SKZ 46/1997

INHALT

Pastoral

Gott mit allen Sinnen erfahren

von Daniel Kosch

Vor einiger Zeit lud das Bibelwerk im Oberwallis die Bevölkerung von Visp und Umgebung, aber auch Gäste aus dem In- und Ausland zu einem Bibelparcours ein. In ihrer Einladung hiess es:

Einladung zu einer neuen Art Bibelerfahrung

«Mal etwas anderes! so haben wir uns das gedacht und wagen, Gott mit allen Sinnen zu erleben. Familien und Einzelpersonen jeden Alters sind eingeladen, (mit) Gott zu riechen, zu tasten, zu schmecken, zu hören und zu sehen und ihm so neu zu begegnen. Und die Idee, sie kommt von Gott selbst: Er ist uns erschienen mit Fleisch und Blut. So ist er für uns wahr-nehmbar. Die Tradition der Heiligen Schrift spricht immer wieder von Menschen, die Gott gehört und gesehen, mit ihm gegessen und getrunken, seinen Duft gerochen und verbreitet haben, Gott berühren durften und ein Stück Weg mit ihm gegangen sind. An verschiedenen Orten im Alten Visp sind Posten aufgestellt, an denen die Ðsinnlicheð Begegnung mit Gott erlebt werden kann.»
Viele Frauen und Männer, aber auch Kinder und Jugendliche haben dieser Einladung Folge geleistet. Die einen haben sich zwei, drei Stunden Zeit genommen, um dem ganzen Parcours zu folgen, andere haben beim Einkauf am Samstag den einen oder anderen Posten entdeckt und sich darauf eingelassen. Viele waren beeindruckt und innerlich berührt von der Kreativität und Liebe, mit der hier Bibel und Leben, Glaube und Alltag, Geschichte des Gottesvolkes und die heutige Realität einer modernen Kleinstadt im Oberwallis miteinander verbunden wurden. Das häufig benutzte Wort «Gotteserfahrung» erhielt für sie einen konkreten Inhalt. Und die Idee, dass das Wort Gottes «unter die Leute kommen» und sie dort antreffen sollte, wo sie täglich leben, erhielt ein Gesicht.
So wurde, um nur ein Beispiel zu nennen, der Auszug aus Ägypten unter das Leitwort «Gott schmecken» gestellt. Und in einer äusserst kreativen Verbindung von Bibel, gesellschaftlicher Aktualität und persönlicher Erfahrung wurde in elf Stationen der Exodus aktualisiert. Unter dem Stichwort «Wenn Wasser bitter schmeckt» wurde eine Verbindung zwischen Ex 15,22­25 und heutigen Problemen mit dem Wasser hergestellt: Eine Glasschüssel, eine Schöpfkelle und schöne Champagnergläser luden zum Trinken ein. Doch das Wasser in der Schüssel war ganz verschmutzt. An Holzstäbchen befestigt konnten die Teilnehmenden (für Kinder und Erwachsene) Vorschläge lesen, wie das Wasser dieser Erde geschont werden kann, zum Beispiel «Keinen Gewebeveredler benutzen» oder «Sich gegen Sprüche wehren wie: Da kann man sowieso nichts machen». Die «Zauberstäbe» luden zur Diskussion ein.

Dem Leben auf der Spur

Diesem Bibelparcours zu den fünf Sinnen Schmecken, Tasten, Sehen, Riechen und Hören war am Vorabend ein spannendes Referat von Professor Hermann-Josef Venetz vorausgegangen. Der Titel «Dem Leben auf der Spur» nimmt das Motto des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks auf: «Damit sie Leben haben». Und inhaltlich machte der Vortrag deutlich, dass dieses «Leben in Fülle» (Joh 10,10) all unsere Sinne, ja alle Dimensionen unseres Lebens, der Gesellschaft und der Welt umfasst. Und das nicht nur theoretisch, sondern konkret und leibhaft.
Einleitend sagte der langjährige Präsident des SKB: «Ich falle gleich mit der Tür ins Haus und stelle folgende These auf: Eine der wichtigsten Voraussetzungen, die Bibel mit Gewinn zu lesen und richtig zu verstehen, sind wache Sinne. Je wacher unsere Sinne sind, desto besser werden wir die Bibel verstehen. Ich versteige mich sogar zur Aussage: Eine gute Nase, gute Augen, aufmerksame Ohren, ein feiner Tastsinn, ein geübter Geschmackssinn sind zum Verständnis der Bibel ebenso wichtig wie Hebräisch und Griechisch.»
Und anhand von zahlreichen Beispielen zeigte er auf, wie Sinneserfahrung und Bibellektüre einander gegenseitig bereichern und herausfordern. Das gilt für die Vaterunser-Bitte «Unser tägliches Brot gib uns heute» ebenso wie für die Aussagen über die Kinder oder für die Forderungen nach Schuldenerlass und Jobeljahr. «Je besser ich mit meinen Sinnen umzugehen weiss, desto besser werde ich die Bibel verstehen können. Und je besser ich die Bibel verstehe, desto besser werde ich meine Sinne einsetzen und Leben entdecken können, mein Leben verändern, mein Leben auch einzusetzen wagen. (Unsere Sinne sind) wichtige Tore zum Herzen des Menschen, zu seinem Innersten, dort wo er liebt und hofft und glaubt, dort wo er ganz er selbst ist. Wo das Leben noch viel pulsierender ist, ja dort wo das eigentliche Leben lebt.»

