SKZ 42/1997

INHALT

Kirche in der Welt

76 Jahre in Tansania

von Rolf Weibel

Seit 76 Jahren sind Baldegger Schwestern und Schweizer Kapuziner im Tanganiyka Territory, im heutigen Tansania, tätig, und was in der jungen Kirche gewachsen ist, «das gedeiht und steht mehr und mehr auf eigenen Füssen», stellte der Provinzial der Schweizer Kapuziner, Fra Mauro Jöhri an der Medienkonferenz fest, an der die (dreisprachige) Festschrift «75...» der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. <1>
Bevor die Missionshistorikerin der Schweizer Kapuziner die fachlichen Probleme der Kirchenhistoriographie eines Dritt-Welt-Landes erörterte, stellte der Kapuzinertheologe Dietrich Wiederkehr die Festschrift in einen missionsgeschichtlichen und missionstheologischen Horizont. Die Festschrift lade zu einer mehrfachen Zeitreise ein, deren Stationen er mit den Begriffen Mission, Trans-Mission, De-Mission und Re- bzw. Inter-Mission charakterisierte.
Begonnen hatte es mit Pionieren und Pionierinnen, mit der damaligen Motivation der Mission für die Heiden samt dem kolonialistischen Gefälle. Die anfängliche Missionskirche und die neuen Brüder- und Schwesterngemeinschaften verselbständigten sich dann allmählich. Eigenes Wollen sowie das Schwinden der personellen und finanziellen Mittel führen schliesslich zur Ablösung, die zurzeit im Gang ist: am 22. Februar 1996 wurde die Kapuzinergemeinschaft in Tansania eine eigenständige Provinz. Damit dürfte die Entwicklung nicht abgeschlossen sein, jedenfalls hofft Dietrich Wiederkehr, dass alle Beteiligten diese Zeitreise auch auf die Zukunft hin selbstkritisch und selbstlos fortsetzen.
Die Zeitreise, zu der die Festschrift einlädt, wird konkretisiert mit Biographien von profilierten Frauen und Männern der beiden Missionsträger wie mit Zeugnissen der jungen Kirche und der Brüdergemeinschaft in Tansania. Damit werde das Bild differenziert, stellte Dietrich Wiederkehr fest: weder mit dem Klischee einer kulturell blinden Heidenmission einseitig negativ noch mit dem Klischee einer sicheren und erfolgreichen jungen Kirche einseitig optimistisch.

Von der Missionsgeschichte zur Kirchengeschichte

Auch die Festschrift selbst zeigt nicht nur den geschichtlichen Weg auf, sondern begleitet ihn gleichzeitig mit Überlegungen; so laufen zwei auch graphisch unterschiedlich gestaltete Gedankenstränge durch das Buch: The Journey (der Weg) und Taking Stock on the Journey (und die Rechenschaft). Für die Missionshistorikerin der Schweizer Kapuziner, Marita Haller-Dirr, vorher Geschichtslehrerin am ehemaligen Kapuzinerkollegium St. Fidelis in Stans, wurde die Arbeit an dieser Festschrift eine intellektuelle Reise. Ursprünglich lautete ihr Auftrag, die historischen Quellen der Missionstätigkeit zu suchen, zu sichern, zu registrieren, zu dokumentieren und auszuwerten. Im Gespräch mit afrikanischen Brüdern und Schwestern über das Buch, das die Geschichte der Mission darstellen sollte, wurde Marita Haller klar, dass es ein anderes Buch, ein «interkulturelles» Buch werden musste: eine gemeinsame Reise durch die Vergangenheit, welche die Gegenwart nicht nur erklärt, sondern auch hinterfragt, und das Perspektiven in die Zukunft aufzeigt. Damit wurde auch ihr Auftrag ein anderer: nun hatte sie die Quellen in Archiven zu ordnen, zu bearbeiten, sie den Tansanierinnen und Tansaniern vorzustellen und Wege der Zusammenarbeit zu suchen.
Bei dieser Zusammenarbeit stellen sich Fragen an die Geschichte bzw. an die Geschichtsschreibung. Als Schweizerin versteht Marita Haller die von den Missionaren und Missionarinnen geschriebenen Chronikbücher und Briefe der gleichen Muttersprache und des gleichen Kulturverständnisses wegen leicht. Aber dieser Vorteil hat auch eine schmerzliche Seite, denn es wurde ihr in Tansania klar, dass diese Berichte für die Mehrheit der Einheimischen gerade deswegen nicht zugänglich sind. An sich müssten sie diese Geschichte betrachten, die Ereignisse interpretieren und werten dürfen, «damit weder eine peinliche Heldengeschichte noch aus allzu kritischer Überreaktion eine falsche Vernichtungsgeschichte über weisse Missionarinnen und Missionare entsteht».
«Die Geschichte existiert nur im Verhältnis zu den Fragen, die wir an sie stellen. Die Fakten liefern den Stoff dazu, sie sind aber nicht die Tatsachen selbst», betonte Marita Haller. Die europäische Missionsgeschichte müsse deshalb von einer afrikanischen Kirchengeschichte abgelöst werden. In ihrer Arbeit ging sie in den geschichtlichen Quellen den Unternehmungen der Baldegger Schwestern und der Kapuzinerbrüder nach; aber Antworten und Reaktionen der einheimischen Bevölkerung, «the african response» habe sie in den Quellen kaum gefunden. So habe beispielsweise ein Kapuziner ein ausführliches Tagebuch einer mehrtägigen Reise ins Innere des Landes geschrieben; wie jedoch die afrikanischen Träger und Helfer diese Reise erlebt haben, darüber schweigen sich die Quellen aus. Die afrikanische Geschichte und Kirchengeschichte müsse deshalb die Werte der mündlichen Überlieferung würdigen und als «Oral History» nach der erinnerten Geschichte forschen. Die Festschrift sei so auch als ein Schritt auf eine afrikanische Kirchengeschichte zu verstehen.
Anderseits könne Geschichte so eine Hilfe werden bei der Vergangenheitsbewältigung, bei der Wiederentdeckung von Traditionen und bei der Erhaltung der verschiedenen Kulturen in der einen Welt. Damit werde Kultur Gegenstand der Entwicklungspolitik und liege der Schritt von der Inter-Mission zur Inter-Kultur nahe.

Anmerkung

<1>
In der Schweiz zu beziehen beim Provinzialat der Schweizer Kapuziner, Postfach 129, 6000 Luzern 10, oder beim Mutterhaus der Baldegger Schwestern, Sonnhaldenstrasse 2, 6283 Baldegg.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997