SKZ 42/1997

INHALT

Kirche und Staat

Auf dem Wege zum Ständigen Diakonat im Bistum Chur

von Robert Trottmann

Vor einem Jahr konnte vom Neuansatz im Bistum Chur berichtet werden, den vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962­1965) empfohlenen (Ständigen) Diakonat zu fördern. <1> Ein Bedenken, das damals genannt worden ist, besteht nicht mehr: Einem verwitweten Diakon ist es künftig nicht mehr verwehrt, eine neue Ehe zu schliessen. Bleibt zu hoffen, dass auch das andere Bedenken, das seinen Grund im Ausschluss der Frauen vom Diakonat hat, ebenfalls einmal hinfällig wird. <2>
In der Zwischenzeit hat Weihbischof Dr. Paul Vollmar am 9. Mai im Romero-Haus in Luzern sieben verheiratete Männer im Alter von 37 bis 56 Jahren unter die Kandidaten des Ständigen Diakonates aufgenommen. Was dabei als besonders erfreulich zu bezeichnen ist: jeder dieser Kandidaten ist von Gremien der Pfarrei, in der er tätig ist, zur Ordination als Diakon empfohlen worden. So haben Frage und Antwort bei der Weiheliturgie einen Sinn: Weisst Du, ob er würdig ist? (Zutreffender würde die Frage wohl lauten: ... ob er geeignet ist!) ­ Das Volk und die Verantwortlichen wurden befragt; ich bezeuge, dass er für würdig gehalten wird. (Wieder zutreffender: ... für geeignet gehalten...). <3>
In der Regel gehen der Aufnahme unter die Kandidaten des Diakonates die Beauftragungen zu Lektorat und Akolythat voraus. Das ist sicher dann angezeigt, wenn Bewerber für den Diakonat noch nicht voll und bewährt im kirchlichen Dienst standen. Wo aber, wie im Falle der genannten sieben Männer, Gemeinden aufgrund ihrer positiven Erfahrungen um die Weihe für die Kandidaten bitten, ist es gerechtfertigt, diese sobald als möglich unter die Kandidaten für den Ständigen Diakonat aufzunehmen. Hat das aber nicht zur Konsequenz, dass Lektorat und Akolythat zu gering bewertet werden? Dass der Weg mit diesen spirituell doch recht bedeutsamen «Etappen» ungebührlich verkürzt wird?
Darauf darf wohl mit Recht geantwortet werden, dass beim eingeschlagenen Vorgehen das Gegenteil der Fall ist. Gut einen Monat nach der erwähnten Aufnahmefeier unter die Kandidaten des Ständigen Diakonates, die nach einem Besinnungstag in Anwesenheit der Gattinnen und Kinder (vom Säugling bis zum Jugendlichen!) stattfand, trafen sich die Diakonatsanwärter zusammen mit ihren Frauen vom 11.­13. Juni bei den Dominikanerinnen von Bethanien, Kerns, zu zwei vollen Besinnungstagen. Diese waren dem Thema der Spiritualität gewidmet. Eine gesunde Spiritualität aber nährt sich unabdingbar vom Worte Gottes! Wer dazu ja sagt ­ neu ja sagt ­, erhält sinnvoll in einem solchen Rahmen den besonderen kirchlichen Auftrag, im Gottesdienst aus der Heiligen Schrift vorzulesen. <4> So erteilte am Ende dieser Tagung Weihbischof Paul Vollmar die Beauftragung zum Lektorendienst.
Die Kommunionspendung, zu der die Erteilung des Akolythates besonders beauftragt, ist eine der vielen zeichenhaften Handlungen, die ein Proprium der katholischen (und auch der orthodoxen) Kirche darstellen. Deshalb erschien es als angezeigt, anlässlich eines dritten Besinnungstages am 31. August/1. September in Flüeli Ranft sich mit drei Liturgien zu beschäftigen, die den künftigen Diakonen nicht zuletzt wegen des gravierenden Priestermangels besonders anvertraut sein werden: Taufe (als Zulassung zum Tisch des Herrn), Trauung (als Sakrament, dessen Inhalt die Liebe Christi zu seiner Kirche ist) und Bestattung (als «Übergangsfeier» zum himmlischen Hochzeitsmahl). Wieder war es wie bei den vorausgehenden Feiern Weihbischof Dr. Paul Vollmar, der ­ zurückgekehrt vom Ad-Limina-Besuch in Rom ­ den sieben Diakonatsanwärtern die Beauftragung zum Akolythat erteilte.
Zum Zeichenhaften gehört wohl auch, dass nach der gottesdienstlichen Feier spontan der Wunsch nach einem Gruppenbild aufkam. Auf ihrem Weg zum Diakonat hatten die sieben Anwärter tatsächlich zu einer guten Gruppe zusammengefunden, die sich vielleicht in dieser Zusammensetzung nicht wieder treffen wird ­ die Exerzitien zur Vorbereitung auf die Diakonatsweihe werden sie teils gemeinsam, teils im Bereich ihres persönlichen spirituellen Umfeldes machen. Doch eines darf als sicher gelten: Wenn immer einer der sieben Anwärter in der Pfarrei, in der er tätig ist, zum Diakon ordiniert wird, werden seine Kollegen, auch wenn sie nicht mitfeiern können, dennoch «im Geiste» daran teilnehmen. (vgl. 1 Kor 5, 3)
Bleibt zu hoffen, dass alle künftigen Diakone «im Geiste» einen guten Weg gehen und in ihren Gemeinden einen wertvollen Dienst leisten können ­ in Gemeinschaft mit den Bischöfen, Priestern, Pastoralassistenten und Pastoralassistentinnen und andern kirchlichen Diensten. Letzteres ­ «in Gemeinschaft» ­ muss eigens erwähnt werden, weil Laiendienste recht oft schwer tun mit der Ordination von Diakonen. Sicher wird es zu einem schönen Teil an diesen liegen, ob ihre Stellung als Privilegierung oder als bewusste Indienstnahme empfunden wird. Ebenso wichtig ist, dass alle das gemeinsame Anliegen der Reich-Gottes-Arbeit im Auge behalten, der ein jedes Glied der Kirche mit der je eigenen Gabe dienen soll. Entscheidend bleibt dabei die Liebe, wie Paulus im Hohenlied der Liebe in 1 Kor 13 deutlich macht. Dieses Lied steht nicht zufällig zwischen den Kapiteln 12 und 14, die von den verschiedenen Charismen und deren rechten Gebrauch handeln: Die Liebe allein garantiert, dass die Kirche als communio, als Gemeinschaft, erlebt werden kann.

