SKZ 51-52/1997

INHALT

Lesejahr C

Frohbotschaft

von Thomas Staubli

Bibel: Aug' in Auge mit Gott

Beim judäischen Volk im babylonischen Exil lebten Seelsorger und Seelsorgerinnen aus der Schule Jesajas. Von der Wissenschaft werden sie trocken Zweiter Jesaja (Deuterojesaja; Jes 40­55) genannt. Ihre trostreichen Worte an das geschundene Volk fern seiner Heimat müssen ohne Übertreibung als revolutionäres Manifest, als Befreiungsbotschaft par exellence, als ein spirituelles Ereignis ersten Ranges bezeichnet werden. Der Inspiration dieser Menschen ist es zu verdanken, dass die judäische JHWH-Religion nicht sang- und klanglos im Sand der Geschichte versickerte, sondern als Judentum in geläuterter Form fortlebte. Wen wundert's, dass ihre Schriften noch über 500 Jahre später zur Deutung der christlichen Weltrevolution herangezogen, ja 2500 Jahre später in den Kirchen von der Kanzel verkündet werden?

«Tröstet, tröstet mein Volk!», so beginnt das Trostbuch der Jesajaschüler und -schülerinnen mit einem doppelten Imperativ (vgl. SKZ 50/1997), und wie ein fernes Echo erklingen weitere Anrufungen dieser Art zum Ende der Schrift hin: «Wach auf, wach auf, bekleide dich mit Macht, Arm JHWHs!» (51,9) und «Raff dich auf, raff dich auf, steh auf Jerusalem!» (51,17) und nochmals «Wach auf, wach auf, zieh das Gewand deiner Macht an» (52,1; vgl. SKZ 48/1997). Diesem letzten Hymnus, unmittelbar vor dem vierten und letzten Gottesknechtlied, entstammt die weihnächtliche Lesung aus dem Ersten Testament.

Der kurze Text inszeniert ein freudiges Drama: Ein Bote erscheint auf den Bergen bei Jerusalem. Er kündet Frieden an und Rettung. Gott selber kommt als König! Und tatsächlich, die Wächter der Stadt brechen in Freudentriller aus, denn sie sehen mit eigenen Augen die Rückkehr JHWHs. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Sie verkünden, was sie sehen: JHWH kehrt feierlich, mit entblösstem Arm zurück. Er bringt Trost und Rettung. Bereitet ihm einen königlichen Empfang! Soll angesteckt von soviel Freude nicht sogar der Trümmerhaufen Jerusalem in Jubel ausbrechen? Der poetisch hinreissend gestaltete hebräische Text stellt den Freudenboten (möbaser tov) in die Mitte seiner beiden Botschaften: Friede (schalom) und Rettung (jöschu'ah). JHWH wird in der Pose des mächtigen Gottes beschrieben, mit entblösstem, heiligem Arm. Der entblösste Arm ist ein unmissverständliches, drohendes Machtsymbol (vgl. Ez 4,7) an die Adresse der Völker, die Augenzeugen sind (vgl. Kasten). Der Ausdruck «heiliger Arm» kommt nur noch in Ps 98 vor, einem Text, der eng mit dem Hymnus der Deuterojesajas verwandt ist. Er scheint auf eine kanonisch festgelegte Pose von Gottheiten hinzudeuten. Das Sehen spielt eine wichtige Rolle: das Verheissene wird dadurch vergegenwärtigt, alle Zweifel sind aus der Welt geräumt. Mit eigenen Augen heisst im hebräischen Text wörtlich: Aug' in Auge ('ain bö'ain). Die Unmittelbarkeit eines Aug' in Auge mit Gott kann wahrlich nicht mehr überboten werden. Damit wurde der vom Exilspropheten Ezechiel nicht minder dramatisch entfaltete Auszug JHWHs aus Jerusalem (Ez 1ff.; 10f.) zurückbuchstabiert. Machte JHWH auf dem Ölberg noch ein letztes Mal halt, bevor er sich nach Babylon aufmachte (Ez 11,23), so sind dort nun als erstes die Schritte des Freudenboten zu vernehmen, der die Rückkehr seiner göttlichen Majestät ankündigt.

Welt: Wem die gute Nachricht zum Gericht gereicht

Jerusalems Tempel, ja die ganze Stadt lag in Trümmern, als die Zweiten Jesajas den Hymnus vom Freudenboten auf den Bergen anstimmten. Die Städte der Schweiz haben in diesem Jahrhundert zwei Kriege heil überstanden und fette Nachkriegsjahre erlebt. Sie sind vergleichsweise in bester Verfassung. Ihre Tempel, die Banken, gehören zu den grössten und reichsten der Welt. In ihren Schatzkammern liegt das geraubte Gut der Armen (vgl. Jes 3,14). Die Megafusion zur «United Bank of Switzerland» durch Wegstrukturierung von 13000 Arbeitsplätzen hat den beiden Grossbanken UBS und Bankverein einen Börsengewinn von 7,5 Milliarden Franken verschafft. Das sind babylonische Praktiken. Das Unmenschliche wird von der Kapitalistenwelt als Erfolg quittiert und verbucht. Für Babylon aber wurde die Rückkehr des Gottes der Armen vom Zion Anlass zur Klage, nicht zur Freude. JHWH nahm Jerusalem den Zornesbecher aus der Hand und reichte ihn Babylon (Jes 51,23).

Kirche: Der Bote wird zur Botschaft

Sicut hora super montes, sicut pedes evangelizantis auditum pacis, sicut evangelizans bona... Die lateinische Fassung der Lesung aus dem Ersten Testament macht sofort deutlich, dass der deuterojesajanische Text in der Kirche in engster Verbindung zur Frohbotschaft des Zweiten Testamentes verstanden wurde, wo der Bote gleichsam zur Botschaft wird. Jesus verkündet nicht bloss das Evangelium (Mk 1,14), er bekundet es auch durch sein Tun. Er verheisst nicht bloss Rettung (jöschu'ah), er heisst auch so (jeschu'a/ Jesus). Aug' in Auge mit dem Kind gewordenen Gott verschärft sich für uns Christinnen und Christen an der Krippe die Frage, ob uns das Evangelium zur Freude oder zum Gericht erreicht. Die Antwort geben wir selbst in der hoffnungvollen Nachfolge jenes Kindes armer Leute. In solidarischer Gemeinschaft mit den Armen der Welt wird sie uns leicht fallen.


Die Heimkehr Gottes vor aller Augen

Dort, wo heute ein verfolgtes, staatenloses Bergvolk lebt, in Kurdistan, bei Maltai (Iraq) 70 km nördlich von Mosul, dem alten Ninive, liess ein assyrischer Herrscher, wahrscheinlich Sanherib, der Eroberer von Lachisch in Juda, im 7. Jh. v. Chr. eine Götterprozession hoch in den Fels meisseln. Die Götter stehen oder sitzen auf wilden Tieren oder Fabelwesen. Fast alle strecken ihren rechten, nur mit einem Armband bekleideten Arm aus. So schreiten sie, für die abgelegenen Bergvölker sichtbar, einher und werden vom König feierlich empfangen.
Ganz im Sinne dieses heute noch sichtbaren Felsreliefs verkündeten judäische Propheten im Exil die Heimkehr JHWHs nach Jerusalem als eine öffentliche Prozession, deren sich alle Völker mit eigenen Augen vergewissern konnten: JHWH zieht wieder zu seinem Volk in Juda und zeigt dabei seinen heiligen Arm, das Symbol seiner göttlichen Macht.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997