SKZ 36/1997

INHALT

Pastoral

Neue Bibelübersetzungen ­ ein Überblick

von Daniel Kosch

Nachdem 1980 die Einheitsübersetzung (EÜ), 1982 die Gute Nachricht. Die Bibel in heutigem Deutsch (GN 84) und 1984 die Revision der Lutherbibel (Luther 84) erschienen waren, herrschte im Bereich der grossen, weitverbreiteten Bibelübersetzungen im deutschen Sprachraum mehr als ein Jahrzehnt Ruhe.
Immerhin erschienen Übersetzungen von Einzelpersonen und Gruppen, denen das Ringen um ein möglichst urtext-nahes Deutsch gemeinsam war: 1988 veröffentlichte ein Kreis rund um Josef Hainz das Münchner Neue Testament (MNT), eine Studienübersetzung, und 1989 erschien das Neue Testament, übersetzt von Fridolin Stier (Stier). 1992 schliesslich wurde die Verdeutschung der Schrift von Martin Buber und Franz Rosenzweig (Buber/Rosenzweig) neu aufgelegt und durch eine preiswerte Ausgabe weiten Kreisen zugänglich gemacht.
Seit 1996 sind aber wieder die grossen, weit verbreiteten Übersetzungen an der Reihe: Der Brunnen-Verlag veröffentlichte 1996 Hoffnung für alle (HfA), von der revidierten Zürcher Bibel (ZB 96) erschienen im gleichen Jahr die Evangelien und die Psalmen und 1997 brachte die deutsche Bibelgesellschaft die Gute Nachricht Bibel (GN 97) auf den Markt, eine Revision der GN 84.
Eine differenzierte und detaillierte Würdigung und Kritik dieser grossen Neuausgaben ist an dieser Stelle nicht möglich. Eher geht es um eine Einführung und um erste Einschätzungen.

