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Theologie |
Jubiläen geben zu denken. Sie führen uns an die Wurzel des Glaubens und der Kirche. Viele Menschen bewegt heute die Frage: Was ist mit der Kirche los? Dabei kann es nicht nur um einen Blick in die Vergangenheit gehen, aber auch nicht um das blosse Wiederholen und Nachbeten vieler Klagen von heute. Wir fragen, wo wir heute genauer stehen und worauf es ankommt. Dabei kann es sich nicht nur um eine Binnenschau handeln, denn wir sind immer schon in einem vielbahnigen Austausch mit der Welt und sind zu allen Menschen gesandt. Identität gibt es nur durch Relevanz, Relevanz nur durch Identität.
Der gesellschaftliche Pluralismus ist eine Tatsache, von der man heute
bei allen Diagnosen und Prognosen über den Ort von Glaube und Religion
in der Gesellschaft nüchtern ausgehen muss. Wir leben in Gesellschaften,
die zwar durch manche Verfassungsnormen und Gesetze, Bedürfnisse und
Interessen zusammengehalten werden, die auch durchaus ethische Implikationen
in sich tragen, aber es gibt keine homogene Grundlage spiritueller, religiöser
und ethischer Überzeugungen, von denen alle geleitet werden. Durch
die unverzichtbaren Grundrechte auf Meinungs- und Gewissens- und Religionsfreiheit
ist der weltanschauliche und religiöse Pluralismus in besonderer Weise
legitimiert.
Solange ein Gemeinwesen trotz dieser inneren Vielfalt faktisch genügend
gemeinsame Substanz wahrt, wird es die Frage nach dem Pluralismus nur in
relativ abgeschwächter Form geben. Man darf annehmen, dass dies auf
der Basis eines Grundkonsenses bei uns bis in die 70er Jahre der der Fall
war. Die Schweiz und besonders das Bistum St. Gallen haben hier eine besonders
lange und verlässliche Tradition. Allmählich war der Vorrat an
gemeinsamen Grundüberzeugungen jedoch erschöpft oder wenigstens
verringert. Es ist nicht ausreichend gelungen, diese Grundüberzeugungen
von der einen zur anderen Generation überzeugend weiterzugeben. Die
umwälzenden Jahre nach 1968 haben dies an den Tag gebracht. Es gab
viele Versuche, zu neuen gemeinsamen Grundwerten zu kommen. Die Verlegenheit
blieb. Die fortschreitende Pluralisierung der Lebensformen, vor allem im
Bereich von Ehe und Familie, aber auch hinsichtlich ethischer Massstäbe,
hat die grundlegenden Verschiedenheiten mehr und mehr mit einer gewissen
prinzipiellen Schärfe an den Tag gebracht. Der gesellschaftliche Individualisierungsprozess
hat dies beschleunigt. Bei uns ist zum Beispiel nach der deutschen Einigung
gerade die weltanschaulich-religiöse Neutralität unseres Gemeinwesens
noch deutlicher geworden. Zusätzlich ergab sich durch die grössere
Mobilität der Menschen und durch den Aufenthalt vieler ausländischer
Mitbürger mit bisher bei uns weniger bekannten religiösen Überzeugungen
eine multikulturelle Grundstimmung, die auch die bisherigen kulturellen
Standards in unserem Land veränderte. Der Tourismus und die Medien
haben zusätzlich zu diesem Austausch beigetragen. Die Verfassungsdebatten
in unseren Ländern konnten diese Tendenzen gerade noch bewältigen.
In dieser Zeit beginnt auch stärker die Klage über Sinnleere und
Sinnvakuum, abnehmende Bindekräfte und schwindende gemeinsame Wertüberzeugungen
in unserer Gesellschaft. Auch liberale Stimmen äusserten sich besorgt.
Besonders angesichts zunehmender Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft
und vor allem steigender Jugendkriminalität ist die abbröckelnde
Substanz gemeinsamer Wertüberzeugungen, die auch einer anderen Generation
tradiert werden, beklagt worden.
