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Pastoral |
Trotz allen Anfangsschwierigkeiten wurde das Weltjugendtreffen in Paris
auch für über 1200 Schweizer ein grossartiges Erlebnis. Vorher
gab es Bedenken gegen Massenveranstaltungen und den einladenden Papst. Zudem
begann während dieses Treffens vom 18. bis 24. August 1997 in der Schweiz
das neue Schuljahr bzw. Lehrjahr. Allerdings waren nicht nur Schüler
und Lehrlinge, sondern alle jungen Menschen im Alter von 1835 Jahren
zum Weltjugendtreffen eingeladen.
Schliesslich brachen über 1200 junge Schweizer nach Paris auf, mehr
als 350 aus der deutschen Schweiz (besonders aus dem Bistum Basel, auch
von Chur, von der Jugend 2000, zwei Klassen aus dem Lehrerinnenseminar Baldegg
und zwei Gruppen von Jung-Schönstatt). 650 kamen aus der französischen
Schweiz, davon 200 nur am Weekend, dazu 160 Tessiner. Auch vier Schweizer
Bischöfe waren in Paris: Norbert Brunner, Wolfgang Haas, Pierre Bürcher
und Martin Gächter.
Welche Einstellung haben die Jugendlichen, die zu einem Weltjugendtreffen
mit dem Papst kommen? Ganz verschiedene: Sie kommen aus allen Richtungen
und Denkweisen. Es kommen keineswegs nur Papst-Fans, Jugendliche aus geistlichen
Bewegungen oder konservativen Kreisen. Viele kamen mit einem kritischen
Sinne, abwartend. Manche waren eher zufällig dabei wegen ihren Freunden
und Freundinnen oder weil ihnen jemand die Reise gestiftet hat.
Auch bei den gastgebenden Franzosen war ein kritischer Geist zu spüren. Sie kennen die Bedenken gegen Massenveranstaltungen und Zentralismus. Deshalb haben sie schon vor zwei Jahren aus allen Ländern Jugendvertreter dreimal zu einem längeren Wochenende nach Paris eingeladen, um mit ihnen alle Pläne und Vorbereitungen zu besprechen. Das gab den Ländervertretern, zu denen auch ich gehörte, mehr Sicherheit, um mit Überzeugung fürs Weltjugendtreffen zu werben. In der Schweiz geschah die Vorbereitung in den drei grossen Sprachregionen: im Tessin durch die Pastorale giovanile Lugano, in der französischen Schweiz durch PBR (Pèlerinages Bibliques de Suisse Romande, Lausanne), zusammen mit den kantonalen Jugendseelsorgern. In der deutschen Schweiz kamen die umfangreichen Vorbereitungen nur schleppend voran. Deshalb musste der Jugendbischof viel Organisationsarbeit selber übernehmen.
Die gastgebenden Franzosen wollten deutlich machen, dass Frankreich nicht
nur aus dem Zentrum Paris besteht, sondern aus vielen Regionen und Diözesen.
Deshalb wurden die Ausländer zuerst (vom 14. bis 18. August) in eine
französische Diözese eingeladen, die wir selber auswählen
konnten. Die Tessiner fuhren zuerst nach La Salette, die Romands nach Annecy
zum früheren Bischof von Genf: Franz von Sales, die Jugend 2000 nach
Lisieux und wir Deutschschweizer nach Strassburg. Bei diesem Beginn in den
verschiedenen Provinzen waren allerdings nicht so viele Schweizer dabei,
wohl auch aus Zeitmangel.
Mit meiner Gruppe war ich in Strassburg. Dort durften wir in einem grossen
Gefängnis mit den Gefangenen einen eindrücklichen Gottesdienst
feiern und anschliessend mit ihnen sprechen. Wir besuchten den St. Odilienberg,
das Europa-Parlament, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Wir feierten einen internationalen Gottesdienst im riesigen Strassburger
Münster, dessen prächtige Silbermann-Orgel wir in einem abendlichen
Orgelkonzert bei stimmungsvollen Beleuchtungswechseln bewundern konnten.
