SKZ 38/1997

INHALT

Kirche Schweiz

Die Luzerner Nuntiatur

von Alois Steiner

Fast 300 Jahre lang beherbergte die Stadt Luzern die bei den katholischen Kantonen der Eidgenossenschaft akkreditierte Apostolische Nuntiatur. Ihr Jurisdiktionsbereich reichte allerdings weit über diesen engeren Bereich hinaus in die süddeutschen Gebiete des Bistums Konstanz, ins Elsass, ins Wallis und in das Gebiet der Drei Bünden bis ins Veltlin hinunter.

Trotz ihrer grossen Bedeutung für die Geschichte der katholischen Schweiz befindet sich die wissenschaftliche Erforschung und Aufarbeitung noch in den Anfängen. Vor Jahren schon äusserte der damalige Kirchenhistoriker an der Theologischen Fakultät in Luzern, Konstantin Maier, die Erforschung der Luzerner Nuntiatur sei bis heute ein Desiderat. Anfangs des 20. Jahrhunderts begannen die Freiburger Professoren Heinrich Reinhardt und Franz Steffens mit der Erforschung der Nuntiatur von Giovanni Francesco Bonhomini (1579­1581), also der Vorphase. Einige Jahre später veröffentlichte Karl Fry zwei Bände zur Nuntiatur von Giovanni Antonio Volpe (1560­1564). Sonst finden sich nur einige kleinere Studien zur Nuntiaturgeschichte. Erst in den letzten Jahren hat das Interesse an dieser Institution wieder zugenommen. Der Dissertation von Urban Fink gelingt es, ihre Geschichte einer vorurteilslosen Betrachtung zu unterziehen. <1>

Grundlage der modernen Nuntiaturen

Das Reformkonzil von Trient (1545­1563) bildet die Grundlage der modernen Nuntiaturen. Die Erneuerung der katholischen Kirche nahm mit der Gründung der sogenannten Reformnuntiaturen sichtbare Gestalt an. Aus der Sicht der italienischen Reformkreise besass die Eidgenossenschaft eine entscheidende Schlüsselstellung, um das Eindringen reformatorischer Ideen nach Italien zu verhindern. Luzern, die wichtigste Stadt der sieben katholisch gebliebenen Orte, bot sich als Sitz des päpstlichen Gesandten an. Nach dem Tode von Carlo Borromeo 1584 drängte sich gebieterisch die Stabilisierung der bereits eingeleiteten Massnahmen auf. Die Errichtung der Luzerner Nuntiatur 1586 steht im Zusammenhang mit der Errichtung ständiger Nuntiaturen in Graz 1580, Köln 1584 und Brüssel 1596.

Gründungsphase 1586­1605

Die Annahme der dogmatischen und disziplinarischen Beschlüsse des Trienter Konzils durch die katholischen Kantone war eine Grundvoraussetzung zur Errichtung einer ständigen Nuntiatur in Luzern. Die Katholiken der alten Orte teilten den Reformwillen von Papst und Nuntiatur; allerdings entstand schon früh ein Spannungsfeld zwischen der Annahme der Trienter Dekrete und dem Beharren auf alten, gewohnheitsrechtlich verankerten und zum Teil durch Privilegien zugestandenen Rechten. Diese Spannung wurde seit der Mitte des 17. Jahrhunderts deutlich. Das Verhältnis zwischen den Luzerner Nuntien, den Bischöfen von Konstanz und deren Kommissaren in Luzern am Ende des 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts war im allgemeinen einvernehmlich. Das einflussreiche Wirken der Nuntien lässt sich etwa an den vielen Kunstdenkmälern und Patrozinien erkennen, die dem Promotor der katholischen Reform in der Schweiz, Carlo Borromeo, gewidmet sind. Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts konnte sich die tridentinische Reform durchsetzen.