Eine solche Situtation, die gewiss noch differenzierter beschrieben werden
kann, hat Auswirkungen auf Glaube und Religion sowie besonders auf die Kirchen
als deren Träger. Die Kirchen dürfen dabei jedoch nicht ganz vergessen,
dass unter anderen Faktoren auch die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts
durch die Pluralisierung geistiger Grundüberzeugungen in der Gestalt
der Konfessionen zu ihrem Teil zu der beschriebenen Entwicklung beigetragen
hat. Dieser Pluralisierungsprozess ist jedoch weit über die Kirchen
hinausgegangen und ist heute ein konstitutives Element moderner Gesellschaften,
mit dem sich die Kirchen grundlegend auseinandersetzen müssen. Eine
erste Folge des radikalen Pluralismus ist eine gewisse Tendenz zur gesellschaftlich
leichter akzeptablen Gleichgültigkeit aller Formen von Religiosität.
Formal stehen sie unbeschadet der verfassungsrechtlichen Ausgestaltung im
einzelnen mit gleicher grundsätzlicher Legitimation nebeneinander.
Jede Privilegierung oder Überlegenheit stösst auf Misstrauen oder
eine ideologiekritische Beurteilung. Bei einer vorherrschend individuellen
Betrachtung des Phänomens Religion und einer distanzierten Einstellung
zu den Grossinstitutionen erzeugte diese Sicht eine relativ undifferenzierte
Nivellierung aller religiösen Phänomene. Ein Missbrauch der Religion
und ihrer Zerrformen in Aberglauben, Satanismus usw. sowie gewiss auch eine
historische Bürde des Christentums über fast 2000 Jahre und sicher
auch Fehler in der Vergangenheit und Gegenwart haben eine kritische Grundeinstellung
begünstigt und die Bindungen auch bei den Kirchengliedern gelockert.
Dies hat militanten Gruppen und bisherigen Aussenseitern neue Chancen gebracht
und ihre bisher eher im Abseits verlaufenen Positionen hoffähiger gemacht.
«Gottes Thron steht nicht leer», so ist der Titel eines bekannten
Romans. Wo die Religion schwächer wird, ziehen problematische religiöse
oder pseudoreligiöse Formen durch die Hintertür ein. Bedürfnisse,
die nicht mehr vorwiegend durch die Religion erfüllt werden können,
werden auf andere Weise besetzt. Es gibt viele säkularisierte und säkulare
Rituale. So hat sich auch insgesamt eine Form vager Religiosität herausgebildet,
die stark vom einzelnen und seinen Bedürfnissen zusammengebastelt wird.
Es kommt dann zu einem manchmal spannungsvollen oder auch widersprüchlichen
Synkretismus mit allerhand Ersatz- und Versatzstücken aus allerlei
Religionen. Dabei tritt besonders eine verbindliche Individualethik eher
zurück, während die sozialethischen Ansprüche eher steigen.
Sie sind ja auch meist an andere gerichtet. Zugleich besteht freilich nach
zahlreichen religionssoziologischen Untersuchungen der letzten Jahrzehnte
kein Zweifel daran, dass eine solche freischwebende subjektiv gewendete
Religiosität wenigstens auf eine mittlere Dauer wenig Überlebenschancen
hat, zumal wenn sie kaum oder gar nicht durch stabile Gruppen oder im Anhalt
an Institutionen gestützt wird. Sie zerfällt oft rasch wieder,
weil ihr nicht selten auch die Verbindlichkeit und eine dazu gehörende
Lebensform fehlen.
Dieser Prozess hat die Kirchen selbst mitverwandelt. Ihr Anspruch in der
Öffentlichkeit ist anders geworden. Entweder wird er rücksichtslos
absolut gesetzt, womit man sich in ein vielfaches Getto begibt. Oder aber
man flüchtet in eine Subkultur, die etwas schwankt zwischen dem Kultivieren
unangefochtener, wohliger und eher verborgener Nischen und der Pflege visionär-utopischer
Alternativen zur faktischen Gesellschaft. In jedem Fall ist der Anspruch
der Kirche leiser, manchmal freilich auch fast schon unvernehmlich geworden.
