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Theologie |
Wer sich in neuerer theologischer Literatur umsieht, stösst immer wieder auf Aussagen, die eine fundamentale Krise diagnostizieren. So schreibt etwa Bischof Kurt Koch: «Ohne jeden Zweifel trägt man Eulen nach Athen, wenn man auf der einen Seite die Feststellung trifft, dass sich die Tradierungsmöglichkeiten des christlichen Glaubens heute in einer tiefen Krise befinden, und wenn man auf der anderen Seite die Prognose wagt, dass die Frage nach der Weitergabe des christlichen Glaubens an die kommenden Generationen zu der grossen Schicksalsfrage der christlichen Kirchen vor allem in den westlichen Gesellschaften geworden ist.» <2>
Und sein Kollege, der Rottenburger Bischof Walter Kasper stellt fest: «Der christliche Glaube ist in unserer Gesellschaft gleichsam am Verdunsten; er scheint wegzuschmelzen wie der letzte Schnee vor der erstarkenden Frühjahressonne. Die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation ist, wie Eltern, Erzieher und Seelsorger täglich schmerzlich erfahren, mühsamer und schwieriger geworden, wenn sie nicht oft ganz im Zeichen der Erfolglosigkeit steht. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel.» <3>
Ich verstehe die diagnostizierte «Tradierungskrise» des christlichen Glaubens als Ausdruck einer Übergangs-Situation, in der wir uns befinden: des Übergangs von einer zu Ende gehenden Ära der allgemeinen abendländischen Christlichkeit zu einer neuen Ära einer säkularisierten und zugleich multi-religiösen Gesellschaft, in der Christen und Kirchen nur noch eine neben zahlreichen anderen religiösen und weltanschaulichen Optionen darstellen.
Nostalgie im Blick auf die guten alten Zeiten scheint mir allerdings kaum angebracht. So gut waren diese durchaus nicht. Zudem bin ich persönlich der Auffassung, es tue der Kirche allemal besser, in einer Situation zu leben, in der sie ihr Evangelium ohne Privilegien und in Konkurrenz zu anderen Lebensdeutungen so glaubwürdig bezeugen muss, dass Menschen sich, wenn schon, dann aus freier Überzeugung darauf einlassen und nicht einfach, weil formale Kirchenzugehörigkeit zum guten Ton gehört.
Trotzdem: die diagnostizierte Krise ist nicht schon deswegen harmlos, weil auch früher nicht alles Gold war, was glänzte. Dass heute, da das Christentum immer weniger als gemeinsamer Bezugsrahmen unserer Gesellschaft funktioniert, die Weitergabe christlichen Glaubens wieder zu einem zentralen Thema, ja zu der grossen Schicksalsfrage der Kirchen wird, scheint mir unbestreitbar. Soviel ist klar:
Was früher aufgrund der kulturellen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des sogenannten christlichen Abendlandes mehr oder weniger selbstverständlich war, dass man nämlich mangels Alternativen durch die allgemeine Sozialisation automatisch Mitglied einer christlichen Kirche wurde, dass man eine wie auch immer geartete christliche Weltanschauung hatte und im Blick auf das sittliche Verhalten die moralischen Normen übernahm, die die Kirche als christlich ausgab, das ist heute ganz und gar nicht mehr selbstverständlich. Wenn in Europa formale Kirchenzugehörigkeit zu einer der Grosskirchen auch nach wie vor an den meisten Orten die Regel ist, so ist damit durchaus noch nichts über die innere, geistliche Identifikation mit dem Glauben der Kirche gesagt. Christlicher Glaube ist wie in der Zeit der Alten Kirche zu einer Sache freier Wahl, zu einem freiwilligen Engagement geworden.