Die Seligpreisung der Armen im Geiste

Ein &laquoklassisches» und immer wieder diskutiertes Problem ist die Übersetzung des &laquomakarios» in den sogenannten &laquoSeligpreisungen», wobei der Glückwunsch an die Armen bei Matthäus (Mt 5,3) mit dem Zusatz «en pneumati» noch eine zusätzliche Schwierigkeit bietet. Ein weiterer Kernbegriff ist die «basileia ton ouranon», das &laquoHimmelreich». Wie gehen die neuen Übersetzungen mit diesem schwierigen Vers um?
HfA: Glücklich sind, die erkennen, wie arm sie vor Gott sind, denn Gottes Herrschaft und Herrlichkeit gehört ihnen. Dazu die Anmerkung zum ersten Wort: &laquoWörtlich: Glückselig, glücklich zu preisen.»
ZB 96: Selig die Armen im Geist ­ ihnen gehört das Himmelreich.
GN 97: Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten ­ mit Gott werden sie leben in seiner neuen Welt. Zu ...die nur noch wird angemerkt: &laquoWörtlich die Armen in bezug auf den Geist» und auf die Sacherklärungen verwiesen. Und zur Übersetzung ...mit Gott werden sie heisst es in der Fussnote: &laquowörtlich Ihrer ist die Herrschaft der Himmel», wobei mit einem * auf die Begriffserklärung zu &laquoHerrschaft» verwiesen wird. Die Sacherklärung zu den Seligpreisungen bringt wichtige Klärungen zum Stichwort «arm im Geist»: «Entsprechend der Bedeutungsbreite...im Hebräischen durchdringen sich zwei Bedeutungen Ðarm/arm an Lebenskraftð aufgrund wirtschaftlicher Not und gesellschaftlicher Ausgrenzung (= mutlos, verzweifelt) und: Ðgebeugt/gottergeben in der Gesinnungð (demütig, alles von Gott erhoffend). Der Ausdruck Ðarm in bezug auf den Geistð spielte damals in der Gemeinschaft von Qumran eine wichtige Rolle.» Noch ausführlicher bettet der Anhang das Stichwort &laquoKönigsherrschaft (Gottes)» in einen gesamtbiblischen und geschichtlichen Zusammenhang ein und rechtfertigt die unterschiedlichen Wiedergaben mit «Gott richtet seine Herrschaft auf», «Gott vollendet sein Werk» oder «Gottes neue Welt». Eigens erwähnt wird, dass Matthäus, «um nach jüdischer Sitte das Wort ÐGottð möglichst nicht auszusprechen, vorwiegend von der ÐHerrschaft des Himmelsð (spricht), was in dieser Übersetzung, da es für uns missverständlich ist, nicht nachgeahmt wird».
Im wesentlich kürzeren Anhang von HfA wird das Stichwort nicht aufgenommen. Auch die Wiedergabe von «basileia ton ouranon» mit dem Doppelausdruck «Gottes Herrschaft und Herrlichkeit» bleibt unkommentiert und entspringt offensichtlich keiner Grundsatzentscheidung, wird der gleiche Ausdruck doch anderswo mit «Herrschaft Gottes» (3,2) oder «Reich Gottes» (5,10) übersetzt. Letzteres ist auch deshalb bemerkenswert, weil damit der von Matthäus bewusst hergestellte Stichwortzusammenhang zwischen der ersten und der letzten Seligpreisung unsichtbar gemacht wird.
Die ZB 96 verzichtet ganz auf einen Anhang und bringt lediglich ein paar wenige textkritische Anmerkungen. Leserinnen und Leser sind fast auf den Text allein angewiesen ­ die einzige Lesehilfe besteht in den Verweisen auf Parallelstellen.
Ich runde diese erste Stichprobe mit einem kurzen Vergleich mit der GN 84 und der EÜ ab. In der GN 84 lautete Mt 5,3: «Freuen dürfen sich alle, die nur noch von Gott etwas erwarten und nichts von sich selbst; denn sie werden mit ihm in der neuen Welt leben.» Die Revision hat hier (wie an vielen anderen Stellen) eine Verdeutlichung des Textes zurückgenommen («und nichts von sich selbst»). Und sie hat die Übersetzung wieder stärker der formalen Struktur des Urtextes angenähert. Es wird deutlich erkennbar, dass es sich um einen Zuspruch handelt. Schliesslich macht sie mit den beiden Anmerkungen auf andere, &laquowörtlichere» Übersetzungsmöglichkeiten aufmerksam und weist auf den Anhang hin, wo das Stichwort &laquoSeligpreisungen» neu aufgenommen und dem Thema «Herrschaft Gottes» wesentlich mehr Platz eingeräumt worden ist.
Die EÜ übersetzt Mt 5,3: &laquoSelig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich» und merkt an: &laquoWörtlich: die im Geist Armen. Gemeint sind Menschen, die wissen, dass sie vor Gott nichts vorweisen können, und die daher alles von Gott erwarten.» Zum Stichwort &laquoHimmelreich» bietet sie bei 4,17 eine Anmerkung, die festhält, dass &laquoÐHimmelð ... eine im Judentum übliche Umschreibung für den Namen Gottes» ist.

