SKZ 44/1997

INHALT

Pastoral

Das Weltjugendtreffen in Paris übertraf alle Erwartungen

von Weihbischof Martin Gächter

Trotz allen Anfangsschwierigkeiten wurde das Weltjugendtreffen in Paris auch für über 1200 Schweizer ein grossartiges Erlebnis. Vorher gab es Bedenken gegen Massenveranstaltungen und den einladenden Papst. Zudem begann während dieses Treffens vom 18. bis 24. August 1997 in der Schweiz das neue Schuljahr bzw. Lehrjahr. Allerdings waren nicht nur Schüler und Lehrlinge, sondern alle jungen Menschen im Alter von 18­35 Jahren zum Weltjugendtreffen eingeladen.
Schliesslich brachen über 1200 junge Schweizer nach Paris auf, mehr als 350 aus der deutschen Schweiz (besonders aus dem Bistum Basel, auch von Chur, von der Jugend 2000, zwei Klassen aus dem Lehrerinnenseminar Baldegg und zwei Gruppen von Jung-Schönstatt). 650 kamen aus der französischen Schweiz, davon 200 nur am Weekend, dazu 160 Tessiner. Auch vier Schweizer Bischöfe waren in Paris: Norbert Brunner, Wolfgang Haas, Pierre Bürcher und Martin Gächter.
Welche Einstellung haben die Jugendlichen, die zu einem Weltjugendtreffen mit dem Papst kommen? Ganz verschiedene: Sie kommen aus allen Richtungen und Denkweisen. Es kommen keineswegs nur Papst-Fans, Jugendliche aus geistlichen Bewegungen oder konservativen Kreisen. Viele kamen mit einem kritischen Sinne, abwartend. Manche waren eher zufällig dabei wegen ihren Freunden und Freundinnen oder weil ihnen jemand die Reise gestiftet hat.

Sorgfältige Vorbereitung

Auch bei den gastgebenden Franzosen war ein kritischer Geist zu spüren. Sie kennen die Bedenken gegen Massenveranstaltungen und Zentralismus. Deshalb haben sie schon vor zwei Jahren aus allen Ländern Jugendvertreter dreimal zu einem längeren Wochenende nach Paris eingeladen, um mit ihnen alle Pläne und Vorbereitungen zu besprechen. Das gab den Ländervertretern, zu denen auch ich gehörte, mehr Sicherheit, um mit Überzeugung fürs Weltjugendtreffen zu werben. In der Schweiz geschah die Vorbereitung in den drei grossen Sprachregionen: im Tessin durch die Pastorale giovanile Lugano, in der französischen Schweiz durch PBR (Pèlerinages Bibliques de Suisse Romande, Lausanne), zusammen mit den kantonalen Jugendseelsorgern. In der deutschen Schweiz kamen die umfangreichen Vorbereitungen nur schleppend voran. Deshalb musste der Jugendbischof viel Organisationsarbeit selber übernehmen.

Dezentralisation

Die gastgebenden Franzosen wollten deutlich machen, dass Frankreich nicht nur aus dem Zentrum Paris besteht, sondern aus vielen Regionen und Diözesen. Deshalb wurden die Ausländer zuerst (vom 14. bis 18. August) in eine französische Diözese eingeladen, die wir selber auswählen konnten. Die Tessiner fuhren zuerst nach La Salette, die Romands nach Annecy zum früheren Bischof von Genf: Franz von Sales, die Jugend 2000 nach Lisieux und wir Deutschschweizer nach Strassburg. Bei diesem Beginn in den verschiedenen Provinzen waren allerdings nicht so viele Schweizer dabei, wohl auch aus Zeitmangel.
Mit meiner Gruppe war ich in Strassburg. Dort durften wir in einem grossen Gefängnis mit den Gefangenen einen eindrücklichen Gottesdienst feiern und anschliessend mit ihnen sprechen. Wir besuchten den St. Odilienberg, das Europa-Parlament, den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Wir feierten einen internationalen Gottesdienst im riesigen Strassburger Münster, dessen prächtige Silbermann-Orgel wir in einem abendlichen Orgelkonzert bei stimmungsvollen Beleuchtungswechseln bewundern konnten. In einem grossen Saal stellten sich 2000 Jugendliche aus den verschiedenen Nationen mit Liedern, Szenen und Tänzen vor.