Ich möchte sehr dafür plädieren, diesen Sachverhalt der Säkularisierung vorerst einmal positiv, als eine wichtige Errungenschaft unserer europäischen Gesellschaften anzusehen. Die Grosskirchen haben ihre Macht in der Gesellschaft jahrhundertelang missbraucht, Andersdenkende verfolgt, statt ökumenische Verständigung Konfessionskriege geführt und sich selbst ideologisch verabsolutiert. Durch all das hat die Glaubwürdigkeit des Christentums schweren Schaden genommen, so dass ihm bis heute der Makel der Rechthaberei, der Intoleranz und geistigen Unfreiheit anhaftet. Da scheint mir das Modell des säkularen, weltanschaulich neutralen demokratischen Rechtsstaats dem Evangelium sehr viel mehr zu entsprechen als alle traditionellen Modelle des sogenannten christlichen Abendlandes.
Und dass Menschen im Zuge der Säkularisierung auch mehr und mehr gelernt haben, durch Forschung die Gesetzmässigkeiten der natürlichen, psychischen, sozialen und wirtschaftlichen Welt herauszufinden und sich nun eigenverantwortlich für die Gestaltung weltlichen Lebens einzusetzen, ohne immer wieder Gott als Erklärungsmodell für wissenschaftlich noch nicht erklärbare Phänomene ins Spiel bringen zu müssen, ist ebenfalls zu begrüssen. Der von den Nazis umgebrachte deutsche lutherische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat von einer zu bejahenden «christlichen Weltlichkeit» gesprochen <4> und davor gewarnt, Gott als «Lückenbüsser unserer unvollkommenen Erkenntnis figurieren (zu) lassen». <5> «Der Mensch hat gelernt», sagt Bonhoeffer, «in allen wichtigen Fragen mit sich selbst fertig zu werden ohne Zuhilfenahme der ÐArbeitshypothese: Gottð.» <6>
Auch hier gilt es, die neue Situation grundsätzlich zu begrüssen. Multi-religiöse Situation und Säkularisierung schliessen sich übrigens keineswegs aus. In einem staatlichen und gesellschaftlichen Rahmen, der religiös neutral funktioniert, können religiöse Gruppierungen jeder Art ihren Glauben frei leben und propagieren. Der heutige Mensch ist frei, das zu glauben und derjenigen Glaubensgemeinschaft anzugehören, die ihn am meisten überzeugt. Das ist freie religiöse Marktwirtschaft <7> und ich meine das in einem durchaus positiven Sinn.
In apostolischer und nachapostolischer Zeit waren die Verhältnisse, in denen die frühe Kirche von ihrem Glauben Zeugnis zu geben hatte, ganz ähnlich. Der Mittelmeerraum war ein bunt schillerndes Wirrwarr von Religionen, Kulten und philosophischen Strömungen; mitten unter ihnen als eine unter vielen Stimmen artikulierte sich das Zeugnis der christlichen Gemeinden.
Bloss für unsere Volkskirchen, die seit Jahrhunderten daran gewohnt waren, als privilegierte religiöse Monopol-Anbieter in der Gesellschaft zu funktionieren, an denen man dank Kindertaufe und allgemeiner Sozialisation ungefragt partizipierte, stellt diese Situation etwas Neues, Ungewohntes, Irritierendes dar.
In unserer heutigen Zeit wirken Kirche und Christentum, auch wenn man sich nie ernsthaft mit ihnen beschäftigt hat, bekannt, verbraucht, langweilig, überholt. Man weiss zu gut um ihre Fehler und Defizite (so jedenfalls meint man). Wenn schon, dann will man sich lieber einer ganz anderen, fremden, neuen Religiosität zuwenden, die noch unverbraucht wirkt, von der man nur Gutes glaubt erhoffen zu können.
Ich denke, die Geschichte des abendländischen Christentums in seiner volkskirchlichen Form war und ist nicht nur, aber auch die Geschichte einer grossflächigen Immunisierung gegen den Ruf des Evangeliums. Indem man pauschal alle taufte und zu Christen erklärte, wurde die Herausforderung des Evangeliums, sich auf den Ruf des Glaubens einzulassen, den Weg der Nachfolge, der Suche nach dem Geheimnis des Glaubens unter die eigenen Füsse zu nehmen, verdeckt. Christsein hatte nicht mehr viel mit Entdeckung und fröhlichem Bekenntnis zu tun, sondern wurde mehrheitlich zu einem Aspekt gutbürgerlichen Schweizerseins. Das war man einfach. Damit hatte es sich dann auch schon. Mehr, das heisst Tieferes, Bewegenderes, Faszinierenderes, das eigene Leben Verpflichtenderes erwartete man von christlicher Religion gar nicht mehr.