Ein erster Vergleich

Eine Auswertung der Stichprobe ergibt: Die ZB 96 bemüht sich, die einzelnen griechischen Wörter und die sprachliche Struktur der Seligpreisung möglichst beizubehalten. Damit steht sie in der Tradition der «Zwingli Bibel», die für ihre Präzision hohe Wertschätzung geniesst. Dass aber kein Bemühen um Exaktheit um Entscheidungen herumführt, zeigt sich an der Übersetzung von basileia mit &laquoReich». &laquoBasileia» leitet sich her von &laquobasileus» (König) und könnte deshalb auch mit &laquoKönigtum» übersetzt werden (so Stier). Das weckt ganz andere Assoziationen, selbst wenn man &laquoHimmelreich» nicht mit dem «Dritten Reich» und das &laquoKönigtum» nicht mit dem britischen Königshaus verbindet...Das von den Verantwortlichen als fast «objektive Grösse» ins Feld geführte Übersetzungsprinzip der «Treue zum griechischen Urtext», flankiert mit den Hinweisen auf die angestrebte &laquoGenauigkeit», die zu wahrende &laquoFremdheit» des Bibeltextes und ein &laquoSprachniveau..., wie es in der hochsprachlichen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts gehalten wird» (H. Weder in der Pressemappe), erweist sich als durchaus relatives, von Vorentscheidungen und Vorlieben nicht unabhängiges Prinzip. Was die Ausstattung der vorliegenden Teilübersetzung betrifft, so ist ihr eine hohe ästhetische Qualität zu attestieren. Allerdings geht diese, wegen der sehr kleinen und feinen Schrifttype, auf Kosten der Brauchbarkeit (z.B. zum Vorlesen im Gottesdienst). Der Verzicht auf Anmerkungen zum Verständnis, Einführungen, Übersetzungsvarianten oder einen kommentierenden Anhang verstärkt den Eindruck, man habe einen objektiven, aus sich selbst heraus verständlichen Bibeltext vor sich und erinnert an das reformatorische Prinzip des «sola scriptura» (die Bibel allein).
Die GN 97 geht entschieden andere Wege. Sie knüpft zwar gegenüber der GN 84 wieder deutlicher an das &laquoBibeldeutsch» an, aber sie bemüht sich nach wie vor um «heutiges Deutsch» und ist auch insofern sachlich (nicht nur sprachlich) &laquomodern», als sie Leserinnen und Leser an der Pluralität der Übersetzungsmöglichkeiten, aber auch an den Voraussetzungen und Grundentscheidungen der Übersetzerinnen und Übersetzer teilhaben lässt. Die GN 97 lässt die Leser mit dem Text nicht allein, sondern gibt Lesehilfen von hoher Qualität. Wenn das Nachwort die Übersetzung als &laquokommunikativ» charakterisiert, dann kann dies nicht nur auf den &laquoÜbersetzungstyp» beschränkt werden, sondern trifft auch den Stil der Übersetzer und Übersetzerinnen und Herausgeber: Sie geben sich als Vermittler zu erkennen und machen sowohl die Schwierigkeiten des Vermittlungsprozesses als auch ihre Grundentscheidungen kenntlich. Die GN 97 ist, wie schon die GN 84, ein Lese- und Arbeitsbuch; die Vorlesbarkeit (z.B. im Gottesdienst) steht nicht im Vordergrund. Deshalb kann sie sich ein recht aufwendiges System von Anmerkungen, Verweiszeichen, Sacherklärungen usw. leisten, das jenen, die es wünschen, viel Zusatzinformationen vermittelt.
HfA schlägt einen dritten Weg ein, indem zwar (in der Pressemappe zur Präsentation) ebenfalls das Prinzip der «dynamischen Äquivalenz» genannt und die Verständlichkeit betont wird, aber abgesehen von einem eher bescheidenen Anhang mit Sacherklärungen und gelegentlichen Hinweisen auf wörtlichere Übersetzungen und Parallelstellen wenig Lesehilfen geboten werden. Auch der (frei?)kirchliche Hintergrund der Übersetzung bleibt unklar. Unter &laquoVerständlichkeit» stellen sich die Übersetzer von HfA offenbar etwas anderes vor als jene der GN. Wenn sie &laquoKönigtum der Himmel» mit «Gottes Herrschaft und Herrlichkeit» übersetzen, dann nähert sich die Sprache nicht jener von &laquosäkularisierten» Frauen und Männern an, sondern der Sprache von Menschen, denen Begriffe wie «Herrschaft und Herrlichkeit» in Gebeten und Liedern leicht von den Lippen gehen. Schon der Titel der Übersetzung, «Hoffnung für alle», gibt zudem zu verstehen, dass diese Übersetzung auf eine ganz bestimmte Wirkung aus ist. Sie möchte «Hoffnung für alle Menschen bringen. Der Leser soll selber erleben, was nach dem Bericht des Johannes (Johannes 4,42) jene Dorfbewohner in Worte fassten: ÐJetzt glauben wir nicht nur deshalb an Jesus, weil du uns von ihm erzählt hast. Wir haben ihn jetzt selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt!ð» (Vorwort). Schon die Hinweise auf die meines Erachtens eher tendenziöse als zur Verständlichkeit beitragende Übersetzung von &laquoKönigtum Gottes» mit «Herrschaft und Herrlichkeit» und auf die unmotivierte Auflösung der Klammer zwischen der ersten und letzten Seligpreisung werfen Fragen nach der Zuverlässigkeit und Sorgfalt von HfA auf.

