conrad Fischer in Wallenried (FR), dann die Augustiner in Freiburg, zuletzt
P. Dr. Gregor Hohmann, der dann nach Deutschland zurückberufen wurde
und von dort aus das Generalsekretariat weiter betreute, schliesslich seit
1994 der Unterzeichnete. Nationalsekretäre waren nacheinander Prof.
Dr. Raymund Erni, Domherr Dr. Hans Rossi und gegenwärtig Spiritual
lic. phil. und lic. theol. Thomas Egloff. Nationalpräsident ist Weihbischof
Dr. Peter Henrici, Zürich.
Die Hauptschwierigkeit in allen Landessektionen ist die Personalfrage.
Der Erfolg hängt stark von der Initiative und Gesundheit der Träger
ab. In Deutschland sind zweieinhalb Personenstellen vollamtlich besetzt,
die zum Teil von der Deutschen Bischofskonferenz besoldet sind; diese betreuen
nicht nur die Catholica Unio, sondern redigieren auch die Zeitschrift «Der
Christliche Osten» und organisieren sogenannte Leserreisen in die
Länder des christlichen Ostens. Alle anderen Sekretariate arbeiten
ehrenamtlich, wobei die Mitglieder des Vorstandes oft erhebliche Kosten
auf sich nehmen, um auf Reisen zu den von uns betreuten Projekten genaue
Abklärungen über Bedarf und Verwendung der Gelder zu treffen.
In den letzten Jahren war der Reinertrag zugunsten der Hilfsaktionen in
Deutschland um 400000 Mark, in der Schweiz zwischen 300000 und 400000 Franken,
in Österreich im Gegenwert von etwa 100000 Franken. Diese an sich bescheidenen
Summen können aber im Nahen Osten, in Indien, in Ägypten und
seit der Wende wieder vermehrt in Osteuropa (Ukraine, Slowakei und Ungarn
vor allem) sehr viel bewirken. Dabei arbeitet die Catholica Unio stark
mit dem Hilfswerk der Orientalenkongregation (ROACO) zusammen, die alle
diese Werke auf weiter Welt zugunsten des christlichen Ostens koordiniert,
um Doppelspurigkeiten zu vermeiden und eine optimale Transparenz zu gewährleisten.
In den letzten Jahren macht sich nun der wirtschaftliche Abschwung in einem
deutlichen Rückgang der Spenden bemerkbar; die deutschen Mitglieder
(dort fast identisch mit den Abonnenten der Zeitschrift) sind innert wenigen
Jahren von 6200 auf 4800 gesunken. In der Schweiz müssen wir mit mindestens
einem Drittel weniger Spenden rechnen. In Deutschland wirkt sich besonders
tragisch die Konkurrenz eines neu geschaffenen Hilfwerks für die Kirchen
des ehemaligen kommunistischen Europas aus, das eine rein finanzielle Aufgabe
hat und unter anderem vom Bekanntheitsgrad der Catholica Unio profitiert,
die mit ihren wenigen personellen Mitteln vor allem auch die geistig-geistlichen
Aspekte berücksichtigt. Das neue Werk startete vor vier Jahren mit
16 Mitarbeitern, zählt heute 35 vollamtliche Mitarbeiter und kann mit
grosser Kelle anrühren: zum Start standen ihm, zum Teil durch Überführung
ähnlicher Werke, gegen 80 Millionen DM zur Verfügung, und nun
jährlich immer noch über 20 Millionen DM. Der Rückgang der
Spenden in Deutschland hat also auch damit zu tun, dass die Leute nicht
ähnlich gelagerten Hilfswerken spenden wollen und können. Die
Tendenz geht nun dahin, zu erwirken, dass mindestens die Pflege der geistig-geistlichen
Aspekte von der Bischofskonferenz garantiert wird, ob das Geld für
die Hilfe nun da oder dort einfliesst, ist weniger wichtig.
Seit der Wende ist aber auch das Gespenst des Uniatentums und des Proselytenwesens
von orthodoxer Seite neu beschworen worden. Die Klagen sind zum Teil masslos
übertrieben, sie überspielen Grabenkämpfe in den eigenen
Reihen und kommen aus einer Identitätskrise, die mit Aggressionen nach
aussen kompensiert wird. In diesem Zusammenhang wirken die Bezeichnungen
Catholica und Unio wie ein rotes Tuch; mit Unio wird immer der Schimpfbegriff
«Unija», die Angliederung orthodoxer Teile an die römische
Kirche, verbunden, mit Catholica die römisch-katholische Kirche statt
die Allumfassendheit der Kirche. Die Schweizerische Katholische Arbeitsgemeinschaft
für Ausländerfragen (SKAF) hat 1991 eine farbig illustrierte Broschüre
von 48 Seiten über «Orthodoxe Präsenz in der Schweiz. Eine
pastorale Handreichung» herausgegeben, und soeben eine weitere über
«Unierte in der Schweiz. Zur Präsenz katholischer Ostirchen»,
32 Seiten, ebenfalls farbig illustriert, verfasst von Dr. Rolf Weibel, eine
sehr nützliche und klare Übersicht (erhältlich bei der SKAF,
Neustadtstrasse 7, 6003 Luzern, Telefon 041-2100347, Fax 041-2105846). Information
über die Catholica Unio können bei der Geschäftsstelle in
Luzern (Wesemlinstrasse 2, Postfach 6280, 6000 Luzern 2, Telefon 041-4205788,
Fax 041-4203250) oder beim Unterzeichneten eingeholt werden (Telefon und
Fax 026-3225550).