SKZ 51-52/1997

INHALT

Lesejahr C

Die Last des Alters

von Thomas Staubli

Bibel: Die Versorgung der Alten sühnt Sünden

Jesus ben Eleazar mit dem Beinamen Sirach lebte wohl um 190 v. Chr. in Jerusalem. Seine Lehrschrift, eine Art Bibel-Kompendium, fand weite Verbreitung, besonders nachdem sie von seinem Enkel ins Griechische übersetzt worden war. Jesus Sirach war ein traditioneller Schriftgelehrter. Er schrieb bewusst als Mann für Männer, die ihr Leben ganz nach der Heiligen Schrift ausrichten wollten. Seine Zeit war geprägt von der hellenistischen Kultur, die sich im ganzen Mittelmeerraum ausbreitete. Sirach versuchte sich durch eine strenge, an der einheimischen Kultur und Religion ausgerichtete Lehre und Frömmigkeit der Vereinnahmung durch das Fremde zu entziehen. So kommt es, dass sich in seiner Schrift konservativ-patriarchales und widerständisch-prophetisches Gedankengut auf besondere Art und Weise mischen.

Im ersten Teil seines Buches (Kap. 1­23) listet Sirach in Form von Lehrgedichten die Tugenden des weisen Mannes auf. Voraussetzung für einen tugendhaften Mann ist eine strenge Erziehung in der Kindheit. Das ist opinio communis im Alten Orient. Beim Syrer Achiqar, dem berühmtesten aller Weisen, heisst es: «Verschone nicht deinen Sohn vor der Rute! Kannst du ihn denn sonst vor dem Übel retten?» Ähnliche Empfehlungen finden sich oft in den Sprüchen der alten israelitischen Weisheitslehrer (vgl. Spr 13,24; 19,18; 22,15; 23,13f.; 29,15). Sirach stellt sie allerdings mit seiner kompromisslosen Lehre autoritärer Erziehung in den Schatten (vgl. 7,23f.; 30,1­13). Ein Zweck dieser demütigenden Lebensschule ­ und gewiss kein nebensächlicher ­ war die Dienstbarmachung des Sohnes im Hinblick auf die alternden Eltern. Dieser Gedanke wird in Spr 29,17 ganz unverblümt ausgesprochen: «Züchtige deinen Sohn, und er wird dir Ruhe verschaffen und deiner Kehle Leckerbissen geben.»

Um die Versorgung der Alten (vgl. Kasten) geht es in der sonntäglichen Lesung, denn genau das ist mit der darin mehrfach geforderten Ehrerweisung gegenüber den Eltern gemeint. Es handelt sich um eine theologisch-pädagogische Entfaltung des Gebotes der Elternehrung im Dekalog (Ex 20,12; Dtn 5,16), auf das 3,2 anspielt. Die Erfüllung der Schuldigkeit gegenüber den Eltern wird von Sirach als eine Tat gewertet, der sündentilgende Kraft wie dem Sündopfer (vgl. Lev 4,27ff.) innewohnt (3,3.14f.). Wie jedes Opfer beschert sie den Opfernden Erhörung bei Gott (3,5), Leben (3,6) und Segen in Fülle (3,8). Besonders beachtlich ist Sirachs Mahnung, senile Greise nicht blosszustellen (3,13). Er öffnet damit den Weg zu einer Theologie des Alters, die wie jede Befreiungstheologie ihren Ausgangspunkt bei den Schwachen und Hilflosen nimmt. Wer sich durch ihre Gegenwart nicht erweichen lässt wird, dem Fluch Gottes ausgeliefert, der sich im Fluch der Mutter (!) konkretisiert (3,9.16) ­ die grösste Schande, die in Sirachs Lebenswelt denkbar war.

Kirche: Kinder als Kinder Gottes ansehen

Das Gebot der Elternehrung wurde als viertes Gebot in der Kirche lange Zeit als Disziplinierungsmittel der sogenannten «Schwarzen Pädagogik» missbraucht. Von Luther ist das Wort überliefert: «Ich will lieber einen toten Sohn haben als einen ungezogenen.» Und Deharbe, der Oberkatechet des 19. Jahrhunderts empfahl die Gewöhnung der Kinder «an raschen und pünktlichen Gehorsam um Gottes willen... Züchtigung empfiehlt der hl. Geist selbst.» Dass die Bibel nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder an Gottes Statt setzt (z.B. Ps 8,2f.; Mk 9,33­37), wurde lange Zeit nicht gesehen. Im Weltkatechismus wird die alte Pädagogik weiter propagiert. Immerhin ist nun aber auch der Satz zu finden: «Die Eltern sollen ihre Kinder als Kinder Gottes ansehen und sie als menschliche Personen achten» (Nr. 2222).