&laquoSöhne», &laquoSöhne und Töchter» oder &laquoKinder»?

Eine der Kernfragen für eine heutige Bibelübersetzung betrifft die «frauengerechte Sprache» <1>. Welche Möglichkeiten es diesbezüglich gibt, sei erneut an den Seligpreisungen aufgezeigt, diesmal an Mt 5,9. Die ZB übersetzt: &laquoSelig, die Frieden stiften ­ sie werden Söhne Gottes genannt werden.» Eine Mitarbeiterin ZB 96 hat die Beibehaltung der ausschliesslichen Erwähnung der &laquoSöhne Gottes» mit dem Verweis auf den Hintergrund des Ausdrucks gerechtfertigt <2>. Es handelt sich um einen &laquoTitel, der eine lange Geschichte hat und ... mit ganz bestimmten Vorstellungen verbunden ist.» Es geht nicht um eine bloss metaphorische Formulierung für «eine besonders vertraute Gottesbeziehung», sondern «um einen höchsten Ehrentitel». Und grundsätzlich formuliert Hans Weder in der Pressemappe zur ZB 96 zum Stichwort «political correctness»: Es wäre «nicht zu verantworten gewesen, einen historisch gewachsenen Text zu korrigieren. Wer einen Text übersetzt, hat zunächst ihm und seiner Eigenart treu zu bleiben; eigene Vorlieben und der Geschmack der Zeit müssen zurücktreten.»
HfA formuliert: &laquoGlücklich sind, die Frieden stiften, denn Gott wird sie seine Kinder nennen.» Allerdings steht hinter dieser &laquoneutralen» Formulierung nach meiner Einschätzung keine Grundsatzentscheidung, denn in den Paulusbriefen werden die traditionellen &laquoBrüder» beibehalten und nicht mit &laquoGeschwister» übersetzt und die doch schon etliche Jahre alte Erkenntnis, dass in Röm 16,7 kein &laquoJunias», sondern eine &laquoJunia» genannt ist, wird nicht aufgenommen.
GN 97 schreibt: «Freuen dürfen sich alle, die Frieden stiften ­ Gott wird sie seine Söhne und Töchter nennen» und verweist auf die wörtliche Übersetzung und die Sacherklärung. Dort ist mit Hinweis auf den alttestamentlichen Hintergrund zu lesen, dass das NT von &laquoSöhnen Gottes» spricht, «obwohl Frauen mit Sicherheit eingeschlossen sind, was die Übersetzung in solchen Fällen zum Ausdruck bringt». Diese Übersetzung entspricht dem im Nachwort formulierten Anliegen, «eine Sprachform zu finden, die Frauen nicht diskriminiert oder ausgrenzt. Dabei geht es nicht um die kurzsichtige Anpassung an einen Modetrend, sondern um einen Akt der Gerechtigkeit.» Die Suche nach einer Sprache, «die Männer und Frauen in gleicher Weise anspricht», wird biblisch unter anderem mit Verweis auf &laquounübersehbare Impulse zu einer Neuorientierung im Sinne der Gleichwertigkeit von Mann und Frau im Kreis der Menschen, die sich Jesus anschlossen», begründet. Zugleich aber wird festgehalten: «Dass die Bibel aus einer patriarchalisch bestimmten Welt kommt, ist eine Tatsache, die sich in Sprache und Inhalt vielfältig niederschlägt. Die Übersetzung darf und will dies in keiner Weise vertuschen.»
