SKZ 47/1997

INHALT

Theologie

An der Wiege unserer Kultur

von Willy Kaufmann

«Durch die Verschmelzung mit den Lehren und Lebensformen des Christentums, das in ihrem Rahmen und unter ihrem ständigen Einfluss zu einer Weltreligion wurde, hat die griechisch-römische Kultur in den Jahrhunderten der Spätantike die Gestalt gewonnen, in der sie auf die Nachwelt weiterwirkte.» (A. Dihle).
Wer in St-Maurice oder Chur, in Trier oder Köln romanische und gotische Basiliken betrachtet, die auf Grundmauern aus dem 4. oder 6. Jahrhundert stehen, hat ein echtes Sinnbild unserer Zivilisation vor Augen. Die spätrömische und frühchristliche Zeit hat der kulturellen Entwicklung Europas die Basis gegeben und ist in vielen ihrer Errungenschaften noch lebendig.

Die Mitte des 1. Jahrtausends in neuem Licht

Früher hat uns die Schule ein eher turbulentes Bild dieser Epoche mitgegeben. Es war vom «Fall Roms», vom «Ende der Antike», von der Völkerwanderung und vom «Anheben des Mittelalters» die Rede. Die neuere historische Forschung erkennt aber zunehmend, dass die Periode vom ausgehenden 3. bis zum Beginn des 8. Jahrhunderts ­ von Konstantin dem Grossen bis zu Karl Martell ­ als einheitlicher Zeitraum betrachtet werden muss, gekennzeichnet sowohl durch Beständigkeit (z.B. in der Wirtschafts- und Sozialstruktur) als auch durch Wandel (z.B. Regionalisierung, Verlagerung des westlichen Bildungswesens in den Klerus und die Klöster).
Bemerkenswerterweise sind Einheit und Bedeutung dieser Epoche in Freiburg schon vor 100 Jahren erkannt worden. Bei der Gründung der theologischen Fakultät wurde neben Kirchengeschichte und Patristik ein Seminar für christliche Archäologie geschaffen. Es war weltweit die zweite Forschungsstelle dieses Fachs (nach Freiburg im Breisgau). Sein Leiter war bis 1932 der erste Rektor der Universität, der Luxemburger Professor Msgr. Jean-Pierre Kirsch, der 35 Jahre später ein gleiches Institut in Rom gründete. Auf ihn folgte der Freiburger Msgr. Othmar Perler, Professor 1932­1971 und Rektor 1952­1954.

Ein Neubeginn im Zeichen der Schweizer Hochschulkoordination

Nach einer Zeit, in der die christliche Archäologie auch in Freiburg von der klassischen, vor- und frühgeschichtlichen überschattet worden war, besann sich die philosophische Fakultät ihrerseits auf die früher von den Theologen gepflegte Tradition. Auslöser war ab 1994 die Arbeitsteilung im Verbund der Universitäten Bern, Neuenburg und Freiburg. Auch die west- und gesamtschweizerische Hochschulkoordination verlangt eine aufgeteilte Spezialisierung. So hat die Universität Freiburg diesen Herbst den Elsässer Jean-Michel Spieser zum Professor für frühchristliche Archäologie berufen. Wie sieht er seine künftige Arbeit?
«Das Fach beschäftigt sich, wie der Name sagt, mit den Werken und Baudenkmälern, die von den Christen seit dem 3. Jahrhundert auf uns gekommen sind. Im weiteren Sinne umfasst es seit der Regierung von Kaiser Konstantin, der das Christentum offiziell anerkannt hat, die ganze Zivilisation im Bereich des alten römischen Reiches. Für dessen westlichen Teil beginnt dann mit den Merowingern eine neue Epoche. Im Ostteil mit dem Balkan, Griechenland, Kleinasien, Syrien, Ägypten und Nordafrika (wobei Italien als Sonderfall gilt) endet die frühchristliche Zeit teils mit den arabischen Invasionen, teils setzt sie sich in der byzantinischen Kultur fort. Der Freiburger Lehrstuhl wird den Akzent mehr auf dieses Ostreich legen: Er will den Zugang zu Kunst und Geschichte der byzantinischen Welt vermitteln und diese zum abendländischen Mittelalter in Beziehung setzen.»

Willy Kaufmann ist Generalsekretär des Hochschulrates sowie Sekretär des Hochschulvereins Freiburg und der Kommission für den Hochschulsonntag


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997