SKZ 43/1997

INHALT

Kirche in der Schweiz

Worum geht es bei der Tagsatzung 98?

von Walter Ludin

«Macht und Ohnmacht»: So lautet das Thema der Tagsatzung 98, die vom 21. bis 23. Mai in Luzern stattfindet. Die Arbeitsgruppe «Inhalte» (Leitung: Pfarrer Markus Thürig, Kriegstetten) hat dazu das folgende Motto geprägt:

«­ Wir sind als Volk Gottes von Jesus Christus gesandt und ermächtigt,

­ Macht nicht als Herrschaft, sondern als Dienst zu gestalten,

­ angesichts der Mächte dieser Welt,

­ in Solidarität mit den Ohnmächtigen.»

Jeder dieser vier Punkte entspricht einem Unterthema. Zu jedem Unterthema wird es sechs Ateliers geben, wovon je eines für Jugendliche. <1> Beim Punkt drei und vier geht es um gesellschaftliche (wirtschaftliche, sozialpolitische, sozialethische...) Fragen. Es ist der Kerngruppe der Tagsatzung ein zentrales Anliegen, sich nicht bloss bei innerkirchlichen Problemen aufzuhalten. Wie es anderswo heisst: «Wollen wir wirklich noch unsere Wirkkraft als Kirche behalten, so haben wir die Anfragen dieser Welt und ihrer Menschen ernst zu nehmen. Wir müssen eine Kirche sein, die für die Welt und für die Menschen da ist ­ und nicht eine, die um die eigenen Sachen kreist» (Rosmarie Bürgi, Direktorin des Bildungszentrums Burgbühl in einem Interview der KIPA).
Dies bedeutet nicht, dass interne Fragen zu kurz kommen sollen. Auch heisse Eisen dürfen und sollen angefasst werden. Die Tagsatzung kennt keine Berührungsängste.

Weitergabe des Glaubens

Schauen wir nun die vier Themenbereiche im einzelnen an, um einen Eindruck von der geplanten Stossrichtung der Tagsatzung 98 zu erhalten. Beim ersten Bereich geht es um die Weitergabe des Glaubens, um Kirchenaustritte und um das Spannungsfeld zwischen den traditionellen Kirchenstrukturen und den neuen Herausforderungen. Bei der Beschreibung des letztgenannten Ateliers heisst es: «Wir begeben uns auf die Suche nach neuen Sozialformen in der Kirche und nach neuen Formen der Gottesdienstfeier. Wir tauschen unsere Erfahrungen aus über Orte, wo wir die Kirche diakonisch und missionarisch erlebt haben.»
Von der Ohnmacht und Macht der Gläubigen von Lateinamerika lernen; Ökumene: Dazu gibt es zwei weitere Ateliers. «Kirche: was soll das?»: So heisst der Titel des Jugend-Ateliers.

Partnerschaft statt Konkurrenz

«Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen. Bei euch soll es anders sein» (Mt 20,25f.). Dieses Bibelzitat steht über dem zweiten Unterthema. Ein erstes Atelier fragt aus der Perspektive des Reiches Gottes nach der Aufgabe der Kirche. Zum Atelier «Miteinander ­ Gegeneinander» finden wir im vorliegenden Papier die Umschreibung: «Wie können wir die fundamentale Gleichheit aller Glieder der Kirche und ihre je spezifischen Aufgaben anerkennen? Bezüglich der Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamtlichen, von Ordinierten und Nichtordinierten, von Männern und Frauen, von Kirchgemeinderäten und Pfarreiräten, von Seelsorgern und Seelsorgerinnen einerseits und dem Kirchenvolk andererseits fragen wir: Wie können wir das Machtgefälle überwinden und von der Konkurrenz zur Partnerschaft gelangen?»

Die Titel der weiteren Ateliers lauten:

­ Männliche und weibliche Macht: Das Miteinander als schöpferische Kraft, Neues zu schaffen.

­ Sie stritten sich, wer der Grösste sei: Gewaltfreie Konfliktbewältigung in der Kirche.

­ Machtspiele.

­ Jugendmacht in der Kirche? Macht Jugend Kirche?

«Mächte dieser Welt»

Kommen wir nun zu den gesellschaftlichen Fragestellungen der Tagsatzung im Bistum Basel. Hier geht es um die soziale und wirtschaftliche Zukunft der Schweiz, die wachsende Armut der Armen und den zunehmenden Reichtum der Reichen, die freie Marktwirtschaft, die vielfältige Problematik der Arbeit und den Gebrauch des Geldes (angesprochen ist auch das Geld für grüne Projekte).
Greifen wir die Beschreibung des Jugend-Ateliers (das unter der Leitung eines Trickfilmers steht!) heraus: «Meinen Traumberuf kann ich vergessen. Man muss heute froh sein, eine Lehrstelle zu finden. ÐMit der Lehre beginnt der Ernst des Lebensð, sagen sie. Geld haben ist lässig. Geld regiert die Welt. Geld gebe ich für das oder jenes leicht aus. Ich möchte arbeiten, aber nicht nur arbeiten.»

Am Rande

«In besonderer Solidarität mit den Ohnmächtigen»: Bei diesem vierten Unterthema wird in der Auseinandersetzung mit den Propheten, dem Magnifikat und der Bergpredigt über die «Umkehr der Werte» reflektiert. Geplant sind auch Begegnungen mit Menschen am Rande. «Macht und Ohnmacht: Ein Blick auf mein eigenes Leben», heisst ein weiteres Atelier. Das werdende Leben sowie Versöhnung und Schuldeingeständnis sind zwei andere, sehr aktuelle Stichworte. Das Jugend-Atelier «Just do it» soll spielerisch und kreativ gestaltet werden und zu einer konkreten Aktion an Ort führen.

Das Verfahren

Die 24 Ateliers vom Donnerstagabend und Freitagvormittag stehen, soweit es die Platzverhältnisse erlauben, allen Interessierten und nicht nur den rund 300 Delegierten offen. Hier soll versucht werden, Selbstverpflichtungen und Impulse für die Basis zu finden, um aus der Ohnmacht zur gegenseitigen Ermächtigung zu kommen. Am Freitag nachmittag versammeln sich dann die Delegierten der vier Themenbereiche. Am Samstag findet die Plenarversammlung statt.
Das Verfahren ist nicht darauf angelegt, schöne Texte zu produzieren. Vielmehr soll ein Prozess der Ermutigung in Gang kommen. Wenn Schritte aus der Resignation heraus unternommen werden, lohnt sich das Unternehmen Tagsatzung 98 im Bistum Basel.

Walter Ludin ist Informationsbeauftragter der Tagsatzung 98

Anmerkung

<1>
Die sechs A4-Seiten umfassende Liste der 24 Ateliers mit thematischer Umschreibung und Angaben über die Leitung ist erhältlich bei: Sekretariat Tagsatzung 98, Postfach 2069, 6002 Luzern. Ab 1. Dezember ist sie auch im Internet abrufbar. tagsatzung98@kath.ch


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997