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Pastoral |
Gut fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Schweiz wegen ihres damaligen Verhaltens ins Gerede gekommen. Am 5. März 1997 hat Bundespräsident Arnold Koller eine freimütige Erklärung im Namen des Gesamtbundesrates abgegeben, dabei die schwerwiegenden Fehler offen zugegeben und die Bereitschaft bekundet, die Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten, daraus zu lernen, Solidarität mit den Opfern aller Art zu zeigen und für zukünftige Generationen eine neue Ausgangslage zu schaffen. Die Schweizer Bischöfe haben in ihrer Frühjahrssitzung 1997 Fehler der Kirche gegenüber den Juden ebenfalls eingestanden und mit Bezug auf die Konzilserklärung Nostra aetate (Nr. 4) die Unvereinbarkeit zwischen christlichem Glauben und Antisemitismus bzw. Antijudaismus unterstrichen. Die römisch-katholische Zentralkonferenz des Kantons Zürich hat nun eine umfassende Studie in Auftrag gegeben, welche den schweizerischen Katholizismus im Zeitalter der Totalitarismen (19201950) untersuchen soll.
Diese Bemühungen dürfen die Verkündigung in Predigt und Religionsunterricht nicht gleichgültig lassen. Vielmehr sollen Seelsorgerinnen und Seelsorger, Katechetinnen und Katecheten vor Ort das Ihre zu einem gedeihlichen Miteinander von Christen und Juden beitragen. Grosse Schuldbekenntnisse mögen eindrücklich sein, noch mehr aber zählt, wie weit es gelingt, aus Fehlern für die tägliche homiletische und katechetische Praxis zu lernen und die Konsequenzen aus früheren Irrtümern zu ziehen. Dazu gehört ein Abrücken vom Substitutionsmodell, wonach Gott durch das Kommen Jesu den Bund mit dem Volk Israel aufgelöst und die Kirche an die Stelle des alten Bundes gesetzt habe. Dazu gehört die Enterbungsthese, wonach Jesus und der Zwölferkreis, welcher die zwölf Stämme Israels repräsentiert, das alte Volk Gottes beerbt hätten. Und dazu gehört auch die Verwerfungsthese, welche in den Juden, die Jesus als Messias abgelehnt haben, Ungläubige (infideles) erkennt, Blinde (vgl. die Darstellungen der Synagoge in Strassburg und Bamberg) und Verstockte, die Gott verworfen hat. Auch die Vorurteile über die stolzen und geldgierigen Juden, die Max Frisch im Drama «Andorra» dargestellt hat, gehören zu diesen Irrtümern, die es schonungslos aufzudecken und zu vermeiden gilt.
Wie die Schweizer Bischöfe in Erinnerung riefen, so haben die Seelisberger
Thesen noch nichts an Aktualität verloren und müssen in der christlichen
Erziehung rezipiert werden. Diese Thesen wurden an einer internationalen
Tagung von Juden und evangelischen und katholischen Christen kurz nach dem
Krieg vom 30. Juli bis zum 5. August 1947 in Seelisberg aufgestellt. Sie
besagen, dass ein und derselbe Gott durch das Alte und Neue Testament spricht
(These 1), dass das Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe bereits
im Alten Testament verkündigt wurde, von Jesus aufgegriffen und bestätigt
wurde und für Christen und Juden gleichermassen gilt (These 4), dass
das biblische und nachbiblische Judentum nicht auf Kosten des Christentums
herabgesetzt werden dürfe (These 5), dass «Juden» und «Feinde
Jesu» nicht synonym zu verwenden sind (These 6), dass durch die Lektüre
der Passion nicht Hassgefühle geweckt werden und alle Juden für
den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden sollen (These 7), dass das Blutwort
durch die Vergebungsbitte am Kreuz zu ergänzen sei (These 8) und dass
niemals der gottlosen Meinung Vorschub geleistet werden dürfe, das
jüdische Volk sei verflucht und zu ständigem Leiden bestimmt (These
9).