Ob die Wiedergabe von «hyioi theou» in Mt 5,9 mit &laquoSöhne und Töchter Gottes» ein «Akt der Gerechtigkeit» ist oder «eigene Vorlieben und den Geschmack der Zeit» zu stark berücksichtigt, kann diskutiert werden. Aber die Argumentation, es handle sich um einen &laquohöchsten Ehrentitel», weshalb «Sohn Gottes» beizubehalten sei, muss äusserst kritisch hinterfragt werden: Können &laquohöchste Ehrentitel» nur männlich sein? Empfinden weibliche Leserinnen heute «Sohn Gottes» als &laquohöheren Ehrentitel», als wenn ihnen zugesprochen wird, sie seien &laquoTöchter Gottes»? Wie kann dieses Denkmuster mit der urchristlichen Taufformel (Gal 3,26­28) in Einklang gebracht werden, die den Zuspruch der «Ihr seid Söhne bzw. Söhne und Töchter (hyioi) Gottes» mit der Aufhebung der Unterschiede von Juden und Nichtjuden, Sklaven und Freien, Mann und Frau verbindet?
Meines Erachtens ist unbestreitbar, dass der griechische Ausdruck &laquoSöhne Gottes» zwar grammatisch männlich ist, aber inhaltlich nicht nur Männer meint. Die «Frauen für den Frieden» sind &laquomitgemeint». Ob dies in einer Übersetzung heute sichtbar gemacht werden soll oder ob man(n) bei einer Sprache bleiben will, die Frauen &laquomitmeint» und damit &laquounsichtbar» macht, ist so gesehen keine Frage der «Treue zum griechischen Urtext», sondern eine (sprach-)politische Entscheidung mit ethischen und ästhetischen Implikationen.
Anders präsentiert sich die Diskussionslage zum Beispiel im Fall der &laquoJünger» im Markusevangelium. Zwar erwähnt Mk 15,40­41 auch Frauen, die Jesus schon in Galiläa nachgefolgt sind. Aus diesem Text kann jedoch keinesfalls mit Sicherheit abgeleitet werden, dass Markus den Begriff &laquoJünger» im ganzen Evangelium generisch im Sinn von &laquoJüngerinnen und Jünger» versteht. Deshalb entscheidet sich auch die GN 97 diesbezüglich für die Beibehaltung der männlichen Sprachform, greift die Problematik aber in der Sacherklärung zu &laquoJünger» auf.
Die Problematik der «frauengerechten Sprache» erweist sich schon aufgrund dieser Beispiele als sehr komplex. Sie kann nicht auf einen einfachen Gegensatz von &laquoTexttreue» und «eigene Vorlieben und der Geschmack der Zeit» reduziert werden. Die feministisch-theologischen, aber auch die anthropologischen Diskussionen über die Zusammenhänge von Geschlechterdifferenz, Sprache und Gesellschaftsstruktur müssen ernster genommen werden, als dies in den mir zur Verfügung stehenden Unterlagen zur Zürcher Bibel geschieht. Sonst setzen sich Übersetzerteam und Herausgeberschaft dem Verdacht eines Antifeminismus aus, der sich hinter einem letztlich naiven Verständnis von &laquoTexttreue» versteckt.
Da die ZB 96 zurzeit in der Vernehmlassung ist, das Problem der frauengerechten Sprache bei Paulus nochmals akuter wird und Frauen ihre Bedenken bereits angemeldet haben, dürfte bezüglich der Endgestalt der revidierten Zürcher Bibel das letzte Wort aber noch nicht gesprochen sein.

