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Pastoral |
Vor einiger Zeit lud das Bibelwerk im Oberwallis die Bevölkerung von Visp und Umgebung, aber auch Gäste aus dem In- und Ausland zu einem Bibelparcours ein. In ihrer Einladung hiess es:
«Mal etwas anderes! so haben wir uns das gedacht und wagen, Gott
mit allen Sinnen zu erleben. Familien und Einzelpersonen jeden Alters sind
eingeladen, (mit) Gott zu riechen, zu tasten, zu schmecken, zu hören
und zu sehen und ihm so neu zu begegnen. Und die Idee, sie kommt von Gott
selbst: Er ist uns erschienen mit Fleisch und Blut. So ist er für uns
wahr-nehmbar. Die Tradition der Heiligen Schrift spricht immer wieder von
Menschen, die Gott gehört und gesehen, mit ihm gegessen und getrunken,
seinen Duft gerochen und verbreitet haben, Gott berühren durften und
ein Stück Weg mit ihm gegangen sind. An verschiedenen Orten im Alten
Visp sind Posten aufgestellt, an denen die Ðsinnlicheð Begegnung
mit Gott erlebt werden kann.»
Viele Frauen und Männer, aber auch Kinder und Jugendliche haben dieser
Einladung Folge geleistet. Die einen haben sich zwei, drei Stunden Zeit
genommen, um dem ganzen Parcours zu folgen, andere haben beim Einkauf am
Samstag den einen oder anderen Posten entdeckt und sich darauf eingelassen.
Viele waren beeindruckt und innerlich berührt von der Kreativität
und Liebe, mit der hier Bibel und Leben, Glaube und Alltag, Geschichte des
Gottesvolkes und die heutige Realität einer modernen Kleinstadt im
Oberwallis miteinander verbunden wurden. Das häufig benutzte Wort «Gotteserfahrung»
erhielt für sie einen konkreten Inhalt. Und die Idee, dass das Wort
Gottes «unter die Leute kommen» und sie dort antreffen sollte,
wo sie täglich leben, erhielt ein Gesicht.
So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, der Auszug aus Ägypten unter
das Leitwort «Gott schmecken» gestellt. Und in einer äusserst
kreativen Verbindung von Bibel, gesellschaftlicher Aktualität und persönlicher
Erfahrung wurde in elf Stationen der Exodus aktualisiert. Unter dem Stichwort
«Wenn Wasser bitter schmeckt» wurde eine Verbindung zwischen
Ex 15,2225 und heutigen Problemen mit dem Wasser hergestellt: Eine
Glasschüssel, eine Schöpfkelle und schöne Champagnergläser
luden zum Trinken ein. Doch das Wasser in der Schüssel war ganz verschmutzt.
An Holzstäbchen befestigt konnten die Teilnehmenden (für Kinder
und Erwachsene) Vorschläge lesen, wie das Wasser dieser Erde geschont
werden kann, zum Beispiel «Keinen Gewebeveredler benutzen» oder
«Sich gegen Sprüche wehren wie: Da kann man sowieso nichts machen».
Die «Zauberstäbe» luden zur Diskussion ein.
Diesem Bibelparcours zu den fünf Sinnen Schmecken, Tasten, Sehen,
Riechen und Hören war am Vorabend ein spannendes Referat von Professor
Hermann-Josef Venetz vorausgegangen. Der Titel «Dem Leben auf der
Spur» nimmt das Motto des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks
auf: «Damit sie Leben haben». Und inhaltlich machte der Vortrag
deutlich, dass dieses «Leben in Fülle» (Joh 10,10) all
unsere Sinne, ja alle Dimensionen unseres Lebens, der Gesellschaft und der
Welt umfasst. Und das nicht nur theoretisch, sondern konkret und leibhaft.
Einleitend sagte der langjährige Präsident des SKB: «Ich
falle gleich mit der Tür ins Haus und stelle folgende These auf: Eine
der wichtigsten Voraussetzungen, die Bibel mit Gewinn zu lesen und richtig
zu verstehen, sind wache Sinne. Je wacher unsere Sinne sind, desto besser
werden wir die Bibel verstehen. Ich versteige mich sogar zur Aussage: Eine
gute Nase, gute Augen, aufmerksame Ohren, ein feiner Tastsinn, ein geübter
Geschmackssinn sind zum Verständnis der Bibel ebenso wichtig wie Hebräisch
und Griechisch.»
Und anhand von zahlreichen Beispielen zeigte er auf, wie Sinneserfahrung
und Bibellektüre einander gegenseitig bereichern und herausfordern.
Das gilt für die Vaterunser-Bitte «Unser tägliches Brot
gib uns heute» ebenso wie für die Aussagen über die Kinder
oder für die Forderungen nach Schuldenerlass und Jobeljahr. «Je
besser ich mit meinen Sinnen umzugehen weiss, desto besser werde ich die
Bibel verstehen können. Und je besser ich die Bibel verstehe, desto
besser werde ich meine Sinne einsetzen und Leben entdecken können,
mein Leben verändern, mein Leben auch einzusetzen wagen. (Unsere Sinne
sind) wichtige Tore zum Herzen des Menschen, zu seinem Innersten, dort wo
er liebt und hofft und glaubt, dort wo er ganz er selbst ist. Wo das Leben
noch viel pulsierender ist, ja dort wo das eigentliche Leben lebt.»