Herzliche Aufnahme in Paris

Am 18. August fuhren wir mit der Bahn nach Paris, wo wir in einer Vorortspfarrei herzlich aufgenommen wurden, je nach Wunsch in Gemeinschaftsunterkünften in Schulen und Pfarreiheimen oder privat bei Familien. Jeder Teilnehmer bekam einen Pilgersack mit einem 300seitigen Programm- und Liturgieheft, einem Ausweis für alle Eintritte und einem Generalabonnement für alle Vorortsbahnen, Métros und Busse. Wie bei den Franzosen nicht anders zu erwarten ist, war das Essen überall köstlich zubereitet und dessen Ver-teilung an allen Orten bestens organisiert.

Frohe Stimmung überall

Am meisten Eindruck machten die vielen Tausend Jugendlichen, die aus allen Ländern zusammenkamen: friedlich und fröhlich. Noch nie soll es in Paris, einer weltbekannten Stadt des Vergnügens, so fröhlich zugegangen sein wie bei diesem Weltjugendtreffen. Überall wurde gelacht und gesungen. In den Gängen und Zügen der Métros hörte man immer wieder «Magnificat», «Halleluja», «Laudate omnes gentes». Wenn dazu auch Trommeln erklangen, waren es Afrikaner, während Kastagnetten auf Spanier oder Mexikaner hinwiesen. Auch auf den Strassen und Plätzen wurde gesungen, getanzt und gelacht. Diese frohe Stimmung der jungen Menschen hat in kürzester Zeit auch die vielen kritischen Pariser und Medien umgestimmt. Die vielen jungen Menschen haben nichts zerstört, nicht randaliert, keine Drogen und keinen Alkohol konsumiert. Da wurde eine andere Kultur gepflegt als bei manchen andern grossen Jugendanlässen. Einige Störefriede wollten den Jugendlichen auf der Strasse Kondome («Pariser»!) verteilen. Doch diese wurden von den Jugendlichen lachend abgelehnt, weil sie das nicht brauchten, um miteinander fröhlich zu sein.
Nach den Studentenunruhen, die im Jahre 1968 in Paris begannen, schienen die Journées Mondiales de la Jeunesse (JMJ) Paris 1997 zur «Gegenrevolution» der Liebe zu werden. Wo kann man heute so viel positive, friedliche und fröhliche Jugend erleben? Da war kein Zwang zum Herunterreissen und Protestieren spürbar. Viele wagten es, wieder öffentlich zu ihrem katholischen Glauben zu stehen, zum Gebet und zum Gottesdienst, auch zur Kirche mit Bischöfen und Papst.

Vertiefung des christlichen Glaubens

So kamen die Jugendlichen erstaunlich zahlreich zu den drei Katechesen, die am Mittwoch bis Freitag, von 10­13 Uhr in 19 verschiedenen Sprachen und 111 Kir-chen von Bischöfen angeboten wurden. Thema war in diesem Christus-Jahr der Vorbereitung aufs Jahr 2000 die Bedeutung von Christus für jeden Jugendlichen: «Herr, wo wohnst Du? ­ Kommt und seht!» (Joh 1,38f.). Nach einem bischöflichen Impulsvortrag diskutierten die jungen Leute in kleinen Gruppen. Anschliessend gaben sie ergreifende Erkenntnisse und Glaubenserfahrungen weiter, die dann in eine gemeinsame Eucharistie einflossen. Diese drei Vormittage zeigten, wie wichtig vielen Jugendlichen die Vertiefung des christlichen Glaubens ist.

Jugendfestival

Beim Jugendfestival konnten sich die Jugendgruppen und Nationen an verschiedenen Orten begegnen. Biblische Musicals und geistliche Theater wurden aufgeführt, soziale Probleme besprochen, Erfahrungen wurden ausgetauscht, miteinander wurde gebetet und gesungen. Im Programmheft gab es gute Hinweise für Stadtrundgänge auf den vielen christlichen Spuren, die auch Heilige und Selige hinterliessen. Am 22. August wurde der grossartige Gründer der Vinzenz-Konferenzen, der junge Professor Frédéric Ozanam (1813­1853) vom Papst seliggesprochen.