In einem grossen Saal stellten sich 2000 Jugendliche aus den verschiedenen
Nationen mit Liedern, Szenen und Tänzen vor.
Am 18. August fuhren wir mit der Bahn nach Paris, wo wir in einer Vorortspfarrei herzlich aufgenommen wurden, je nach Wunsch in Gemeinschaftsunterkünften in Schulen und Pfarreiheimen oder privat bei Familien. Jeder Teilnehmer bekam einen Pilgersack mit einem 300seitigen Programm- und Liturgieheft, einem Ausweis für alle Eintritte und einem Generalabonnement für alle Vorortsbahnen, Métros und Busse. Wie bei den Franzosen nicht anders zu erwarten ist, war das Essen überall köstlich zubereitet und dessen Ver-teilung an allen Orten bestens organisiert.
Am meisten Eindruck machten die vielen Tausend Jugendlichen, die aus
allen Ländern zusammenkamen: friedlich und fröhlich. Noch nie
soll es in Paris, einer weltbekannten Stadt des Vergnügens, so fröhlich
zugegangen sein wie bei diesem Weltjugendtreffen. Überall wurde gelacht
und gesungen. In den Gängen und Zügen der Métros hörte
man immer wieder «Magnificat», «Halleluja», «Laudate
omnes gentes». Wenn dazu auch Trommeln erklangen, waren es Afrikaner,
während Kastagnetten auf Spanier oder Mexikaner hinwiesen. Auch auf
den Strassen und Plätzen wurde gesungen, getanzt und gelacht. Diese
frohe Stimmung der jungen Menschen hat in kürzester Zeit auch die vielen
kritischen Pariser und Medien umgestimmt. Die vielen jungen Menschen haben
nichts zerstört, nicht randaliert, keine Drogen und keinen Alkohol
konsumiert. Da wurde eine andere Kultur gepflegt als bei manchen andern
grossen Jugendanlässen. Einige Störefriede wollten den Jugendlichen
auf der Strasse Kondome («Pariser»!) verteilen. Doch diese wurden
von den Jugendlichen lachend abgelehnt, weil sie das nicht brauchten, um
miteinander fröhlich zu sein.
Nach den Studentenunruhen, die im Jahre 1968 in Paris begannen, schienen
die Journées Mondiales de la Jeunesse (JMJ) Paris 1997 zur «Gegenrevolution»
der Liebe zu werden. Wo kann man heute so viel positive, friedliche und
fröhliche Jugend erleben? Da war kein Zwang zum Herunterreissen und
Protestieren spürbar. Viele wagten es, wieder öffentlich zu ihrem
katholischen Glauben zu stehen, zum Gebet und zum Gottesdienst, auch zur
Kirche mit Bischöfen und Papst.
So kamen die Jugendlichen erstaunlich zahlreich zu den drei Katechesen, die am Mittwoch bis Freitag, von 1013 Uhr in 19 verschiedenen Sprachen und 111 Kir-chen von Bischöfen angeboten wurden. Thema war in diesem Christus-Jahr der Vorbereitung aufs Jahr 2000 die Bedeutung von Christus für jeden Jugendlichen: «Herr, wo wohnst Du? Kommt und seht!» (Joh 1,38f.). Nach einem bischöflichen Impulsvortrag diskutierten die jungen Leute in kleinen Gruppen. Anschliessend gaben sie ergreifende Erkenntnisse und Glaubenserfahrungen weiter, die dann in eine gemeinsame Eucharistie einflossen. Diese drei Vormittage zeigten, wie wichtig vielen Jugendlichen die Vertiefung des christlichen Glaubens ist.
Beim Jugendfestival konnten sich die Jugendgruppen und Nationen an verschiedenen Orten begegnen. Biblische Musicals und geistliche Theater wurden aufgeführt, soziale Probleme besprochen, Erfahrungen wurden ausgetauscht, miteinander wurde gebetet und gesungen. Im Programmheft gab es gute Hinweise für Stadtrundgänge auf den vielen christlichen Spuren, die auch Heilige und Selige hinterliessen. Am 22. August wurde der grossartige Gründer der Vinzenz-Konferenzen, der junge Professor Frédéric Ozanam (18131853) vom Papst seliggesprochen.