Ausblick

Als katholischer Theologe hoffe ich, dass die Revision der «Guten Nachricht» auch die Herausgeberschaft der &laquoEinheitsübersetzung» ermutigt, ökumenisch verantwortbar eine Überarbeitung in Angriff zu nehmen. Tatsächlich handelt es sich bei der GN 97 um eine «ausgereifte moderne Bibelübersetzung» (H. Haugg in der Pressemappe). Die Verbindung der Rückkehr zur stärkeren «Sichtbarmachung biblischer Leitbegriffe» mit einer speziell, aber nicht ausschliesslich auf &laquoFrauenbelange» ausgerichteten Anpassung an neue exegetische Erkenntnisse und veränderte Sprachgewohnheiten machen die GN 97 zu einer Bibel, die vielen Ansprüchen Rechnung trägt.
Allerdings darf auch nicht übersehen werden, dass diese Vielfalt der Ansprüche, denen die GN 97 auch angesichts des starken Rückhalts der Bibelgesellschaft in evangelikalen Kreisen und Freikirchen Rechnung tragen muss, auch zu Kompromissen geführt hat. So hätten die beteiligten Frauen das Prinzip der Frauengerechtigkeit gerne noch konsequenter angewandt, was vor allem im Alten Testament eine wesentlich stärkere Überarbeitung erfordert hätte.
Trotz dieser und anderer Einschränkungen zeigt auch ein Vergleich der GN 97 mit der EÜ und der ZB 96 bezüglich der aktuellen und schwierigen Frage des Antijudaismus im Neuen Testament die Stärke dieser revidierten «Guten Nachricht». Während EÜ und ZB 96 im Johannesevangelium unkommentiert von «den Juden» sprechen, die Jesus töten wollen (z.B. 5,18), den Teufel zum Vater haben (8,44) und schliesslich auch für Jesu Kreuzestod verantwortlich sind (Kap 18­19), übersetzt die GN 97 nuanciert mit «die führenden Männer» (z.B. 5,10) bzw. «die führenden Priester» (z.B. 18,38), fügt sorgfältig formulierte Anmerkungen bei (z.B. zu 1,19 und 19,35) und schliesst die entsprechende Sacherklärung mit dem wichtigen Satz: «Die unheilvollen Auswirkungen, die das nicht mehr differenzierende und negativ besetzte Reden von Ðden Judenð später und bis in unsere Tage gehabt hat, liegen auf der Hand und müssen den Christen eine bleibende Warnung sein.» Damit sind wichtige Vorkehrungen gegen eine unkritische und unbiblische Reproduktion antijüdischer Klischees getroffen. In sensiblen Belangen, wie es das Verhältnis des Christentums zum Judentum nun einmal ist, zeigt sich der Sinn der Forderung des Zweiten Vatikanischen Konzils nach Übersetzungen, «die mit den notwendigen und wirklich ausreichenden Erklärungen versehen sind, damit die Kinder der Kirche (und auch die Nichtchristen) sicher und mit Nutzen mit den Heiligen Schriften umgehen und von ihrem Geist durchdrungen werden» (DV 25).
Die Revision der Zürcher Bibel setzt bewusst andere Akzente: Sie bietet eine textnahe Übersetzung, die sich an einem eher konventionellen Ideal literarischer Qualität orientiert. Sie beabsichtigt, «den Leserinnen und Lesern einen Text vorzulegen, der ihrem eigenen Denken und Wahrnehmen möglichst freien Raum lässt» (H. Weder in der Pressemappe). Diesem Kriterium der Übersetzungsarbeit wird sie gerecht, und wer eine literarisch hochstehende Bibel sucht, wird an den vorliegenden Evangelien und Psalmen Freude haben. Die Frage ­ ich formuliere sie bewusst klar und deutlich ­ ist allerdings die, ob andere Kriterien (z.B. Frauengerechtigkeit) und Bedürfnisse (z.B. Einblicke in Verständnisfragen und vielfältige Übersetzungsmöglichkeiten) nicht wichtiger sind als der Wunsch nach einem schönen und klaren Text, der eine Eindeutigkeit und Objektivität vorgibt, die Auslegungs- und Übersetzungsprobleme unsichtbar macht. Eine wünschenswerte Revision der EÜ könnte von der ZB 97 trotz dieser Rückfrage erheblich profitieren, und zwar sowohl in zahlreichen Einzelfragen, als auch bei der Suche nach einer überzeugenden sprachlichen Form.
