SKZ 48/1997

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Kirche und Staat

Sitzung des Priesterrates Chur

Der Priesterrat des Bistums Chur befasste sich in seiner jüngsten Sitzung ­ am 19. November 1997 in Einsiedeln ­ mit der aktuellen Situation im Bistum seit dem Rombesuch der Bischöfe vom letzten September. Bischof Haas hat vor kurzem die früheren Generalvikare Niederberger, Casetti und Huonder zu Bischofsvikaren ernannt. Dazu trafen Proteste aus mehreren Dekanatsversammlungen ein. Der Priesterrat stellt seinerseits fest, dass es sich bei den Herren Niederberger und Casetti um Personen handelt, die für den Bistumskonflikt der letzten sieben Jahren in einem erheblichen Mass mitverantwortlich und daher in einem solchen Amt nicht tragbar sind. Der Rat erachtet diese Ernennung als eine erneute Verschärfung des Konflikts. Er hat für die Rechtfertigungsversuche von Bischof Haas kein Verständnis und hat ihn mit einer Mehrheit von 27:2 Stimmen bei 5 Enthaltungen aufgefordert, diese Ernennungen zurückzunehmen.
Hauptkonflikt ist nach wie vor der Führungsstil von Wolfgang Haas, der dem Rat absolutistisch erscheint. Zugleich zeigt Haas für seelsorgerische Notwendigkeiten kaum Verständnis. Gleichzeitig glaubt Bischof Haas, die Schweizer Katholiken seien daran, sich von der Gesamtkirche abzuspalten und diagnostiziert eine «schismatische Situation». Diese komme zustande, indem das Kirchenrecht und die kirchlichen Erlasse auf eine verbreitete antijuridische Haltung der Schweizer stosse, das heisst kirchliche Gesetze und Erlasse würden abgelehnt und nicht umgesetzt. ­ Der Priesterrat macht demgegenüber geltend, er bejahe Recht und Ordnung in der Kirche; um so mehr weist er die erhobenen Vorwürfe zurück.
Von seiten römischer Stellen wurde Bischof Haas in letzter Zeit deutlich eingeladen, in seiner Diözese Schritte auf eine Entspannung hin zu tun. In der Priesterratssitzung gab es keinerlei Zeichen für eine solche Entspannung, vor allem, weil die von Bischof Haas in der vergangenen Zeit gesetzten Fakten zu deutlich dagegen sprachen. Er hat zwar vor Wochen in dieser Richtung einen vagen Vorschlag für einen Versöhnungsanfang gemacht, weigerte sich jedoch danach wiederholt, den Präsidenten des Arbeitsausschusses des Priesterrates zu einer Aussprache über dieses Vorhaben zu empfangen.
Der Priesterrat hat einmal mehr mit Nachdruck versucht, Bischof Haas klar zu machen, dass unter den gegebenen Voraussetzungen alle Chancen für eine Normalisierung vertan sind. Die grosse Mehrheit (29:4, bei 2 Enthaltungen) sieht keine Möglichkeit, mit der Person von Wolfgang Haas eine Zukunft der Diözese in Frieden und Einheit aufzubauen. Nachdem Bischof Haas kurz vor der Abreise der Schweizer Bischöfe zu ihrem Rombesuch dem Präsidenten des Ausschusses erklärt hatte, er sei bereit, als Bischof von Chur zurückzutreten, ist der Rat der Auffassung, es wäre notwendend, diese Worte in die Tat umzusetzen.
Zur neuesten römischen Instruktion über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester konnte der Priesterrat keinerlei Stellung nehmen, da der Text des Erlasses vor dieser Sitzung des Rates nicht zugänglich gewesen war.

Martin Kopp,
Präsident des Arbeitsausschusses
des diözesanen Priesterrates


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997