SKZ 48/1997

INHALT

Kirche und Staat

Bistum St. Gallen unterwegs

von Beat Bühler

Anlässlich des eigentlichen Festtages zur 150-Jahr-Feier des Bistums St. Gallen Ende Oktober erschien eine Festschrift, verfasst von Franz Xaver Bischof und Cornel Dora (Franz Xaver Bischof, Cornel Dora, Ortskirche unterwegs. Das Bistum St. Gallen 1847­1997. Festschrift zum 150. Jahr seines Bestehens. Mit einem Beitrag von Fabrizio Brentini, Rorschach 1997). Diesem neuen Buch war 1996 dasjenige der «St. Galler Bischöfe in Lebensbildern» vorausgegangen, das weitgehend Lehrer der sanktgallischen Kantonsschule Heerbrugg verfasst hatten (vgl. SKZ 49/ 1996, S. 702­704).
Beide Bücher suchen, die Geschichte der an sich jungen Diözese darzustellen. Natürlich steht in den «Lebensbildern» die Biographie der einzelnen Bischöfe von St. Gallen im Vordergrund, wobei die Autoren von der bisherigen Literatur ausgingen. Franz Xaver Bischof und Cornel Dora kommen von ihren eigenen wissenschaftlichen Arbeiten her, die einzelne Zeiträume dieser 150 Jahre betrafen. Zudem hatten sie als wissenschaftliche Mitarbeiter in St. Gallen direkten Zugang zum bischöflichen Archiv sowie weiteren Quellenbeständen.
«Ortskirche unterwegs» wird dem Festschriftcharakter entsprechend mit einem Vorwort von Bischof Dr. Ivo Fürer von St. Gallen eingeleitet. In einem ersten Teil stellt Franz Xaver Bischof die Gründungszeit des Bistums dar (S. 11­48). Die folgenden Epochen werden von Cornel Dora beschrieben (S. 49­172). Die jüngste Zeit seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird teils von Franz Xaver Bischof, teils von ihm zusammen mit Cornel Dora aufgearbeitet (S. 173­242). Abschliessend geht Fabrizio Brentini auf die ebenso interessante Entwicklung des sanktgallischen Kirchenbaus im 20. Jahrhundert ein (S. 243­281). In einem Anhang werden die Namen der St. Galler Bischöfe, der Domkapitulare, von Dekanaten und Pfarreien sowie Statistiken zur Entwicklung der Diözese angeführt (S. 313­329).

Gründung und erste Bewährung

Die Diözese St. Gallen nahm freilich nicht erst 1847 ihren Anfang, sondern hat eine in etwa 50jährige Vorgeschichte. Deren wichtigste Stationen sind bekannt: Ende der Fürstabtei St. Gallen (1805) ­ Gründung der Doppeldiözese Chur- St. Gallen (1823) und deren einseitige Aufhebung (1833) ­ das zehnjährige Ringen um die Errichtung einer eigenen Diözese. Diese an sich traditionelle Reihenfolge der Geschichte hat das Stift St. Gallen und sein ehemaliges Territorium, somit den nördlichen Kantonsteil, zum Mittelpunkt. Die südlichen Gebiete stehen demzufolge im Hintergrund. Deshalb wäre es ebenso sinnvoll, die Errichtung des Bistums als Zusammenschluss von Gebietsteilen zweier Diözesen, nämlich Konstanz und Chur, zu sehen. Möglich wurde er 1823 und damit Voraussetzung für die Errichtung der Diözese von 1847. Dass sich diese Sichtweise 1839 auch in den Ausführungen eines Gallus Jakob Baumgartner findet (vgl. Gschwend, S. 265), mag ihr einen liberalen Anstrich geben. Letztlich wird allerdings die Bedeutung der Diözese an sich und zugleich die heterogene Zusammensetzung des Bistums St. Gallen hervorgehoben.
Cornel Dora zeigt dann, wie die junge Diözese von Anfang an keinen leichten Stand hatte. Kurz nach der Bischofsweihe von 1847 brach der Sonderbundskrieg aus, der nicht nur Kleriker und Laien der Diözese in Gewissenskonflikte brachte, sondern den Schweizer Katholizismus «auf Jahrzehnte politisch schwächte» (S. 53). Der sogenannte Kulturkampf kam seit 1873 auch im Kanton St. Gallen zum Tragen, indem vornehmlich der Klerus dem staatlichen Druck ausgesetzt war. Dieser wiederum vertrat immer mehr einen gewissen Integralismus und geriet mehrfach mit dem damaligen als liberal eingestuften Bischof Augustin Egger in Konflikt.
Ein besonderes Kennzeichen dieser Zeit ist unter anderem der Übergang von den früheren Bruderschaften zu den zahlreichen Vereinen, die sich seit 1873 zu den sanktgallischen Katholikentagen zusammenfanden.