Die grossen Gottesdienste

Zu den vielen Gruppenanlässen und Einzelbegegnungen kamen die grossen gemeinsamen Gottesdienste: am Dienstagabend die Eröffnungsmesse mit dem Pariser Kardinal Lustiger auf dem Marsfeld. Auf diesem herrlichen Platz zwischen Eiffelturm und Militärakademie kamen bereits über 300000 Jugendliche zusammen. Auf dem gleichen Platz wurde Papst Johannes Paul II. am Donnerstagabend empfangen mit viel Freude, Gesängen und Fahnen. In vielen Sprachen und mit köstlichem Humor begrüsste der Papst 500000 junge Leute aus 157 Ländern. Der Papst wirkte etwa müde und gealtert. Als er bei einem Hustenanfall nicht mehr weiterreden konnte, überbrückte ein sympathischer Applaus dieses Malheur. Die jungen Leute waren dankbar, dass der Papst trotz seines Alters beim Jugendtreffen dabei sein wollte. Sie schätzen seine Liebe zur Jugend und das grosse Vertrauen, das er immer in sie setzt.
Am Samstagabend kamen 800000 auf der grossen, riesigen Pferderennbahn in Longchamp zusammen, viel mehr als erwartet. Zehn junge Frauen und Männer aus den fünf Kontinenten liessen sich vom Papst taufen und firmen. In dieser eindrücklichen Feier wurden wir an unsere eigene Taufe und Firmung und damit an unsere christliche Würde erinnert. Wiederum hat das französische Fernsehen eindrückliche Bilder in alle Welt gesandt, von denen das Schweizer Fernsehen allzu wenige übernommen hat!
Nach der schönen Nachtfeier übernachteten die Jugendlichen in Schlafsäcken auf dem Platz oder im nahen Bois de Boulogne. Was wäre geschehen, wenn ein Gewitter gekommen wäre? Die Franzosen vertrauten darauf ­ und viele beteten schon ein Jahr dafür, dass es schön bleibt! Tatsächlich ist während der ganzen Woche kein Tropfen Regen gefallen! Eher wäre das Verdursten ein Problem gewesen, wenn nicht überall genügend frisches Wasser zur Verfügung gestanden wäre!
Am Sonntagmorgen kamen noch mehr Leute zum Schlussgottesdienst zusammen, über 1,2 Millionen sollen es gewesen sein. Nicht alle konnten auf den Altar sehen, aber hören konnten sie die Gebete, die Ansprache des Papstes und die vielen schönen Gesänge. Dann folgte die Aussendung der vielen Jugendlichen in ihre Heimat und Ortsgemeinde. Unter grossem Applaus kündete der Papst an, dass er am kommenden Missionssonntag die jugendliche heilige Theresia von Lisieux zur Kirchenlehrerin erklären werde. Auch lud er schon zum nächsten Weltjugendtreffen nach Rom im Jahre 2000 ein. Nach dem Schluss-Segen strömten die vielen Jugendlichen in alle Himmelsrichtungen auseinander, voll von Eindrücken und Freude.

Was bleibt?