So existieren Überheblichkeit, Rückzug und Scheu nebeneinander
und manchmal auch ineinander. In den Kirchen selbst ist dieser Pluralismus
nicht nur deshalb lebendig, weil die Angehörigen der Kirchen selbst
am gesellschaftlichen Pluralismus teilhaben und dadurch von selbst entsprechende
Verhaltensmuster in die Kirche mitbringen, sondern das kirchliche Leben
selbst ist im Blick auf Bewegungen, Spiritualität, Lebensordnung und
Lebensformen bis hinein in grundlegende Auffassungen kirchlicher Lehre vielgestaltig,
ja manchmal widersprüchlich geworden. Der Versuch der Integration vieler
Gruppen in das Ganze verschlingt sehr viel Zeit, was freilich noch erträglich
ist, lenkt aber auch die Aufmerksamkeit in hohem Mass ab von den gesellschaftlichen
Herausforderungen, denen sich die Kirchen gegenübersehen. Wir haben
seit 30 Jahren einen starken Verlust an Verantwortung in weltlichen Bereichen
(Schule, Kultur, Ökologie, Politik usw.) und einen grossen Zuwachs
an innerkirchlicher Partizipation.
Deshalb ist es nicht ganz unverständlich, dass unabhängige Beobachter
nicht nur der religiösen Szene, sondern auch der kirchlichen Milieus
nicht selten zur Feststellung kommen, die Kirche nun in der Einzahl
verstanden löse sich immer mehr auf in viele Grüppchen,
die beinahe einen sektenähnlichen Charakter haben. Ich halte eine solche
Diagnose angesichts der Vielschichtigkeit des Phänomens Kirche letztlich
für falsch, aber es gibt zu denken, dass durchaus wohlmeinende Beobachter
einen solchen Eindruck gewinnen können.
An dieser Stelle wird deutlich, wie die Individualisierung und der Pluralismus
auch den öffentlichen Charakter von Glaube, Religion und Kirchen verändern.
Die Sozialform der Kirchen verschwindet nicht, aber sie ändert sich.
Wenn die Kirchen in diesem Pluralismus leben, schrumpft zunächst der
Radius öffentlicher Anerkennung und Geltung. Auch wenn die staatskirchenrechtlichen
Normen in Gültigkeit bleiben, erfolgt eine vielfache Verlagerung. Die
Kirchen erscheinen zunächst in dem gleichgültigen Nebeneinander,
von dem schon die Rede war. Dies nimmt ihnen zwar nicht ihre öffentliche
Erscheinung und Tätigkeit, mindert sie aber allein schon durch die
wachsende Vielzahl. Die Sympathie in der Gesellschaft gehört dann oft
den Minderheiten, zumal wenn diese in ihrer Heimat oder in unserer Geschichte
bedrängt sind bzw. waren. Andere gesellschaftliche Mächte benutzen
freilich auch die Ko-Existenz vieler religiöser Gemeinschaften und
religiöser Lebensformen, um dem Gewicht und dem Anspruch der grösseren
Kirchen Grenzen zu setzen. Hier sind natürlich rasch Machtfragen mit
im Spiel. Es gibt aber auch eine andere Richtung der Verlagerung, indem
nämlich Religiosität ganz in die Innerlichkeit verbannt wird.
Darin liegt zunächst natürlich etwas Richtiges, weil der Glaube
sich auf eine letzte personale Entscheidung stützt und in der Personmitte
des Menschen wurzelt. Die neuzeitlichen Existenzbedingungen für Religion
haben unter ganz verschiedenen Aspekten diese Eigenheit von Religion verstärkt,
indem sie auf das Herz, das Gefühl, die Betroffenheit usw. eingeschränkt
wird. Das Individuum wird so das letzte Mass aller religiösen Dinge.
Problematisch wird diese partiell durchaus richtige Sicht, wenn der soziale
Charakter menschlicher Lebensäusserungen und erst recht der Religion
abgeblendet wird. Dies ist zwar anthropologisch und soziologisch falsch,
aber mindestens für einige Zeit kann eine solche Sicht vorherrschend
werden.