Zu den vielen Gruppenanlässen und Einzelbegegnungen kamen die grossen
gemeinsamen Gottesdienste: am Dienstagabend die Eröffnungsmesse mit
dem Pariser Kardinal Lustiger auf dem Marsfeld. Auf diesem herrlichen Platz
zwischen Eiffelturm und Militärakademie kamen bereits über 300000
Jugendliche zusammen. Auf dem gleichen Platz wurde Papst Johannes Paul II.
am Donnerstagabend empfangen mit viel Freude, Gesängen und Fahnen.
In vielen Sprachen und mit köstlichem Humor begrüsste der Papst
500000 junge Leute aus 157 Ländern. Der Papst wirkte etwa müde
und gealtert. Als er bei einem Hustenanfall nicht mehr weiterreden konnte,
überbrückte ein sympathischer Applaus dieses Malheur. Die jungen
Leute waren dankbar, dass der Papst trotz seines Alters beim Jugendtreffen
dabei sein wollte. Sie schätzen seine Liebe zur Jugend und das grosse
Vertrauen, das er immer in sie setzt.
Am Samstagabend kamen 800000 auf der grossen, riesigen Pferderennbahn in
Longchamp zusammen, viel mehr als erwartet. Zehn junge Frauen und Männer
aus den fünf Kontinenten liessen sich vom Papst taufen und firmen.
In dieser eindrücklichen Feier wurden wir an unsere eigene Taufe und
Firmung und damit an unsere christliche Würde erinnert. Wiederum hat
das französische Fernsehen eindrückliche Bilder in alle Welt gesandt,
von denen das Schweizer Fernsehen allzu wenige übernommen hat!
Nach der schönen Nachtfeier übernachteten die Jugendlichen in
Schlafsäcken auf dem Platz oder im nahen Bois de Boulogne. Was wäre
geschehen, wenn ein Gewitter gekommen wäre? Die Franzosen vertrauten
darauf und viele beteten schon ein Jahr dafür, dass es schön
bleibt! Tatsächlich ist während der ganzen Woche kein Tropfen
Regen gefallen! Eher wäre das Verdursten ein Problem gewesen, wenn
nicht überall genügend frisches Wasser zur Verfügung gestanden
wäre!
Am Sonntagmorgen kamen noch mehr Leute zum Schlussgottesdienst zusammen,
über 1,2 Millionen sollen es gewesen sein. Nicht alle konnten auf den
Altar sehen, aber hören konnten sie die Gebete, die Ansprache des Papstes
und die vielen schönen Gesänge. Dann folgte die Aussendung der
vielen Jugendlichen in ihre Heimat und Ortsgemeinde. Unter grossem Applaus
kündete der Papst an, dass er am kommenden Missionssonntag die jugendliche
heilige Theresia von Lisieux zur Kirchenlehrerin erklären werde. Auch
lud er schon zum nächsten Weltjugendtreffen nach Rom im Jahre 2000
ein. Nach dem Schluss-Segen strömten die vielen Jugendlichen in alle
Himmelsrichtungen auseinander, voll von Eindrücken und Freude.
Ist jetzt alles vorbei nur noch Erinnerungen? Von den Jugendlichen
höre ich, dass sie die vielen eindrücklichen Erlebnisse von Paris
nicht vergessen können: das friedliche Miteinander von Jugendlichen
aus allen Nationen, die vielen Gespräche, das Erfahren der Probleme
und Hoffnungen anderer Nationen und Kontinente. Unvergesslich bleibt das
frohe Zusammensein bei den vielen Jugendtreffen und Gottesdiensten. Es fehlte
auch nicht die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben und mit der
Kirche. Diese wurde nicht als Institution, sondern als weltweite Versammlung
von interessanten Menschen erlebt. Begegnungen mit vielen jungen Priestern,
Ordensfrauen, mit 500 Bischöfen und dem Papst waren möglich.