Die Seelisberger Thesen werden heute dann konsequent weitergeführt,
wenn zum Prinzip erhoben wird, dass der christliche Glaube von seinem jüdischen
Wurzelgrund her anzusehen ist. Dies muss deutlich werden, wenn von Jesus,
dem Christus, gesprochen wird. Es hat sich unter anderem auch in der Redeweise
von der jüdisch-christlichen (statt nur christlichen) Glaubensgeschichte
durchgesetzt. Bis heute gibt es Religionsbücher, die Jesus Christus,
aber auch seine Mutter Maria und die Jünger, losgelöst von ihrer
Herkunft behandeln. Selbst das «Allgemeine katechetische Direktorium»
(1973) zur katechetischen Realisierung der Konzilsbeschlüsse fokussiert
die Katechese so sehr christozentrisch, als wäre ein Sprechen von Jesus
im luftleeren Raum möglich. Gewiss, das Judentum ist nicht das einzige
Thema des Religionsunterrichtes, doch sollte es, wenn immer möglich,
sachgerecht behandelt werden.
Der Religionsunterricht wird heute als lebendiges interaktives Geschehen
verstanden, bei dem die Grundeinstellungen der Lehrpersonen und die Atmosphäre
nicht zu unterschätzende Rollen spielen. Es zeigt sich dabei, wie weit
die zu behandelnden Inhalte auch durch Eigenerfahrungen abgedeckt sind.
Auf unser Thema bezogen wird im Unterricht transparent, ob ein Priester,
eine Katechetin oder ein Katechet heute lebende Juden kennenlernen durfte,
ob er bzw. sie schon eine Synagoge betreten und einen jüdischen Gottesdienst
mitgefeiert hat, vielleicht auch, ob das «heilige Land» aus
eigener Anschauung bekannt ist oder nicht. Lernen durch Begegnung ist ebenso
wichtig, wenn nicht prägender, als Textarbeit und indirektes vermitteltes
Lernen durch Medien. In personalen Begegnungen können Fremdheit und
Vorurteile aufgebrochen und persönliche Beziehungen angebahnt werden.
Das Judentum im christlichen Unterricht ist kein Thema, dass allein dem
Oberstufenunterricht reserviert bleiben soll. Gewiss legt sich dort eine
systematische, auch geschichtliche und kulturelle Behandlung nahe. Aber
bereits auf der Unterstufe gibt es manche Gelegenheit (z.B. biblische Texte,
Feste, aktuelle Ereignisse), die Verweise auf das Judentum nahelegen. Ein
aufbauendes, spiralförmiges Lernen ist geboten. Die Gebete (z.B. das
Vaterunser, das eucharistische Hochgebet) sollen von ihrer jüdischen
Herkunft her ebenso erklärt werden wie die christliche Ethik und Eschatologie.
Bei all diesen Gelegenheiten mögen das Gemeinsame zwischen jüdischem
und christlichem Glauben betont, das Differente geklärt und die Hierarchie
der Wahrheiten beachtet werden.
Mit Selbstverständlichkeit gehört die Erzählung vom jüdischen Pesachmahl zum Erstkommunionunterricht oder zur späteren vertieften Hinführung zur Eucharistie. Sie soll aufzeigen, in welchem Kontext Jesus lebte und glaubte, und wie er die Struktur dieses Mahles benutzte, um seine Sendung zu verdeutlichen.
Die (jährliche) Busserziehung in der Fasten- und Adventszeit und die Hinführung zum Busssakrament dürfen die Umkehrpredigt der Propheten nicht unterschlagen, sondern müssen ihr kritisches, befreiendes und innovatives Potential für heute aktualisieren. Selbst manche neutestamentliche Gleichnisse können in ihren jüdischen Parallelen ausgeführt werden.
Die Firmvorbereitung wird bei der näheren Hinführung zur Firmliturgie die Spendeformel erläutern und auf den sieben- (bzw. sechs-)fältigen Geist Gottes (Jesaja 11,2) Bezug nehmen. Und eine Pfingstkatechese sollte nicht auf das Gegenbild der babylonischen Sprachverwirrung verzichten.