Damit ist ein zentrales Thema der Moderne angesprochen, das viele Facetten
hat. Hiermit geht eine hochgradige Privatisierung der Religion einher, die
nicht nur die öffentliche Betätigung der Kirche in ein anderes
Licht rückt, sondern auch jeder sichtbaren, erst recht institutionellen
Gestalt von Kirche gegenüber skeptisch ist. Religion erscheint als
pure Privatsache, was sie in einem noch ganz allgemeinen Sinne
zweifellos im Blick auf die Wahl einer religiösen Überzeugung
und ihre Ausübung auch ist, damit jedoch nicht den Anspruch im öffentlichen
Raum verliert. Dies sind Positionen, die der Liberalismus immer schon vertreten
hat, wenngleich dies auch in vielen Spielarten erfolgte.
Die Auflösung dieser Frage ist nicht ganz einfach. Zunächst hat
der christliche Glaube von der Bibel her einen Anspruch auf rationale Vermittelbarkeit
seiner Gehalte, was sich durch die Entwicklung einer argumentativen Theologie
und einer vielfältigen missionarischen Inkulturation konkretisiert.
Die Botschaft selbst ist jedoch ausgerichtet und betrifft zweifellos den
ganzen öffentlichen Raum zwischen Himmel und Erde. Dass dieser Öffentlichkeitscharakter
keine Zwänge erlaubt, die die Freiheit des Glaubens des einzelnen verletzen,
liegt auf der Hand. Dies ist eine wichtige theologische Voraussetzung, die
in den letzten Jahrzehnten nicht zuletzt im Kontext der verschiedenen
theologischen Bewegungen der Hoffnung, der Befreiung, aber auch der politischen
Theologie verstärkt wiedergewonnen worden ist, heute jedoch eher
in der Gefahr ist, an Verbindlichkeit zu verlieren.
Die Bewegungen von der Gesellschaft und vom Staat her laufen anders. Da
der Staat weltanschaulich und religiös neutral sein muss, jedoch auf
Anerkennung von Wertüberzeugungen angewiesen bleibt, kann er selbst
direkt keine ethischen Massstäbe für das Zusammenleben der Menschen
produzieren, von religiösen Überzeugungen ganz zu schweigen. Er
kann freilich in demokratischen Gesellschaften vorwiegend indirekt
durch sein Verhalten zur Erosion oder zur Pflege gemeinsamer Grundüberzeugungen
beitragen. Jedenfalls sollte die Religionsfreiheit nicht nur negativ verstanden
werden im Sinne blosser Duldung, sondern der Staat muss der Religion einen
offenen Platz überlassen, den sie in eigener Verantwortung und durch
eigene Betätigung in Anspruch nimmt und gestaltet. In dieser positiven
Religionsfreiheit liegt erst die wahre Regelung, nicht nur in der halben
negativen. Dies ist weit von einer Staatskirche weg.
Wenn der Staat angewiesen ist auf das Ethos seiner Bürger, das er jedoch
nicht selbst grundlegend beeinflussen kann, so muss ihm diese positive Offenheit
willkommen sein, denn nur im konkret gelebten Ethos, besonders auch dem
religiös bestimmten Ethos, liegt die Möglichkeit einer wertgebundenen
Unterstützung. Es wäre ja ein Irrtum zu glauben, dass man abstrakte
«Grundwerte» gleichsam in einem direkten Zugang verwirklichen
kann. «Grundwerte» wie Freiheit, Gleichheit, Solidarität
usw. sind relativ abstrakte Grössen, denn sie leben auf die Dauer nur
in einem bestimmten, fest verankerten Ethos, das auch mit einer konkreten
Vorzugswahl für eine Religion oder für eine Weltanschauung zu
tun hat. Es gibt eben keine abstrakten Träger von «Grundwerten»,
sondern viele Subjekte eines jeweils eigenen und konkret bestimmten Ethos,
von dem her insgesamt das Gemeinwohl mitgetragen wird. Der Staat hat zwar
deshalb zu den einzelnen Religionen und Kirchen eine gewisse Distanz, aber
dies ist nicht zu verwechseln mit Indifferenz. Der Staat wird in den Wahrheitsfragen
zwischen den Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen nicht Partei
ergreifen. Aber man darf nicht nur diese negativ abgrenzende Dimension sehen,
sondern muss auch die dadurch bedingte «Armut» des Staates selbst
erkennen. Es gibt heute eine notwendige Ernüchterung und auch Entzauberung
des Staates.
