SKZ 42/1997

INHALT

Kirche und Staat

Solidarität mit den Christen und Christinnen im «Heiligen Land»

von Rolf Weibel

Der zionistische Traum von einem Land ohne Volk für ein Volk ohne Land nahm die Wirklichkeit Palästinas verzerrt wahr, und auch das arabische Bestehen auf einem arabischen Palästina nahm die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis. Ein Teil der Folgen wird uns von den Informationsmedien täglich zur Kenntnis gebracht. Ein anderer Teil ist weniger spektakulär, aber nicht minder tragisch: Die Situation der autochthonen Christen und Christinnen im jüdischen Israel und im mehrheitlich muslimischen Palästina, ganz abgesehen von den langjährigen kriegerischen Auseinandersetzungen im einst mehrheitlich christlichen Libanon. Diese autochthonen Christen und Christinnen sprechen heute arabisch, weil sich im Gefolge der arabischen Völkerwanderung des 7. und 8. Jahrhunderts nicht nur der Islam ausgebreitet hat, sondern auch die christlich gebliebenen Gläubigen die arabische Sprache übernommen hatten. Den Nachkommen dieser «alten» Christen und Christinnen muss die ihnen von westlichen Glaubensgeschwistern nicht selten gestellte Frage, wann sie denn (vom Islam her) konvertiert hätten, bitter schmecken.
Solidarität mit den Christen und Christinnen im «Heiligen Land» kann deshalb zum einen ohne weiteres als Teil der durch die Verstrickung in die Irrungen und Wirrungen des Zweiten Weltkrieges geforderten Solidarität verstanden werden. Zum andern erfüllt die Solidarität mit den autochthonen Gläubigen in den Ursprungsländern des Christentums nicht nur das Apostelwort, allen Menschen Gutes zu tun, besonders aber denen, die mit uns im Glauben verbunden sind (Gal 6,10), sondern auch den Gedanken des Austauschs, mit dem Paulus die Kollekte für die Gemeinde von Jerusalem begründet hatte (Röm 15,25­22, 1 Kor 16,1­4, 2 Kor 8 und 9, Gal 2,10).
Im Dienste dieser doppelten Solidarität stehen auch in der Schweiz verschiedene Institutionen und Organisationen, nicht zuletzt der Schweizerische Heiligland-Verein (SHLV). Ihm hat die Schweizer Bischofskonferenz die Durchführung der jährlichen Karwochenkollekte anvertraut, und er verteilt auch die Hälfte des Kollektenergebnisses an Projekte, während die andere Hälfte über die Kustodie der Franziskaner eingesetzt wird; ein Drittel des Kustodiebeitrages geht im übrigen gleich an die Kongregation für die orientalischen Kirchen.
Neben dem Karwochenopfer bittet der SHLV auch das Jahr über um Spenden für Projekte, die er in seiner viermal jährlich erscheinenden Zeitschrift «Heiliges Land» jeweils vorstellt. Während das Karwochenopfer keinen Rückgang verzeichnete, musste die diesjährige Generalversammlung des SHLV einen spürbaren Spendenrückgang zur Kenntnis nehmen. Betroffen davon sind nicht nur die Projekte, für die gezielt gesammelt wurde, sondern auch der Bereich der freien Spenden; diese ermöglichen zum einen die kurzfristige Wahrnehmung von Aufgaben im «Heiligen Land» und die Restfinanzierung von Projekten, zum andern stellen sie die Infrastruktur der Hilfstätigkeit des SHLV sicher.
Der SHLV pflegt an seine Jahresversammlungen jeweils einen Gast aus seinem Wirkungskreis einzuladen; dieses Jahr war es der Gründer und Leiter des Sozialwerkes «Haus der Gnade» in der israelischen Hafenstadt Haifa, Kamil Shehade. Obwohl in Israel die kleinste Minderheit, wollen die Christen ihren Beitrag zum Frieden leisten, versicherte Kamil Shehade; sich als Brückenköpfe des Friedens zwischen der jüdischen und der muslimischen Seite sogar (be)treten lassen, was für das arabische Lebensgefühl einer Selbstentäusserung gleichkomme. Von der Wohnbevölkerung Israels sind 17% arabischer bzw. palästinensischer Herkunft; 2% sind christlich, und zu dieser Minderheit gehören die rund 60000 Melkiten, die Angehörigen der griechisch-katholischen Kirche, deren Abteilung für soziale Wohlfahrt auch das «Haus der Gnade» zugehört. Obwohl hauptsächlich für therapeutische Sozialarbeit gegründet, hat es beispielsweise zunehmend mit hilfsbedürftigen Familien zu tun, mit Alleinerziehenden oder mit Familien mit einer grossen Kinderzahl. Von der Armut ist die arabische bzw. palästinensische Bevölkerung besonders betroffen: mit einem Anteil von 17% an der Gesamtbevölkerung, beträgt ihr Anteil an den unter der Armutsgrenze Lebenden 38,5%; beunruhigend ist, dass 45% dieser unter der Armutsgrenze Lebenden Kinder sind.
Die Christen (und Christinnen) im «Heiligen Land» sind so vielfach herausgefordert, und sie sind auch bereit, auf diese Herausforderungen zu antworten. Sie dabei zu stärken, sind ihre westkirchlichen Glaubensgeschwister gefragt. <1>

Anmerkung

<1>
Schweizerischer Heiligland-Verein, Postfach 6280, 6000 Luzern 6, Telefon 041-4205788 und 4205789, Telefax 041-4203250, Postkonto 90-393-0.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997