Ist jetzt alles vorbei ­ nur noch Erinnerungen? Von den Jugendlichen höre ich, dass sie die vielen eindrücklichen Erlebnisse von Paris nicht vergessen können: das friedliche Miteinander von Jugendlichen aus allen Nationen, die vielen Gespräche, das Erfahren der Probleme und Hoffnungen anderer Nationen und Kontinente. Unvergesslich bleibt das frohe Zusammensein bei den vielen Jugendtreffen und Gottesdiensten. Es fehlte auch nicht die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben und mit der Kirche. Diese wurde nicht als Institution, sondern als weltweite Versammlung von interessanten Menschen erlebt. Begegnungen mit vielen jungen Priestern, Ordensfrauen, mit 500 Bischöfen und dem Papst waren möglich.
Grossen Eindruck machten die 10000 jugendlichen Volontaires mit ihren grünen Hemden und eleganten Strohhüten, die überall hilfreich da waren. Nicht zu vergessen sind auch die vielen Tausend Erwachsenen in allen Diözesen und Pfarreien, welche die vielen Unterkünfte bereitstellten. Durch diese grosse Aufgabe sind viele Pfarreien aktiviert worden und ihre Mitglieder freundschaftlich zusammengewachsen. Auch das ein bleibendes Ergebnis dieses Weltjugendtreffens. So kam es auch zu vielen grossartigen Begegnungen zwischen den Generationen, zu einer neuen gegenseitigen Wertschätzung, als wohltuende Überwindung des Misstrauens zwischen den Generationen, das 1968 in Paris gesät wurde.
Unmöglich können alle weiterwirkenden Früchte des Weltjugendtreffens aufgezählt werden. Sicher ist nur, dass sich viele Jugendliche auch zu Hause weiter regelmässig treffen. In Paris wollten alle Schweizer der deutschen, französischen und italienischen Sprache zusammenkommen, wie das schon in Manila und Denver möglich wurde. Solche gesamtschweizerischen Jugendtreffen kennen wir in der Schweiz selber nicht, die gab es bisher nur an den Weltjugendtreffen im Ausland! Dazu hatten wir die moderne Kathedrale von Evry unseres Schweizer Architekten Mario Botta vorgesehen. Leider kam aber dieses Treffen nicht zustande, weil unser Papst für den Freitag die gleiche gute Idee ­ und auch den Vorrang ­ hatte! So wollen die Schweizer Jugendlichen aus allen Sprachregionen im nächsten Jahr am 12./13. September 1998 auf dem Monte Tamaro im Tessin zusammenkommen, wo Mario Botta ebenfalls eine supermoderne Bergkirche gebaut hat. Zu diesem gesamtschweizerischen Jugendtreffen sind alle eingeladen, auch die nicht am Weltjugendtreffen waren.


Nüchternheit!

Im Pressecommuniqué der 237. Ordentlichen Versammlung der Schweizer Bischofskonferenz liest man zum XII. Weltjugendtreffen 1997 in Paris, dass diese Tage, für die Delegierten reich an Zeichen der Einheit und der Hoffnung, alle Erwartungen weit übertroffen hätten. Man spricht von über 1000 Jugendlichen und Jungen, aus anderen Quellen hört man von 1200 Schweizer Jugendlichen, die in Paris Dynamik und Energien empfingen. Meist vergisst man, auch grössere Zahlen in Relation zu sehen. Alle haben Freude an einem Hoffnungsschimmer, und man soll glimmenden Docht nicht ausblasen. Immerhin fiel das Treffen in die Sommerferien von Studenten und Berufsschülern. Ausserdem gibt es heute verbilligte Arrangements für Jugendreisen. 1000 engagierte Jugendliche hat beispielsweise allein der katholische Pfadfinder- und Pfadfinderinnenverband des Kantons Luzern, 1000 katholische Jugendliche und mehr haben in einem kleineren katholischen Kanton allein in diesem Jahr die Maturität, das Diplom einer Berufs- oder Fachschule gemacht. Oder in einer Grosspfarrei sind oder wären leicht 1000 Jugendliche zu mobilisieren. Vieles stimmt da nicht: die vielzitierte Sehnsucht, der Vergleich, die Realität. Wenn nur Jugendliche aus dem rechtesten Spektrum in Paris waren... dann wird aus der Täuschung eine Ent-täuschung. Auch die absolut genommene Zahl von zum Katholizismus konvertierten Klerikern wegen der Einführung des Frauenpriestertums in der Anglikanischen Kirche soll etwa 1,5% des anglikanischen Klerus ausmachen. Eine kleine Hoffnung ist noch lange nicht die grosse Vision für die Zukunft. Aus dem Senfkorn kann ein Baum werden, wenn Gott will. Das Reich Gottes wird gegeben, auch das Feuer der Begeisterung, wie: Das müsste nüchtern überdacht und betend angegangen werden.

Gero Niederberger


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997