Dadurch ist auch klar geworden, dass die christliche Religion weder von
ihrem eigenen Verständnis noch aufgrund unserer Verfassungen in den
Bereich blosser Innerlichkeit eingeschlossen werden darf. Indem sie den
ganzen Menschen mit Leib und Seele, als Individuum und in Gemeinschaft betrifft,
besonders wenn es auch um Fragen der Erziehung und Bildung, der Sorge um
den Menschen in Krankheit und Not geht, ist das Gemeinwohl im Spiel. Dadurch
wird die Religion auch von der Verfassung her mindestens indirekt
zu einer öffentlichen Angelegenheit. Dies ist auch letztlich
der Grund, warum man die Kirche und mit ihr die Religion nicht nur als einen
begrenzten Dienstleistungsbereich neben vielen anderen Sektoren ansetzen
darf, sondern dass Glaube und Religion von Haus aus nach dem Sinn des Ganzen
fragen, auch wenn dies vielleicht manchmal eine unzeitgemässe und unbequeme
Frage ist. Es kann dann doch ein Dienst am Menschen sehr wohl auf der Höhe
der Zeit werden.
Diagnosen gibt es vielleicht genügend, aber es nützt nichts, wenn viele Ärzte am Krankenbett stehen, die eine verlässliche Diagnose stellen, aber keine Therapie anwenden können. Im Rahmen dieses Fest-vortrags möchte ich deshalb wenigstens folgende Richtpunkte für eine Therapie formulieren, die zum guten Teil auch an anderer Stelle ausführlicher begründet und entfaltet sind.
Wir müssen eigentlich in einer Phase sein, wo man den gesellschaftlichen
Pluralismus zwar nicht mit besonderer Freude begrüsst, aber ihn doch
als Faktum und Aufgabe annimmt. Zum Jubel besteht kein Anlass, denn der
Pluralismus bringt auch viele Zerrissenheiten und Konflikte in die kleinen
und grossen Lebenskreise der Menschen. Er ist auch wandlungsfähig,
ohne dass man die künftigen Gestalten schon umschreiben könnte.
Es ist auch nicht sicher, ob er der Weisheit letzter Schluss ist im Finden
eines Schlüssels zum Zusammenleben der Menschen in Freiheit und Gerechtigkeit.
Aber wir sollten davon ausgehen, dass sich auf längere Zeit keine anderen
Lösungsmöglichkeiten dafür abzeichnen.
Wir haben auch bis jetzt genügend Zeit gehabt, um uns in die Spielregeln
eines Zusammenlebens mit Menschen anderer Grundüberzeugungen und Religionen
einzuüben. Toleranz, Dialogbereitschaft und Argumentationsfähigkeit
sind in aller Munde. Dies gehört zum fast selbstverständlichen
Handwerkszeug des Lebens in pluralistischen Gesellschaften. Aber bisher
haben wir dies zu oft bloss im Sinne eines gleichberechtigten Nebeneinanders
verstanden und haben uns eher gescheut, unsere eigene Stimme im pluralistischen
Konzert deutlich werden zu lassen. Absolutistisches und fundamentalistisches
Gehabe ist ebenso schädlich wie Anpassung und blinde Gefolgschaft im
Blick auf den Geist der Zeit. Wenn wir im Pluralismus überleben wollen,
dann brauchen wir auch mehr Mut zum eigenen Platz und zum unverwechselbaren
Profil des eigenen Standortes. Wenn wir wirklich katholisch, das heisst
wenigstens potentiell universal sind und unserem Glauben sowie unserer Vernunft
einiges zutrauen, gelangen wir dabei nicht in eine bornierte Enge. Wir müssen
endlich heraus aus der Situation eines immer noch vorhandenen Minderwertigkeitsbewusststeins
und brauchen zum Erweis unserer Geistesgegenwart nicht allen möglichen
Tendenzen nachzulaufen. Wir kommen sonst ohnehin immer zu spät und
sind morgen schon von gestern.