Grossen Eindruck machten die 10000 jugendlichen Volontaires mit ihren grünen
Hemden und eleganten Strohhüten, die überall hilfreich da waren.
Nicht zu vergessen sind auch die vielen Tausend Erwachsenen in allen Diözesen
und Pfarreien, welche die vielen Unterkünfte bereitstellten. Durch
diese grosse Aufgabe sind viele Pfarreien aktiviert worden und ihre Mitglieder
freundschaftlich zusammengewachsen. Auch das ein bleibendes Ergebnis dieses
Weltjugendtreffens. So kam es auch zu vielen grossartigen Begegnungen zwischen
den Generationen, zu einer neuen gegenseitigen Wertschätzung, als wohltuende
Überwindung des Misstrauens zwischen den Generationen, das 1968 in
Paris gesät wurde.
Unmöglich können alle weiterwirkenden Früchte des Weltjugendtreffens
aufgezählt werden. Sicher ist nur, dass sich viele Jugendliche auch
zu Hause weiter regelmässig treffen. In Paris wollten alle Schweizer
der deutschen, französischen und italienischen Sprache zusammenkommen,
wie das schon in Manila und Denver möglich wurde. Solche gesamtschweizerischen
Jugendtreffen kennen wir in der Schweiz selber nicht, die gab es bisher
nur an den Weltjugendtreffen im Ausland! Dazu hatten wir die moderne Kathedrale
von Evry unseres Schweizer Architekten Mario Botta vorgesehen. Leider kam
aber dieses Treffen nicht zustande, weil unser Papst für den Freitag
die gleiche gute Idee und auch den Vorrang hatte! So wollen
die Schweizer Jugendlichen aus allen Sprachregionen im nächsten Jahr
am 12./13. September 1998 auf dem Monte Tamaro im Tessin zusammenkommen,
wo Mario Botta ebenfalls eine supermoderne Bergkirche gebaut hat. Zu diesem
gesamtschweizerischen Jugendtreffen sind alle eingeladen, auch die nicht
am Weltjugendtreffen waren.
Im Pressecommuniqué der 237. Ordentlichen Versammlung der Schweizer Bischofskonferenz liest man zum XII. Weltjugendtreffen 1997 in Paris, dass diese Tage, für die Delegierten reich an Zeichen der Einheit und der Hoffnung, alle Erwartungen weit übertroffen hätten. Man spricht von über 1000 Jugendlichen und Jungen, aus anderen Quellen hört man von 1200 Schweizer Jugendlichen, die in Paris Dynamik und Energien empfingen. Meist vergisst man, auch grössere Zahlen in Relation zu sehen. Alle haben Freude an einem Hoffnungsschimmer, und man soll glimmenden Docht nicht ausblasen. Immerhin fiel das Treffen in die Sommerferien von Studenten und Berufsschülern. Ausserdem gibt es heute verbilligte Arrangements für Jugendreisen. 1000 engagierte Jugendliche hat beispielsweise allein der katholische Pfadfinder- und Pfadfinderinnenverband des Kantons Luzern, 1000 katholische Jugendliche und mehr haben in einem kleineren katholischen Kanton allein in diesem Jahr die Maturität, das Diplom einer Berufs- oder Fachschule gemacht. Oder in einer Grosspfarrei sind oder wären leicht 1000 Jugendliche zu mobilisieren. Vieles stimmt da nicht: die vielzitierte Sehnsucht, der Vergleich, die Realität. Wenn nur Jugendliche aus dem rechtesten Spektrum in Paris waren... dann wird aus der Täuschung eine Ent-täuschung. Auch die absolut genommene Zahl von zum Katholizismus konvertierten Klerikern wegen der Einführung des Frauenpriestertums in der Anglikanischen Kirche soll etwa 1,5% des anglikanischen Klerus ausmachen. Eine kleine Hoffnung ist noch lange nicht die grosse Vision für die Zukunft. Aus dem Senfkorn kann ein Baum werden, wenn Gott will. Das Reich Gottes wird gegeben, auch das Feuer der Begeisterung, wie: Das müsste nüchtern überdacht und betend angegangen werden.
Gero Niederberger