Gemeinsam die Bibel lesen und erleben

Diese Anregungen zu ganzheitlicheren, sinnlicheren Formen der Bibelarbeit werden für Bibelrunden und Kursarbeit weiterverfolgt und umgesetzt in einer Reihe von Dossiers, die jeweils auf 60 bis 80 Seiten Materialien für sechs Einheiten bieten.
Anhand der Erzeltern-Erzählungen (Gen 11­36) wird vorgeschlagen, biblisches Leben erzählend neu zu entdecken. Eigene Lebenserfahrungen werden dabei aktiviert und die Wurzeln des biblischen Glaubens neu belebt.
Das zweite Dossier nimmt Texte aus dem Lukasevangelium auf und macht erfahrbar, dass «Lebenssinn» tatsächlich mit unseren Sinnen und ihren Wahrnehmungen zusammenhängt: Von der Erzählung über die Heilung der gekrümmten Frau werden wir uns um so stärker «berühren» lassen, je intensiver wir selbst uns auf die Erfahrung des Berührtwerdens und Berührens einlassen. Und je stärker wir biblische Texte nicht nur geistig, sondern auch körperlich aneignen, desto eher vermögen sie auch unseren Lebensstil zu verändern und zu prägen.
Was es heisst, «ganz Ohr» zu sein, wird anhand von Texten aus dem Buch des Propheten Jesaja deutlich. Zur Aktualisierung kommen Liedermacher zu Worte ­ und zwar nicht nur mit ihren Texten, sondern mit ihren Melodien, ihren Stimmen. Im Hören auf Bettina Wegners Refrain: «Ach, in eurer heilen Welt/Wollt ihr euch verstecken/Und in dieser heilen Welt/will ich euch erschrecken», erfahren wir unmittelbarer, was Prophetie damals war und heute sein könnte, als im «Reden über» das Prophetische.
In einer Welt, die durch den Verlust an Unmittelbarkeit und durch die Technisierung von einer massiven Entsinnlichung bedroht ist und deshalb nach echter Erfahrung hungert, und in einer Zeit, in der das Wort Gott zur Floskel und zur Worthülse zu verkommen droht, ist «Gott mit allen Sinnen erfahren» ein hilfreiches und produktives Leitwort für die Bibelarbeit. Dies zeigt sich auch an der guten Aufnahme der Arbeitsunterlagen und am regen Besuch der Bibelwerkstätten, die jeweils zur Einführung in zehn Regionen der Deutschschweiz stattfinden.

Dr. theol. Daniel Kosch ist Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB


Anmerkungen

Bibelsonntag

Das Schweizerische Katholische Bibelwerk und die Schweizerische Bibelgesellschaft laden die Pfarreien und Kirchgemeinden ein, einmal jährlich einen Bibelsonntag zu gestalten; für den Bibelsonntag 1997 schlagen sie als Thema Jakobs Begegnung mit Gott vor, für die Pfarreien schlägt das Schweizerische Katholische Bibelwerk als Datum den 15./16. November vor. Die von den beiden Werken erarbeiteten Unterlagen zum Bibelsonntag 1997 können aber auch an anderen Daten und in anderen Zusammenhängen gute Dienste leisten. Das 28seitige Werkheft «Der Traum von der Himmelsleiter. Jakobs Begegnung mit Gott (Gen 28,10­22)» zeigt bibeltheologische Zusammenhänge und religionsgeschichtliche Hintergründe auf, eröffnet einen tiefenpsychologischen Zugang und bietet Vorschläge für die Bibelarbeit, Bausteine für den Religionsunterricht an der Oberstufe sowie Elemente für die Gottesdienstgestaltung. Zu beziehen ist das Werkheft zum Preis von Fr. 8.­ bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 01-2026674, Fax 01-2014307.

Redaktion


H.-J. Venetz/Bibelwerk Oberwallis, Gott mit allen Sinnen erfahren. Ein ganzheitlicher Bibelparcours zu den fünf Sinnen Schmecken ­ Tasten ­ Sehen ­ Riechen ­ Hören, 70 Seiten, Fr. 30.­.

Dossiers «Gemeinsam die Bibel leben und erleben»
Nr. 1: Hans Schwegler/Isabelle Metzler, «Geh deinen Weg». Biblische Familiensagen ­ Wurzeln des Glaubens, 75 Seiten, Fr. 30.­.
Nr. 2: Daniel Kosch/Rita Volkart, Lebenssinn und Lebensstil. Weggemeinschaft mit Jesus im Lukasevangelium, 80 Seiten, Fr. 30.­.
Nr. 3: Eva Kopp, Einspruch im Namen Gottes. Mit dem Propheten Jesaja im Gespräch, 75 Seiten inkl. Tonkassette, Fr. 40.­.
Bestellungen an: Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, CH-8002 Zürich, Telefon 01- 2026674; Fax 01-2014307. Bei Bestellungen aus dem Ausland bitte Eurocheck beilegen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997