Wir stehen schon seit längerer Zeit mit dem Rücken an der Wand und müssen uns ständig selbst verteidigen. Diese Position ist nicht gut, weil der Spielraum immer enger wird. Andere bestimmen die Themen. Wir sind stets wie in einem Verhör. Wir haben jedoch eine wertvolle und hilfreiche Substanz einer vom Glauben erleuchteten Vernunft, um den Anspruch und den Trost des Evangeliums offensiver zu vertreten. Offensiv heisst nicht aggressiv. Aber es kommt darauf an, dass wir aufbrechen und mehr in einen geistigen Wettbewerb eintreten als bisher. Wir sollten andere auch mehr nach ihren Konzepten und ihren Lösungen befragen. Wenn dabei die Gemeinsamkeit des Humanen oder Christlichen wächst, kann es nie ein Schaden sein. Freilich dürfen wir dabei auch nicht bloss rückwärtsgewandt operieren. Wir haben schon eine ganze Reihe von Eigentoren geschossen, die unnötig sind. Wenn das Alte und Bewährte wiederholt wird, dann muss es auch seine klärende und befreiende Kraft für heute erweisen. Dies ist wahrhaft katholisch. Dies gilt besonders auch für die Theologie als Wissenschaft und alle ihre Gespräche mit den Nachbardisziplinen. Man wartet viel mehr auf uns, als wir uns zutrauen. Jetzt ist nicht die Zeit des Kleinmuts, freilich auch nicht grosser Sprüche. Alle grossen Scheine müssen in Münze eingelöst werden.
Die Ökumene ist ein Geschenk des Geistes in dem zu Ende gehenden
Jahrhundert. Darum so bin ich fest überzeugt wird die Ökumenische
Bewegung auch nicht mehr untergehen. Aber Krisen und Rückschläge
muss sie vielleicht doch durchmachen und überstehen. Wenn nicht alles
täuscht, dann stehen wir vor einer solchen Bewährungsprobe. Wir
haben Gott sei gedankt in vielem zueinander gefunden. Vor wenigen
Jahrzehnten noch unvorstellbar grosse Hindernisse konnten überwunden
werden. Aber manchmal haben wir uns auch in unseren Schwächen angepasst
und sind zueinander geflüchtet wie Kinder, die bei Kälte ein gemeinsames
Nest aufsuchen. Jene Ökumene, die nur den Status quo meint anerkennen
zu können, wo keiner sich ändern muss, ist für den Christen
eigentlich schwer erträglich. Darum müssen wir sehr viel mehr
in Auseinandersetzung mit der Stärke des anderen wachsen und dürfen
uns nicht mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zufriedengeben.
Der gelebte Glaube ist konkret und verrät oft erst im Vollzug seine
innere Kraft. Abstrakte Formeln sind noch längst nicht gelebtes Zeugnis.
Darum müssen wir auch viel mehr in die gemeinsame Tiefe dringen. Ökumenische
Ausrichtung allein ist zuwenig. Bei aller Offenheit müssen wir viel
mehr voneinander lernen, und sei es auch durch die Auseinandersetzung und
manchmal den Streit hindurch. Das Jahr 2000 wird hier wohl eine Wende bringen
müssen. Es versteht sich von selbst, dass damit nicht einer Wiedergeburt
des Konfessionalismus das Wort geredet wird. Wir müssen noch offener
sein und noch mehr wagen, aber dies nur, wenn wir auch tiefer verwurzelt
sind im Glauben und näher bei Jesus Christus bleiben.
Unsere Welt verlangt schon gehörig das persönliche Eintreten für die Sache Jesu Christi und der Kirche. An nicht wenigen Stellen bedarf es des Bekenntnisses, auch des Widerstands und des Widerspruchs. Glaube hat von Anfang mit dem mutigen, gerade auch öffentlichen Bekenntnis zu tun. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn wir herausgefordert werden und hoffentlich immer mehr auch selbst provokativ wirken. Aber mit unserer Botschaft, nicht durch ein falsches Auftreten. Dennoch vertrauen wir noch viel zu sehr dem Amt und den Institutionen. Hier sind wir in unseren Ländern vielleicht sogar mehr gefährdet als anderswo, weil wir leichter nach verfügbaren Institutionen und Diensten rufen können. Aber allein damit wird man noch nicht viel bewegen. Es kommt in Zukunft noch viel entschiedener auf das persönliche Zeugnis des Lebens und des Glaubens an, das wir indirekt, in der Tat, aber auch direkt, im Wort, bekunden. Der künftige Christ wird ein Zeuge sein, oder er wird bald nicht mehr sein. Als Zeuge vermittelt er und ist selbst jemand, der hinter seiner Sache zurücktritt, aber gerade dadurch wirkt. Es wird ein missionarisches Zeugnis sein, das in viele Winkel unseres Lebens hineinleuchten kann, wo der Arm des Amtes nicht hinreicht. Dann verwirklichen wir die vielzitierte Mündigkeit des Christen und das gemeinsame Priestertum. Daran werden wir schliesslich alle einmal gemessen und gerichtet, nicht an den Funktionen, die wir haben.
