SKZ 35/1997

 INHALT

Kirche in der Schweiz

Schmetterlinge in der Kirche

von Robert Lendi

Die Mitglieder der Pastoralplanungskommission (PPK) der Schweizer Bischofskonferenz trafen sich am 13./14. Mai 1997 zur 63. Plenarversammlung im Haus Bruchmatt in Luzern, um hauptsächlich über den Schlussbericht ihrer Arbeitsgruppe 2 (AG 2) "Prospektive" zu beraten und zu beschliessen.

Solidarische Freiheit

Schmetterlinge auf einer grünenden Pflanze schmückten jeden Platz am Sitzungstisch der Plenarversammlung, an welchem die AG 2 ihren Schlussbericht mit diesem Symbol der PPK überreichte. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Bericht mit dem Titel "Solidarische Freiheit in Kirche und Gesellschaft. Anregungen für eine Neue Evangelisierung der katholischen Kirche in der Schweiz" wird mit Sicherheit in naher Zukunft viele kirchliche und weniger kirchliche Schmetterlinge zum Flattern bringen im Raum der "solidarischen Freiheit". Und er wird in der kirchlichen (und sicherlich auch in der gesellschaftlichen) Öffentlichkeit noch viel zu reden, zu diskutieren, zu planen und weiterzuarbeiten geben.
Anlass und Ausgangspunkt für den Arbeitsprozess und den Studienbericht der AG 2 war die Nationalfonds-Studie "Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz". Diese Studie offenbarte eine weitgehende Individualität oder Individualisierung der Religiosität. Dem galt es, einen Kontrapunkt in einer neuen Sprache/Begrifflichkeit der Verkündigung entgegenzusetzen. Die AG 2 fand ihn in den Begriffen von "Freiheit" und "Solidarität".

Bedenken und Hoffnungen

Auch wenn die einzelnen Diskussionsgruppen und die Plenarversammlung der PPK am Bericht etwa bemängelten, er sei zu kopflastig, zu stark von deutschsprachiger Philosophie geprägt, zu fern von den Ideen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und vernachlässige feministisches Gedankengut (immerhin wurde der Bericht in einer "Erprobungsphase" in konkreten Projekten und durch verschiedene Fachleute geprüft und für gut befunden), verabschiedete die PPK-Plenarversammlung den Bericht der AG 2 als solide Arbeitsgrundlage für sich selber und hoffnungsvolles Leitbild für die Kirche Schweiz.
Die PPK wird diesen Bericht auftragsgemäss der Schweizer Bischofskonferenz unterbreiten in der Hoffnung, dass die Schweizer Bischöfe sich intensiv mit diesem Bericht beschäftigen werden (eventuell in einem ausserordentlichen Studientag der SBK) und die Kernaussagen dieses Berichtes zu ihrer eigenen Denkweise und zu einem Leitbild für die Traktanden der Bischofskonferenz sowie zu einem Zukunftsleitbild der Kirche Schweiz (und all ihrer Organe) machen wird. Aus dem Kreis der PPK-Mitglieder fiel auch der Vorschlag, den Studienbericht zu einer Weiterbildungsgrundlage in den Dekanaten auszugestalten (eventuell mit methodisch-didaktischen Hinweisen). Im Detail wird ein weiterer Bericht in der SKZ über die Studie der AG 2 anlässlich der Veröffentlichung ausführlich informieren.

Frauenkirche Luzern

Anlässlich ihrer Plenarversammlung nahm die PPK auch die Gelegenheit wahr zu einer Begegnung mit Vertreterinnen des "Vereins Frauen und Kirche", Luzern, hat die PPK unter anderem doch auch den Auftrag, para-, inner- und ausserkirchliche Gruppierungen und Bewegungen zu beobachten, vor allem in deren Verhältnis zu den Pfarreien. Die Begegnung mit und die Vorstellung der "Frauenkirche" durch die drei Frauen Li Hangartner, Silvia Huber Studhalter und Esther Bisig-Bächler war für die PPK ein spannendes Erlebnis. Die abwechslungsreiche methodische Darlegung ihrer Anliegen und ihres Selbstverständnisses, vor allem auch ihre ökumenische Ausrichtung, vermochten die PPK davon zu überzeugen, dass die "Frauenkirche" ein ernstzunehmender und aktiver Teil der Kirche ist, wenngleich auch ein recht unbequemer, provokativer und bezüglich innerkirchlicher Probleme fordernder (Frauenordination, Gleichstellung der Frau in der Kirche usw.). Die PPK wurde einmal mehr herausgefordert, sich mit kirchlichen Bewegungen und Gruppen auseinanderzusetzen und wird alle Erfahrungen mit Bericht und Empfehlungen zum pastoralen Umgang mit diesen Gruppierungen innerhalb der Kirche und in den Pfarreien der Bischofskonferenz gelegentlich unterbreiten.

Übrige Geschäfte

Nebst den üblichen Geschäften wie Jahresrechnung verabschiedete die PPK-Plenarversammlung auch ihr Arbeitsprogramm bis 1999. Schwerpunkte darin sind: Pastoraler Umgang mit Konfessionslosen, Pastorale Zusammenarbeit in Pfarreiverbänden, Kirche ­ Bewegungen ­ Pfarreien, Freiwillige Mitarbeit in der Kirche, Mitarbeit bei der EXPO 2001 und bei der "Ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Situation der Schweiz", Medienkonzept für die Katholische Kirche Schweiz und anderes. Ein wichtiger Punkt wird auch sein, inwiefern sich die AG 3 "Mitfinanzierung" der PPK in Fragen der Finanzierung gesamtschweizerischer und sprachregionaler Institutionen vor allem aus dem Blickwinkel der pastoralen Prioritäten profilieren bzw. nützlich machen kann.
Als letzte, aber nicht minder wichtige Aufgabe beschäftigt sich die PPK jährlich mit der Vorbereitung und der Durchführung der "Interdiözesanen Koordination" (IKO), der Versammlung der Delegierten der diözesanen und kantonalen Seelsorgeräte. Diese findet dieses Jahr statt am 19./20. September 1997 in Bethanien/St.Niklausen (OW). Hauptthema wird nebst dem Informationsaustausch die Frage sein: "Wie können wir als Seelsorgeräte das Anliegen der ÐÖkumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Lage der Schweizð in den Seelsorgeräten auf allen Ebenen zum Tragen bringen?"

Dr. theol. Robert Lendi ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im SPI (Schweizerisches Pastoralsoziologisches Institut, St. Gallen), das unter anderem die Arbeitsstelle der Pastoralplanungskommission der Schweizer Bischofskonferenz (PPK) führt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997