SKZ 47/1997
«Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben»
von Heinz Angehrn
Dieses uns wohlvertraute Zitat und sein Kontext im Zusammenbrechen des
DDR-Regimes 1989 ist mir wieder in den Sinn gekommen, wie ich als kirchlicher
Mitarbeiter und als Kollegienrat das Debakel rings um den «Zusammenbruch»
der SPARAD, der Sparkasse der Administration in der Diözese St. Gallen,
miterleben musste. Ich möchte mich hier nicht an der allgemeinen Schwarzpeter-Spielerei
zu diesem Thema beteiligen, sondern einige grundsätzliche Anmerkungen/Anfragen
vorbringen.
1. Der historische Kontext: Die SPARAD war eindeutig ein Relikt (es gibt
noch andere...) der Zeit des Kulturkampfes und des daraus folgenden Ghetto-Katholizismus
vor allem in den deutschsprachigen Gebieten unseres Landes in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts und der ersten des 20. Jahrhunderts (man
vgl. dazu das heute noch Gültigkeit behaltende Standardwerk von Urs
Altermatt: «Der Weg des Schweizer Katholizismus ins Ghetto»).
Aus heutiger Warte betrachtet war das Vorhanden-Sein einer katholischen
Bank für eine bestimmte Phase der Entwicklung unseres Landes und der
darin nur als Gesellschaft 2. Klasse betrachteten starken katholisch-konservativen
Minderheit eine sowohl ideologische wie materielle Notwendigkeit.
2. Das Verpassen der Gelegenheit: Schon ab 1945, dominant ab Ende der 60er
Jahre, war diese ehemalige Minderheit aber zum gesellschaftsbestimmenden
Faktor geworden, eingebunden in ein politisches Konkordanzsystem, akzeptiert
von den ehemals «feindlichen» Kräften Liberalismus und
Sozialismus. Die Notwendigkeit der Abkapselung und des Errichtens starker
Binnenstrukturen schwand dahin, die katholischen Verbände (überdeutlich
etwa abzulesen an der Entwicklung von Blauring/Jungwacht seit 1970) emanzipierten
sich und verliessen das Ghetto. Zurück blieben Institutionen und soziale
Werke, die dringend eine Neudefinition sowohl ihrer Ziele wie Inhalte bedurft
hätten. Dies aber unterblieb in zu vielen Fällen, und das Leben
rächte sich...
3. Die Chance war da: So etwa wäre es eine einmalige Gelegenheit gewesen,
eine vorhandene «Bank der Kirche» nach neuen Zielen auszurichten.
Etwa zur Kreditgewährung kirchlicher und sozialer Vorhaben im Bereich
der Ökologie und von Dritt-Welt-Projekten. Etwa zur vorbildhaften und
gegenüber der Kundschaft manifestierten Ablehnung, aus christlicher
Sicht als «unseriös» zu betrachtende Projekte (Spekulation
und vieles mehr) zu finanzieren. Statt aber so ein Zeichen zu setzen, wie
die Basler Ökumenische Versammlung zu Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung
der Schöpfung auch im Bereich kirchlichen Umgangs mit Geld hätte
Frucht bringen können, expandierten unsere katholischen Banker gleich
wildwütig wie die Gross- und manche Kantonalbanken und fielen mangels
genügend vorhandene Reserven und auch (das war Pech) aufgrund der Wirtschaftslage
auf die Nase. Die Kirche aber hat den Schaden, einen doppelten, nämlich:
keine Bank mehr und dazu noch Schulden!
4. Dazulernen! Ich kann nur sehr dringend hoffen, dass sich dieses tragische
Exempel innerhalb der Kirche und ihrer gesamten Substuktur nicht noch an
anderen Orten wiederholt. Gerade in allen Bereichen, die nicht direkt der
Seelsorge zuzuordnen sind, ist es dringend nötig, immer wieder zu definieren,
warum wir uns als Kirche hier noch engagieren und in welcher Weise dies
spezifisch kirchlich-christlich geschieht.
© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997