Auf diesem Hintergrund den Glauben weiterzugeben, ja schon nur das, worum es dem Glauben im Tiefsten geht, ernsthaft zu Gehör zu bringen, dürfte oft schwieriger sein als Erstverkündigung in einem vom Christentum noch kaum berührten Kontext.
Damit stellt sich die Frage nach den Bedingungen, unter denen heute in unserer Gesellschaft Glaube weiterzugeben oder besser gesagt: das den Glauben weckende Evangelium zu bezeugen ist.
Das ist für unser Lebensmuster bezeichnend. Wir entscheiden uns
heute nicht mehr zwischen «Gesamtpaketen» religiöser Orientierung.
Früher war man noch eher entweder katholisch oder reformiert oder freikirchlich
und das je ganz und exklusiv. So ging man etwa in katholische und
nur in katholische Gottesdienste, las katholische Glaubensbücher, sang
katholische Lieder, schickte die Kinder in eine katholische Schule, betrieb
im katholischen Turnverein Sport und wählte CVP. Heute ist das nicht
nur bei Katholiken, sondern noch viel mehr bei Protestanten anders. Man
kann gut offiziell zur reformierten Landeskirche gehören, als Doppelmitglied
bei der Evangelisch-methodistischen Kirche Gottesdienste besuchen, in einem
überkonfessionellen charismatischen Hauskreis mitmachen und gelegentlich
in einem katholischen Kloster Kurse über orthodoxe Ikonenmalerei besuchen.
Solche religiösen Muster sind heute durchaus keine Seltenheit mehr.
Man kann für sich selbst einmal die Übung machen, sich zu notieren,
woher man die entscheidenden Impulse oder Prägungen für das eigene
Christsein, für die eigene Frömmigkeit und für die eigenen
theologischen Überzeugungen bekommen hat. Ich bin fast sicher, da kommt
bei vielen eine bunte Mischung von religiösen Quellen zum Vorschein,
aus denen man mehr oder weniger kräftig geschöpft hat und durch
die man religiös schliesslich das geworden ist, was man heute ist.
Religionssoziologen sprechen in diesem Zusammenhang von Identitäts-Bastelei
(«bricolage») oder von einer Patchwork-Identität, ähnlich
der Art, wie ein Flickerlteppich aus unterschiedlichsten Stoffstückchen
zusammengewoben ist. <8>
Dabei verdient ein Phänomen besondere Beachtung:
Transkonfessionelle Bewegungen sind Bewegungen, die sich um eine gemeinsame
Ausprägung des Christlichen herum bilden, die sich nicht einfach mit
den Akzenten der traditionellen Kirchen deckt. Also etwa:
die feministisch orientierte Frauenkirche-Bewegung, oder
die charismatische Bewegung, oder
basisgemeindlich-befreiungstheologisch orientierte Christen und
Christinnen mit einem betont religiös-sozialen Engagement.
Wer an einer solchen Bewegung teilnimmt, fühlt sich ihr meist stärker verpflichtet und wird von dem hier gelebten Typus von Theologie oder Frömmigkeit entscheidender geprägt, als von der kirchlichen Tradition, der er oder sie offiziell zugehört. Ja, zwei Personen gleicher Kirchenzugehörigkeit aber mit Beziehungen zu unterschiedlichen transkonfessionellen Bewegungen (etwa eine feministische und eine charismatische Katholikin) können sich gegenseitig sehr viel fremder sein als zwei konfessionsverschiedene Teilnehmer derselben transkonfessionellen Bewegung (also etwa ein katholisches und ein reformiertes Mitglied einer Gruppe, die sich mit lateinamerikanischer Befreiungstheologie beschäftigt). Auch das kann man leicht in der eigenen Pfarrei oder Kirchgemeinde, vielleicht sogar an der eigenen Person beobachten.
Was heisst das für die Weitergabe des Glaubens? Sicher dies, dass wir lernen müssen, dass keine Kirche und keine Bewegung alle Formen und Möglichkeiten des Christseins abdecken kann, dass sich vielmehr jeder Typus von Kirche oder Bewegung selbstkritisch relativieren und auch akzeptieren muss, dass er in vielen Fällen vielleicht nur einen Teil der religiösen Beheimatung eines heutigen Christen oder einer heutigen Christin darstellen kann.
Wenn ökumenische Gremien zusammenkommen, geht die Auseinandersetzung häufig um Differenzen zwischen je in sich relativ geschlossenen konfessionellen Lehrgebäuden oder um angemessene Kirchen- und Amtsstrukturen. Muss die Kirche ein Bischofsamt haben oder nicht? Wer muss wie und von wem ordiniert sein, um welche Handlungen ausführen zu können? Diese Fragen mögen ihre meines Erachtens allerdings sehr begrenzte! Wichtigkeit haben. Sie spielen jedoch für die Weitergabe des Glaubens kaum eine Rolle. Überhaupt gehört es zum Kennzeichen heutiger, von sogenannter postmoderner Mentalität geprägter Menschen, dass sie nicht umfassende, in sich stimmige Wahrheitssysteme suchen, <9> und noch viel weniger angeblich richtige Kirchenstrukturen. Sie suchen vielmehr Glaubenserfahrungen, die ihrem Leben Sinn und Halt, Kraft und Perspektive geben. Und sie suchen in unserer zunehmenden Individualisierung und sozialen Isolation Orte echter, verbindlicher, aber zugleich offener, nicht vereinnahmender Gemeinschaft.
Darum scheint mir, dass die Pflege unspektakulärer, menschlich stimmiger Gemeinschaft und das Ernstnehmen einer authentischen, ganzheitlichen, gemeinschaftlich gelebten Frömmigkeit hilfreiche Instrumente sind, um das Evangelium und durch dieses den christlichen Glauben weiterzugeben.
Wenn ich unter Punkt 3.1 und 3.2 bereits darauf hingewiesen habe, dass wir unsere religiöse Identität heute in Kombination von Elementen verschiedener Herkunft selber zusammenbasteln, in unterschiedlichen Lebensphasen vielleicht sogar verschieden zusammenbasteln, so ist dem noch ein weiterer Gesichtspunkt beizufügen:
Das ist wohl einfach eine Tatsache, ein Resultat gesellschaftlicher Entwicklungen, die uns alle mehr oder weniger prägen. Ich will damit keineswegs dem extremen Individualismus, der gegenwärtig im Schwange ist, das Wort reden. Aber ich denke, wir müssen ernstnehmen, dass Kirchen heute weniger denn je Total-Ansprüche auf das Leben, auf die Bindungsbereitschaft ihrer Glieder stellen können und sollen. Den Glauben weitergeben heisst sehr wohl, in die Gemeinschaft der familia Dei, der Familie Gottes und damit der Kirche rufen. Christsein hat sehr wohl mit Einbindung in Gemeinschaft zu tun. Aber wir müssen als Kirchen auch lernen, unsere jeweilige Gemeinschaft zu relativieren. Zu relativieren gegenüber anderen Orten und Formen, in denen sich Menschen religiös beheimaten. Zu relativieren auch dahingehend, dass Menschen vielleicht zunehmend nur eine bestimmte Zeit ihres Lebens, nur auf einer bestimmten Strecke ihrer religiösen Pilgerschaft sich bei uns engagieren, bei uns Heimat finden, um nachher weiterzuziehen, hoffentlich nicht durch einen Bruch hindurch, sondern mit unserem Segen für das neue Wegstück. Ich habe vor allem im städtischen Raum Menschen kennengelernt, die auf ihrem Glaubensweg durch verschiedene Kirchen und Bewegungen hindurchgegangen sind. Um so wichtiger ist es, sich als Kirchen und als Bewegungen offen, durchlässig, als Teil eines grösseren Ganzen zu verstehen. Wir geben die Aspekte und Erfahrungen des Glaubens weiter, die uns in unserer Tradition, in unserem Typus wichtig und hilfreich geworden sind. Schön, wenn es vor, neben und nach uns andere gibt, die ihren Teil zur Weitergabe der ganzen Fülle, des ganzen Facettenreichtums des christlichen Glaubens beitragen.