Christinnen und Christen erweisen ihrem eigenen und dem jüdischen Glauben einen echten Dienst, wenn sie die in der Liturgie vorgesehenen alttestamentlichen Texte systematisch oder doch mindestens gelegentlich in ihre Meditation und Predigt einbringen. Gewiss, diese Perikopen kommen uns oft quer und kulturell entlegen vor, doch lohnt sich eine intensivere Befassung mit ihnen schon für die eigene Spiritualität. Sie erschliessen ferner den Gläubigen den Erfahrungsschatz der Bibel. Oft springen die Bezüge zwischen Lesung und Evangelium schnell in die Augen und aktivieren unsere ausgedehnten alttestamentlichen Studienzeiten... In manchen neutestamentlichen Perikopen erscheinen ferner «die Pharisäer» in einem grellen Licht als Heuchler und herzlose Gesetzesbeobachter. Dabei wird vergessen, dass Jesus keiner anderen Gruppe so nahe stand wie ihr und dass damit ein allzu einseitiges Bild gezeichnet wird. Dieses sollte die Predigt nicht verstärken und einer jesuanischen Ethik des Herzens gegenübergestellt werden. Gerade hier zeigt sich, wie manche Antijudaismen biblische Anhalte haben und nicht tale quale auf heutige Situationen übertragbar sind. Die Predigt sollte auf die Entstehungssituationen der biblischen Antijudaismen in der sich formenden jungen Kirche, die sich vom Judentum abgrenzen musste, eingehen und den Zuhörenden verständlich machen.
35 Jahre nach Konzilsbeginn wird immer deutlicher, wie reformabel selbst
Konzilskonstitutionen und -erklärungen sind. Mit Recht hat das Zentralkomitee
der deutschen Katholiken den «Katechismus der katholischen Kirche»
(1992) in seinen Aussagen zum jüdischen Glauben, obwohl sie durch und
durch vom Konzil geprägt sind, insofern kritisiert, als er die Chance
verpasste, fragwürdig gewordene Positionen zwischen Kirche und Judentum
weiterzuführen. Erich Zenger und andere haben vor einigen Jahren begonnen,
nicht mehr vom «Alten» Testament, sondern vom «Ersten»
Testament zu sprechen. Damit möchten sie die heutige Konnotation von
«alt» = «veraltet» und «abgetan» anders
umschreiben. Unversehens hat sich allerdings eine neue Schwierigkeit eingeschlichen,
weil mit «zweitem» Testament leicht ein «zweitklassiges»
oder «nachrangiges» Testament verbunden werden könnte.
Hier wird deutlich, wie sehr die Sprache im Flusse ist und sich Bedeutungen
wandeln.
In einer zweiten Hinsicht ist von den Predigenden eine sprachliche Sensibilität
gefordert, nämlich, wie bereits erwähnt, im Zusammenhang mit dem
Reden vom alten und neuen Bund. Die Predigt muss in jedem Fall den Eindruck
des Substitutionsmodells vermeiden, dass nämlich der alte Bund lediglich
Vorbereitungs- und Verheissungscharakter habe und letztlich durch die Kirche
ersetzt wurde. Dagegen ist das Theologoumenon von Gottes nie gekündigtem
Bund (Röm 911) zu betonen, das mittlerweile Eingang in offizielle
Texte (z.B. in die Ansprache Johannes Pauls II. 1980 in Deutschland vor
den jüdischen Gläubigen) gefunden hat. In der Tat steht das Verhältnis
zwischen Judentum und Christentum neu zur Disposition und bedarf ebenso
der Klärung wie überhaupt das Verhältnis zwischen Christentum
und den grossen Religionen. Ein sensibles Sprechen in dieser Hinsicht wird
jede Herabsetzung des Judentums, das sich nicht mehr bloss als Vorbereitung
auf das Christentum versteht, abwehren, ohne den (inklusiven) Anspruch des
Christentums zu verwässern.
Stephan Leimgruber, Priester des Bistums Basel, ist Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Hochschule Paderborn