Wir beschäftigen uns mit vielem, allzu vielem. Deswegen sehen wir oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Es fällt uns schwer, uns auf das Eine Notwendige zu konzentrieren. Wir haben die Radikalität und Einfachheit des Glaubens verloren und müssen sie wiedergewinnen: alle Hoffnung auf Gott zu setzen. Dann müssen freilich Besinnung und Meditation, Gebet und Anbetung einen ganz anderen Rang bekommen. Wir sind versucht, Gott zu verwalten, wenn wir es denn könnten, aber wir müssen ihn täglich von ganzem Herzen und mit allen Kräften neu suchen. Uns ist die Leidenschaft für Gott verlorengegangen. Wenn wir Gott Gott sein lassen und er wirklich alles in allem ist, verlieren wir nichts, wenn wir uns ihm vorbehaltlos zuwenden. Die Bibel verspricht uns, dass uns dann alles andere dazugegeben wird. Dann wird das Gespräch mit dem Nachbarn und dem Kranken, mit dem Künstler und dem Wissenschaftler, dem Buddhisten und dem Atheisten erst aufschlussreich. Wenn wir dann ein wenig wie die Narren Gottes in dieser Welt erscheinen, ist dies nur ein Gewinn. Wenn wir Gott anbeten und alle Götzen fahren lassen, schützen wir auch am meisten unsere stets gefährdete Freiheit.
Wir haben nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine gute neue Konstellation
von Laien, Ordensangehörigen und allen Diensten und Ämtern in
der Kirche, Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen. Wir sollten dieses Geschenk
nicht gering schätzen. Auch wenn wir noch mehr eine gesellschaftliche
Minderheit werden sollten, so bleiben wir im Kern stark: intensiv nach aussen
und nach innen. Wir sind keine Sekte, sondern sind auch als Kirche der Diaspora
an allem interessiert, was die Menschen bewegt. Wir «machen»
nicht Kirche. Sie ist der Ort für Gottes Kommen in unsere Welt durch
Jesus Christus. Wir sind beansprucht, seine Zeugen zu sein bis an die Grenzen
der Welt. Dabei wissen wir auch, dass die Kirche von Anfang an eine sakramentale
Struktur hat: sichtbare Gaben des Gottesgeistes für die Kirche. In
Taufe und Firmung gründet unser Christsein. Darauf bauen auch die Dienste
und Ämter auf. Aber die Sakramente der Ehe und der Ordination zeigen
auf ihre Weise, dass es keine Auswechselbarkeit zwischen ihnen gibt. Priester
können nur durch Priester ersetzt werden. Hier dürfen wir uns
bei aller Eigenständigkeit auch nicht zu weit vom gemeinsamen Leben
der Gesamtkirche entfernen.
Jetzt wäre es notwendig, die Leiter wieder zurückzugehen und alle
Perspektiven unter diesem Gesichtspunkt hin und her zu betrachten. Aber
vielleicht ist noch wichtiger, dass wir uns ansprechen lassen von den grossen
Zeugen und Zeugnissen unseres Glaubens. Dazu gehören die grossen Heiligen
und vor allem die Abtei St. Gallen. Sie gehört zu den grössten
Lebensmächten des Glaubens in Mitteleuropa. Sie erinnert uns an die
Stärke des Glaubens im Mut zu seiner Einwurzelung im Alltag unserer
Welt. Wenn wir kleinmütig sind mit uns, dann können wir Zuversicht
schöpfen aus diesen unvergleichbaren Leistungen einer tiefen Durchdringung
von Glauben und Kultur.
Professor Dr. Dr. Karl Lehmann, Bischof von Mainz, ist Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz und einer der Vizepräsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE)