SKZ 44/1997

INHALT

Pastoral

Was können Christen Gutes für die Juden tun?

von Stephan Leimgruber

Gut fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Schweiz wegen ihres damaligen Verhaltens ins Gerede gekommen. Am 5. März 1997 hat Bundespräsident Arnold Koller eine freimütige Erklärung im Namen des Gesamtbundesrates abgegeben, dabei die schwerwiegenden Fehler offen zugegeben und die Bereitschaft bekundet, die Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten, daraus zu lernen, Solidarität mit den Opfern aller Art zu zeigen und für zukünftige Generationen eine neue Ausgangslage zu schaffen. Die Schweizer Bischöfe haben in ihrer Frühjahrssitzung 1997 Fehler der Kirche gegenüber den Juden ebenfalls eingestanden und mit Bezug auf die Konzilserklärung Nostra aetate (Nr. 4) die Unvereinbarkeit zwischen christlichem Glauben und Antisemitismus bzw. Antijudaismus unterstrichen. Die römisch-katholische Zentralkonferenz des Kantons Zürich hat nun eine umfassende Studie in Auftrag gegeben, welche den schweizerischen Katholizismus im Zeitalter der Totalitarismen (1920­1950) untersuchen soll.

Irrtümer nicht perpetuieren

Diese Bemühungen dürfen die Verkündigung in Predigt und Religionsunterricht nicht gleichgültig lassen. Vielmehr sollen Seelsorgerinnen und Seelsorger, Katechetinnen und Katecheten vor Ort das Ihre zu einem gedeihlichen Miteinander von Christen und Juden beitragen. Grosse Schuldbekenntnisse mögen eindrücklich sein, noch mehr aber zählt, wie weit es gelingt, aus Fehlern für die tägliche homiletische und katechetische Praxis zu lernen und die Konsequenzen aus früheren Irrtümern zu ziehen. Dazu gehört ein Abrücken vom Substitutionsmodell, wonach Gott durch das Kommen Jesu den Bund mit dem Volk Israel aufgelöst und die Kirche an die Stelle des alten Bundes gesetzt habe. Dazu gehört die Enterbungsthese, wonach Jesus und der Zwölferkreis, welcher die zwölf Stämme Israels repräsentiert, das alte Volk Gottes beerbt hätten. Und dazu gehört auch die Verwerfungsthese, welche in den Juden, die Jesus als Messias abgelehnt haben, Ungläubige (infideles) erkennt, Blinde (vgl. die Darstellungen der Synagoge in Strassburg und Bamberg) und Verstockte, die Gott verworfen hat. Auch die Vorurteile über die stolzen und geldgierigen Juden, die Max Frisch im Drama «Andorra» dargestellt hat, gehören zu diesen Irrtümern, die es schonungslos aufzudecken und zu vermeiden gilt.

An die Seelisberger Thesen anschliessen

Wie die Schweizer Bischöfe in Erinnerung riefen, so haben die Seelisberger Thesen noch nichts an Aktualität verloren und müssen in der christlichen Erziehung rezipiert werden. Diese Thesen wurden an einer internationalen Tagung von Juden und evangelischen und katholischen Christen kurz nach dem Krieg vom 30. Juli bis zum 5. August 1947 in Seelisberg aufgestellt. Sie besagen, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und Neue Testament spricht (These 1), dass das Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe bereits im Alten Testament verkündigt wurde, von Jesus aufgegriffen und bestätigt wurde und für Christen und Juden gleichermassen gilt (These 4), dass das biblische und nachbiblische Judentum nicht auf Kosten des Christentums herabgesetzt werden dürfe (These 5), dass «Juden» und «Feinde Jesu» nicht synonym zu verwenden sind (These 6), dass durch die Lektüre der Passion nicht Hassgefühle geweckt werden und alle Juden für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden sollen (These 7), dass das Blutwort durch die Vergebungsbitte am Kreuz zu ergänzen sei (These 8) und dass niemals der gottlosen Meinung Vorschub geleistet werden dürfe, das jüdische Volk sei verflucht und zu ständigem Leiden bestimmt (These 9).
Die Seelisberger Thesen werden heute dann konsequent weitergeführt, wenn zum Prinzip erhoben wird, dass der christliche Glaube von seinem jüdischen Wurzelgrund her anzusehen ist. Dies muss deutlich werden, wenn von Jesus, dem Christus, gesprochen wird. Es hat sich unter anderem auch in der Redeweise von der jüdisch-christlichen (statt nur christlichen) Glaubensgeschichte durchgesetzt. Bis heute gibt es Religionsbücher, die Jesus Christus, aber auch seine Mutter Maria und die Jünger, losgelöst von ihrer Herkunft behandeln. Selbst das «Allgemeine katechetische Direktorium» (1973) zur katechetischen Realisierung der Konzilsbeschlüsse fokussiert die Katechese so sehr christozentrisch, als wäre ein Sprechen von Jesus im luftleeren Raum möglich. Gewiss, das Judentum ist nicht das einzige Thema des Religionsunterrichtes, doch sollte es, wenn immer möglich, sachgerecht behandelt werden.

Impulse für den christlichen Religionsunterricht

Der Religionsunterricht wird heute als lebendiges interaktives Geschehen verstanden, bei dem die Grundeinstellungen der Lehrpersonen und die Atmosphäre nicht zu unterschätzende Rollen spielen. Es zeigt sich dabei, wie weit die zu behandelnden Inhalte auch durch Eigenerfahrungen abgedeckt sind. Auf unser Thema bezogen wird im Unterricht transparent, ob ein Priester, eine Katechetin oder ein Katechet heute lebende Juden kennenlernen durfte, ob er bzw. sie schon eine Synagoge betreten und einen jüdischen Gottesdienst mitgefeiert hat, vielleicht auch, ob das «heilige Land» aus eigener Anschauung bekannt ist oder nicht. Lernen durch Begegnung ist ebenso wichtig, wenn nicht prägender, als Textarbeit und indirektes vermitteltes Lernen durch Medien. In personalen Begegnungen können Fremdheit und Vorurteile aufgebrochen und persönliche Beziehungen angebahnt werden.
Das Judentum im christlichen Unterricht ist kein Thema, dass allein dem Oberstufenunterricht reserviert bleiben soll. Gewiss legt sich dort eine systematische, auch geschichtliche und kulturelle Behandlung nahe. Aber bereits auf der Unterstufe gibt es manche Gelegenheit (z.B. biblische Texte, Feste, aktuelle Ereignisse), die Verweise auf das Judentum nahelegen. Ein aufbauendes, spiralförmiges Lernen ist geboten. Die Gebete (z.B. das Vaterunser, das eucharistische Hochgebet) sollen von ihrer jüdischen Herkunft her ebenso erklärt werden wie die christliche Ethik und Eschatologie. Bei all diesen Gelegenheiten mögen das Gemeinsame zwischen jüdischem und christlichem Glauben betont, das Differente geklärt und die Hierarchie der Wahrheiten beachtet werden.

­ Mit Selbstverständlichkeit gehört die Erzählung vom jüdischen Pesachmahl zum Erstkommunionunterricht oder zur späteren vertieften Hinführung zur Eucharistie. Sie soll aufzeigen, in welchem Kontext Jesus lebte und glaubte, und wie er die Struktur dieses Mahles benutzte, um seine Sendung zu verdeutlichen.

­ Die (jährliche) Busserziehung in der Fasten- und Adventszeit und die Hinführung zum Busssakrament dürfen die Umkehrpredigt der Propheten nicht unterschlagen, sondern müssen ihr kritisches, befreiendes und innovatives Potential für heute aktualisieren. Selbst manche neutestamentliche Gleichnisse können in ihren jüdischen Parallelen ausgeführt werden.

­ Die Firmvorbereitung wird bei der näheren Hinführung zur Firmliturgie die Spendeformel erläutern und auf den sieben- (bzw. sechs-)fältigen Geist Gottes (Jesaja 11,2) Bezug nehmen. Und eine Pfingstkatechese sollte nicht auf das Gegenbild der babylonischen Sprachverwirrung verzichten.

Alttestamentliche Perikopen in der Predigt

Christinnen und Christen erweisen ihrem eigenen und dem jüdischen Glauben einen echten Dienst, wenn sie die in der Liturgie vorgesehenen alttestamentlichen Texte systematisch ­ oder doch mindestens gelegentlich ­ in ihre Meditation und Predigt einbringen. Gewiss, diese Perikopen kommen uns oft quer und kulturell entlegen vor, doch lohnt sich eine intensivere Befassung mit ihnen ­ schon für die eigene Spiritualität. Sie erschliessen ferner den Gläubigen den Erfahrungsschatz der Bibel. Oft springen die Bezüge zwischen Lesung und Evangelium schnell in die Augen und aktivieren unsere ausgedehnten alttestamentlichen Studienzeiten... In manchen neutestamentlichen Perikopen erscheinen ferner «die Pharisäer» in einem grellen Licht als Heuchler und herzlose Gesetzesbeobachter. Dabei wird vergessen, dass Jesus keiner anderen Gruppe so nahe stand wie ihr und dass damit ein allzu einseitiges Bild gezeichnet wird. Dieses sollte die Predigt nicht verstärken und einer jesuanischen Ethik des Herzens gegenübergestellt werden. Gerade hier zeigt sich, wie manche Antijudaismen biblische Anhalte haben und nicht tale quale auf heutige Situationen übertragbar sind. Die Predigt sollte auf die Entstehungssituationen der biblischen Antijudaismen in der sich formenden jungen Kirche, die sich vom Judentum abgrenzen musste, eingehen und den Zuhörenden verständlich machen.

Eine sensible Sprechweise gefordert

35 Jahre nach Konzilsbeginn wird immer deutlicher, wie reformabel selbst Konzilskonstitutionen und -erklärungen sind. Mit Recht hat das Zentralkomitee der deutschen Katholiken den «Katechismus der katholischen Kirche» (1992) in seinen Aussagen zum jüdischen Glauben, obwohl sie durch und durch vom Konzil geprägt sind, insofern kritisiert, als er die Chance verpasste, fragwürdig gewordene Positionen zwischen Kirche und Judentum weiterzuführen. Erich Zenger und andere haben vor einigen Jahren begonnen, nicht mehr vom «Alten» Testament, sondern vom «Ersten» Testament zu sprechen. Damit möchten sie die heutige Konnotation von «alt» = «veraltet» und «abgetan» anders umschreiben. Unversehens hat sich allerdings eine neue Schwierigkeit eingeschlichen, weil mit «zweitem» Testament leicht ein «zweitklassiges» oder «nachrangiges» Testament verbunden werden könnte. Hier wird deutlich, wie sehr die Sprache im Flusse ist und sich Bedeutungen wandeln.
In einer zweiten Hinsicht ist von den Predigenden eine sprachliche Sensibilität gefordert, nämlich, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang mit dem Reden vom alten und neuen Bund. Die Predigt muss in jedem Fall den Eindruck des Substitutionsmodells vermeiden, dass nämlich der alte Bund lediglich Vorbereitungs- und Verheissungscharakter habe und letztlich durch die Kirche ersetzt wurde. Dagegen ist das Theologoumenon von Gottes nie gekündigtem Bund (Röm 9­11) zu betonen, das mittlerweile Eingang in offizielle Texte (z.B. in die Ansprache Johannes Pauls II. 1980 in Deutschland vor den jüdischen Gläubigen) gefunden hat. In der Tat steht das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum neu zur Disposition und bedarf ebenso der Klärung wie überhaupt das Verhältnis zwischen Christentum und den grossen Religionen. Ein sensibles Sprechen in dieser Hinsicht wird jede Herabsetzung des Judentums, das sich nicht mehr bloss als Vorbereitung auf das Christentum versteht, abwehren, ohne den (inklusiven) Anspruch des Christentums zu verwässern.

Stephan Leimgruber, Priester des Bistums Basel, ist Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Hochschule Paderborn


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997