Welt: Die Last des Alters verteilen

Ein Vergleich unserer heutigen Lebenswelt mit der Welt der altisraelitischen Weisheitslehrer zeigt wie kaum ein Vergleich, wie drastisch sich die gesellschaftlichen Verhältnisse gewandelt haben. Nicht mehr Befehlen und Gehorchen ist das Ideal heutiger Pädagogik, sondern Verhandeln. Um dieses Ziel zu erreichen, ist ein sozial-integrativer, partnerschaftlicher Erziehungsstil gefragt. Nur dieser führt zu einer Ehrfurcht gegenüber den Eltern, die aus freien Stücken vollzogen und ehrlich ist. Es ist nicht zu übersehen, dass dieser moderne pädagogische Stil gleichzeitig mit der modernen Form von Altersversorgung entstand, für die AHV, Pensionskasse, Alterswohnungen, Altersheime, Altersresidenzen, Pflegeheime usw. weitgehend zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Das Ideal dieser westlichen Lebenswelt ist das «eigene Leben» (Ulrich Beck), das so autonom und individuell wie nur möglich ist, das heisst auch autonom in bezug auf engste Familienangehörige. Das bedeutet nicht, dass es keine Familiensolidarität mehr gibt. Nein: das Verständnis von Familie ist weiter, offener, jesuanischer (vgl. Mk 3,31­35) geworden. Das biblische Gebot der Elternehrung hat für die global vernetzten Individuen nicht an Bedeutung verloren. Vergessen wir nicht, dass eine staatlich, kommunal oder individuell geregelte Altersversorgung weltweit gesehen das Privileg einer Minderheit ist. In Ländern, wo nicht einmal das Existenzminimum garantiert ist, ist die Versorgung der unproduktiven Alten immer noch eine riesige Last auf den Schultern der Kinder (vgl. Bild). Da sie unsere Geschwister sind, ist es unsere Pflicht, ihnen bei der Erfüllung des Gebotes der Elternehrung zur Seite zu stehen. Das heisst ­ biblisch gesprochen ­ auf Gott hören, der in den armen alten Menschen gegenwärtig ist.

Literaturhinweis: Ulrich Beck u.a., Eigenes Leben. Ausflüge in die unbekannte Gesellschaft, in der wir leben, München 1995, bes. S.165­170.


Altersversorgung in der Antike

Die Ehrung/Versorgung der alternden Eltern ist das häufigste Sozialgebot der Bibel. Das zeigt an, wie gefährdet nutzlos gewordene Esser und Esserinnen in vorindustriellen Gesellschaften sind. Der juristische Schutz der Alten war in Israel um so wichtiger, als die Religion keine Ahnenverehrung zuliess. Bei Ausgrabungen im Vorderen Orient fanden sich öfters Verträge, die die Altersversorgung eines Erblassers regeln. So heisst es beispielsweise im Vertrag Chanadus aus Ugarit mit seinem Adoptivsohn Chutja: «Solange Chanadu lebt, wird Chutja ihn respektvoll behandeln. Chutja wird Jahr für Jahr ein Gewand zu seiner Bekleidung, 5 Imeru Gerste und 2 Imeru Weizen zu seiner Ernährung geben. Wenn Chanadu stirbt, wird Chutja ihn beweinen und begraben.» Bei den Griechen und Römern wurde das fromme und gerechte Verhalten gegenüber den alternden Eltern in Mythen und Epen durch heroische Vorbilder propagiert. Vergil besingt in diesem Sinne Aeneas, der seinen Vater Anchises auf der Flucht aus dem brennenden Troja auf dem Rücken trägt (vgl. Bild). Dieser prophezeit ihm nach seinem Tod die Rückkehr des goldenen Zeitalters unter Kaiser Augustus.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997