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Kirche in der Welt |
Vor fast zwei Jahren hat Missio-Schweiz beschlossen, im «Monat der Weltmission» 1997 die katholische Kirche von Zaire als Beispiel zu nehmen für eine Kirche, die in politisch und gesellschaftlich schwieriger Zeit mutig ihren Weg sucht. Der Krieg, der zur Eroberung von Kinshasa und zum Sturz des Diktators Mobutu führte, war damals noch nicht ausgebrochen.
Etwa gleichzeitig hat das Erzbistum Kinshasa beschlossen, im Pastoraljahr 1997 durch alle diözesanen Kommissionen, Pfarreien, Erwachsenen- und Jugendorganisationen das Thema «La prise en charge de l'Eglise par ses propres fidèles» (Wahrnehmung von Verantwortung für die Kirche durch die Gläubigen) behandeln zu lassen. Im Vorwort zu einer Broschüre zu diesem Pastoralthema schreibt der Erzbischof, Frédéric Kardinal Etsou: «Obwohl unser Land sich in einer wirtschaftlich sehr schwierigen Zeit befindet, will die Ortskirche von Kinshasa spezielle Anstrengungen unternehmen, damit alle Gläubigen erkennen, dass sie ÐKircheð sind und darum auch finanzielle Verantwortung für ihre Kirche tragen. Wir müssen finanziell selbständig werden. Unsere Pfarreien und alle Christinnen und Christen müssen mehr Geld und Arbeit zur Verbesserung der Infrastruktur und zur Verwirklichung der kirchlichen Aufgaben beitragen.»
Unterdessen ist die Mobutu-Diktatur gestürzt worden. Leider durch einen Krieg, der nach der Beurteilung der Bischöfe des neuen Kongo «die letztmögliche Lösung» war, nach einer Beurteilung des Deutschen Missionsrats allerdings «Samen für neuen Hass und weitere Gewalt» gelegt hat. In einer Botschaft «an die Gläubigen und alle Menschen guten Willens in der Demokratischen Republik Kongo» haben die Bischöfe Ende Juni 1997 Gott gedankt, «denn er hat die Gebete unseres Volkes erhört». Dass Kinshasa am Samstag vor Pfingsten erobert wurde, ist für sie Symbol für Gottes Hilfe. Ihrem Hirtenwort gaben sie unter Anspielung auf die Heilung eines Gelähmten durch Petrus und Johannes (Apg 3,6) den Titel «Steh auf und geh». Alle sind zur «Bekehrung der Herzen und zur radikalen Änderung der Mentalität» aufgerufen und das ganze Volk wird eingeladen, «gemeinsam den neuen, demokratischen Kongo aufzubauen».
Von den Katholikinnen und Katholiken (50 Prozent der Bevölkerung) des Kongo-Kinshasa werden also zurzeit doppelte Anstrengungen verlangt: Einsatz für den Aufbau eines geordneten Staatswesens (nachdem sozusagen alles heruntergewirtschaftet ist) und Einsatz für finanzielle Selbständigkeit der Kirche (die bisher fast ausschliesslich von den ausländischen Missionarinnen und Missionaren, von den europäischen Hilfswerken und vom Missio-Ausgleichsfonds der Weltkirche getragen wurde). Sind das nicht unerfüllbare Erwartungen?
Die Gesprächspartner von Missio Prof. Bénézét Bujo (Universität Freiburg), Prof. J.-A. Nyeme Tese (siehe Leitartikel), der Bischof von Kabinda, Valentin Masengo Nkinda (im Juli in Freiburg zu Besuch) und in der Schweiz studierende kongolesische Weisse Väter und Dominikaner strahlen erstaunlich viel gläubige Hoffnung und Zuversicht aus. «Unser Land verfügt über ein enormes Potential an fähigen und für das Allgemeinwohl engagierten Menschen und auch an materiellen Ressourcen», erklärte zum Beispiel Prof. Nyeme Tese in einem Gespräch mit Missio.
Beobachter aus der Schweiz bestätigen dies. So ist Missio-Direktor P. Damian Weber auf seiner Reise durch Zaire im Februar 1997 vielen Laien, Ordensfrauen und Priestern begegnet, die sagten: «Gott lässt das Leid nicht einfach zu. Er will, dass wir als Christen die sündhaften Strukturen ändern. Jesus Christus gibt uns dazu die Kraft.» Sr. Debora Ueckert, Missionarin von Ingenbohl, die im Juni 1997 in Kongo-Zaire war, berichtet: «Das Volk ist sich der geschichtlichen Bedeutung der Befreiung bewusst. Viele wollen Verantwortung wahrnehmen und einen neuen Kongo aufbauen. Man spürt die Aufbruchstimmung in den Strassen. Besonders Frauen lassen die Arme nicht sinken, sie bestellen fleissig die Felder und sorgen für ihre Kinder, im Bewusstsein, dass sie für eine neue Zukunft arbeiten.»