«Zeit des katholischen Milieus»

Unter diesem Begriff umschreibt Cornel Dora die Zeit zwischen dem Ersten Weltkrieg und dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Nach wie vor tat man sich schwer mit neueren Entwicklungen, etwa dem Sport. Auch in der Diözese St. Gallen kämpfte man gegen Bolschewismus und Sozialdemokratie und zeigte zugleich «eine Affinität zu den Rechtsideologien» (S. 102). Bischof Scheiwiler selbst stand den damaligen sozialen Problemen aufgeschlossen gegenüber, zumal seine Einstellung und Haltung zu ihnen einem gewissen Lernprozess unterworfen war.
Wie anderswo hatten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in St. Gallen antisemitische Tendenzen bemerkbar gemacht. Die «programmähnlichen Ausschreitungen» von 1883 unter Führung eines katholischen Politikers sind Zeugnis dafür» (S. 79). Dem steht ein öffentlicher Aufruf zur Unterstützung «der ermordeten und beraubten russischen Juden» von 1905 gegenüber, den auch Bischof Augustin Egger unterzeichnete (S. 80). Antisemitische Tendenzen kamen dann in den 30er Jahren erneut zum Ausdruck, als etwa die katholische Zeitschrift «Neues Volk» (Rorschach) polemisch erklärte, dass «die Sitten immer jüdischer wurden» (S. 104). Bischof Scheiwiler war 1935 der einzige Schweizer Bischof, der klar gegen die beginnende Ächtung der Juden Stellung nahm. Er protestierte gegen ihre Verfolgung nicht nur im Namen der Humanität, «sondern auch um der tiefen heilsgeschichtlichen Wurzeln und Zusammenhänge willen, die zwischen Judentum und Christentum bestehen» (S. 104). Als während des Zweiten Weltkrieges die Meldungen über die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Europa immer zahlreicher wurden, schwieg man kirchlicherseits, obwohl engagierte Laien bereits eine «Kundgebung des schweizerischen Episkopat» vorformuliert hatten (S. 106). Cornel spricht wohl zu Recht von einem moralischen Versagen «der schweizerischen Amtskirche» (S. 106). Ohne Zweifel hat Dora hier ein bislang unbekanntes Stück sanktgallischer Kirchengeschichte aufgezeigt, das in der augenblicklichen Diskussion um die Beziehung zwischen Kirche und Judentum besondere Aufmerksamkeit verdient.
Breiten Raum widmet Cornel Dora dem innerkirchlichen Leben dieser Zeit. Die ältere Generation mag sich gerade hier an das frühere Gemeinschaftsgefühl erinnern, das durch das religiös-kirchliche Leben geprägt wurde. Insgesamt erweist sich die St. Galler Kirche dieser Zeit in allen Bereichen als gefestigte Grösse, die dem einzelnen Halt und Heimat geben konnte. Andererseits nahm man in Kauf, dass diejenigen an den Rand oder gar hinausgedrängt wurden, die diesen Weg nicht gehen konnten. Zu erinnern wäre etwa an den Priester Georg Sebastian Huber (1893­1963) (S. 266f.) oder etwa an diejenigen, die sich wegen ihrer konfessionell gemischten Ehe nicht den Bedingungen der Kirche unterwerfen wollten.