Im Auftrag der Diözesanen Kommission für den
Ständigen Diakonat im Bistum Chur: Robert Trottmann

Robert Trottmann ist Pfarrer von Scuol-Ardez, Dekan im Dekanat Engadin; er war 1985­1991 im Bistum Aachen mit pastoralliturgischen Aufgaben betraut und hat dabei Diakonanden und Diakone begleitet

Anmerkung

<1>
SKZ 41/1996, 576­579: Ständiger Diakonat im Bistum Chur.

<2>
Diese Entwicklung zeigt, dass Kritik in und an der Kirche wichtig ist und nicht einfach als «unkirchlich» abgestempelt werden sollte. Letztlich ist sie sogar unabdingbar, wenn sich die Kirche als ecclesia semper reformanda versteht.

<3>
Diese Frage wird auch bei der Priesterweihe gestellt, fehlt jedoch leider bei der Bischofsordination, wobei auch bei ihr nicht die Frage nach der Würde, sondern nach der Eignung eines Kandidaten im Vordergrund stehen müsste.

<4>
So ist es ja übrigens auch bei Pfarrinstallationen vielerorts Brauch, dem Neupfarrer ein Lektionar oder auch eine Bibel zu überreichen, um hervorzuheben, wie er in seiner Aufgabe zum sorgfältigen Umgang mit dem Wort Gottes verpflichtet ist.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997