Die Übersetzung «Hoffnung für alle» ist geleitet von der Überzeugung, dass die biblischen Texte «zum Texttyp der Ðoperativen Texteð (gehören), die geschrieben wurden, Ðum einen Textempfänger (...) in seiner Meinung zu beeinflussen und in seinem Verhalten zu Aktionen und Reaktionen zu provozierenð; sie sind ÐAufruf zur Umkehr und zu einem neuen Lebenð» (A. Findeisen-MacKenzie in der Pressemappe). Mit dieser Überzeugung ist das Bestreben verbunden, die Bibel so zu präsentieren, dass ihre Botschaft bei der Leserschaft möglichst direkt &laquoankommt». Das ist zwar anerkennenswert, darf aber nicht auf Kosten der Genauigkeit und der Kohärenz der Übersetzung gehen. Zudem ist es bedauerlich, wenn unter dem Stichwort «Aufruf zur Umkehr und zu einem neuen Leben» moralisiert wird, wie dies in zahlreichen Zwischenüberschriften und kommentierenden Erweiterungen des Textes geschieht, zum Beispiel im schönen Bildwort vom Salz der Erde (Mt 5,13): «Ihr seid das Salz, das die Welt vor dem Verderben bewahrt. Aber so, wie das Salz nutzlos ist, wenn es seine Kraft verliert, so seid auch ihr nutzlos, und man wird über euch hinweggehen, wenn ihr eure Aufgabe in der Welt nicht erfüllt.»
Allerdings werden auch die grossen Kirchen sich in der heutigen Situation nicht damit begnügen können, ihre Bibelübersetzungen zu revidieren, sondern werden ihrerseits mindestens ebensoviel Energie für Projekte und Institutionen einsetzen müssen, die erfahrbar und verständlich machen, dass die Bibel auch heute noch ein Hoffnungs-Buch, eine Gute Nachricht ist. Denn nur Frauen und Männer, die der Bibel solches zutrauen, werden die Bibel nicht nur kaufen oder gelegentlich etwas in ihr nachschlagen, sondern sie wirklich intensiv lesen. Und das allein rechtfertigt letztlich die grossen Revisionen, die im Gange (ZB 96) oder zu einem (gewiss wieder vorläufigen) Ende gekommen sind (GN 97).

Der promovierte Theologe Daniel Kosch leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks (SKB)


Abkürzungen

EÜ: Die Bibel. Einheitsübersetzung, Katholische Bibelanstalt, Stuttgart 1980.

GN 84: Die Bibel in heutigem Deutsch. Die gute Nachricht des Alten und Neuen Testaments, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1984.

GN 97: Gute Nachricht Bibel. Altes und Neues Testament, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1997.

ZB 96: Die Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas, Johannes. Die Psalmen, Verlag der Zürcher Bibel, Zürich 1996.

HfA: Hoffnung für alle. Die Bibel, Brunnen Verlag, Basel und Giessen 1996.

MNT: Münchener Neues Testament. Studienübersetzung, Patmos Verlag, Düsseldorf 1988.

Stier: Das Neue Testament. Übersetzt von Fridolin Stier, Kösel-Verlag und Patmos Verlag, München und Düsseldorf 1989.

Buber/Rosenzweig: Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1992.


Anmerkungen

<1>
Vgl. dazu S. Meurer (Hrsg.), Die vergessenen Schwestern. Frauengerechte Sprache in der Bibelübersetzung, Stuttgart 1993.

<2>
G. Zangger-Derron, in: Reformierte Presse, Beilage 25.10.96, 7.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997