Auf dem Weg in die Zukunft

Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil brach auch in der St. Galler Kirche ein Prozess an, der bis heute nicht zum Stillstand gekommen ist. Dieser Abschnitt des Buches dürfte die jüngere Generation in stärkerem Masse ansprechen, wird doch eine Kirche sichtbar, die für neue Wege offen ist. Dass dies nicht ganz einfach war, bringt unter anderem der Abschnitt «Spannungen und Herausforderungen» zum Ausdruck (S. 206­208). Inzwischen haben sich seit 1965 für die Kirche von St. Gallen neue soziokulturelle Herausforderungen ergeben, wobei «der Ruf und die nostalgische Sehnsucht nach der vorkonziliaren Kirche... kaum weiterhelfen» kann (S. 239). Nach Franz Xaver Bischof geht es für die Kirche der Zukunft vielmehr darum, «mehr Solidarität und mehr Sensibilität für die Alltagsprobleme der Menschen» aufzubringen (S. 239).

«Verschiedene Ausgangspunkte» (S. 5)

«Ortskirche unterwegs» mit seinen 336 Seiten zeigt sich in einer eher einfachen Aufmachung. Im Umschlagbild von Ferdinand Gehr (gestorben 1996) widerspiegeln sich so manche Episoden der Diözesangeschichte, waren doch seine Bilder lange umkämpft und fanden erst in jüngster Zeit Anerkennung.
Insgesamt ist das Buch mit vielen Fotos ausgestattet, was dem heutigen Leser sicher entgegenkommt. Die Autoren bemühten sich, das vielfältige Bild einer Kirche aufzuzeigen, die in den 150 Jahren viel an Wachstum, aber immer auch an Erstarrtem aufzuweisen hat. Vielleicht wird das eine oder andere in diesem Buch Anstoss zu weiterer Forschung und Auseinandersetzung sein. Manches wird eher kurz behandelt, wie etwa die konfessionelle Schule in ihrer Entstehung, ihrer Prägung und den diesbezüglichen Auseinandersetzungen (lediglich S. 127f.). Welche Bedeutung dieser Einrichtung heute zugemessen wird, lässt sich an den jüngsten Gründungen von Primarschulen durch die Priesterbruderschaft Pius X. ablesen. Von daher trifft die Aussage kaum zu, es sei um die «Anhängerschaft Lefebvres im Bistum St. Gallen merklich ruhiger geworden»
(S. 207). Wenn S. 227 von «Entfremdung der jungen Generation von der Kirche» die Rede ist, wäre auch ein Hinweis auf die wachsende Konkurrenz durch parareligiöse Gruppierungen sinnvoll gewesen, wozu nicht nur die Esoterik, sondern auch die in der Ostschweiz bekannte Gruppe von Dozwil (TG) gehört. Letztere hat ja auch die Schweizer Bischofskonferenz beschäftigt.
In einer Zeit, in der man sich allgemein mit der Vergangenheitsbewältigung schwer tut, dürfte es ein Buch wie «Ortskirche unterwegs» nicht leicht haben. Ob dies vor 50 Jahren anders war, bleibe dahingestellt. Als Bischof Meile 1947 die Jubiläumsschrift «Hundert Jahre Diözese St. Gallen» herausgab, sollte «jeder Pfarrer in seiner Gemeinde 10 bis 15 Stück» verkaufen. Im November jenes Jahres schrieb er dann: «Die Pfarrherren dürfen sich nicht vorwerfen lassen, dass sie sich im Jubiläumsjahr um ein Diözesanwerk nicht gekümmert haben. Wir werden nachkontrollieren, wie die Pfarrherren diese Bitte erfüllen» (Diözesanblatt 19 vom 16.11.1947, S. 477).

Beat Bühler, im Fach Kirchengeschichte promovierter Theologe, ist Pastoralassistent von Oberbüren und Niederbüren.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997