Diese Anregungen zu ganzheitlicheren, sinnlicheren Formen der Bibelarbeit
werden für Bibelrunden und Kursarbeit weiterverfolgt und umgesetzt
in einer Reihe von Dossiers, die jeweils auf 60 bis 80 Seiten Materialien
für sechs Einheiten bieten.
Anhand der Erzeltern-Erzählungen (Gen 1136) wird vorgeschlagen,
biblisches Leben erzählend neu zu entdecken. Eigene Lebenserfahrungen
werden dabei aktiviert und die Wurzeln des biblischen Glaubens neu belebt.
Das zweite Dossier nimmt Texte aus dem Lukasevangelium auf und macht erfahrbar,
dass «Lebenssinn» tatsächlich mit unseren Sinnen und ihren
Wahrnehmungen zusammenhängt: Von der Erzählung über die Heilung
der gekrümmten Frau werden wir uns um so stärker «berühren»
lassen, je intensiver wir selbst uns auf die Erfahrung des Berührtwerdens
und Berührens einlassen. Und je stärker wir biblische Texte nicht
nur geistig, sondern auch körperlich aneignen, desto eher vermögen
sie auch unseren Lebensstil zu verändern und zu prägen.
Was es heisst, «ganz Ohr» zu sein, wird anhand von Texten aus
dem Buch des Propheten Jesaja deutlich. Zur Aktualisierung kommen Liedermacher
zu Worte und zwar nicht nur mit ihren Texten, sondern mit ihren Melodien,
ihren Stimmen. Im Hören auf Bettina Wegners Refrain: «Ach, in
eurer heilen Welt/Wollt ihr euch verstecken/Und in dieser heilen Welt/will
ich euch erschrecken», erfahren wir unmittelbarer, was Prophetie damals
war und heute sein könnte, als im «Reden über» das
Prophetische.
In einer Welt, die durch den Verlust an Unmittelbarkeit und durch die Technisierung
von einer massiven Entsinnlichung bedroht ist und deshalb nach echter Erfahrung
hungert, und in einer Zeit, in der das Wort Gott zur Floskel und zur Worthülse
zu verkommen droht, ist «Gott mit allen Sinnen erfahren» ein
hilfreiches und produktives Leitwort für die Bibelarbeit. Dies zeigt
sich auch an der guten Aufnahme der Arbeitsunterlagen und am regen Besuch
der Bibelwerkstätten, die jeweils zur Einführung in zehn Regionen
der Deutschschweiz stattfinden.
Dr. theol. Daniel Kosch ist Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB
Das Schweizerische Katholische Bibelwerk und die Schweizerische Bibelgesellschaft laden die Pfarreien und Kirchgemeinden ein, einmal jährlich einen Bibelsonntag zu gestalten; für den Bibelsonntag 1997 schlagen sie als Thema Jakobs Begegnung mit Gott vor, für die Pfarreien schlägt das Schweizerische Katholische Bibelwerk als Datum den 15./16. November vor. Die von den beiden Werken erarbeiteten Unterlagen zum Bibelsonntag 1997 können aber auch an anderen Daten und in anderen Zusammenhängen gute Dienste leisten. Das 28seitige Werkheft «Der Traum von der Himmelsleiter. Jakobs Begegnung mit Gott (Gen 28,1022)» zeigt bibeltheologische Zusammenhänge und religionsgeschichtliche Hintergründe auf, eröffnet einen tiefenpsychologischen Zugang und bietet Vorschläge für die Bibelarbeit, Bausteine für den Religionsunterricht an der Oberstufe sowie Elemente für die Gottesdienstgestaltung. Zu beziehen ist das Werkheft zum Preis von Fr. 8. bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 01-2026674, Fax 01-2014307.
H.-J. Venetz/Bibelwerk Oberwallis, Gott mit allen Sinnen erfahren. Ein ganzheitlicher Bibelparcours zu den fünf Sinnen Schmecken Tasten Sehen Riechen Hören, 70 Seiten, Fr. 30..
Dossiers «Gemeinsam die Bibel leben und erleben»
Nr. 1: Hans Schwegler/Isabelle Metzler, «Geh deinen Weg». Biblische
Familiensagen Wurzeln des Glaubens, 75 Seiten, Fr. 30..
Nr. 2: Daniel Kosch/Rita Volkart, Lebenssinn und Lebensstil. Weggemeinschaft
mit Jesus im Lukasevangelium, 80 Seiten, Fr. 30..
Nr. 3: Eva Kopp, Einspruch im Namen Gottes. Mit dem Propheten Jesaja im
Gespräch, 75 Seiten inkl. Tonkassette, Fr. 40..
Bestellungen an: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, CH-8002
Zürich, Telefon 01- 2026674; Fax 01-2014307. Bei Bestellungen aus dem
Ausland bitte Eurocheck beilegen.