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Kirche in der Welt |
Seit 76 Jahren sind Baldegger Schwestern und Schweizer Kapuziner im Tanganiyka
Territory, im heutigen Tansania, tätig, und was in der jungen Kirche
gewachsen ist, «das gedeiht und steht mehr und mehr auf eigenen Füssen»,
stellte der Provinzial der Schweizer Kapuziner, Fra Mauro Jöhri an
der Medienkonferenz fest, an der die (dreisprachige) Festschrift «75...»
der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. <1>
Bevor die Missionshistorikerin der Schweizer Kapuziner die fachlichen Probleme
der Kirchenhistoriographie eines Dritt-Welt-Landes erörterte, stellte
der Kapuzinertheologe Dietrich Wiederkehr die Festschrift in einen missionsgeschichtlichen
und missionstheologischen Horizont. Die Festschrift lade zu einer mehrfachen
Zeitreise ein, deren Stationen er mit den Begriffen Mission, Trans-Mission,
De-Mission und Re- bzw. Inter-Mission charakterisierte.
Begonnen hatte es mit Pionieren und Pionierinnen, mit der damaligen Motivation
der Mission für die Heiden samt dem kolonialistischen Gefälle.
Die anfängliche Missionskirche und die neuen Brüder- und Schwesterngemeinschaften
verselbständigten sich dann allmählich. Eigenes Wollen sowie das
Schwinden der personellen und finanziellen Mittel führen schliesslich
zur Ablösung, die zurzeit im Gang ist: am 22. Februar 1996 wurde die
Kapuzinergemeinschaft in Tansania eine eigenständige Provinz. Damit
dürfte die Entwicklung nicht abgeschlossen sein, jedenfalls hofft Dietrich
Wiederkehr, dass alle Beteiligten diese Zeitreise auch auf die Zukunft hin
selbstkritisch und selbstlos fortsetzen.
Die Zeitreise, zu der die Festschrift einlädt, wird konkretisiert mit
Biographien von profilierten Frauen und Männern der beiden Missionsträger
wie mit Zeugnissen der jungen Kirche und der Brüdergemeinschaft in
Tansania. Damit werde das Bild differenziert, stellte Dietrich Wiederkehr
fest: weder mit dem Klischee einer kulturell blinden Heidenmission einseitig
negativ noch mit dem Klischee einer sicheren und erfolgreichen jungen Kirche
einseitig optimistisch.
Auch die Festschrift selbst zeigt nicht nur den geschichtlichen Weg auf,
sondern begleitet ihn gleichzeitig mit Überlegungen; so laufen zwei
auch graphisch unterschiedlich gestaltete Gedankenstränge durch das
Buch: The Journey (der Weg) und Taking Stock on the Journey (und die Rechenschaft).
Für die Missionshistorikerin der Schweizer Kapuziner, Marita Haller-Dirr,
vorher Geschichtslehrerin am ehemaligen Kapuzinerkollegium St. Fidelis in
Stans, wurde die Arbeit an dieser Festschrift eine intellektuelle Reise.
Ursprünglich lautete ihr Auftrag, die historischen Quellen der Missionstätigkeit
zu suchen, zu sichern, zu registrieren, zu dokumentieren und auszuwerten.
Im Gespräch mit afrikanischen Brüdern und Schwestern über
das Buch, das die Geschichte der Mission darstellen sollte, wurde Marita
Haller klar, dass es ein anderes Buch, ein «interkulturelles»
Buch werden musste: eine gemeinsame Reise durch die Vergangenheit, welche
die Gegenwart nicht nur erklärt, sondern auch hinterfragt, und das
Perspektiven in die Zukunft aufzeigt. Damit wurde auch ihr Auftrag ein anderer:
nun hatte sie die Quellen in Archiven zu ordnen, zu bearbeiten, sie den
Tansanierinnen und Tansaniern vorzustellen und Wege der Zusammenarbeit zu
suchen.
Bei dieser Zusammenarbeit stellen sich Fragen an die Geschichte bzw. an
die Geschichtsschreibung. Als Schweizerin versteht Marita Haller die von
den Missionaren und Missionarinnen geschriebenen Chronikbücher und
Briefe der gleichen Muttersprache und des gleichen Kulturverständnisses
wegen leicht. Aber dieser Vorteil hat auch eine schmerzliche Seite, denn
es wurde ihr in Tansania klar, dass diese Berichte für die Mehrheit
der Einheimischen gerade deswegen nicht zugänglich sind. An sich müssten
sie diese Geschichte betrachten, die Ereignisse interpretieren und werten
dürfen, «damit weder eine peinliche Heldengeschichte noch aus
allzu kritischer Überreaktion eine falsche Vernichtungsgeschichte über
weisse Missionarinnen und Missionare entsteht».
«Die Geschichte existiert nur im Verhältnis zu den Fragen, die
wir an sie stellen. Die Fakten liefern den Stoff dazu, sie sind aber nicht
die Tatsachen selbst», betonte Marita Haller. Die europäische
Missionsgeschichte müsse deshalb von einer afrikanischen Kirchengeschichte
abgelöst werden. In ihrer Arbeit ging sie in den geschichtlichen Quellen
den Unternehmungen der Baldegger Schwestern und der Kapuzinerbrüder
nach; aber Antworten und Reaktionen der einheimischen Bevölkerung,
«the african response» habe sie in den Quellen kaum gefunden.
So habe beispielsweise ein Kapuziner ein ausführliches Tagebuch einer
mehrtägigen Reise ins Innere des Landes geschrieben; wie jedoch die
afrikanischen Träger und Helfer diese Reise erlebt haben, darüber
schweigen sich die Quellen aus. Die afrikanische Geschichte und Kirchengeschichte
müsse deshalb die Werte der mündlichen Überlieferung würdigen
und als «Oral History» nach der erinnerten Geschichte forschen.
Die Festschrift sei so auch als ein Schritt auf eine afrikanische Kirchengeschichte
zu verstehen.
Anderseits könne Geschichte so eine Hilfe werden bei der Vergangenheitsbewältigung,
bei der Wiederentdeckung von Traditionen und bei der Erhaltung der verschiedenen
Kulturen in der einen Welt. Damit werde Kultur Gegenstand der Entwicklungspolitik
und liege der Schritt von der Inter-Mission zur Inter-Kultur nahe.
<1>
In der Schweiz zu beziehen beim Provinzialat der Schweizer Kapuziner, Postfach
129, 6000 Luzern 10, oder beim Mutterhaus der Baldegger Schwestern, Sonnhaldenstrasse
2, 6283 Baldegg.