Im siebzehnten Jahrhundert

Die Zeit zwischen 1605 und 1712 kann als Phase der Konsolidierung bezeichnet werden. Als grosser Erfolg der Nuntiatur gilt die Gründung der Helvetischen Benediktinerkongregation von 1602. Sie diente, ähnlich wie die Schwäbische Benediktinerkongregation von 1603, zur Sicherung der Existenz und der Reform der Klöster und war Katalysator des tridentinischen Reformwerkes. Etwa ab der Mitte des 17. Jahrhunderts erlahmte der Reformeifer. Die Nuntien mussten in einem für sie schwieriger gewordenen Umfeld wirken. Es begann die Zeit der Positionskämpfe zwischen Kirche und Staat, die das Bild des ganzen 18. Jahrhunderts prägen sollten. Die Nuntien waren immer stärker beschäftigt, die klerikalen Vorrechte zu verteidigen. Daher musste es zu massiven Konflikten mit dem sich modernisierenden Staat kommen.

Das Jahrhundert der Auseinandersetzungen

Der Grundkonsens zwischen den katholischen Orten, insbesondere Luzern, mit der Nuntiatur ging im Rahmen des Zweiten Villmerger Krieges 1712 verloren. Verschiedene Konflikte zwischen der Gesamtheit der katholischen Schweizer Kantone oder einzelnen Orten mit der Nuntiatur, denen inhaltlich zwar keine grosse Bedeutung zukam, die jedoch von den Beteiligten oft über Gebühr als wichtig eingeschätzt wurden, zerstörten das bisher gewahrte gute Einvernehmen zu wesentlichen Teilen. Zudem setzten im 18. Jahrhundert verstärkt Tendenzen der weltlichen Mächte ein, nichtstaatliche Einflüsse auf ihre Untertanen einzuschränken.

Nach französischem Vorbild versuchte auch Österreich, Appellationen Vorderösterreichs an die Luzerner Nuntiatur zu unterbinden. Immer stärker wurde der Nuntius in das Spannungsfeld mit den Bischöfen hineingezogen: Mit Konstanz wurde um die geistliche Gerichtsbarkeit und um die Klosterfreiheit gestritten. Mit den weltlichen Mächten ging es um strittige Steuer- und Gerichtsemtionen sowie um Klöster- und Klerikerbesteuerung. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kämpfte die Nuntiatur gegen die Druckerei Agnelli in Lugano, die ein Hauptzentrum im Kampf gegen die Gesellschaft Jesu war. Dem Versuch, die Druckerei stillzulegen, kam ein hoher Symbolwert zu. Letztlich war es jedoch ein Kampf gegen Windmühlen. Die Gründung der Helvetischen Gesellschaft in Schinznach 1762 erregte gleichfalls den Argwohn des Nuntius, da er ein Überhandnehmen des Indifferentismus befürchtete. Mit dem Einfall der Franzosen, dem Zusammenbruch der Alten Eidgenossenschaft 1798 und der Flucht des Nuntius Pietro Gravina nach Süddeutschland ging die Nuntiatur unter.

Wiederbelebung und Ende

Im 19. Jahrhundert erlebte die Nuntiatur eine Renaissance. Der neue Nuntius Testaferrata wurde 1803 nicht nur bei den katholischen, sondern auch bei den konfessionell gemischten Kantonen akkreditiert, ab 1816 auch bei den protestantischen Ständen. Klosterfragen und die Regelung der Diözesanverhältnisse beherrschten die folgenden Jahre. Ab 1830 geriet die Nuntiatur in immer stärkere Abwehrkräfte. Da der Heilige Stuhl die 1848 erfolgte Neugestaltung der Schweizerischen Eidgenossenschaft nicht anerkennen wollte, verblieb die Nuntiatur in Luzern und wechselte nicht nach Bern. Ihre Geschäfte wurden bloss noch durch Diplomaten im Rang eines Geschäftsträgers ausgeübt. Der Kulturkampf beendete durch die Ausweisung Agnozzis die fast dreihundertjährige Tätigkeit der Luzerner Nuntiatur.

Die Nuntien

In der ersten Phase wurden gewöhnlich Diözesanbischöfe in die Schweiz gesandt, die ihre Bischofssitze beibehielten. Ab 1654 bekleideten die Nuntien den Rang von Titularbischöfen, im 19. Jahrhundert waren es immer mehr Berufsdiplomaten, die den Heiligen Stuhl in der Eidgenossenschaft vertraten. Rund die Hälfte der Nuntien stammte aus dem Hochadel oder aus in Rom sehr einflussreichen Familien, im 19. Jahrhundert weisen sie bürgerliche Züge auf. Ihre Ausbildung war vor allem auf das Studium der beiden Rechte ausgerichtet, Theologie wurde jedoch nur oberflächlich studiert. Auf theologische Fragen gingen sie in ihren Berichten kaum ein. Ziel der Nuntiaturlaufbahn bildete das Kardinalat. Von 33 Nuntien im Rang eines Titularbischofs errangen 28 den Kardinalshut, einer ­ Michelangelo Conti ­ bestieg 1721 als Innozenz XIII. den päpstlichen Stuhl.