Ich bin damit bereits bei meinem vierten und letzten Teil: bei einigen Perspektiven heutiger Weitergabe des Glaubens.
Wenn Pluralismus, also Vielfalt, bewusst gepflegte Unterschiedlichkeit ein Merkmal unserer Zeit ist, so gilt zuerst einmal:
Ich denke, wir sind heute mehr denn je herausgefordert, den Glauben vielfältig, in unterschiedlichen lehrmässigen, frömmigkeitsmässigen und gemeinschaftlichen Formen und Prägungen, aber in ökumenischer Verbundenheit und Kooperation weiterzugeben. Nicht jede Ausdrucksform des Glaubens spricht alle gleich an; nicht jede Art von Frömmigkeit ist notwendigerweise in jeder Phase unseres Lebens gleich hilfreich; nicht jedes Modell von Gemeindeleben wird für alle Menschen gleichermassen Erfahrungsraum von Gottes Liebe. Wenn es Paulus in seiner Missionsstrategie darum ging, möglichst «allen alles» zu werden, um so «auf alle Weise» einige zu gewinnen (1 Kor 9,22), so ist diese Perspektive heute von grösster Aktualität. Nur gemeinsam und vielfältig und in bewusster Selbstbeschränkung jedes Typus können wir heute den Glauben angemessen weitergeben.
Angesichts der vielfältigen Formen des Christ- und Kircheseins, die sich in der Geschichte und insbesondere in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben, angesichts aber auch des weitverbreiteten biblischen und spirituellen Analphabetismus, der heute vorherrscht, heisst den Glauben weitergeben für mich, Wege zu finden, wie wir Menschen in das ganz Elementare, allgemein Christliche einführen können. Nicht Spezialitäten dieser oder jener Kirche, dieser oder jener Frömmigkeit, dieser oder jener Glaubenslehre sollen im Vordergrund stehen, sondern das Vermitteln des Elementaren. Darum scheint mir die gegenwartsbezogene Beschäftigung mit zentralen, zusammenfassenden Texten biblischer und kirchlicher Tradition wichtig. Ich denke an den Dekalog, an biblische und kirchliche Bekenntnisse, an das Unservater, an elementare Formen gelebter Frömmigkeit (Beten, Stillesein, Betrachten, Loben, Klagen, Segnen...). Damit, wer hier Wurzeln schlägt, sich in unterschiedlichen konfessionellen oder transkonfessionellen Ausprägungen christlicher Gemeinschaft wieder finden, Brücken schlagen, Weggemeinschaft erfahren kann.
Was ich damit meine, lässt sich auf den Begriff der Echtheit bringen. Es gibt eine Art überspannter, unechter Frömmigkeit, die die Wahrheit des Glaubens nicht erschliesst, sondern gerade verdunkelt, ja verrät. Glaube ist kein Patentrezept gegen alle Probleme im Leben. Glaube will uns nicht zu vergeistigten Menschen und auch nicht zu Engeln machen, sondern zu wahrhaft menschlichen, irdischen Menschen. Nicht, indem wir vorgeben, Antworten auf alle Lebensfragen zu haben, bezeugen wir das Evangelium, sondern indem wir so leben, dass erkennbar wird, wie uns das Evangelium ermutigt, solidarisch, ehrlich und hoffnungsvoll mit den Problemen und offenen Fragen zu leben, die wir mit unseren Mitmenschen teilen. Wo das nicht die Grundlage ist, wird das Bemühen um Weitergabe des Glaubens zu einem frommen Krampf, der ungute Gefühle hervorruft. Dabei ist klar:
Auch das ist zur Ent-Krampfung (oder als Vorbeugung gegen allfälligen frommen Krampf!) gemeint: Nicht wir müssen Glauben schaffen. Nicht wir müssen durch gezielte Strategien in der Weitergabe des Glaubens erfolgreich sein. Gott selbst, der heilige Geist und letzlich nur er vermag Glauben zu wecken und zu vertiefen, und zwar da, wo er es für gut hält, und dann, wenn er es für gut hält und so, wie er es für gut hält. Unser Teil ist bloss, uns selber immer wieder neu dem Evangelium auszusetzen, uns von ihm prägen und «evangelisieren» zu lassen, wie Papst Paul VI. so schön formuliert hat.