Mit Erstaunen (und Neid?) liest man in der erwähnten Broschüre zum Pastoralplan 1997 die folgende Darstellung des kirchlichen Lebens:
Beim Lesen dieses Pastoralplanes gewinne ich den Eindruck, dass im Erzbistum Kinshasa die pastoralen Aktivitäten (Gottesdienste, Katechese, Jugendarbeit) eine starke soziale Komponente und die sozialen Programme (Erwachsenenbildung, Demokratieschulung) eine tiefe Glaubensdimension haben. Gemäss einer Umfrage (1992) der Katholischen Fakultäten von Kinshasa erfahren die meisten Katholiken ihre Pfarreien in erster Linie als «Orte des Gebetes». Doch befragt nach der Hauptaufgabe der Kirche antwortet die Mehrheit mit «moralische und geistliche Bildung». Das intensive liturgische Leben ist also nicht weltfremd, sondern führt zu einer verantwortungsvollen Gestaltung des Alltags und der Gesellschaft. So ist die Kirche bereit, ihren Beitrag zu leisten, um «einen Staat aufzubauen, der das Leben und die Würde jeder Person und die fundamentalen Rechte aller respektiert», wie die Bischöfe im jüngsten Hirtenwort schreiben.
Ob gleichzeitig das Ziel einer finanziell selbständigen Kirche erreicht wird, erscheint eher unwahrscheinlich. Denn die Bischöfe klagen, dass im Zuge des Befreiungskrieges Plünderungen und Zerstörungen (durch die Mobutu-Milizen und durch undisziplinierte Kabila-Soldaten) in Dörfern und Städten, auch von kirchlichen Einrichtungen und Gebäuden, geschahen. Und sie fügen bei: «Zu unserem grossen Bedauern gibt es sogar Christen, die an solchem Vandalismus beteiligt sind.» Missionare (zum Beispiel die 100 im Kongo-Kinshasa wirkenden Steyler) prangerten noch Mitte August die Tatsache an, dass «die Lage immer noch beunruhigend und kriegszustandsähnlich und die Bevölkerung die Pfarreien, selbst ausländische Missionare wehrlos den Launen der Militärs ausgesetzt ist» (steyl aktuell 166/97).
Wenn immer noch kirchliche Gebäude mutwillig zerstört und sogar Autos auch von Bischöfen gestohlen werden, wird es schwierig sein, von den Gläubigen «wachsende Beiträge zur Verwirklichung pastoraler Programme und kirchlicher Infrastruktur» zu erwarten, wie sich der Erzbischof von Kinshasa vornahm. «Hilfe von aussen bleibt für einzelne Aufgaben immer noch nötig», schreibt Kardinal Etsou allerdings, «aber diese wird in einer anderen Weise angenommen: nicht mehr als simple Almosen, sondern in einem Geist der Partnerschaft mit den andern Ortskirchen, besonders mit jenen Europas.»
Wenn die Kirche vom Kongo-Kinshasa in dieser sehr schwierigen und gleichzeitig hoffnungsvollen Zeit die Solidarität der Gesamtkirche, also auch der Katholischen Kirche der Schweiz, erfährt, wird dies zum gesellschaftlichen und zum kirchlichen Aufbruch viel beitragen. Wie die Kollekte «für eine Weltmission», das heisst für den Missio-Ausgleichsfonds der Weltkirche, dieses Jahr ausfallen wird, hat zeichenhafte Bedeutung. Dass ausgerechnet Zaire-Kongo im Monat der Weltmission 1997 in unseren Pfarreien «zu Gast» ist, empfindet Missio als Fügung Gottes. Hoffentlich erfahren wir alle, wiewiel wir für unsere materiellen Gaben von den Christinnen und Christen dieses Landes zurückerhalten: ein Beispiel unerschütterlichen Vertrauens auf Gott auch in menschlich ausweglos erscheinenden Situationen.
Paul Jeannerat ist theologischer Mitarbeiter von Missio und Sekretär des Schweizerischen Katholischen Missionsrates