Luzern war als Ort bei den Nuntien keineswegs beliebt. Paravicini langweilte sich in Luzern und wollte der Schweiz so rasch als möglich den Rücken kehren. Bufalini sprach von der Schweiz als einem paese disgraziato, Oddi bezeichnete Luzern als gottverlassen und Valenti Gonzaga sprach vom ungeliebten Luzern als einer ingrata residenza, ja sogar von einem doloroso esilio. Eine Ursache für das förmliche Unbehagen war das für Südländer ungewohnt nasskalte Wetter. Da Luzern eine kleine Provinzstadt war, fehlte hier ein höfisches Leben, wie es für kirchliche Führungspositionen selbstverständlich war. Die Schweizer wurden als grob, anmassend, geldgierig und bestechlich bezeichnet. Schmiergelder seien in der Schweiz unerlässlich, schrieb Bonomi 1580 nach Rom. Der Umgang mit den Schweizern sei schwierig, weil sie nicht mit rationalen Argumenten zu überzeugen seien. Das Organigramm gibt Klarheit über die Organisation der Luzerner Nuntiatur mit ihren drei Bereichen Gericht, Kanzlei und Haushaltung.

Archivgeschichte

Der Verfasser fügt seiner Untersuchung eine kurze Geschichte des Luzerner Nuntiaturarchivs an. In der Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich das Archiv in einem ungeordneten Zustand. Der damalige Geschäftsträger Bovieri fand im 33jährigen Theodor Scherer einen Helfer, der sich bereit erklärte, das Archiv unentgeltlich zu ordnen, allerdings gegen Zuerkennung eines päpstlichen Adelstitels. Aus der Bekanntschaft Bovieris mit dem späteren Katholikenführer Theodor Scherer-Boccard entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung. Scherer wurde wichtiger Informant und Berater der Nuntiatur. Nach der Aufhebung 1873 kam das Archiv über Muothatal (Frauenkloster) und Chur (Ordinariat) in den Zwanzigerjahren ins Vatikanische Archiv.

Anstoss zu weiterer Forschung

Vor uns haben wir eine ausgezeichnete, sorgfältige Arbeit, der es gelingt, die Geschichte der Luzerner Nuntiatur von den alten, teils bis heute nachwirkenden Klischees zu befreien. Ihr Schwergewicht liegt in den Erforschungen des 18. Jahrhunderts, insbesondere der Nuntiaturen Bufalini, Oddi und Valenti Gonzaga. Dieses Werk ­ eine Gemeinschaftsedition der Collectanea Archivi Vaticani 40 und der Luzerner Historischen Veröffentlichungen 32 ­ möchte Anstoss sein, sich der bisher vernachlässigten Geschichte der Luzerner Nuntiatur stärker anzunehmen. Das sympathische Nachwort des in weiten Kreisen hochgeschätzten Nuntius Rauber (seit Juni 1997 in Budapest) schlägt die Brücke zur Gegenwart und zeigt den pastoralen Charakter der päpstlichen Diplomatie auf. An der Buchvernissage vom 12. Juni 1997 in der alten Nuntiaturkapelle führte Victor Conzemius in gewohnt geistreicher Art die Zuhörer durch die mit zahlreichen Überraschungen gespickte Geschichte der Luzerner Nuntiatur.

Alois Steiner ist promovierter Historiker und lehrt am Zentralschweizerischen Technikum (Fachhochschule) und an der Universität Freiburg

Anmerkung

1
Urban Fink, Die Luzerner Nuntiatur 1586­1873. Zur Behördengeschichte und Quellenkunde der päpstlichen Diplomatie in der Schweiz. Mit einem Nachwort von Erzbischof Dr. Karl-Josef Rauber, Rex Verlag, Luzern 1997, 437 Seiten.


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