In dieselbe Richtung weist eine Aussage des Tübinger evangelischen
Theologen Eberhard Jüngel. Sie soll hier das letzte Wort haben, weil
sie so prägnant deutlich macht, wie sehr die von Kurt Koch als «Schicksalsfrage
der christlichen Kirchen» bezeichnete Aufgabe der Glaubensweitergabe
letztlich in etwas ganz einfachem besteht: in unserem eigenen, gemeinsamen,
auch ökumenisch gemeinsamen Empfangen, Geniessen und Teilen dessen,
was uns das Evangelium an Hoffnungsvollem, Beglückendem zuspricht.
Jüngel sagt: «Das Evangelium bezeugen wir... am besten dadurch,
dass wir selber davon Gebrauch machen, selber also diese unvergleichliche
Gabe hinnehmen, geniessen, davon zehren. Wo immer die Gemeinschaft der Glaubenden
sich selber an Gott als dem Leben und Seligkeit gewährenden Geheimnis
der Welt so freut, wo immer wir selber Gott so geniessen, dass in der Welt
ein Hunger nach diesem Gott entsteht und anderen Menschen sozusagen vor
Appetit das Wasser im Munde zusammenläuft da geschieht jene Darstellung
Gottes auf Erden, die ihre Pointe in seiner Darbietung (in der Eucharistie,
H.R.) hat: Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.» <10>
Darum geht es. Um nichts mehr. Aber auch um nichts weniger.
Dr. theol. Heinz Rüegger ist Ökumene-Beauftragter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes
<1>
Vortrag vom 22. Januar 1997 im Rahmen der Weltgebetswoche für die Einheit
der Christen in der Pfarrei Dreifaltigkeit, Bern. Der Vortrag greift ein
Thema («Den Glauben weitergeben») auf, das im Zentrum eines
Studienprozesses steht, den die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen
in der Schweiz in den Jahren 19951997 durchführt.
<2>
Kurt Koch, Kirche ohne Zukunft? Plädoyer für neue Wege der Glaubensvermittlung,
Freiburg 1993, S. 11.
<3>
Walter Kasper, Glaube: ein Geschenk zum Weitergeben, Ostfildern 21989, S.
6.
<4>
Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft (Neuausgabe),
hrsg.v. E. Bethge. München 1970, S. 258.
<5>
Ebd., S. 341.
<6>
Ebd., S. 356f.
<7>
Vgl. Michael Nüchtern, «Was heisst religiöser Markt»?,
in: Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
11/1996, S. 313320.
<8>
Vgl. Alfred Dubach, Roland J. Campiche (Hrsg.), Jede(r) ein Sonderfall?
Religion in der Schweiz. Ergebnisse einer Repräsentativbefragung. Zürich/Basel
21993, S. 44, 102, 304307.
<9>
Roland J. Campiche in: Jede(r) ein Sonderfall?, S. 317, sagt: «Die
Glaubensorientierungen des Individuums bilden nicht zwangsläufig ein
System»; und Alfred Dubach spricht ebd., S. 305 von der «Patchwork-Identität...
ohne Kohärenzanspruch, von Kontinuitäts- und Konsequenzzwang befreit.»
<10>
Eberhard Jüngel, Das Evangelium und die evangelischen Kirchen Europas,
epd Dokumentation 17/1992, S. 4366, dort S. 51.
Als Abschluss der vertieften Beschäftigung mit dem Thema «Den Glauben weitergeben» führt die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz eine ökumenische Konsultation durch vom Freitag, 3. Oktober, bis Sonntag, 5. Oktober 1997 im Centre St-François in Delémont (JU). In der römisch-katholischen Delegation hat es noch freie Plätze. Interessierte melden sich beim Sekretariat der Schweizer Bischofskonferenz (Telefon 026-3224794, Telefax 026-3224993, e-mail sbk@kath.ch).